powered by Motorsport.com

Wer letzte Nacht am schlechtesten geschlafen hat

Gleich vier Herren lässt Chefredakteur Christian Nimmervoll nach dem vielleicht atemberaubendsten Formel-1-Abend aller Zeiten schlecht schlafen

Max Verstappen, Lewis Hamilton

Max Verstappen und Lewis Hamilton sind zwei der vier großen Verlierer Zoom

Liebe Leser/-innen,

der Grand Prix von Saudi-Arabien hat Geschichten für Tausendundeine Nacht produziert, könnte man heute Morgen passenderweise formulieren. Es scheint mir fast unlauter, in meiner Montagskolumne nach so einem Jahrhundertrennen (ja, das meine ich völlig ernst!) nur einen Verlierer des Wochenendes von meinem komfortablen Bürostuhl aus zu demontieren. Sondern ich finde, dass es nach der Formel-1-Premiere in Dschidda gleich mehrere Kandidaten gibt, die letzte Nacht schlecht geschlafen haben.

Erstens: ich selbst.

Aus zweierlei Gründen. Zunächst einmal, weil ich kaum geschlafen habe. Nicht nur, weil unsereins an solchen Wochenenden richtig, richtig viel Arbeit hat. Sondern weil #KimiDerKater es nicht lassen konnte, an meinen Zehen zu knabbern, als ich eigentlich vorhatte, zur Wiederholung des Rennens friedlich einzuschlummern.

Übrigens: #KimiDerKater hat neuerdings seine eigene Instagram-Seite, und wie aufgekratzt er am Sonntagabend war, als er die Wiederholung auf Sky Sports F1 gesehen hat ... Ach, schaut einfach selbst, und zwar hier! ;-)

Ich bin eingeschlafen mit dem Gedanken, welche Geschichten meine Kollegen und ich im kurzen Zeitabstand zwischen Saudi-Arabien und Abu Dhabi wie aufarbeiten sollen, denn eins ist klar: Nach so einem Rennsonntag werden wir bei weitem nicht die Kapazität haben, so wie sonst wirklich alle halbwegs relevanten Details aufzuarbeiten.

Back-to-Backs waren mir immer schon ein Dorn im Auge. Ein Back-to-Back zum WM-Finale ist aus meiner ganz subjektiven Sicht schlichtweg eine Katastrophe, weil wir schreibenden Medien nicht genug Zeit haben, im Interesse des Sports liebevoll die schönsten Heldengeschichten auszubreiten und somit unseren Teil für das große Crescendo zu leisten.

Ich habe mich übrigens auch immer gefragt, warum sich nicht gerade die kleinen Teams mehr dagegen wehren, dass es in diesem Stil Schlag auf Schlag geht. Denn wenn Redaktionen wie der unseren die Zeit genommen wird, sich mit einer breiten Themenpalette zu beschäftigen, dann bleiben die Haases, Williams und Alfa Romeos dieser Welt natürlich als Kollateralschäden, über die nicht mehr berichtet wird, auf der Strecke.

Und auch Sky, RTL & Co. werden in ihren Vor- und Nachberichterstattungen wohl kaum noch Raum finden, über George Russell und Kimi Räikkönen zu berichten, wenn sich alle nur auf den WM-Kampf konzentrieren.

Die wichtigsten Storys über Red Bull und Mercedes müssen wir zwangsläufig aufarbeiten, und für sehr viel mehr reicht einfach die Zeit nicht. Das wird nicht nur uns so gehen, sondern vielen Redaktionen, und so begibt sich die Formel 1 mit ihrem dicht gestaffelten Kalender in eine Spirale, die die Großen immer Größer macht und die Kleinen in der Bedeutungslosigkeit versinken lässt.


Rennen Saudi-Arabien: Jetzt eskaliert der Krieg!

Hamilton gewinnt den völlig verrückten Grand Prix von Saudi-Arabien vor Verstappen. Verstappen kassiert Strafen. Und der Krieg eskaliert! Weitere Formel-1-Videos

Zweitens: Max Verstappen.

