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Das war 2008: Nick Heidfeld

Nick Heidfelds Saison 2008 unter der Lupe der Experten: Klasse ist, wenn man sich ständig rechtfertigen muss, aber trotzdem nur knapp verliert

(Motorsport-Total.com) - Viele trauern den "goldenen Jahren" der Formel 1 nach, dabei war die Saison 2008 so spannend wie kaum eine andere zuvor. Speziell das packende Herzschlagfinale in Brasilien ging in die Grand-Prix-Geschichte ein. 'Motorsport-Total.com' rollt die zurückliegenden Ereignisse in Form einer Artikelserie noch einmal auf. Den Anfang machen die elf Teams, dann folgen die fünf Deutschen und zum Abschluss am 1. Januar Weltmeister Lewis Hamilton. Heute: Nick Heidfeld.

Nick Heidfeld

Nick Heidfeld hatte sich die Saison 2008 doch ein bisschen anders vorgestellt Zoom

Trotz vierer zweiter Plätze, trotz zweier schnellster Rennrunden und trotz immerhin 60 WM-Punkten war 2008 für den Deutschen nicht das beste Jahr seiner Formel-1-Karriere - 2007 war er mit 61 Zählern WM-Fünfter geworden; diese Saison reichte es nur zu Rang sechs. Vor allem aber lief ihm teamintern Robert Kubica den Rang ab, denn der unbekümmerte Pole fuhr bis zum 17. von 18 Grands Prix sogar um die Weltmeisterschaft mit.#w1#

Zunächst alles wie gehabt

Nick Heidfeld

Noch kein Frustsaufen, sondern ein Auftakt nach Maß: Platz zwei in Australien Zoom

Beim Saisonauftakt in Australien war die Welt noch in Ordnung und der Beiname "Quick Nick" noch gerechtfertigt: Der Routinier unterlag zwar seinem um siebeneinhalb Jahre jüngeren Stallrivalen im Qualifying um fast vier Zehntelsekunden, doch dafür kam er auch fünf Runden später zum ersten Boxenstopp. Im Rennen wurde Kubica dann von Kazuki Nakajima abgeschossen, während Heidfeld mit ein bisschen Glück starker Zweiter wurde. Alles wie gehabt also.

Als Heidfeld in Malaysia das Qualifying wieder nur knapp verlor und er im Rennen nur Sechster wurde, obwohl Kubica als Zweiter erstmals seit Italien 2006 wieder auf dem Podium stand, glaubten viele noch an einen einmaligen Ausrutscher. Spätestens als Kubica jedoch in Bahrain auf die Pole-Position fuhr - eine Premiere für das BMW Sauber F1 Team -, läuteten bei den deutschen Fans angesichts der sich abzeichnenden Wachablöse die ersten Alarmglocken.

Es dauerte bis zum neunten Saisonevent in Großbritannien, ehe Heidfeld erstmals ein Qualifying gewinnen konnte - doch selbst in Silverstone musste das Schicksal in Form eines technischen Defekts beim Teamkollegen nachhelfen. Trotzdem war das Rennen auf der Insel der erste echte Lichtblick der Saison, denn im Schatten der Regendemonstration von Sieger Hamilton lieferte der BMW Sauber F1 Team Pilot eine makellose Performance ab, die mit Platz zwei belohnt wurde.

Im Schatten von Kubica

Podium in Kanada 2008

Kanada: Nick Heidfeld stand 2008 zumeist im Schatten von Robert Kubica Zoom

Dass er trotz seiner Probleme mit dem Aufwärmen der Reifen, was vor allem im Qualifying ein Handicap war, das Rennfahren nicht verlernt hat, hatte Heidfeld bereits beim Doppelsieg in Kanada bewiesen: Zwar hätte er den ersten Triumph des BMW Sauber F1 Teams in der Königsklasse am liebsten selbst eingefahren, doch dass er an einem Nachmittag, an dem sich viele Gegner gegenseitig eliminierten, ohne überragenden Speed Zweiter wurde, spricht für ihn.

