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  • 14.06.2022 · 09:58

  • von Kevin Hermann, Co-Autor: Adam Cooper

Analyse: Hat es Alpine in Aserbaidschan mit dem Topspeed übertrieben?

Die Daten zeigen: Das Alpine-Formel-1-Team war in Baku 2022 auf den Geraden das Maß aller Dinge, doch hat man dafür zu viel Pace in den Kurven geopfert?

(Motorsport-Total.com) - Die Alpines von Fernando Alonso und Esteban Ocon konnten beim Grand Prix von Aserbaidschan mit einem hohen Topspeed-Vorteil überzeugen, woran sich die Konkurrenz die Zähne ausbiss. Zu Rennende fanden die beiden McLaren-Piloten keinen Weg vorbei am Spanier.

Esteban Ocon

Alpine montierte für Baku einen sehr kleinen Heckflügel mit wenig Luftwiderstand Zoom

Während Alpine durch den kleinen Heckflügel auf den Geraden das Maß der Dinge war, verloren sie in der Folge massiv in den Kurven, weshalb sich Alonso und Ocon nicht sicher sind, den richtigen Kompromiss für das Set-up gefunden zu haben.

"Wir sind einen Kompromiss eingegangen für dieses Rennen. Es ist erstaunlich, wie viel wir auf den Geraden gewinnen konnten, aber auch, wie viel wir dafür in den Kurven eingebüßt haben. Das müssen wir uns noch einmal anschauen, ob es das wirklich wert war. Im Rennen waren wir auf jeden Fall im Hintertreffen", sagt Ocon, der am Ende mit Platz zehn immerhin noch einen Punkt holen konnte.

Alonso: Kleiner Heckflügel führte zu hohem Reifenverschleiß

"Unsere Strategie ist nicht aufgegangen und darüber hinaus war unsere Pace auf dem harten Reifen zu Beginn auch nicht gut. Ich hatte viel mit dem Grip zu kämpfen und konnte keine großen Fortschritte machen. Das Wochenende hätte also besser laufen können", fügt der Franzose hinzu.

Sein Teamkollege Alonso sieht es ähnlich: "Ich denke, wir haben uns für das entschieden, was unserer Meinung nach das Beste für uns und unser Auto war", sagt er. "Wenn man es mit den anderen vergleicht, sieht man, dass wir auf den Geraden sehr schnell waren und in den Kurven ein wenig zu kämpfen hatten, was wahrscheinlich zu einem höheren Reifenabbau führte."

Die Daten zeigen, dass Alpine im Rennen massiv an Geschwindigkeit in den Kurven eingebüßt hat, dafür aber bei den Topspeeds ganz vorn war. Alonso fuhr mit einer 25,079 den absolut schnellsten letzten Sektor des gesamten Rennens, während er dafür in den ersten beiden Sektoren jeweils eine Sekunde an die Red Bulls verlor.

Mit einer Höchstgeschwindigkeit von 347,4 km/h auf der Start- und Ziellinie gehörte der Spanier zudem zu den schnellsten Piloten auf der Geraden, nur Pierre Gasly im AlphaTauri war zwischenzeitlich sogar zwei km/h schneller. Wenn man sich jedoch die Topspeeds bei der Geschwindigkeitsmessung ("speed trap") vor der DRS-Zone ansieht, dann waren die Alpines in einer eigenen Liga.

"Es war nicht allzu schwierig, zu überholen, denn als ich mit neuen Reifen aus der Box kam, konnte ich Stroll und Bottas auf Anhieb überholen. Und niemand konnte mich überholen. Das war also einfach. Ich meine, sie öffneten das DRS und ich zog immer noch weg. Das war also eine sehr gute Sache!", freut sich der Spanier.

Alonso gesteht: Nach Freitag habe ich mir mehr erhofft

Anders als sein Teamkollege ist Alonso mit seinem Rennen zufrieden, obwohl er auch vom doppelten Ferrari-Ausfall profitieren konnte: "Das ist eben Baku. Gestern im Qualifying haben wir wieder gesehen, wie schwierig es ist. "

"Und im Rennen kann man mit einem guten Start, einer guten Strategie und einem guten Boxenstopp normalerweise einige Positionen gutmachen. Genau das haben wir heute getan: die beiden Ferraris und Tsunoda sind rausgeflogen und ich bin mit P7 zufrieden."

"Wahrscheinlich habe ich mir mehr [Chancen] errechnet. Das Rennen war nämlich schwierig zu fahren, und die Autos sind so steif, dass man die Kurven an einigen Bremspunkten kaum sehen kann. Daher hätte ich gedacht, dass mehr Fehler passieren würden."

Mit Blick auf die Position seines Teams im Mittelfeld in Baku fügt er hinzu: "Wir sind wahrscheinlich da, wo wir es erwarten. Auch wenn wir am Freitag noch optimistischer waren. Aber am Samstag sind wir auf den Boden der Tatsachen zurückgekehrt. Aber ich denke, wir sind sehr nah dran."

Alpine in Kanada wohl mit anderer Spezifikation

"Das haben wir an diesem Wochenende bei Mercedes, AlphaTauri, McLaren, Aston Martin und Alpine gesehen. Wir lagen im Qualifying alle innerhalb von zwei Zehnteln. Ich erwarte also etwas Ähnliches in Kanada. Um vor dieser Gruppe zu sein, muss man eine optimale Abstimmung finden und ein perfektes Wochenende haben. Und genau das wollen wir in Kanada."


Fotostrecke: Formel-1-Technik: Detailfotos beim Aserbaidschan-Grand-Prix 2022

Die Alpine-Piloten deuten jedoch an, dass man für Montreal auf eine andere Set-up-Konfiguration zurückwechseln werde, um auch in den Kurven konkurrenzfähig zu sein: "Wir müssen abwarten, welche Konfiguration wir wählen. Vielleicht nicht diese, denn die ist ziemlich extrem, aber unser Auto mag normalerweise wenig Abtrieb, also denke ich, dass es keine Probleme gibt", erklärt Alonso.

Ocon deutet unterdessen an, dass die Bodenwellen in Montreal ein Thema sein könnten: "Ich denke, es wird eine andere Herausforderung sein. Die Geraden sind kürzer, obwohl sie dort auch ziemlich lang sind. Dort muss man auch die Randsteine ganz anders benutzen und die Strecke ist ziemlich holprig."

"Es wird interessant, weil wir lange nicht mehr da waren. Wir wissen nicht, wie sich der Asphalt verändert hat. Hoffentlich ist er nicht zu schlecht, weil mit diesen Autos wird das eine wahre Show auf den Geraden", sagt Ocon angesprochen auf das Porpoising.