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Wer letzte Nacht am schlechtesten geschlafen hat

Wer austeilen kann, muss auch einstecken können: Sei ein Leader für Ferrari, Seb, statt dich mit deinen Wutausbrüchen dem Herzinfarkt zu nähern!

Liebe Leser,

selten zuvor in der noch jungen Geschichte dieser Montags-Kolumne gab es einen so eindeutigen Kandidaten wie nach dem Grand Prix von Mexiko. Am schlechtesten geschlafen hat letzte Nacht mit Sicherheit Sebastian Vettel - und das nicht nur im übertragenen, sondern auch im wörtlichen Sinn.

Vielleicht sollte sich Maurizio Arrivabene überlegen, in Vettels Trinkwasserflasche künftig vor jedem Rennen ein paar Baldriantropfen einzurühren, denn so extrem, wie der viermalige Weltmeister in letzter Zeit am Boxenfunk emotional zu explodieren pflegt, das kann für Ferraris teuersten Mitarbeiter nicht gesund sein.

Ich mag ein paar Kilo zu viel auf den Rippen haben, gern mal ein Gläschen Wein trinken (oder zwei), ich habe es noch immer nicht geschafft, den Zigaretten abzuschwören, und 18-Stunden-Tage sind mein täglich Brot. Aber von einem Herzinfarkt bin ich gefühlt viel weiter entfernt, als Vettel das ist, wenn wieder einmal die Emotionen mit ihm durchgehen.

Respektlos gegenüber Rennleiter: "Fuck off!"

"Er muss mir die Position zurückgeben. Ende der Geschichte", plärrte er nach dem umstrittenen Abkürz-Manöver von Max Verstappen. Sein Renningenieur Riccardo Adami ("Charlie hat gesagt...") konnte den Satz nicht einmal zu Ende bringen, da platzte Vettel endgültig der Kragen: "Hier ist eine Nachricht für Charlie: Fuck off! Ehrlich jetzt. Fuck off!"

Wir Oberösterreicher haben dafür ein sehr passendes Wort: bizzeln.

Es bedurfte der beruhigenden und mahnenden Stimme von Arrivabene, um Vettel zumindest einigermaßen zur Räson zu bringen und ihm zu erklären, dass er noch ein Autorennen zu Ende zu fahren hat und er sich bitteschön darauf konzentrieren möge. Weil er das, was die FIA-Rennkommissare entscheiden, sowieso nicht beeinflussen kann.

Nico Rosberg, um an dieser Stelle einen Vergleich einzustreuen, managt solche Angelegenheiten besser. Er packt die Dinge an, die sich für ihn lohnen, und schert sich nicht um alles andere, was ihn nicht voranbringt. So ähnlich wie: Warum soll ich weinen und hadern und verzweifeln, wenn ich nur noch zwei Wochen zu leben habe, wenn ich genauso gut ans Meer fahren und die letzten Tage genießen kann?

Emotionen sind grundsätzlich nicht zu verurteilen

Man muss die Sache von zwei Seiten sehen.

Erstens finde ich es grundsätzlich cool, wenn ein Fahrer solche Emotionen zeigt, egal ob am Boxenfunk oder in TV-Interviews. Diejenigen, die ob seiner zugegeben unangemessenen Wortwahl mahnend den Zeigefinger heben, sollen sich die Frage stellen, ob der bis zur Kontroverse zwischen Verstappen und Vettel gähnend langweilige Grand Prix von Mexiko sie auch sonst dazu gebracht hätte, heute Morgen zuallererst diese Kolumne zu lesen. Wahrscheinlich nicht.

Ich verurteile scharf, wenn Journalistenkollegen nun versuchen, Vettel in die Ecke zu drängen, er schade mit seinen Wutausbrüchen dem Sport, er liefere ein schlechtes Beispiel für junge Zuschauer ab, er lege schlechtes Benehmen an den Tag. Es sind oftmals genau die Kollegen, die in anderen Zeiten verzweifelt klagen, dass die Formel 1 keine Geschichten mehr produziert und alle Fahrer nur vorgekaute PR-Floskeln nachplappern. Und wenn jetzt jeder an die Wand gestellt wird, der den Mund aufmacht, dann wird die logische Konsequenz sein, dass keiner mehr den Mund aufmacht.

Rotzfrech zur Journalistin: Muss das sein?

Diesen Vorwurf kann man Vettel sicher nicht machen. Auch wenn er es sich, zugegeben, sparen könnte, eine TV-Journalistin anzufahren, die nur ihren Job macht, wenn sie ihm genau diese unangenehmen Fragen stellt. Ein abschätziges "Das geht Sie nichts an!" ist ein Satz, den sich ein hochbezahlter Formel-1-Star vor einem Millionenpublikum auch verkneifen können sollte.