Mit ein bisschen Glück hätte der 31-Jährige in Kanada gewinnen können, denn durch das Safety-Car lag er plötzlich vor Kubica in Führung, weil sich Hamilton und Kimi Räikkönen an der Boxenausfahrt in die Quere gekommen waren. Doch Heidfeld stellte sich den Interessen des Teams nicht in den Weg, machte ohne Murren Platz für seinen schnelleren Stallgefährten mit der progressiveren Strategie und fiel anschließend zu weit zurück, um bei Kubicas Tankstopp wieder in Führung zu gehen.

"Ich glaube, wenn er ihn nicht vorbeigelassen hätte, hätte er bei BMW keinen Vertrag mehr. Er war auf der Ein- und Kubica auf der Zweistoppstrategie, also musste er ihn vorbeilassen. Das ist logisch", meint 'Motorsport-Total.com'-Experte Marc Surer. "Wenn er Kubica nicht vorbeigelassen und dann deswegen ein anderer Fahrer gewonnen hätte, hätten sie ihm die Schuld gegeben. In dieser Situation musste er im Interesse des Teams handeln, auch wenn es ihn den Sieg gekostet hat."

Der schmale Grat

Nick Heidfeld

Was Nick Heidfeld in den belgischen Ardennen aufführte, war sensationell Zoom

Doch mit dem Überholmanöver von Kubica war die Entscheidung ohnehin noch lange nicht gefallen, denn ein weiteres Safety-Car hätte das Rennen wieder gekippt: "Mit ein bisschen Glück", so Surer, "hätte es trotzdem klappen können, denn nach dem Unfall von Fisichella kam das Safety-Car nicht mehr auf die Strecke. Das Safety-Car hätte das Rennen für ihn gewonnen. In der Situation hatte er einfach Pech. Manchmal hängt es in der Formel 1 an einem sehr dünnen Faden."

An einem sehr dünnen Faden hingen auch die Reifenprobleme, die Heidfeld fast die ganze Saison hindurch begleiteten. Immer wieder schien er sie bereits im Griff zu haben, doch immer wieder waren diese Lichtblicke von Rückschlägen gefolgt. Erst nach der Sommerpause gab er an, die Gefahr gebannt zu haben. Die Zahlen geben ihm Recht: Insgesamt verlor er das interne Qualifyingduell mit 5:13, die zweite Saisonhälfte ging jedoch knapp 4:5 aus.

"Man verlernt nicht von einem Jahr auf das andere das Autofahren", analysiert Surer. "Da gab es offensichtlich ein Problem. Es spricht für das Team, dass man Probleme löst und sie nicht beiseite schiebt. Das haben sie offensichtlich geschafft, auch wenn es meiner Meinung nach viel zu lange gedauert hat." Weniger loyale Teams hätten "Quick Nick" möglicherweise wie eine heiße Kartoffel fallen lassen und sich um Fernando Alonso bemüht.

Ehrlicher Umgang mit den Problemen

Nick Heidfeld

Man hat ihn schon viel glücklicher gesehen: Nick Heidfeld, nachdenklich Zoom

Ein altes Sprichwort lautet: "Was dich nicht umbringt, macht dich nur stärker." Unter diesem Motto sieht auch unser Experte Sven Heidfeld die Saison seines Bruders, vor allem charakterlich betrachtet: "Nick hat seine Probleme nicht unter den Tisch gekehrt, sondern er war ehrlich mit der Presse, mit dem Team und mit sich selbst. Er hat sich selbst am meisten Druck gemacht. Das zeichnet ihn als Fahrer und Menschen in schwierigen Zeiten aus."

"Nick hatte mit Sicherheit eine schwierige Saison - es wäre falsch, das zu leugnen. Er war aber trotzdem viermal Zweiter, was ich beeindruckend finde", gibt der ehemalige Rennfahrer zu Protokoll. "Wenn es im nächsten Jahr wieder besser läuft, dann sehe ich da riesiges Potenzial. Die neuen Regeln sollten Nick liegen. Ich glaube, dass sich dadurch einige Teamduelle drehen werden, auch Massa gegen Räikkönen."

