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  • 18.10.2021 · 09:51

  • von Roberto Chinchero, Übersetzung: Norman Fischer

Wie die Hightech-Formel 1 die Rolle eines Renningenieurs verändert hat

Noch vor wenigen Jahren war die Rolle eines Renningenieurs in der Formel 1 deutlich einfacher, doch dank der modernen Technik ist es eine echte Mammutaufgabe

(Motorsport-Total.com) - Der Job eines Formel-1-Renningenieurs bestand einst darin, das Feedback der Fahrer einzuholen und in Modifikationen am Auto zu übertragen. Mittlerweile ist das jedoch zu einer sehr komplexen Rolle geworden.

Lewis Hamilton (Mercedes) und Renningenieur Peter Bonnington

Ein eingeschweißtes Team: Lewis Hamilton und Renningenieur Peter Bonnington Zoom

Der Ingenieur muss nicht nur mit dem Fahrer umgehen, sondern steht an der Spitze einer Kommunikationskette mit dem Kommandostand, der Garage und der Fabrik, wo er Analysen in Echtzeit übertragen muss. Oder einfach gesagt: Ein Renningenieur ist ein Fahrer-Interface, das mit Echtzeitdaten gefüttert wird.

Besonders sichtbar wurde das zuletzt in Russland und der Türkei. Die Renningenieure und Fahrer mussten aufgrund des Wetters schnell wichtige Entscheidungen treffen. Das hat noch einmal verdeutlicht, wie wichtig die Beziehung zwischen Fahrern und dem Kommandostand ist.

Und es war der perfekte Beweis dafür, wie ein Renningenieur als Kanal für alle zusätzlichen Informationen funktioniert. Denn er bekommt Feedback vom Fahrer, von den Strategen, den Wetterexperten und den Datenanalysten in der Garage und der Fabrik.

Die Funkübertragungen, die wir zuhause hören, sind nur die Spitze des Eisbergs, wenn es darum geht, den Erfolg und den Misserfolg der Beziehung zwischen Fahrer und Ingenieur zu verstehen.

Mehr Informationen, mehr Verantwortung

In keinster Weise ist es eine Einbahnstraße, bei der der Ingenieur nur Informationen vom Fahrer bekommt, um das Auto anzupassen. Heutzutage ist es ein konstanter Dialog, und die Rolle des Renningenieurs ist der Schlüssel eines erfolgreichen Wochenendes - und das zu jeder Zeit auf der Strecke.

Für Ferrari-Sportdirektor Laurent Mekies, der zuvor bereits für Arrows, Minardi, Toro Rosso und die FIA gearbeitet hat, ist der Job eines Renningenieurs deutlich proaktiver als noch vor zehn Jahren: "Die größte Veränderung dieser Rolle war das Fahrer-Coaching", sagt er gegenüber 'Motorsport-Total.com'.


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"Vor 15 oder 20 Jahren konnte ein Streckeningenieur einen Fahrer kaum mit solchen Fahranweisungen wie heute füttern, weil es nicht diese Echtzeitdaten von heute gab. Doch die Formel 1 hat sich stark entwickelt. Die Analysen und Schätzungen geben uns heute ein tiefergehendes Wissen über die Reifen und wir können mehr Echtzeit-Parameter lesen."

"Generell gibt es einfach mehr Sensoren am Auto. Und dadurch können wir die Daten des Fahrzeugs in Echtzeit interpretieren und Daten erhalten, die wir dann dem Fahrer weitergeben", so Mekies.

Kommunikation ist König

Durch die Expansion der Formel-1-Teams und die Positionierung der Renningenieure als Kanal für alle Informationen, die von außen an den Fahrer gehen, ist Kommunikation das Allerwichtigste. Jeder Fehler - und sei es nur eine schlechte Information im System - kann den Unterschied zwischen Sieg und Niederlage machen.

Das heißt aber auch: Kommunikationstraining ist Pflicht, genau wie eine konstante Analyse der Performance.

"Jedes Team hat seinen eigenen Kommunikationsablauf, der über die Begabung des individuellen Ingenieurs hinausgeht", sagt Mekies. "Wir machen Tests und haben ein spezielles Training. Nach den Rennwochenenden hören wir die Kommunikationen zwischen Ingenieur und Fahrer sowie auch die interne Kommunikationskette an und analysieren sie."


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"Nehmen wir Sotschi als Beispiel: Die Informationen dort beinhalteten Wettervorhersagen, die Zustände der Reifen von allen Fahrern, Informationen über das Auto und die Pace der Konkurrenten - und alle Daten, die man in Echtzeit ausliest."

"Es ist eine Kommunikationskette, die mit Kommunikationsprotokollen, Dialogen und Entscheidungen, die von der Fabrik über die Garage und den Kommandostand bis zum Fahrer dringen, kombiniert wird. Wir brauchen für die Diskussion, Entscheidung und Kommunikation eine gewisse Zeit."

Es gibt aber einen Aspekt, der auf die Vorlieben einer einzelnen Person zugeschnitten sein muss: was der Fahrer hören möchte. Jeder Ingenieur entwickelt dafür einen eigenen Ansatz. Er muss den Informationsfluss mit dem Charakter im Cockpit in Einklang bringen.

Der Fahrer als individuelle Komponente

"Nicht jeder Fahrer möchte die gleichen Informationen haben", weiß Mekies. "Nicht jeder möchte sie zur gleichen Zeit und in gleicher Art und Weise haben."

"Es gibt Fahrer, die motiviert werden möchten. Andere möchten lieber in Ruhe gelassen werden. Es gibt Fahrer, die andauernd nach Rundenzeiten fragen, und andere, die einen ruhigen Ansatz mit minimaler Kommunikation bevorzugen."


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"Dafür ist die Beziehung zwischen Ingenieur und Fahrer fundamental. Es ist nötig, den richtigen Ansatz zu verstehen, um dem Fahrer die bestmöglichen Bedingungen zu geben. Die Art der Kommunikation, genau wie der Tonfall, müssen im Kontext verstanden werden. Manchmal ist ein aufregend scheinendes Gespräch auf die Persönlichkeit des Fahrers abgezielt und liefert genau das, was er braucht, um am besten zu performen."

Aber so wie die Fahrer unter dem Druck stehen, auf der Strecke alles fehlerfrei abzuliefern, gibt es auch eine minimale Toleranz für Fehler, die von der Boxenmauer erwartet werden. Der Job eines Renningenieurs ist nicht einfach.

"Es ist keine Aufgabe für schwache Nerven", erklärt Mekies. "Die Herausforderung besteht darin, weniger Fehler zu machen als andere, denn jeder macht sie."