Ich habe praktisch das ganze Wochenende in den Livestream-Analysen auf dem YouTube-Kanal von Formel1.de (Kanal jetzt kostenlos abonnieren und keine Formel-1-Analyse mehr verpassen!) vorhergesagt, dass es eine ganz entscheidende Rolle spielen könnte, dass sich Verstappen wegen seiner Punkteführung eine Kollision mit Lewis Hamilton theoretisch leisten kann, Hamilton sich eine Kollision mit Verstappen aber nicht.

Verstappen hat diesen Umstand zwar nicht missbraucht, um Hamilton wie ein Killer von der Strecke zu räumen, so, wie das Michael Schumacher in Jerez 1997 mit Jacques Villeneuve versucht hat. Aber er hat den Bogen in mehreren Situationen des Nachtrennens schon ziemlich weit gespannt. Das haben wir in unserer Rennanalyse auf dem YouTube-Kanal von Formel1.de in fast eineinhalb Stunden Livestream mit Überlänge gewohnt meinungslastig diskutiert.

Beim ersten Neustart hatte Verstappen gegen Hamilton eigentlich längst den Kürzeren gezogen, und kein anderer Fahrer hätte außen, obwohl klar hinten, so brutal dagegengehalten, wie er das gemacht hat. Er ließ Hamilton gar keine andere Wahl, als sich kampflos zu ergeben.

Sonst hätte es gescheppert, und dann wäre es bei acht Punkten Abstand geblieben. Unter anderen Umständen hätte der siebenmalige Weltmeister so eine Attacke, geritten mit dem Messer zwischen den Zähnen, nicht auf sich sitzen lassen.

Beim zweiten Neustart hat es sich Hamilton auch ziemlich selbst zuzuschreiben, dass er von Verstappen abgekocht wurde. Aber wieder hat Verstappen bei der Wahl seines Bremspunkts allergrößten Optimismus angelegt. Ein Muster, das sich gestern gleich ein paar Mal wiederholt hat. Auch später im Rennen noch, etwa beim DRS-Überholmanöver Hamiltons am Ende der Start- und Zielgeraden.

Drittens: Michael Masi.

Ich meine damit natürlich nicht zwingend den Rennleiter persönlich, sondern die FIA und ihre Schiedsrichter insgesamt. Mit dem Urteil, Verstappen für das Abdrängen in Brasilien ungeschoren davonkommen zu lassen, hat die FIA die Büchse der Pandora geöffnet und Verstappen im WM-Showdown, zumindest für Hamilton, praktisch unüberholbar gemacht.

Denn Verstappen darf sich jetzt, das gibt zumindest der Präzedenzfall her, innen so hart verteidigen, dass er dabei nach außen getragen wird, was demjenigen, der außen attackiert, de facto keine faire Chance auf ein sauberes Überholmanöver lässt. Und weil es Hamilton aufgrund seines Punkterückstands nicht drauf ankommen lassen kann, dass es kracht, gibt diese FIA-Entscheidung Verstappen alle Trümpfe in die Hand.

Darüber hinaus finde ich die Rolle Masis während der zweiten Rennunterbrechung etwas unglücklich. Wie er mit Red-Bull-Teammanager Jonathan Wheatley darüber verhandelt hat, ob Verstappen nun freiwillig in der Startaufstellung hinter Hamilton zurückfällt oder die Entscheidung über eine Strafe sonst doch lieber den Kommissaren überlassen wird, das hatte ein bisschen was von einem Basar.

Das empfand übrigens nicht nur ich so, sondern auch die TV-Experten Nico Hülkenberg und Ralf Schumacher schüttelten den Kopf und erklärten, so etwas noch nie erlebt zu haben, und selbst Teamchefs wie Marcin Budkowski oder Helmut Marko nahmen dieses Geschachere um die Startaufstellung als befremdlich wahr.

