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Wer letzte Nacht am schlechtesten geschlafen hat: Helmut Marko

Helmut Marko muss sich ärgern: Max Verstappen könnte mit 57 Punkten Vorsprung in die Sommerpause gehen, stattdessen sind es acht Punkte Rückstand

Helmut Marko

Helmut Marko ist frustriert: Verstappen könnte auch 57 Punkte Vorsprung haben ... Zoom

Liebe Leser/-innen,

als sich das ganze Drama um Sebastian Vettel abspielte am Hungaroring, da war einer schon längst verschwunden: Helmut Marko. Kann vielleicht damit zu tun haben, dass er nicht zu spät nach Hause kommen wollte. Vom Hungaroring bis zum Schlossberg in Graz sitzt man gut vier Stunden im Auto, und als der Grand Prix von Ungarn abgewunken wurde, da war's immerhin schon nach 17 Uhr.

Viel wahrscheinlicher ist aber, dass der "Doktor" einfach keine Lust hatte, noch am Hungaroring zu bleiben. Und ich kann's ihm nicht verübeln. Max Verstappen hätte zur Sommerpause als "Beinahe-schon-Weltmeister" in Richtung Urlaub düsen können. Stattdessen sind's jetzt irgendwie acht Punkte Rückstand auf Lewis Hamilton.

Wenn der "Doktor" diese Zeilen liest, wird er sich über die Aufstellung der verlorenen Punkte in dieser Saison ärgern. Denn die Liste ist lang.

Bahrain: Verstappen leistet sich einen klitzekleinen Schönheitsfehler bei der Attacke auf Hamilton, hätte auch gewinnen können statt Zweiter werden. Legt zu dem Zeitpunkt aber noch keiner auf die Goldwaage. Es sollte eigentlich 25:18 stehen statt 18:25!

Aserbaidschan: Verstappen wird in Führung liegend Opfer eines Reifenschadens und scheidet aus. Zu dem Zeitpunkt liegt Hamilton noch an dritter Stelle. Fiktiver Punktestand, wenn alles perfekt läuft für den Niederländer: 137:109.

Großbritannien: Verstappen führt das Rennen an, als er in Copse mit Hamilton kollidiert. Über den Unfallhergang ist alles gesagt. Es könnte zu dem Zeitpunkt der Saison auch 242:178 stehen.

Ungarn: Es ist natürlich schwer zu sagen, wie das Rennen ausgegangen wäre, hätte Valtteri Bottas (übrigens noch einer, der letzte Nacht schlecht geschlafen hat) nicht am Start mit den Red-Bull-Dosen Bowling gespielt! Aber für die Einfachheit unseres Rechenspiels gehen wir einfach mal davon aus, dass Hamilton bei normalem Rennverlauf vor Verstappen gewonnen hätte. Fiktiver Punktestand: 260:203.

Das wären also 57 Punkte Vorsprung! Mehr als zwei Siege. Und die Garantie, dass Verstappen sein Heimspiel in Zandvoort als WM-Führender verlassen würde. Stattdessen fährt er mit acht Punkten Rückstand in den Sommerurlaub.

Vielleicht war es auch ganz gut, dass der "Doktor" gestern Abend schon weg war, als er von Journalisten für Interviews gesucht wurde. Wer weiß, was er angesichts des (verständlichen) Ärgers alles gesagt hätte?

Nach der Eskalation rund um den Crash in Silverstone schien es bei Red Bull offizielle Kommunikationslinie zu sein, kein weiteres Öl ins lodernde Feuer zu gießen. Marko hätte es aber sicher gejuckt, mal in Richtung Toto Wolff und Mercedes zu treten. Und das nichtmal zu unrecht!

Wir müssen schon festhalten: War Silverstone noch ein klassischer Rennunfall, wie er selbst zwischen zwei Vollprofis halt mal passieren kann, so war Budapest das Werk eines ziemlich peinlichen Gehirnaussetzers.

Wenn der Gehirnaussetzer dann ausgerechnet bei einem Mercedes-Fahrer stattfindet, der ausgerechnet die beiden Red-Bull-Fahrer abräumt und ausgerechnet Hamilton in der Folge der Sieg auf dem Silbertablett serviert wird (so sah es momentan aus), dann habe ich allergrößtes Verständnis dafür, wenn die "Bullen" ihre Nerven wegschmeißen und auch mal verbal Dampf ablassen.

Aber Christian Horner hatte sich am Sonntagabend (vom einen oder anderen vernachlässigbaren Seitenhieb) gut im Griff (obwohl er sich dafür sichtlich anstrengen musste). Ob Marko diese Contenance auch bewahrt hätte?