Max Verstappen, Sebastian Vettel, Daniel Ricciardo

Kann man auch anders machen: Sebastian Vettel und Max Verstappen Zoom

Aber wir sollten dankbar sein, wenn es noch Typen gibt, die keine Scheu haben, ihre Meinung zu sagen. Auch mal mit schärferer Wortwahl, auch mal ein bisschen daneben. Nur: Vettels Wutausbrüche haben oft den Beigeschmack eines verzogenen Bengels, der zu heulen beginnt, wenn ihm etwas gegen den Strich geht. Wer Mark Webbers hervorragende Autobiografie gelesen hat, kann verstehen, was ich meine. Sei ein Mann, Seb!

Die andere Seite ist: Vettels Wutausbrüche sind nicht in erster Linie Ausdruck einer neu gewonnenen James-Hunt-Coolness, sondern sie sind vermutlich eher Symptom des permanenten Drucks, dem er bei Ferrari ausgesetzt ist - und einer vor allem selbstauferlegten Erwartungshaltung, die er momentan nicht erfüllen kann. Eine Situation, die für ihn Neuland ist.

Erstmals Widerstand in Vettels Karriere

Der viermalige Weltmeister musste in seiner Karriere noch nie ein richtiges Tal durchschreiten. Zumindest seit er die Formel BMW zu Tode gewann, rissen sich BMW und Red Bull nur so darum, seine Rechnungen bezahlen zu dürfen (man verzeihe mir die Überspitzung), in seinem ersten Formel-1-Rennen holte er gleich einen Punkt und sein erster Grand-Prix-Sieg auf Toro Rosso wurde als das "Wunder von Monza" gefeiert.

Dann ging's im Eiltempo weiter ins A-Team von Red Bull, das just in dem Moment zum Gewinnen anfing, als Vettel dorthin wechselte. Ein Jahr später war er Weltmeister, und das Spiel wiederholte er dreimal hintereinander. Die bescheidene Abschiedssaison von Red Bull, 2014, in der er von Daniel Ricciardo in die Schranken gewiesen wurde, kann man als Kollateralschaden verbuchen. 2015 kam er zu Ferrari, und schwupps, mit drei Siegen im ersten Jahr lief es schon wieder wie am Schnürchen.

Das ist jetzt vorbei.

Wo sind Leadership und Besonnenheit?

Vettel fliegt zum ersten Mal in seiner Karriere nicht alles von selbst zu, sondern er befindet sich in einem arg gebeutelten Ferrari-Team, in dem der politische Druck so groß ist wie seit Jahren nicht mehr. Jetzt ist nicht nur ein schneller Rennfahrer gefragt, sondern Leadership und Besonnenheit. Nur wenn die Spitze des Teams - und dazu gehört auch der Nummer-1-Fahrer - Ruhe ausstrahlt, werden die für den Erfolg entscheidenden Mitarbeiter in Maranello ohne Widerrede Überstunden schieben und bis tief in die Nacht hinein an Lösungen tüfteln.

Ob Vettel teamintern Leadership ausstrahlt, ist von außen unmöglich zu beurteilen. Besonnenheit? Definitiv nicht.

Vermutlich saß er schon im Flieger (oder war auf dem Weg dorthin), als er gestern von der Strafe erfahren hat, die ihm den dritten Platz in Mexiko kostete. Wer erlebt hat, wie er im Rennen ausgerastet ist, der mag sich gar nicht vorstellen, wie er danach erst getobt haben muss.

"Anti-Verstappen-Regel" sollte abgeschafft werden

Übrigens: Über die Strafe an sich kann man geteilter Meinung sein. Zehn Sekunden Strafe für ein Manöver, das das Zweikampf-Highlight des gesamten Rennens war, weil Vettel und Ricciardo wie Männer miteinander umgegangen sind? Kann ich nicht gut finden, wenn ich daran denke, wie solche Dinge früher gehandhabt wurden, als die Formel 1 noch echtes Racing war.

Andererseits ist die Regel seit Austin klar: Sobald gebremst wird, darf die Spur nicht mehr gewechselt werden.

Wenn mich die Polizei aufhält und mir 100 Euro abnimmt, weil ich trotz 50er-Schild Tempo 80 gefahren bin, dann ist die Rechtslage klar und ich habe diese zu akzeptieren. Aber ich kann durchaus verlangen, dass mir der Gesetzgeber erklärt, warum ein 50er-Schild ohne ersichtlichen Anlass auf einer dreispurigen Autobahn steht...

Ihr

Christian Nimmervoll

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