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Williams 2005: Als Heidfeld und Pizzonia ein Shootout fuhren

Bei Williams entschied 2005 ein Shootout über das zweite Cockpit neben Mark Webber - Nick Heidfeld und Antonio Pizzonia haben unterschiedliche Erinnerungen

(Motorsport-Total.com) - Heutzutage werden die Verträge in der Formel 1 relativ früh geschlossen. Spätestens am Jahresende weiß man in der Regel, wie die Startaufstellung in der kommenden Saison aussehen wird. Das war allerdings nicht immer so. Vor der Saison 2005 entschied sich der Kampf um das zweite Williams-Cockpit beispielsweise erst im Januar.

Antonio Pizzonia, Nick Heidfeld

Antonio Pizzonia musste gute Miene zum bösen Spiel machen Zoom

Damals kam es zu einem Shootout zwischen Testpilot Antonio Pizzonia und Nick Heidfeld. Während der Brasilianer bereits ein Jahr im Team war und 2004 Ralf Schumacher bei vier Rennen vertreten hatte, brachte Heidfeld bereits fünf Jahre Formel-1-Erfahrung bei Prost, Sauber und Jordan mit. Zudem genoss er die Unterstützung von Motorenpartner BMW.

"Die Leute glauben mir das bis heute nicht, aber keiner von uns beiden wusste bis kurz vor Saisonbeginn, wer das Cockpit bekommt. Uns wurde erst am Tag der Präsentation des neuen Autos gesagt, ob wir fahren oder nicht", erinnert sich Heidfeld im Podcast 'Beyond the Grid' zurück. Er selbst habe damals kein Problem mit diesem Shootout gehabt.

"Nein, überhaupt nicht. Mir war das egal, weil ich an mich geglaubt habe", verrät er und erklärt: "Aber du kannst dir nicht sicher sein. In der damaligen Zeit gab es viele, die der Meinung waren, es stehe längst fest, dass Pizzonia das Cockpit bekommt - und dass es nur eine Marketingaktion war, mich da reinzuholen. Davor hatte ich Angst."

Der bessere Fahrer gewinnt - oder nicht?

"Aber je besser ich das Team kennenlernte, desto mehr bekam ich das Gefühl, dass das echte Racer sind, denen alles andere ziemlich egal ist. Wenn sie finden, dass ein Fahrer besser ist, nehmen sie ihn", so Heidfeld, der das Cockpit letztendlich bekam. Pizzonia, der ein weiteres Jahr Testfahrer blieb, sieht das erwartungsgemäß ein bisschen anders.

"Ich hatte bereits alles getan, was ich tun konnte. Nicht nur als Testfahrer sondern auch bei den vier Rennen, die ich 2004 gefahren bin. BMW machte Druck auf das Team und wollte einen deutschen Fahrer, weil Ralf Schumacher ging", glaubt er. Die Entscheidung sei damals nicht nur aufgrund der Leistung gefallen. Auch politische Aspekte hätten eine Rolle gespielt.


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"Ab dem ersten Mal, als wir dieses Thema besprochen haben, sagte mir Frank Williams, dass ich mir keine Sorgen über politische Dinge machen solle. BMW wolle einen deutschen Fahrer testen, aber meine Chancen lägen bei 99,9 Prozent", so Pizzonia. Auch Heidfeld erinnert sich daran, dass der Brasilianer damals glaubte, das Cockpit bereits in der Tasche zu haben.

Der Deutsche berichtet: "Es war in Jerez, einer meiner ersten Tests für Williams. Wir hatten an der Strecke einen kleinen Raum. Ich hörte Pizzonia auf der anderen Seite. Wir waren nur durch eine Wand getrennt. Ich konnte ihn hören, das wusste er aber nicht. Da hörte ich, wie er mit dem Physio redete, und ich hielt mein Ohr an die Wand."

Pizzonia sagte anderen Teams ab

"Da diskutierte er mit dem Physio schon, dass er ihm einen Bonus zahlt, wenn er Punkte und Podestplätze holt. Da dachte ich: 'Scheiße, der weiß schon, dass er das Cockpit kriegt!' Andererseits dachte ich mir: 'Nicht mit mir!' Das war ein verrückter Moment, der mich noch mehr motiviert hat", so Heidfeld. Für Pizzonia war die Situation gleich doppelt bitter.

Er verpasste für 2005 nämlich nicht nur das Williams-Cockpit. Laut eigener Aussage hatte er damals auch Angebote von BAR und aus der IndyCar-Serie vorliegen. Er habe allerdings allen abgesagt, weil er davon ausging, den Platz bei Williams zu bekommen. "Er war nicht schlecht, aber ich war schneller", erinnert er sich an das Shootout mit Heidfeld.


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Als die Entscheidung immer weiter aufgeschoben wurde, habe er ein komisches Gefühl bekommen. Doch Frank Williams habe im weiter zugesichert, dass er das Cockpit zu 99,9 Prozent bekomme. Pizzonia bestätigt Heidfelds Aussage, dass beide bis zur Williams-Präsentation am 31. Januar keine offizielle Information erhielten, wer den Platz bekommt.

Pizzonia erinnert sich, dass Frank Williams an jenem Tag zunächst Heidfeld und danach ihn selbst zu einem Gespräch in ein Zimmer gebeten habe. Der Brasilianer berichtet: "Er sagte: 'Antonio, wir können uns nicht gegen BMW stellen. Wir müssen Heidfeld das Cockpit geben. Du bekommst ein höheres Gehalt, aber das ist die Situation.'"

Pizzonia "innerlich zusammengebrochen"

"Fünf Minuten später standen wir auf der Bühne", erinnert sich Heidfeld zurück und ergänzt: "Und Pizzonia musste sagen: 'Ich bin glücklich darüber, Williams-Ersatzfahrer zu sein.' Verrückt." Der Brasilianer selbst gesteht, dass er damals "innerlich zusammengebrochen" sei und erinnert: "Ich hatte andere Möglichkeiten ausgelassen."

Er habe sich "zu 100 Prozent" auf die Aussagen von Frank Williams verlassen. "Ich war sehr frustriert, und das Team bemerkte das", erinnert er sich zurück und erklärt: "Während der Saison hatte ich kein großes Interesse mehr. Ich war nicht besonders fokussiert und sie verpflichteten [für 2006] einen anderen Testfahrer."


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Ende der Saison 2005 durfte Pizzonia den verletzten Heidfeld noch einmal bei fünf Rennen ersetzen, danach endete seine Zeit in der Formel 1. Und auch Heidfeld selbst verließ Williams nach nur einem Jahr wieder, ihn zog es weiter zu BMW, die gerade das Sauber-Team gekauft hatten. Dort bleib er bis zu BMWs Formel-1-Ausstieg Ende 2009.

Obwohl Heidfeld kein Problem mit dem damaligen Shootout hatte, war es für den weiteren Verlauf des Jahres nicht unbedingt hilfreich. "Es war hart, denn bevor die Saison losging, hatte ich das Gefühl, schon eine Saison hinter mir zu haben", erklärt er und ergänzt: "Mental war es sehr hart. Ich kam in Australien [beim ersten Rennen] ziemlich müde an."

Immerhin hatte sich das Warten für Heidfeld ausgezahlt - anders als bei Pizzonia ...

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