Siehst du das auch so, Marc? "Ich glaube, dass ihm Kubica das Leben langfristig schwer machen wird. Es kann aber sein, dass das neue Reglement Nick in die Hände spielen wird", nickt der ehemalige Grand-Prix-Pilot. "Kubica ist zwar grundsätzlich unempfindlich, aber wenn Nick seine alte Fähigkeit wiederentdeckt, sein Rennauto perfekt zu trimmen, dann wer weiß? Auf jeden Fall bekommt er durch die Reglementsänderung noch eine Chance, die harte Nuss Kubica zu knacken."

F1.08 nicht für Heidfeld maßgeschneidert

Nick Heidfeld und Heikki Kovalainen

Toller Racer: Nick Heidfeld brillierte 2008 als bester Überholer der Formel 1 Zoom

2008 war Heidfeld im internen Stallduell des BMW Sauber F1 Teams klarer Verlierer, auch wenn er am Ende nur um 15 Punkte weniger auf seinem Konto hatte als Kubica. Der setzte aber die großen Highlights und fuhr vor allem den historischen ersten Sieg ein: "Kubica konnte die Schwächen des Autos zumindest auf Strecken, auf denen die Aerodynamik nicht so wichtig war, überfahren. Nick war eher der Maßstab dafür, wie gut oder schlecht das Auto war", erklärt Surer.

"Er hat ein paar Highlights gesetzt, zum Beispiel die Fahrt im Regen von Silverstone. Das war einfach sensationell. Auf der anderen Seite hat es zu lange gedauert, bis er seine Probleme endlich im Griff hatte. Ich weiß nicht, ob es daran lag, dass er intern zu wenig auf den Tisch geklopft hat, aber eine Zeit lang kam er mir ein bisschen resigniert vor. Die Wende hätte meiner Meinung nach früher kommen müssen", ergänzt der 57-Jährige.

Auf beeindruckende Art und Weise unter Beweis gestellt hat Heidfeld 2008 wieder einmal, dass er möglicherweise der beste Überholer der Formel 1 ist. Wie er in Malaysia in einem Atemzug David Coulthard und Alonso schnupfte, wie er in Großbritannien an der gleichen Stelle zweimal zwei Gegner auf einmal erlegte, wie er in den letzten drei Runden in Belgien noch vom neunten auf den dritten Platz nach vorne fuhr - Weltklasse!

Großartiger Racer

Nick Heidfeld

Als einziger Fahrer im Feld kam Nick Heidfeld in allen 18 Rennen ins Ziel Zoom

"Ich glaube, da kommt der Charakter von Nick raus: Er ist ein Beißer, er will es wissen. Er arbeitet auf und neben der Strecke sehr hart für den Erfolg und gerade bei Überholmanövern beißt er sich immer wieder fest. Das finde ich gut, denn Überholmanöver gibt es nicht allzu viele in der Formel 1", lobt Heidfeld-Bruder Sven - und der muss es schließlich wissen. Und Surer fügt an: "Im Rennen fährt er immer stark."

Die aggressive Fahrweise von "Quick Nick" auf der Rennstrecke steht im völligen Widerspruch zu seinem ruhigen naturell abseits des Rennsports - da ist er ein fürsorglicher Familienmensch, ein Restaurantliebhaber, ein Kunstfreund. Doch Bruder Sven glaubt, dass der Star der Familie von der Öffentlichkeit auch anders wahrgenommen wird, als er in Wahrheit ist: "Vielleicht kommt Nick so ruhig rüber, weil er so vertieft in seine Arbeit ist."

Bleibt noch ein Punkt, den man in Zusammenhang mit Heidfelds Saison 2008 nicht übergehen sollte: In der zweiten Saisonhälfte unterlag er Kubica nur mit 24:29 Punkten und 4:5 Qualifyings - ausgeglichener geht es kaum. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt, dass das Team die Weiterverpflichtung des Deutschen rechtfertigen musste. Doch das ordnen wir als Verschwörungstheorie ein: "Die Formel 1 ist ein Buch mit sieben Siegeln", sagt Surer.

Saisonstatistik:

Nick Heidfeld (Startnummer 3):

Fahrerwertung: 6. (60 Punkte)
Siege: 0
Pole-Positions: 0
Schnellste Rennrunden: 2
Durchschnittlicher Startplatz: 9,0
Bestes Ergebnis Qualifying: 5.
Bestes Ergebnis Rennen: 2.
Ausfallsrate: 0,0 Prozent (1.)

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