Meine Theorie ist: Seine frühe Abreise war auch ein wenig Selbstschutz. Um nicht zu explodieren und nicht von der Linie abzuweichen, die ohnehin schon aufgeheizte Anti-Hamilton-Stimmung der "Oranjes" vor Zandvoort weiter zu befeuern. Ein paar geistig Verwirrte verabreden sich ja jetzt schon auf Social Media dazu, Hamilton dort massenhaft mit Tomaten zu bewerfen.


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Marko ist mit seinen 78 Jahren immer noch ein Racer durch und durch. Andere sind irgendwann auf ihrem Weg zu Geschäftsleuten geworden. Der Grazer nicht. Für ihn ist das Rennfahren das Allerwichtigste.

Besucht man ihn in seinem Büro in Graz, dann kommt's schon mal vor, dass er aus seinen Regalen einen Ordner mit Telemetriedaten hervorkramt, um seine Standpunkte zu untermauern. Das gibt's bei keinem anderen Teammanager in seiner Position, und für diese Offenheit bewundere und schätze ich meinen österreichischen Landsmann.

Aber gerade wegen dieser Getriebenheit wird es ihm letzte Nacht schwergefallen sein, gut in den Schlaf zu finden. Um eine Fußballmetapher zu strapazieren: Die Tore, die Verstappen in der ersten Halbzeit nicht geschossen hat, könnten ihm in der zweiten noch auf den Kopf fallen.

Denn wäre er wirklich am 29. August bei seinem zweiten Heimrennen in Belgien mit 57 Punkten Vorsprung aus dem Urlaub zurückgekommen, dann hätte es wahrscheinlich kein Halten mehr gegeben. Mercedes hätte einsehen müssen, dass dieser Titel kaum noch zu gewinnen ist, und das 2021er-Auto wahrscheinlich komplett links liegen lassen.

Stattdessen hat sich das Blatt in den letzten 14 Tagen komplett gedreht. Das Silverstone-Update von Mercedes könnte dieser WM die entscheidende Wende gegeben haben. Toto Wolff beharrt immer noch drauf, dass das eigentlich kein großes Update war. Aber es scheint seinen Zweck zu erfüllen. Und Hamilton hat jetzt Blut geleckt.

Manchmal ist das so bei Updates in der Formel 1, dass sie auf dem Papier nicht viele Punkte Anpressdruck bringen. Aber wenn sie dann ans Auto geschraubt und eingesetzt werden, macht plötzlich irgendwas "Klick" - und auf einmal lösen sich mehrere Probleme, die man vorher hatte, von selbst. So ein Aha-Erlebnis scheint Mercedes derzeit auch zu haben.

Und dann ist da noch das berühmte Momentum, das gerade eindeutig auf Hamiltons Seite ist. Gut, dass jetzt die Sommerpause kommt, damit sich Verstappen einmal neu ordnen kann. Sein "Rant" in der FIA-PK am Samstag hat schon gezeigt, dass die Nerven ein bisschen blank liegen. Und das wird am Sonntag nicht besser geworden sein.

Nur: Wer emotional agiert, der agiert fehlerhaft. Das weiß man spätestens, seit die brasilianische Nationalmannschaft im Halbfinale der Fußball-WM 2014 schon bei der Hymne geweint hat und dann gegen Deutschland mit 1:7 untergegangen ist.

Emotionen sind ein Luxus, den sich Hamilton nur selten leistet. Verstappen ist da mit seinen 23 Jahren noch etwas anfälliger. Ganz wie ein echter Jungbulle eben.

Red Bull muss sich jetzt unangenehme Fragen stellen: Wie kann es sein, dass Hamilton die WM anführt, obwohl Verstappen und sein RB16B über weite Strecken das schnellere Paket waren? Agiert man in der Euphorie, zum ersten Mal seit 2013 Weltmeister werden zu können, womöglich zu emotional, zu wenig abgeklärt? Und was kann man jetzt noch tun, um technisch auf das Silverstone-Update von Mercedes zu kontern?

Aber wie ich Helmut Marko kenne, sitzt er schon jetzt, am frühen Morgen, in seinem Büro in Graz, und denkt genau darüber nach ...

Übrigens: Wer letzte Nacht am besten geschlafen hat, nämlich Sensationssieger Esteban Ocon, damit hat sich mein Kollege Stefan Ehlen auf unserem Schwesterportal Motorsport.com auseinandergesetzt. Seine Kolumne gibt's hier!

Ihr

Christian Nimmervoll

Hinweis: Es liegt in der Natur der Sache, dass diese Kolumne meine subjektive Wahrnehmung abbildet. Wer anderer Meinung ist, kann das gern mit mir ausdiskutieren, und zwar auf meiner Facebook-Seite "Formel 1 inside mit Christian Nimmervoll". Dort gibt's nicht in erster Linie "Breaking News" aus dem Grand-Prix-Zirkus, sondern vor allem Einordnungen der wichtigsten Entwicklungen hinter den Kulissen.

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