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  • 22.09.2021 · 10:51

"Box, Box, Box": Was wirklich hinter der Strategie in der Formel 1 steckt!

Wenn Lewis Hamilton zum Reifenwechsel kommt, ist das das Ergebnis tausender kleiner Entscheidungen - Mercedes erklärt das Thema Formel-1-Strategie

(Motorsport-Total.com) - Wir haben diese Situation alle schon einmal selbst erlebt: Wir sitzen bequem auf unserem Sofa, verfolgen ein Formel-1-Rennen im Fernsehen, und dann trifft ein Team eine Strategie-Entscheidung, die wir sofort anzweifeln. Von außen betrachtet wirkt alles ganz einfach, aber was die Zuschauer zu Hause nicht sehen können, ist die Menge an Daten und Analysen, die hinter diesem allseits bekannten Funkspruch stecken: "Box, Box, Box!"

Mercedes-Mechaniker schauen das Rennen, dahinter steht Teamchef Toto Wolff an seinem Kommandopult

Die Mercedes-Boxencrew wartet darauf, dass ein Fahrer zum Stopp kommt Zoom

Was alles umfasst der Begriff "Strategie" alles in der Formel 1?

Die meisten Menschen verbinden mit einer Formel-1-"Strategie" vor allem den Moment, indem ein Fahrer via Funk an die Box gerufen wird, sowie die Entscheidung, welche Reifen dabei aufgezogen werden. Und das stimmt auch.

Während eines Rennens ist es das Ziel der Strategie-Abteilung, das eigene Auto im Vergleich zur Konkurrenz optimal aufzustellen, damit es den Grand Prix auf der bestmöglichen Position beenden kann. Um das Gesamtbild zu erkennen, das hinter der Arbeit der Strategie-Abteilung steckt, muss man jedoch ein paar Schritte zurücktreten.

Lassen wir zunächst einmal das Rennen hinter uns. So arbeitet die Strategiemannschaft an der Herangehensweise des Teams an das Qualifying. Wenn wir noch einen Schritt weiter zurücktreten, erkennen wir den noch weiter gefassten Ansatz für das gesamte Rennwochenende: Wie möchte man seine Ressourcen und Reifen auf die verschiedenen Sessions aufteilen?

Und noch einen Schritt weiter zurück befindet sich der Blick auf die gesamte Saison: Auf welchen Strecken erwarten wir eine bessere oder schlechtere Performance? Wie gehen wir diese Rennen an und wie verändert sich das Performancebild im Laufe der Saison?

Wie bereitet sich das Strategieteam auf ein Rennwochenende vor?

Die Strategiemannschaft denkt normalerweise schon mehrere Rennen weit voraus, um sicherzustellen, dass die Vorbereitungen rechtzeitig erfolgen. Das Team nutzt alle verfügbaren Daten, um ein detailliertes Bild von allen möglichen Szenarien und deren Auswirkungen auf die Strategie zu erhalten.

Nach dem Abschluss eines jeden Rennwochenendes werde die Systeme aktualisiert, um die Analysen für die kommenden Rennen neu zu bewerten. An jedem Rennwochenende werden eine Unmenge an Informationen und Erkenntnissen gesammelt, zum Beispiel über Schwächen, Stärken und Verbesserungspotenziale.

Vor einem Rennwochenende stehen der Strategietruppe somit eine Vielzahl an Daten und Informationen zur Verfügung. Angefangen von den Erkenntnissen über die Wettermuster über detaillierte Erfahrungen vom letzten Besuch auf der jeweiligen Strecke bis hin zur Reifenperformance und seitdem hinzugelernt wurde.

Gleichzeitig sehen sie sich die Performancemuster der Autos, die Streckenentwicklung und vieles mehr an. Auf Basis dieser Vorbereitung wird festgelegt, was das Team vom Auto, von der Konkurrenz und dem Verhalten der Reifen erwarten kann.

Worauf konzentriert sich das Strategieteam während Training und Qualifying?

Während des Freitagstrainings liegt die Konzentration unter anderem darauf, wie sich die Reifen verhalten und wie lange sie halten. Dabei werden nicht nur die Daten der eigenen Autos verwendet, sondern vom gesamten Feld, um dadurch das Verständnis zu stärken. Es ist schwierig, die nötigen Erkenntnisse aus einer einstündigen Session zu gewinnen, aber das Team will so viel wie möglich daraus machen.

Dafür stehen die Rundenzeiten, GPS, Reifendaten und vieles mehr zur Verfügung, sowohl für die beiden eigenen Fahrer als auch für die Gegner. Die Strategen saugen diese Informationen auf, um danach die nötigen Entscheidungen zu treffen.

Das Ziel ist, bis zum Ende des zweiten Trainings zu wissen, welche Set-up-Veränderungen nötig sind, und einen Plan für das Qualifying aufzustellen. Die zweifelsohne wichtigste Entscheidung ist jedoch, auf welchem Reifen man das Rennen beginnen möchte - und das muss noch vor dem dritten Training festgelegt werden.


