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1992: Ein Monaco-Grand-Prix für die Ewigkeit

Wie Ayrton Senna 1992 in Monaco den vermeintlich unbesiegbaren Nigel Mansell im legendären Gigantenduell schlug und beide davor beinahe aus dem Rennen flogen

(Motorsport-Total.com) - Selten sind die Vorzeichen vor einem Grand Prix so eindeutig, eine langweilige Soloshow vorgezeichnet. Doch die Ereignisse beim Grand Prix von Monaco 1992 sollten für eine der aufregendsten Rennschlachten der Formel-1-Geschichte sorgen. Was vor dem Wochenende im Fürstentum schon klar ist: Der Weg zum Sieg führt nur über den topmotivierten WM-Leader Nigel Mansell. Der Williams-Pilot hat die ersten fünf Saisonrennen in seinem überlegenen Boliden klar für sich entschieden und will nun auch erstmals den Klassiker in den legendären Häuserschluchten gewinnen.

Die Versuche von Titelverteidiger Ayrton Senna, der mit mickrigen acht Punkten und einem unzuverlässigen McLaren in der WM nur auf Platz vier liegt, Mansell im Qualifying Konkurrenz zu bieten, wirken wie ein Scheingefecht. "Mansell spielt ja nur mit uns", heißt es in der Box von Ron Dennis' Team. Am Ende hält der Brite den brasilianischen Monaco-Spezialisten um 1,1 Sekunden auf Distanz.

"Ich hatte auf meiner schnellsten Runde freie Fahrt und habe es überall hinbekommen", zeigt sich der Pole-Setter erleichtert. Mansell-Teamkollege Riccardo Patrese schiebt sich mit etwas weniger als einer Sekunden Rückstand zwischen die beiden, verliert aber nach dem Qualifying die Nerven.

Alles läuft für Mansell, Patrese sorgt beinahe für Schlägerei

Nigel Mansell

Im Qualifying lässt Mansell keinen Zweifel, wer als Topfavorit in den Grand Prix geht Zoom

Weil er sich von Larrousse-Pilot Betrand Gachot behindert fühlte, kommt es zwischen dem Italiener und dem Luxemburger in der Boxengasse fast zu einer Schlägerei. "Wenn Mansell durchkommt", prophezeit Ferrari-Berater Niki Lauda nach dem Qualifying, "dann ist er wieder nicht zu schlagen". Sein Pilot Jean Alesi setzt sich als Vierter immerhin gegen Senna-Teamkollege Gerhard Berger und Benetton-Supertalent Michael Schumacher durch.

Beim Start läuft für Mansell alles nach Plan. Der Mann mit der roten Nummer fünf auf der Nase kommt perfekt weg und enteilt dem Feld. Dahinter gelingt es Senna zumindest, Patrese in der Sainte-Devote-Haarnadel auszubremsen. Ein Manöver auf Messers Schneide, denn vor den Augen der Schutzpatronin von Monaco hat es schon oft gekracht.

"Ich bin im letzten Moment ausgeschert, um Riccardo keinen Hinweis zu geben", erzählt Senna. "Er hätte sonst die Tür zugemacht. Ich kam zwar vorbei, musste dann aber das Auto abbremsen, bevor Mansell einlenkt." Nur so kann der dreimalige Weltmeister eine Kollision mit dem Pole-Setter verhindern.

Schumacher belebt Anfangsphase

Teamkollege Berger, der später mit Getriebeschaden aufgeben wird, verliert währenddessen einen Platz gegen Schumacher, der sofort Druck auf Alesi macht. Der Zweikampf zwischen dem Benetton-Piloten und dem Ferrari-Mann um Platz vier prägt die Anfangsphase, denn Mansell vergrößert seinen Vorsprung auf Senna pro Runde um eine Sekunde, ohne das Material besonders zu belasten. Patrese zeigt aber, dass auch Williams nicht unfehlbar ist: Nach dem Start kann er Senna nicht halten, weil sein Getriebe nicht mehr nach Wunsch funktioniert.

Michael Schumacher

Michael Schumacher kollidiert in der Anfangsphase mit Jean Alesi Zoom

In Runde zwölf kracht es hinter dem Italiener: Schumacher verliert die Geduld mit Alesi und setzt sich in der Loews-Haarnadel neben den Franzosen mit sizilianischem Blut. Der Ferrari-Pilot lenkt ein, und die hohe Nase des Benetton bohrt sich in den Seitenkasten des roten Boliden. Dabei wird eine Elektronikbox beschädigt - Alesi muss aufgeben.

Schumacher setzt sein aggressives Rennen fort und macht sofort Jagd auf Patrese, der mit seinem waidwunden Williams alles andere als glücklich ist. Neben den Getriebeproblemen leidet er unter immer heftiger werdendem Übersteuern - beim Balanceakt zwischen den Leitplanken keine einfache Situation.

Senna verhindert Kollision haarscharf

An der Spitze scheint das Rennen gelaufen: Sennas Rückstand auf Mansell beträgt nach 60 Runden rund 20 Sekunden. Der Williams-Pilot will nicht den Fehler begehen, der Senna 1988 wiederfuhr, als er stets am Limit wandelte und dann mit Riesenvorsprung in die Leitplanken krachte. Dafür erhält er unerwartete Schützenhilfe von Michele Alboreto: Der Footwork-Pilot dreht sich vor Senna und schießt den McLaren-Piloten beinahe aus dem Rennen.

