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Boxenfunk: So hat Mercedes McLaren wie Amateure aussehen lassen

Lando Norris war Lewis Hamilton in Sotschi ebenbürtig, den Unterschied machte letztendlich die Professionalität des Boxenfunks zwischen Mercedes und McLaren

(Motorsport-Total.com) - Man konnte die Enttäuschung bei Lando Norris spüren, als er nach dem Grand Prix von Russland in Sotschi in der Interviewzone auf Lewis Hamilton traf. "Wolltest du nicht reinkommen?", erkundigte sich der Sieger des Rennens beim McLaren-Youngster, der verneinte. "Ich auch nicht", tröstete ihn Hamilton. "Mir wurde gesagt, dass der Regen so bleibt. Dir wurde offenbar was anderes gesagt", seufzte Norris. Worauf Hamilton zugab: "Mein Team war heute toll. Aber den ersten Call habe ich auch ignoriert."

Peter Bonnington, Renningenieur von Lewis Hamilton bei Mercedes

Peter Bonnington, Renningenieur von Lewis Hamilton bei Mercedes Zoom

Ein Dialog, der wunderbar zusammenfasst, was kurz zuvor auf der Strecke in Sotschi passiert war. Denn die Entscheidung zum Wechsel von Slicks auf Intermediates war der Schlüssel zu Hamiltons Sieg, und die Grundlage dafür wurde in der Kommunikation am Boxenfunk geschaffen. Da war Mercedes McLaren haushoch überlegen.

"Was wir aus irgendeinem Grund nicht vorhergesehen haben, war, wie viel Regen plötzlich kommen würde. Mir wurde das nicht gesagt, ich habe das nicht gewusst", ärgert sich Norris. "Ich habe meine Entscheidung auf Basis der Information getroffen, die sie mir gegeben haben, nämlich dass das Tröpfeln ein Tröpfeln bleibt und es nicht plötzlich strömend regnet."

In Runde 47 hatte Norris' Renningenieur Will Joseph gefunkt: "Okay, Lando, diese Intensität bleibt bis zum Ende des Rennens gleich, glauben wir." Wenig später kam die Nachfrage: "Was denkst Du über Inters?" Aber Norris, im Glauben, dass der Regen nicht weiter zunehmen würde, war ziemlich klar in seiner Ansage: "Nein."

Norris überzeugt: "Hatte es unter Kontrolle"

"Die ersten vier, fünf Runden, als es zu tröpfeln begann, waren schwierig, aber ich hatte es unter Kontrolle. Mir sind ein paar Fehler passiert. Aber das passiert halt, wenn du in Führung liegst und er Druck macht. Da kannst du nicht einfach langsam fahren und ihn vorbeilassen", sagt er. "Ich weiß auch nicht. Alles ist so gut gelaufen. Darum fühlt es sich jetzt so mies an."

Während Norris weitgehend im Dunkeln gelassen wurde, wurde Hamilton von seinem Renningenieur Peter Bonnington mit hoher Präzision und Gelassenheit auf dem Laufenden gehalten. "Regenintensivität nimmt zu. Am anderen Ende der Strecke ist es nass", funkte Bonnington zu Beginn der 48. Runde und teilte mit: "Wir sind bereit für einen Boxenstopp, falls du einen brauchst."

Hamilton hatte zu dem Zeitpunkt das Gefühl, auch mit Slicks über die Runden zu kommen: "Es ist ziemlich rutschig, obwohl es nicht viel regnet." Am Ende der Runde traf der Mercedes-Kommandostand die zu dem Zeitpunkt goldrichtige Entscheidung: "Box, Box. Box, Box für Inters. Menü Regenposition 3."

Hamilton traute da aber seinem Instinkt mehr als seinem Ingenieur und fuhr an der Boxeneinfahrt vorbei. Statt darüber zu diskutieren, blieb Bonnington ganz gelassen und machte nüchtern weiter seinen Job: "Jetzt ist die Crossover-Zeit. Wir sehen Autos neben der Strecke." Und, am Ende von Runde 49 erneut: "Box, Box. Box, Box."

Hamilton war da immer noch skeptisch: "Es hat zu regnen aufgehört, Mann!" Aber Bonnington, wissend, dass der Regen zunehmen würde, ließ ihm jetzt keine Wahl mehr und machte eine klare Ansage: "Box, Box. Box, Box. Bestätige! Da kommt noch mehr." Und wies seinen Fahrer darauf hin: "Rutschig in der Boxengasse."

Seidl: McLaren muss aus den Fehlern lernen

McLaren-Teamchef Andreas Seidl ist überzeugt: "Wenn wir Lando klar sagen, dass er an die Box kommen soll, dann kommt er auch an die Box." Die Selbstkritik, aus der das Team jetzt lernen möchte, lautet daher: "Wenn wir klare Informationen haben, dass es keinen Sinn macht, auf der Strecke zu bleiben, haben wir immer die Möglichkeit, den Fahrer zu überstimmen."

"Das ist genau das, was wir jetzt als Team analysieren müssen: Ob es im heutigen Entscheidungsprozess einen Punkt gegeben hat, wo wir ihn einfach überstimmen hätten müssen. Denn er hat natürlich nicht alle Informationen, die uns vorliegen", sagt Seidl. Daher habe man die Entscheidung "letztendlich in diese Richtung" getroffen. Gemeinsam.

Im Nachhinein - das ging in der medialen Aufarbeitung des Rennens etwas unter -, hatte McLaren eine Runde später noch einmal die Gelegenheit, Norris an die Box zu holen. Da reichte der Vorsprung auf Hamilton (17,9 Sekunden) zwar nicht mehr, um das Rennen zu gewinnen. Aber der auf Platz drei (59,5 Sekunden) locker, um Zweiter zu werden.