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Am Samstag konzentriert sich das Team deshalb darauf, auf den vorliegenden Datensätzen aufzubauen, und es führt Versuche mit weniger Sprit im Tank durch. So werden die Pläne fürs Qualifying final festgelegt: Welche Reifen kommen in welcher Session zum Einsatz? Wie sehen die Runpläne aus? Wann verlässt man die Box? Wie sieht es mit dem Windschatten aus? Und das sind nur ein paar der Elemente, mit denen gearbeitet wird.

Auf dieser Basis wird ein Plan festgelegt (Benzinmengen, Rundenanzahlen und weitere grundlegende Dinge), der im Laufe des Qualifyings auf Grundlage neuer Informationen immer weiter feingetunt wird (Streckenentwicklung, Performance der Konkurrenten, Unterschiede zwischen Reifenmischungen und Probleme). Zudem muss auf Einflüsse reagiert werden, die außerhalb der eigenen Kontrolle liegen, zum Beispiel das Wetter oder rote Flaggen.

Da nur eine bestimmte Anzahl an Reifen zur Verfügung steht, sind die Runpläne und die Auswahl der Reifen für die jeweiligen Versuche eine extrem wichtige strategische Entscheidung. Alles, was in Q1 geschieht, hat einen Einfluss auf die folgenden beiden Abschnitte. Deshalb ist der korrekte Einsatz der Ressourcen auf die bestmögliche Art und Weise ein schwieriger Balanceakt, an dessen Ende die bestmöglichen Startpositionen stehen sollen.

Was muss während des Rennens alles im Auge behalten werden?

Während des Rennens laufen jede Sekunde tausende Datensätze in die Strategietools ein, sowohl eigene Daten als auch Daten von Konkurrenten. Das Team hat vor dem Rennen einen guten Ausgangswert für Dinge wie den Reifenabbau, den Zeitverlust bei Boxenstopps, die Wettervorhersage, die Schwierigkeit von Überholmanövern und vieles mehr, aber die Tools werden ständig angepasst, sobald aktuellere Daten zur Verfügung stehen. So kann das Strategieteam voraussagen, was passieren wird.

Die Strategen beurteilen diese Informationen ständig neu und erkennen Elemente, die in ihren Tools auftauchen und zum Beispiel zur Umstellung auf eine andere geplante Strategie führen oder die aktuelle beeinflussen könnten.

Auf diesen Funk-Kanälen herrschen strikte Protokolle vor, die zu einer klaren und präzisen Kommunikation führen. So kann das Strategieteam Fragen aufwerfen und darüber diskutieren, was gerade passiert, was die Vorhersage für das Rennen im Moment besagt und was in der Zukunft passieren könnte, und wie in so einem Fall darauf reagiert werden sollte.

Die Strategie wird auch auf weiteren Funk-Kanälen während des Rennens besprochen, zum Beispiel mit dem Teamchef und anderen Teammitgliedern am Kommandostand sowie den Renningenieuren. Auf diese Weise werden das Wissen und die Kompetenz aller genutzt, um ihre Meinung mit allen zu teilen.

Die Teams legen bereits vor dem Rennen unterschiedliche Szenarien fest, die sie ständig beobachten. Diese Vorausplanung ist unerlässlich, um schnell und ruhig auf unerwartete Ereignisse reagieren zu können, etwa bei Safety-Car-Phasen. Sollten diese Momente eintreten, geht es nur noch darum, den zuvor festgelegten Plan in die Tat umzusetzen.

Müssen manche Entscheidungen in der allerletzten Sekunde getroffen werden?

Selbst bei einer perfekten Vorbereitung und Vorausplanung ist es unvermeidlich, dass manche Entscheidungen spontan getroffen werden müssen. Das Wetter kann zum Beispiel unberechenbar sein. Dadurch kann es die Strategiemannschaft vor einige der härtesten Entscheidungen überhaupt stellen. Die Stärke eines Regenschauers, dessen Stelle rund um die Strecke und der Einfluss auf den verfügbaren Reifengrip können die Reifenwahl zu einer qualvollen Entscheidung machen.


Manche Situationen deuten sich während eines Rennens an, und dann müssen die notwendigen Entscheidungen, um von einem festgelegten Plan abzuweichen, binnen Sekundenbruchteilen getroffen werden.

So wurde die Entscheidung, Lewis Hamilton in Monza hereinzuholen, vom Mercedes-Team ganz rasch getroffen, da seine Sektorzeit nach dem Stopp seiner Konkurrenten klar zeigte, dass er nicht schnell genug war und die geplante Strategie deshalb nicht aufgehen würde.

Während eines Rennwochenendes werden tausende Entscheidungen getroffen, von denen viele für Außenstehende unsichtbar sind. In jeder Session gibt es jede Menge bewegliche Elemente, besonders im Qualifying und im Rennen, wenn hunderte von Strategie-Optionen analysiert werden müssen, bevor diejenigen ausgewählt werden, die für die eigenen Autos am besten sind.

Die Strategie ist in der Formel 1 wie ein mehrdimensionales Schachspiel, aber genau diese Herausforderung ist es, die alle Strategiemannschaften im Feld so sehr genießen und wofür sie immer wieder kommen.

Hinweis: Bei diesem Feature handelt es sich um einen Pressetext des Mercedes-Teams, der den Medien zur freien Veröffentlichung zur Verfügung gestellt wurde. Wir haben diesen Pressetext nur geringfügig an unsere Redaktionskonventionen angepasst.

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