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Leberer: "Prost und Senna brauchten einander"

Warum Alain Prost im Stallkrieg gegen Ayrton Senna oft unterschätzt wurde, wie Weggefährten die Rivalität der beiden erlebten und wieso beide am Ende profitierten

(Motorsport-Total.com) - Alain Prost ist mit seinen vier WM-Titeln ex aequo mit Sebastian Vettel der dritterfolgreichste Pilot der Formel 1. Dennoch steht der Franzose, der heute seinen 60. Geburtstag feiert, nach wie vor im Schatten seines langjährigen Erzfeindes Ayrton Senna, der drei Titel holte und 1994 in Imola auf tragische Art und Weise verunglückte.

Ayrton Senna, Alain Prost

Enorme Anziehungskraft: Die Schicksale von Senna und Prost sing eng verbunden Zoom

Der Stallkrieg der beiden elektrisierte Ende der 1980er-Jahre die Formel 1, die haarsträubenden Zweikämpfe auf der Strecke und die politischen Schachzüge hinter den Kulissen sorgten für Dauerspannung. Obwohl dieses teaminterne Duell unentschieden ausging - Senna holte 1988 den Titel, Prost 1989 -, steht Senna auch hier in der öffentlichen Wahrnehmung klar als Gewinner da.

Prost: Unspektakulär, aber effektiv

Während der Franzose als großer Taktiker galt, der seine Rennen wie einst Niki Lauda mit dem Kopf gewann, überzeugte Senna mit purem Speed. Das war allerdings nicht immer der Weg zum Erfolg, wie zum Beispiel Sennas Machtdemonstration in Monaco 1988 zeigte. Damals fuhr der McLaren-Neuling im Qualifying um fast zwei Sekunden schneller als sein Widersacher und hängte ihn im Rennen um 55 Sekunden ab, ehe er vor der Tunneleinfahrt crashte.

Sebastian Vettel, Josef Leberer

Josef Leberer arbeitete schon mit zahlreichen Weltmeistern zusammen Zoom

Einer, der damals hautnah dabei war, ist der damalige McLaren-Physiotherapeut Josef Leberer. "Prost hat gesagt, dass ihn Senna damals zerstören wollte", erinnert sich der Österreicher im Gespräch mit 'Motorsport-Total.com?. "Ayrton ist gefahren wie in Trance."

"Sie haben ihm per Funk gesagt, er soll langsamer fahren, gerade jetzt, wo er - wie von einer höheren Gewalt geführt - die Limits immer wieder und wieder versetzte", sagt Leberer. "Das war schon genial. Aber: Er hat nicht gewonnen, Prost hat gewonnen." Und genau das war die Stärke des Franzosen: Er hatte zwar in der zweiten Hälfte seiner Karriere nicht mehr die Risikobereitschaft eines Senna, aber er machte das mit seinem Know-how, seinem Perfektionismus und seiner Routine wett, und war daher unterm Strich ein ebenbürtiger Gegner.

Prost, der Meister der Fahrzeugabstimmung

Vor allem im technischen Bereich war Prost ein Ass - und Senna damals sogar überlegen. Dieser Ansicht ist zumindest der Mexikaner Jo Ramirez, der in den 1980er-Jahren als Teammanager und damit rechte Hand von Teamboss Ron Dennis bei McLaren arbeitete.

Jo Ramirez, Ayrton Senna

Teammanager Jo Ramirez erlebte den McLaren-Stallkrieg aus nächster Nähe Zoom

"Ayrton hat irgendwann realisiert, dass Prost das Auto besser abstimmen konnte", blickt der 73-Jährige gegenüber 'Motorsport-Total.com' zurück. "Mehr als nur einmal übernahm er das Setup von Prost. Aber wenn Prost mit seinem Setup zufrieden war, war er unschlagbar - da hatte selbst Ayrton keine Chance." Im Gegenzug habe Prost Senna dafür bewundert, dass er "selbst mit einem schlechten Auto sensationell fahren konnte".