"Die Entscheidung, nicht gleichzeitig mit Lewis zu stoppen, war aus meiner aktuellen Sicht nachvollziehbar und wird auch durch die Rundenzeit, die Lando in dieser Runde dann gefahren ist, bestätigt", analysiert Seidl. "Was wir uns nochmals anschauen müssen, ob wir dann die Runde darauf einfach hätten stoppen müssen, um Platz zwei abzusichern, oder ob es auch zu diesem Zeitpunkt noch klare Gründe gab, das Risiko einzugehen, draußen zu bleiben."


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Von der Präzision der Mercedes-Kommunikation kann McLaren noch einiges lernen. Selbst als Hamilton mit Intermediates wieder auf die Strecke ging, lief der Boxenfunk professionell und gelassen ab. Schon unmittelbar nach der Ausfahrt wurde Hamilton auf Basis der Computerberechnungen mitgeteilt, dass er auf Siegeskurs ist.

Er habe virtuell "eine Sekunde Vorsprung auf Norris. Vier Sekunden. Jetzt fünf Sekunden", rechnete Bonnington vor, als Hamilton auf der Strecke noch hinter dem McLaren-Piloten lag. Und er beruhigte Hamilton, als er sagte: "Wenn Norris versucht, das auszusitzen, kriegt er ein Problem. Er wird gerade von Masepin auf dem Inter überholt."

Kurz vor dem Führungswechsel die nächste messerscharfe Ansage in Hamiltons Richtung: "Wir hören Berichte über starken Regen am anderen Ende der Strecke. Noch drei Runden zu fahren, und wir berechnen 14 Sekunden Vorsprung auf Norris." Da war Hamilton dann auch schon vorbei. Bonningtons Kommentar: "Das war leicht. Wir führen das Rennen jetzt an."

Dass die Kommunikation ihn den Sieg gekostet hat, wird Norris insofern noch mehr wurmen, als der Boxenfunk zwischen Daniel Ricciardo und dessen Renningenieur Tom Stallard viel klarer ablief. Ricciardo erklärte nach dem Rennen auch, für ihn sei es eine "Schwarz-Weiß-Entscheidung" gewesen. Ihm hatte man aber auch deutlich gesagt: "Regen nimmt zu. Plus eins Regenintensität."

Norris: Niedergeschlagenes Interview nach dem Rennen

Kein Wunder also, dass Norris im Nachhinein "nicht so glücklich" ist: "Ich hätte das Rennen gewinnen können, hab's aber nicht gewonnen. Da kann ich nicht glücklich sein. Aber so ist's halt, so ist's gelaufen. Wir haben die Entscheidungen getroffen, ich habe die Entscheidungen getroffen, die wir getroffen haben. Und die waren letztendlich falsch. Hart."

"In der Runde, in der sie mich gefragt haben, ob ich auf den Inter gehen möchte, war der Slick noch locker der richtige Reifen. Im Nachhinein war es die falsche Entscheidung. Aber das war mein Gefühl, und ich wusste ja nicht, dass mehr Regen kommen würde. Wie sollte ich auch, wenn sie es mir nicht sagen? Und das haben sie nicht", klagt Norris.

Der 21-Jährige ist sich "sicher", dass er den Grand Prix unter normalen Umständen gewonnen hätte. Dass Hamilton acht Sekunden Rückstand ziemlich schnell aufgeholt hatte, lag nämlich nicht am Speed des McLaren: "Ich hatte alles unter Kontrolle. Ich musste ziemlich viel Benzin sparen. Da kam er näher an mich ran. Aber als ich wieder pushen konnte, war alles okay", behauptet Norris.

Einen Vorwurf macht er seinem Team nicht. Genau wie Seidl ist er der Meinung, dass die Kommunikation jetzt dazu dienen muss, für die Zukunft zu lernen: "Wir werden das durchgehen. Wir haben das getan, was wir zu dem Zeitpunkt für das Beste hielten. Dafür kann ich dem Team nicht die Schuld geben. Wir werden das jetzt evaluieren und versuchen, es besser zu machen."

Erschwerend kam für McLaren hinzu, dass man in der Position des Führenden nicht auf das reagieren konnte, was der Gegner macht: "Lewis wollte auch draußen bleiben", hält Seidl fest. "Er hatte die Möglichkeit, genau das Gegenteil von uns zu tun. So ist das halt, wenn du führst. Ich glaube nicht, dass wir uns das vorwerfen müssen."

"Wenn es so kristallklar gewesen wäre und wir uns hundertprozentig sicher gewesen wären, dass ein Stopp besser ist, dann hätten wir gestoppt. Es war eine knappe Entscheidung. Im Nachhinein redet es sich leicht. Aber es war eine ziemlich knappe Entscheidung, was richtig ist, und darum sage ich: Es war eine Teamentscheidung, gemeinsam mit Lando."

Aber: "Ich glaube, dass das ihn und das Team stärker machen wird", sagt Seidl. "Es sind solche Momente, in denen du als Team am meisten lernst. Es ist immer leicht, wenn alles nach Plan läuft. Solche Momente wie heute sind natürlich eine herbe Enttäuschung, aber auch eine Chance zu lernen und als Team gemeinsam mit Lando beim nächsten Mal besser zu sein."

"Das gehört zum Sport dazu", sagt der Deutsche. "Das ist nicht anders als in den Nachwuchsformeln, wo solche Dinge auch vorkommen, wo du auch herbe Enttäuschungen durchmachst. Wenn du so nah an etwas so Großem dran bist, tut es natürlich besonders weh. Aber Lando hat genug Erfahrung, und das Team auch, um daraus gestärkt hervorzugehen."