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Wer letzte Nacht am schlechtesten geschlafen hat

Sorgenfalten bei den Italienern: Das Rennen in Frankreich wirft Rossi zurück, doch es ist ein Landsmann des "Doktors", der keine gute Nacht gehabt haben dürfte

Davide Brivio

Suzuki-Teammanager Davide Brivio muss nach Wegen aus der Krise suchen Zoom

(Motorsport-Total.com) - Liebe Leser,

hinter uns liegt das wohl aufregendste Rennwochenende der laufenden Saison. Vom glücklicherweise glimpflich verlaufenen Massencrah im Moto3-Rennen bis zum MotoGP-Thriller mit überraschender Wendung im letzten Akt: Der Renntag in Le Mans hatte es in sich!

Nach der enormen Anspannung und dem Adrenalinkick im Rennen dürften WM-Leader Maverick Vinales und Lokalheld Johann Zarco durchaus Schwierigkeiten gehabt haben, ihre Augen zuzubekommen. Schlecht geschlafen haben sie nach dem erfolgreichen Renntag aber mit Sicherheit nicht. Und auch Valentino Rossi wird trotz der herben Niederlage keine schlechte Nacht gehabt haben.


Fotos: MotoGP in Le Mans


Warum nicht? Immerhin verspielte Rossi in Le Mans den ersten Saisonsieg und die WM-Führung ist auch dahin. Anstatt als WM-Führender zum Heimrennen nach Mugello zu reisen und die Tifosi vor dem Italien-Grand-Prix richtig heiß zu machen, hat Rossi nach fünf Rennen satte 23 Zähler Rückstand auf Vinales. Ja, die Liste der Rückschläge ist lang und aus Sicht der Rossi-Fans extrem schmerzvoll, doch dafür entschädigt die Tatsache, dass sich der 38-jährige Publikumsliebling das gesamte Wochenende über in einer starken Form präsentierte. Und damit dominiert schlussendlich Erleichterung.

Was Valentino Rossi aus Le Mans mitnimmt

Rossi hatte erstmals in der laufenden Saison das Zeug, Vinales aus eigener Kraft schlagen zu können. Im Grunde war Rossis erster Sieg seit knapp einem Jahr so gut wie in trockenen Tüchern. Der neunfache Champion fuhr ein strategisch cleveres Rennen und behielt kühlen Kopf. Bis zur letzten und entscheidenden Runde. Lediglich eine kleine Unaufmerksamkeit brachte den "Doktor" etwa eine halbe Runde vor Schluss in eine unangenehme Situation. Rossi setzte auf Risiko. Und verlor. Das gelbe Meer auf den Tribünen reagierte geschockt.

Valentino Rossi, Andrea Iannone

Valentino Rossi hatte Siegchancen, Andrea Iannone verblasste im hinteren Mittelfeld Zoom

Ohne den Sturz wäre Rossi in der Position gewesen, Vinales in den beiden finalen Rechtskurven zu überholen. Er wäre der große Held der Fans und Medien gewesen. Wir hätten "Rossis Rückkehr", "der Wiederauferstehung des 'Doktors'" oder "alt schlägt jung" getitelt. Der Nuller wird Rossi weh tun, aber er wird deswegen nicht schlecht schlafen. Erst recht nicht mit der Aussicht, ab Mugello wieder die Vorderreifen zur Verfügung zu haben, die ein deutlich transparenteres Gefühl vermitteln.

In Italien traue ich Rossi den ersten Saisonsieg zu. Als Revanche für das, was vor einem Jahr passierte. Und auch in Barcelona und Assen muss man mit dem Altmeister rechnen. In der MotoGP kann sich alles von einer Sekunde zur nächsten verändern. Dass Vinales, Marquez und Pedrosa nicht fehlerfrei sind, sah man bereits.

Suzuki ohne Maverick Vinales weit abgeschlagen

Maverick Vinales

Szenen aus besseren Tagen: Mit Vinales gelangen im Vorjahr vier Podestplätze Zoom

Doch wer hat in der Nacht vom Sonntag zu Montag tatsächlich schlecht geschlafen? Für mich ist der Fall klar. Es muss Davide Brivio sein, stellvertretend für das Suzuki-MotoGP-Projekt. Die Gründe sind vielfältig. Fangen wir bei den Ergebnissen an. Die Zwischenbilanz der "Blauen" ist schockierend schlecht: Andrea Iannone nach fünf Rennen nur WM-15., Alex Rins dauerverletzt. Ein siebter Platz ist das bisherige Saisonhighlight.

Iannone brachte seine Suzuki beim Grand Prix in Le Mans mit knapp 50 Sekunden Rückstand ins Ziel. Ohne die Ausfälle von Rossi, Marquez, der beiden Pramac-Ducatis, Aprilia-Pilot Aleix Espargaro und der beiden Aspar-Ducatis hätte die Suzuki-Speerspitze vermutlich um ein Top-15-Finish bangen müssen. Zum Vergleich: Vinales bescherte seinem ehemaligen Arbeitgeber vor einem Jahr das erste Podium seit der MotoGP-Rückkehr in der Saison 2015.

Andrea Iannone

Andrea Iannone: Hat sich Suzuki für den falschen Fahrer entschieden? Zoom

Vergleicht man die Leistungen von Vinales und Espargaro mit dem, was Iannone in der laufenden Saison zeigt, dann ergibt sich ein düsteres Bild: Ich bin fest davon überzeugt, dass das tatsächliche Niveau der Suzuki in der vergangenen Saison extrem verzerrt wurde. Klar, die Maschine war einen Tick besser als in ihrer Debütsaison, aber es war Supertalent Vinales, der das Projekt auf das nächste Level brachte.

