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Wer letzte Nacht am schlechtesten geschlafen hat: Die MotoGP-Rennleitung

Dass die Rennleitung und die Rennkommissare Strafen bezüglich des Reifendrucks erst lange nach Rennende bekannt geben, könnte zu einem Super-GAU führen

Titel-Bild zur News: Mike Webb

An Rennleiter Mike Webb: Warum kommen Strafen beim Reifendruck erst so spät? Zoom

Liebe MotoGP-Fans,

nach dem Australien-Grand-Prix habe ich die Rennleitung noch gelobt, dass aufgrund der Wettersituation Flexibilität gezeigt wurde. Die Vorverlegung des Hauptrennens auf den Samstag war die richtige Entscheidung.

Aber nach dem Rennen in Thailand muss ich die Rennleitung und die Rennkommissare kritisieren. Denn meiner Ansicht nach könnten wir vor einem großen Problem stehen. Es geht nämlich um den Zeitpunkt der Strafen bezüglich des neuen Reifendrucksystems.

Ich möchte heute nicht über den Sinn oder Unsinn diverser Strafen sprechen. Die Regeln sind so wie sie sind. Die Offiziellen müssen sich an das Gesetzbuch halten. Das haben sie auch in Thailand vorschriftsmäßig umgesetzt. Aber es gibt für mich einige Ungereimtheiten.

Die Tracklimits-Strafe für Brad Binder in der letzten Runde wurde sofort nach Rennende bekannt gegeben und ins Ergebnis eingerechnet. Die Zeitstrafe für das Vergehen gegen die Reifendruckregel bei Aleix Espargaro wurde erst lange nach Rennende bekannt. Und das ist ein Problem.

Nach einer langen Testphase wurde dieses System in Silverstone live geschaltet. Mit identischen Sensoren wird der Druck im Vorderreifen gemessen. Bei einem Grand Prix müssen 50 Prozent der Runden über dem von Michelin vorgegebenen Mindestdruck liegen.

Seit Barcelona können Verwarnungen beziehungsweise Strafen ausgesprochen werden. Beim ersten Vergehen gibt es eine Verwarnung, beim zweiten eine Zeitstrafe von drei Sekunden, beim dritten eine Zeitstrafe von sechs Sekunden und beim vierten eine Zeitstrafe von zwölf Sekunden.

Schon die Verwarnungen wurden spät bekannt

Die Messdaten der Sensoren werden in Echtzeit an die Rennleitung gesendet. Die Teams haben während des Rennens diese Daten nicht zur Verfügung. Nach dem Barcelona-Rennen erhielt Maverick Vinales als erster Fahrer eine Verwarnung.

Maverick Vinales

In Barcelona wurde Maverick Vinales als erster Fahrer verwarnt Zoom

Diese Verwarnung wurde damals erst lange nach Rennende bekannt gegeben. In diesem Dokument der Rennkommissare von Barcelona ist die Uhrzeit 16:20 Uhr vermerkt. Also gut eineinhalb Stunden nach Rennende.

Das hat mich damals verwundert. In Misano habe ich mich mit KTM-Ingenieur Sebastian Risse über das komplexe Thema Reifendruck unterhalten und ihn auch gefragt, warum die Verwarnung so spät bekannt geworden ist.

Bezüglich des neuen Überwachungssystems meinte Risse, dass das bezüglich Ergebnis kein Problem sein sollte: "Deshalb ist diese Echtzeit-Analyse eigentlich da. Sodass man eigentlich sobald die Zielflagge gezeigt wird, wissen kann, was los war."

Fall Aleix Espargaro zeigt: Strafen kommen lange nach Rennende

Nun wissen wir nach dem Grand Prix von Thailand, dass das nicht der Fall ist. Die Strafe für Aleix Espargaro wurde erst gegen 17:00 Uhr Ortszeit bekannt. Zu diesem Zeitpunkt wurde das Dokument der Rennkommissare verschickt.

Und per E-Mail wurde das neue Ergebnis erst eine Dreiviertelstunde später ausgesendet. Wir befinden uns also lange nach Rennende. Wenn man sich die beiden Dokumente genau ansieht, dann sind mir zwei Details aufgefallen.

In der Erklärung der Rennkommissare wird als Zeitpunkt der Bekanntgabe 16:45 Uhr angegeben. Im neuen Ergebnis steht als Zeitpunkt der Strafe für den Aprilia-Fahrer 16:14:59 Uhr. Also rund eine halbe Stunde nach Rennende. Verschickt wurde dieses neue Ergebnis aber erst viel später.

Aleix Espargaro

Auch Aleix Espargaro erfuhr erst eine Stunde nach Rennende von seiner Strafe Zoom

Bisher haben folgende Fahrer eine Verwarnung wegen des Reifendrucks erhalten: Vinales, Dani Pedrosa, Franco Morbidelli, Raul Fernandez, Marco Bezzecchi, Pol Espargaro, Marc Marquez und Jorge Martin. Aleix Espargaro erhielt nun für das zweite Vergehen die erste Zeitstrafe.

Es ist also nicht ausgeschlossen, dass es bei den verbleibenden drei Rennwochenenden weitere Zeitstrafen geben könnte. Wenn die Rennleitung die Messdaten in Echtzeit übermittelt bekommt, warum dauert es dann so lange, bis eine Strafe ausgesprochen wird?

Könnten mehrere Zeitstrafen den WM-Titel mitentscheiden?

Denn das könnte zum absoluten Super-GAU führen! Stellen wir uns vor, das Rennen in Thailand wäre das Saisonfinale gewesen und nehmen wir den Fall, dass Francesco Bagnaia und Jorge Martin vor dem Start praktisch punktgleich gewesen wären.

Dann erkämpft sich Martin einen tollen Sieg und gewinnt vor Binder und Bagnaia. Gut, Binder bekommt die Tracklimits-Strafe und Bagnaia ist Zweiter. Martin wäre Weltmeister und die ganz große Feier beginnt. Emotionale Szenen, Bilder für die Geschichtsbücher!

Und dann würde mehr als eine Stunde nach Rennende bekannt werden, dass Martin eine Zeitstrafe wegen des Reifendrucks erhalten hätte. Auf der Strecke hatten wir das Ergebnis Martin, Binder, Bagnaia. In diesem fiktiven Szenario würde das Ergebnis dann Bagnaia, Binder, Martin lauten.

Jorge Martin, Francesco Bagnaia

Jorge Martin hat in Thailand seine erste Verwarnung erhalten Zoom

Und dann wäre nicht Martin Weltmeister, sondern Bagnaia. Nachdem Martin und das Pramac-Team schon groß gefeiert haben und die Bilder um die Welt gegangen sind. Das wäre das schlimmste Szenario überhaupt und würde zurecht für einen Shitstorm sorgen.

Da jetzt schon einige Fahrer Verwarnungen haben, ist es nicht ausgeschlossen, dass wir bei den verbleibenden Rennen womöglich erst weit eine Stunde nach Rennende ein komplett anderes Ergebnis erhalten.

Warum es so lange dauert, die Messdaten zu überprüfen und warum das nicht direkt nach Rennende bekannt gegeben wird, entzieht sich meiner Kenntnis. Wir werden versuchen, das herauszufinden. Aber die Offiziellen müssen sich etwas überlegen, damit es nicht zum Super-GAU kommt.

Ihr,


Gerald Dirnbeck

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