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Colin Kolles: Formel 1 sollte sich Beispiel am Fußball nehmen

Der ehemalige Formel-1-Teamchef Colin Kolles prangert die aktuellen Zustände in der Königsklasse an und fordert die FIA und die Teams zum Umdenken auf

(Motorsport-Total.com) - Ex-Formel-1-Teamchef Colin Kolles kritisiert die zunehmende Technisierung in der Königsklasse. Der 47-Jährige ist der Meinung, dass die Fahrer wieder mehr in den Mittelpunkt rücken sollten. Außerdem müsse die Show wieder besser werden. Im Gespräch mit dem 'Donaukurier' erklärt er: "Wenn man Sport und Show haben möchte, dann muss die Formel 1 wieder so werden wie vor etlichen Jahren. Als ich noch ein kleiner Junge war, habe ich Gänsehaut von dem Sound der Autos bekommen."

Colin Kolles

Colin Kolles kritisiert die Entwicklung der Formel 1 in den vergangenen Jahren Zoom

"Ich habe tolle Fahrer gesehen, wie Mario Andretti, Nelson Piquet oder Ayrton Senna. Das waren Männer, Haudegen, Musketiere. Die sind ins Auto gestiegen und wussten nicht, ob sie lebend wieder herauskommen. Das ist ja alles vorbei. Die Formel 1 heute ist wie Playstation spielen. Es kann doch nicht sein, dass heute ein sehr talentierter 17-jähriger Max Verstappen in ein Cockpit einsteigt und einem zweimaligen Weltmeister Fernando Alonso um die Ohren fährt", wundert sich Colles.

Der Fahrer sei heute "nicht mehr entscheidend", sagt Kolles und zieht einen Vergleich: "Im Fußball haben die Teams auch keinen elektronischen Ball, der sich alleine bewegt und ins Tor rollt. Der Fußball setzt auf traditionelle Werte und verändert den Sport nicht. Im Fußball macht man sich sogar Gedanken, ob man eine Torkamera einsetzt, oder nicht. Im Motorsport hat die Technik die Oberhand übernommen."

Teams zu mächtig, Ecclestone machtlos

"Man gewinnt Rennen wenn man das beste Auto hat, und man hat das beste Auto, wenn man sehr viel Geld ausgibt, oder besser gesagt, das meiste Geld ausgibt", sagt Kolles, der die "ausufernden" Budgets und "inadäquate Regeln" für die aktuelle Krise der Königsklasse verantwortlich macht. Ein großes Problem sei dabei, dass die Teams zu viel Einfluss auf die Regeln hätten.


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"Man könnte viel besseren Sport bieten, viel besseres Marketing erhalten, viel besseres Einkommen generieren, mit viel weniger Kosten, wenn alle vernünftiger agieren würden und nicht alle ihre eigenen Interessen verfolgen würden", ist sich Kolles sicher und erklärt: "Der Motorsport muss ausgeglichener werden. Das würde in einem besseren Sport und einer besseren Show resultieren."

"Man könnte viel besseren Sport bieten, wenn alle vernünftiger agieren würden." Colin Kolles

Formel-1-Boss Bernie Ecclestone sieht Kolles hier allerdings nicht in der Verantwortung. Er erklärt: "Er hat mit den Regeln nichts zu tun. Ecclestone versteht, worauf es im Motorsport ankommt. Er weiß, wie man richtig wirtschaften muss. Die Formel 1 ist ein Geschäft wie jedes andere, ein Wirtschaftsunternehmen. Das gilt auch für jedes Rennteam. Wenn jemand Verluste macht, ist es ein Hobby."

FIA in der Verantwortung

Kolles' Vorschlag: "Jedes Team darf beispielsweise maximal 50 Ingenieure einsetzen und eine bestimmte Anzahl von Stunden den Windkanal nutzen. Das sind genaue Regeln, wie im Fußball. Da stehen elf Spieler auf dem Platz. Da kann ich auch nicht plötzlich mit 20 Spielern auflaufen. Das ist im Motorsport anders. Da kommen die Werksteams, machen ihre eigenen Regeln, bringen ihre Technologien rein als Alibi, um Kreise um die anderen zu fahren."


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Auch eine generelle Budgetobergrenze hält er für vorstellbar. "Dann kann ich auch keine 5000 Versuchsteile mehr fertigen, in der Hoffnung, dass irgendeines passt. In diesem Fall muss ich wie die privaten Rennteams haushalten. Das wäre für alle ein fairer Wettkampf", findet Kolles, der in erster Linie die FIA in die Pflicht nimmt. "Die Formel 1 ist eine tolle Sache, wenn man auf Herrn Ecclestone hören würde", erklärt er.

"Einige blockieren manche Entscheidungen aus eigenem Interesse und nicht aus Sicht des Sports." Colin Kolles

"Aber er hat nicht mehr diesen Spielraum, den der früher hatte. Dies hängt mit Investoren und Verträgen zusammen. Einige blockieren deshalb manche Entscheidungen aus eigenem Interesse und nicht aus Sicht des Sports. Da heißt es: Wir liegen in der Meisterschaft vorne, unsere Marketingmaschinerie läuft und da interessiert es mich nicht, ob andere Teams pleitegehen", so Kolles.

"Die Situation im Motorsport ist insgesamt sehr ungesund, das gilt neben der Formel 1 auch für die WEC", erklärt der 47-Jährige, dessen byKolles-Team in der abgelaufenen Saison der Langstrecken-Weltmeisterschaft (WEC) zwei Klassensiege bei den privaten LMP1-Teams einfahren konnte. Der Abstand zwischen Privat- und Werksteams ist dort ebenfalls gewaltig.