Bestätigt fühle ich mich durch die Ergebnisse von Espargaro, der 2015 und 2016 jeweils WM-Elfter wurde. Suzuki war vor einem Jahr arrogant genug, den Spanier nach zwei Jahren harter Aufbauarbeit auszusortieren, da er so deutlich im Schatten des Teamkollegen stand. Mit dem Verlust des momentanen WM-Leaders rutschte Suzuki im Winter 2016/17 ins hintere Mittelfeld ab. Und mit Espargaro verlor das Team ein wichtiges Bindeglied.

Andrea Iannone ist der Aufgabe nicht gewachsen

Zu Iannone: Ich mag den quirligen Italiener. Er ist der Typ Fahrer, den man in seinem Team als zweiten Fahrer neben dem WM-Anwärter engagieren sollte. Er ist derjenige, der den etablierten Fahrer mit seiner unbeschwerten Art zu neuen Bestleistungen antreibt. An einem guten Tag gewinnt Iannone Rennen. Aber mit der Rolle des Teamleaders ist er in meinen Augen gnadenlos überfordert. Und mit der Entwicklung der Maschine auch.

Johann Zarco

Johann Zarco testete im Juni 2016 für Suzuki, doch die Japaner wollten ihn nicht Zoom

Bei Ducati setzte sich Iannone nicht zuletzt dank Teamkollege Andrea Dovizioso so stark in Szene. "Dovis" systematische Arbeit brachte Ducati aus der Krise und ermöglichte Iannone im Sommer 2016 den ersten Sieg. Es fiel leicht, Dovizioso beim Triumph in Österreich nicht ausreichend zu beachten. Und zu würdigen. Ein grober Fehler.

Für zusätzliche Kopfschmerzen dürfte bei Suzuki die Entscheidung der Spitzenmanager sorgen, Rins statt Zarco verpflichtet zu haben. Im Juni 2016 ließ man Zarco die GSX-RR in Japan testen. Doch der Vorvertrag platzte, weil die Suzuki-Manager in Rins den geeigneteren Fahrer sahen - mit dem Wissen von jetzt eine völlige Fehleinschätzung.

Alex Rins

Verletzt: Alex Rins wird auch beim Grand Prix in Mugello nicht fahren Zoom

Während Rins dauerverletzt ist, hört der zweifache Moto2-Weltmeister nicht auf, immer wieder neue Highlights zu setzen. Irgendwie provozierte Zarco regelrecht, dass man ihn trotz der beeindruckenden Erfolge falsch einschätzte. Bei den Vertragsverhandlungen im Vorjahr war Zarco nicht derjenige, um den sich die Teammanager schlugen. Aber warum? War es die ruhige Art des Franzosen? Oder sein stets unschuldiger Blick? Ich weiß es nicht.

Zarco schob sich mit den 20 WM-Zählern vom Tech-3-Heimspiel in Le Mans in die Top 5 der Fahrerwertung. Man stelle sich vor, der Rookie hätte in Katar die Nerven behalten und wäre nicht in Führung liegend gestürzt. Auch mit Blick auf die WM stellt Zarco für Vinales, Rossi, Marquez, Pedrosa und Co. eine ernste Gefahr dar. Der Franzose ist ein Juwel, das Suzuki momentan gut gebrauchen könnte.

Wer sonst noch schlecht geschlafen hat:

Marc Marquez

Honda-Werkspilot Marc Marquez fehlt aktuell das Glück, das er im Vorjahr hatte Zoom

Marc Marquez: Der Weltmeister zeigt Nerven und verliert in der Meisterschaft den Anschluss. In Le Mans bricht Marquez unter dem Druck des herannahenden Teamkollegen und fabriziert den zweiten Nuller im fünften Rennen. Einige Experten rätseln, warum der Spanier im Vergleich zum Vorjahr so viele Fehler macht. Mich erstaunt Marquez' Fehlerserie weniger, denn der Titelverteidiger agiert ständig über dem Limit und provoziert damit kritische Situationen. Auch im vergangenen Jahr erlebte der Honda-Pilot Wochenende für Wochenende zahlreiche Schrecksekunden. Die meisten davon konnte der spätere Weltmeister abfangen. Es ist ein schmaler Grat zwischen "Marquez rettet spektakulär Beinahesturz und fährt Bestzeit" und "Marquez gestürzt - Die Suche nach der Erklärung". Doch auch der amtierende Weltmeister schöpft neue Hoffnung. Er wird von der Rückkehr zu den alten Vorderreifen profitieren. Noch stärker als Rossi, vermute ich. Es wäre also sehr dumm, Marquez vorzeitig abzuschreiben.

Jonas Folger Viertes Top-10-Finish im fünften Rennen. Folgers Zwischenbilanz kann sich sehen lassen, wäre da nicht der übermächtige Teamkollege. Im teaminternen Duell hatte Jonas auch in Le Mans wenig zu bestellen. Viele deutsche Fans würden am liebsten ausblenden, was Zarco aktuell leistet, doch die Manager in der MotoGP haben kein Mitleid. Wer vom Teamkollegen im Rennen beinahe eine Sekunde pro Runde aufgebrummt bekommt, zählt nicht zu den heißesten Aktien auf dem Transfermarkt. Ich wünsche Jonas, dass er der Situation gewachsen ist. Vor allem mental. Vielleicht ist es ja eine Hilfe, sich nicht allzu sehr auf die Startnummer 5 zu fokussieren und das zu ignorieren, was irgendwelche Schreiberlinge Woche für Woche prophezeien.

Ihr


Sebastian Fränzschky

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