Ayrton Senna

Ayrton Senna lauert im Kampf gegen Williams auf seine Chance Zoom

"Ein halber Meter hat mich gerettet", erzählt Senna. "Ich konnte gerade noch stehenbleiben. Und weil er nicht stillstand, musste ich einige Sekunden warten, ehe ich vorbeikam. Ich habe vielleicht neun Sekunden verloren." Eine Runde später das nächste Drama: Der bei Ferrari in der Kritik stehende Ivan Capelli dreht sich in der Tabakskurve und parkt seinen Boliden mit zwei Rädern auf der Leitplanke. Kuriose Unterhaltung in einem bereits entschieden geglaubten Grand Prix - ehe die 71. Runde anbricht.

Mansell, der durch den Alboreto-Zwischenfall sogar schon rund 30 Sekunden vor Senna führt, fliegt sieben Umläufe vor der Zielflagge im Tunnel beinahe in die Mauer, weil er sich plötzlich mit einem veränderten Fahrverhalten des Williams konfrontiert sieht: Der wegen der aktiven Radaufhängung sonst wie auf Schienen liegende Williams eiert ohne Vorwarnung durch die Kurven am Hafen.

Beinahe-Crash im Tunnel: Mansell verliert souveräne Führung

Weil der Bolide beim Beschleunigen vorne hochsteigt, vermutet der jahrelange Pechvogel einen Reifenschaden links hinten oder ein Problem mit der aktiven Aufhängung und funkt die Williams-Box an, sich bereit zu machen. Der Stopp dauert geschlagene zehn Sekunden - eine lockere Radmutter stellt sich als Ursache heraus.


Das Duell der Giganten: Senna gegen Mansell in Monaco

Somit ist Mansell auf einmal der nicht mehr der Gejagte, sondern der Jäger, denn Senna kann sich durch den langen Boxenstopp Mansells an die Spitze setzen. Mit frischen Reifen hat der 38-jährige "Löwe", wie er wegen seiner Kämpfernatur genannt wird, aber scharfe Waffen: Die 5,2 Sekunden Rückstand auf seinen Erzrivalen Senna holt Mansell in nur zwei Runden auf.

Ungleiches Duell Senna gegen Mansell hält Formel 1 in Atem

Nigel Mansell, Ayrton Senna

Elektrisierendes Duell: Senna macht sich vor Mansell breit Zoom

Wie soll Senna, der gerade das Führungsmonopol von Williams im Jahr 1992 beendet, einen heranstürmenden Piloten hinter sich halten, der pro Runde um zwei Sekunden schneller fahren kann? Genau diese Frage stellt sich auch der Mann im Cockpit. "Ich wusste nicht, was ich tun sollte", sagt Senna. "Er war so viel schneller als ich. Meine Reifen waren am Ende, ich war erschöpft - und ich wusste, dass er alles probieren wird. In den letzten drei Runden stand mir eine heftige Schlacht bevor."

Tatsächlich lässt Mansell, der seinen Rundenrekord um zwei Sekunden unterbietet, keinen Zweifel daran, dass er noch an den Sieg glaubt. Beim Seiltanz im Fürstentum hält er seinen Williams formatfüllend in Sennas Rückspiegel und muss wegen seines Geschwindigkeitsüberschusses teilweise zick-zack fahren, um nicht zu kollidieren. Nach zahlreichen gescheiterten Versuchen saugt sich Mansell in der vorletzten Runde im Tunnel an und hat beim Anbremsen der Hafenschikane seine vielleicht beste Möglichkeit, doch der kompromisslose Senna knallt die Tür zu. Millionen Formel-1-Fans halten den Atem an.

Wie Senna das Wunder schafft

Nigel Mansell

Der "Löwe" am Boden: Mansell ist nach der Niederlage völlig erschöpft Zoom

"Ich fuhr wie auf Eis und hatte im dritten und vierten Gang durchdrehende Räder", muss Senna sein gesamtes Können aufbieten, um Mansell hinter sich zu halten. Der Brite probiert bis zur Zielflagge alles, doch das Wunder gelingt! Nur 215 Tausendstel entscheiden den Klassiker für den Brasilianer, der den fünften und legendärsten seiner sechs Monaco-Triumphe feiert. Bei der Siegerehrung muss sich der völlig erschöpfte Mansell, dessen Teamkollege Patrese vor Schumacher Dritter wird, am Boden ausruhen.

Und erweist sich als fairer Verlierer. "Ich muss Ayrton gratulieren, denn er hat jedes Manöver von mir erraten", sagt Mansell, der davon absieht, Sennas kompromisslosen Fahrstil als unfair einzustufen: "Ich bin noch nie hinter so einem breiten Auto hergefahren, aber er hatte jedes Recht, seine Position zu verteidigen." Der Brite selbst warf im Duell der Giganten ebenfalls alles in die Waagschale: "Ich kann mich nicht erinnern, jemals härter gefahren zu sein. Wir waren beide weit über dem Limit."

Und Senna selbst weiß: "Ohne den Boxenstopp hätte ich nie und nimmer gegen Mansell gewonnen." Die Hoffnung hatte er aber nie aufgegeben."Ich habe hart gekämpft, um zuschlagen zu können, wenn bei Mansell etwas passiert, ohne aber meine Reifen zu riskieren. Man weiß nie, was in Monaco passieren kann, also habe ich bereits in der Anfangsphase für später geplant." Der Poker ging auf - und bescherte der Formel 1 eines seiner aufregendsten Duelle.

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