Leberer, der 1988 beim Grand Prix von Brasilien - also am gleichen Wochenende wie Senna - seinen McLaren-Einstand hatte, verrät einen weiteren Aspekt, in dem Prost zu diesem Zeitpunkt Vorzüge hatte: "Alain war 1988 schon in einem hervorragenden physischen Zustand. Ayrton hatte in diesem Bereich noch Verbesserungspotential - auch wegen seines Altersunterschieds zu Prost. Er war relativ schlank, als er zu uns gekommen ist."

Leberers Balanceakt: Physiotherapeut für Senna & Prost

Gleich beim ersten Grand Prix wurde ihm die Rivalität der beiden bewusst, als Prost im Training einen Unfall hatte, rückwärts in die Leitplanken einschlug und über heftige Schmerzen klagte. "Er hatte so Kopfweh, und ich habe einfach intuitiv das gemacht, was ich gelernt hatte." Mit Erfolg, denn Prost wurde wieder fit und gewann am Sonntag den Grand Prix.

Kein Wunder, dass auch Senna auf den Salzburger mit den magischen Händen aufmerksam wurde - er handelte prompt und lud ihn noch am Rennsonntag zum Abendessen mit Freunden ein. Ein Versuch, Leberer rasch auf seine Seite zu ziehen.


Fotostrecke: Die Formel-1-Karriere des Alain Prost

Der Rest ist Geschichte: Immer wieder fuhren sich die beiden in ihrer Karriere - teilweise mit voller Absicht - ins Auto. Leberer stimmt allerdings nicht zu, dass die Rivalität keine Grenzen kannte. "Ich habe sie beide betreut, und sie haben das nicht für ihre politischen Spielchen ausgenutzt. Das rechne ich ihnen hoch an", sagt der 55-Jährige, der für das Sauber-Team arbeitet. "Sie wussten, dass ich das nicht mag."

Der "Professor"

"Alain war Schauspieler und Regisseur zugleich, mit einer Gabe, die Leute auf seine Seite zu ziehen." Jo Leberer

Leberer schwärmt auch heute noch von der Zusammenarbeit mit Prost: "Er war ein Profi durch und durch, war charmant und hatte ein umfassendes Vorstellungsvermögen", beschreibt er seinen ehemaligen Schützling. "Alain war Schauspieler und Regisseur zugleich, mit einer Gabe, die Leute auf seine Seite zu ziehen."

Den Spitznamen Professor trägt er laut Leberer nicht zu unrecht: "Ob beim Mountainbiken, beim Laufen oder beim Golfen - der hat neben Spaß auch immer ein taktisches Element ins Spiel gebracht. Wie im Rennauto hat er nichts dem Zufall überlassen."

Rivalität als Lebensschule

Er glaubt, dass die teilweise lebensgefährliche Rivalität der beiden Superstars im Endeffekt für beide einen Gewinn darstellte. "Das Rennfahren war im Endeffekt für beide die Plattform, um sich persönlich wie sportlich weiterzuentwickeln", erklärt der Physiotherapeut, der durch seine enorme Erfahrung auch einen einzigartigen Einblick in die Psyche der Rennfahrer hat. "Darum war die Rivalität zwischen Prost und Senna auch so wichtig - das war auf jeden Fall in ihren Leben ein entscheidender Faktor."

Ayrton Senna, Alain Prost, Ron Dennis

Das Stimmungsbarometer schwankte zwischen Bewunderung und Hass Zoom

Und auch Ramirez ist der Ansicht, dass Hass und Bewunderung oft eng beisammen waren. "Wir wussten, dass es irgendwann zur Explosion kommen wird, aber wir wollten das natürlich so lange wie möglich hinauszögern. Im ersten Jahr ist uns das gelungen. Sie sind nicht gemeinsam Essen gegangen, aber es hat funktioniert, weil sie großen Respekt voreinander hatten und sich gegenseitig bewunderten."

Laut Leberer haben beide "einander gebraucht, um noch stärker zu werden und sich kennenzulernen. Sie haben einander gespürt, standen in Resonanz zueinander. Das war ein Mega-Spannungsfeld, das diese zwei Giganten da generiert haben. Da musste man schon sehr geerdet sein, um nicht pulverisiert zu werden." Nach Prosts Rücktritt Ende 1993 schlossen die beiden Frieden, Senna sprach an seinem Todestag sogar noch mit seinem langjährigen Feind.