Zu Masis Verteidigung sei gesagt: Es ist durchaus üblich, dass mit einem Positionstausch eine ursprüngliche Rennsituation wiederhergestellt wird, um eine Untersuchung seitens der Kommissare obsolet zu machen. Das passiert in fast jedem Rennen. Doch weil neben Verstappen und Hamilton auch noch Ocon involviert war, konnte die Sache nicht einfach spurlos rückabgewickelt werden.

So stand plötzlich Ocon für den Neustart auf Poleposition, und Verstappen musste um zwei Positionen nach hinten, obwohl er nur gegen einen Gegner einen "lasting Advantage" hatte. Die saubere Lösung wäre meiner Meinung nach gewesen, die Strafe für Verstappen einfach durch die Kommissare entscheiden zu lassen. Und es hätte mit Sicherheit eine Strafe dafür gegeben.

Aber was weiß ich schon? Die Schiedsrichter sind immer leicht zu kritisieren, besonders dann, wenn die Emotionen überkochen. Ich hätte gestern Nacht nicht in Masis Schuhen stecken wollen. Er hatte inmitten der Hitzköpfe den wahrscheinlich schwierigsten Job im gesamten Paddock, und dafür hat er das noch recht gelassen erledigt.

Viertens: Lewis Hamilton.

Er hat zwar in Saudi-Arabien punktemäßig zu Verstappen aufgeschlossen. Beide haben vor dem letzten Rennen 369,5 Zähler auf ihrem Konto. Und trotzdem liegt Verstappen allein in Führung, weil er 2021 schon neun Siege zu Buche stehen hat und Hamilton nur acht. Und das entscheidet nun einmal darüber, wer Weltmeister wird, wenn durch den Punktestand allein kein Weltmeister ermittelt werden kann.

Die Ironie der Geschichte (und da wären wir wieder bei Masi): Einer von Verstappens neun Siegen ist das Abbruchrennen in Belgien, das die Bezeichnung "Rennen" eigentlich gar nicht verdient. Dass Hamilton wegen dieser Nummer jetzt in der verzwickten Situation ist, gegen einen nahezu unüberholbaren Verstappen im direkten Rad-an-Rad-Duell antreten zu müssen, das muss ihm doch fast schlaflose Nächte bereiten.

Mir persönlich ist übrigens ziemlich egal, wer dieses Jahr Weltmeister wird. Ich bin ein leidenschaftlicher Geschichtenerzähler. Und beide Geschichten sind ganz toll zu erzählen.

Die des achtmaligen Weltmeisters, jetzt der Erfolgreichste aller Zeiten, der den Angriff des jungen Wilden mit einem furiosen Comeback in den letzten Rennen abgewehrt und sich doch noch einmal durchgesetzt hat.

Oder auch die des jungen Herausforderers, der mit dem Messer zwischen den Zähnen gekämpft und die langjährige Dominanz der übermächtigen Mercedes-Technik beendet hat und zum ersten Mal Weltmeister geworden ist.

Eine davon werden wir aufschreiben. Und zwar schon in einer Woche. Ich habe schon 22 WM-Finali in der Formel 1 als hauptberuflicher Motorsportjournalist begleitet. Aber noch nie war die Ausgangslage vor dem letzten Rennen so packend wie vor dem 23.!

Übrigens: Mein Kollege Stefan Ehlen, der für die Schwesterkolumne "Wer letzte Nacht am besten geschlafen hat" auf Motorsport.com verantwortlich zeichnet, hat diesmal Formel-1-CEO Stefano Domenicali und FIA-Präsident Jean Todt gut schlafen lassen. Wie er das begründet, das gibt's auf unserem Schwesterportal nachzulesen!

Ihr

Christian Nimmervoll

Hinweis: Es liegt in der Natur der Sache, dass diese Kolumne meine subjektive Wahrnehmung abbildet. Wer anderer Meinung ist, kann das gern mit mir ausdiskutieren, und zwar auf meiner Facebook-Seite "Formel 1 inside mit Christian Nimmervoll". Dort gibt's nicht in erster Linie "Breaking News" aus dem Grand-Prix-Zirkus, sondern vor allem Einordnungen der wichtigsten Entwicklungen hinter den Kulissen.