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Wer letzte Nacht am schlechtesten geschlafen hat

"Zum Anhalten bereit" gefahren und trotzdem auf Pole: Warum das Rosberg-Urteil eine Fehlentscheidung war und einen gefährlichen Präzedenzfall schafft

Liebe Leser,

der eine oder andere wird sich jetzt sicher denken: Haben die wirklich keine besseren Einfälle, als Woche für Woche die FIA anzupatzen? Doch, haben wir schon! Aber auch nach dem Grand Prix von Ungarn machen es uns die Entscheidungen des Motorsport-Weltverbands schwer, sportliche Aspekte in den Mittelpunkt unserer traditionellen Montags-Kolumne zu rücken. Daher beantworten wir die (natürlich rein metaphorische) Frage, wer letzte Nacht am schlechtesten geschlafen hat, diesmal mit vier Herren: Gerd Ennser, Lajos Herczeg, Alan Jones und Baham Lekhal.

Das sind nämlich jene Personen, die am Samstagabend entschieden haben, dass Nico Rosberg seine Pole-Position behalten darf. Was dem Mercedes-Fahrer vorgeworfen wurde, haben alle mitbekommen, aber nur für den Fall, dass einer unserer Leser das vergangene Wochenende auf dem Mond verbracht hat: Während Lewis Hamilton, zu dem Zeitpunkt Schnellster, in der entscheidenden Q3-Phase wegen Doppel-Gelb im zweiten Sektor vom Gas ging, fuhr Rosberg etwas später an der gleichen Stelle die schnellste Zeit des gesamten Wochenendes - und sicherte sich damit die Pole-Position.

Um in den Kontext zu setzen, warum wir diese Entscheidung verstörend finden, muss man ein wenig ausholen. Als Jules Bianchi in Suzuka 2014 gegen ein Bergungsfahrzeug krachte und neun Monate später seinen Verletzungen erlag, war das äußerst tragisch, ja - aber es war auch blanker Leichtsinn. Der junge Franzose hatte trotz doppelt geschwenkter gelber Flaggen Tempo gebolzt und somit nicht nur sein Leben, sondern auch das der Streckenposten gefährdet.

Verunsicherung seit Bianchi-Unfall

Seit die Bianchi-Familie den Unfall juristisch untersuchen lässt, sind die Sicherheits-Entscheidungen der FIA oft umstritten (weil zu vorsichtig). Man denke etwa an die Safety-Car-Starts (mit rundenlanger Gelbphase) in Monte Carlo oder Silverstone, die in den Augen vieler Experten nicht zwingend notwendig gewesen wären. Aber wenn dann wieder einer die Doppel-Gelb-Regel nicht so genau nimmt, drücken die FIA-Rennkommissare ein Auge zu. Das kann einen schon schlecht schlafen lassen.


Rosberg: Rennen schon am Start verloren

Der Mercedes-Pilot reflektiert die Ereignisse beim Grand Prix von Ungarn Weitere Formel-1-Videos

Nehmen wir zunächst Anhang H des Internationalen Sportgesetzbuchs der FIA zur Hand, um die Gelb-Regeln zu studieren. Einfach geschwenkte gelbe Flagge bedeutet demnach: Geschwindigkeit "reduzieren", zur "Richtungsänderung" bereit sein. Doppelt geschwenkte gelbe Flagge bedeutet: Geschwindigkeit "signifikant reduzieren", zum "Anhalten" bereit sein. Laut Mercedes-Sportchef Toto Wolff wurde das erfüllt.

Gelupft: Sind 30 Meter genug?

Tatsächlich ging Rosberg kurz vom Gas, als er die Gelb-Signale sah. Er verlangsamte auf einer Strecke von rund 30 Metern, büßte dabei knapp 20 km/h Geschwindigkeit und verlor rund eine Zehntelsekunde. Der Deutsche argumentiert, wenn er am Eingang der Kurve vom Gas geht, kann er am Scheitelpunkt schon wieder normal beschleunigen, weil er dann sieht, dass am Ausgang keine Gefahrensituation droht.

Rennleitung

In der Rennleitung laufen alle Infos des Formel-1-Geschehens zusammen Zoom

Das war in seinem konkreten Fall tatsächlich so. Der McLaren von Fernando Alonso, der das Doppel-Gelb mit einem Dreher ausgelöst hatte, war weg, und es standen auch keine Streckenposten mehr auf der Strecke, die er gefährdet hätte. Aber kann es wirklich im Sinne der FIA sein, dass die Fahrer selbst entscheiden dürfen, wann sie Doppel-Gelb ganz streng nehmen und wann nur Pi mal Daumen? Denn Lewis Hamilton sagt nicht zu Unrecht: Wenn ich das nächste Mal zu Doppel-Gelb komme, weiß ich jetzt, dass ich eine Zehntelsekunde langsamer fahren muss und nicht bestraft werde.

Eine Zehntelsekunde für Doppel-Gelb, eine halbe Zehntelsekunde für Gelb: Das ist die Logik, die die Fahrer für sich aus der FIA-Entscheidung von Samstagabend mitnehmen. Oder, anders ausgedrückt: Rosberg hätte bei einfach Gelb offensichtlich noch einmal schneller fahren dürfen als die ohnehin schon allerschnellste Zeit des gesamten Rennwochenendes. Willkommen am FIA-Strafen-Basar!

Teufel im Detail: "Signifikant" und "zum Anhalten bereit"

Die Herren Ennser, Herczeg, Jones und Lekhal haben am Samstagabend am Hungaroring einen gefährlichen Präzedenzfall geschaffen. Rosberg fuhr im zweiten Sektor Bestzeit. Bei einfach Gelb hätte man vermutlich noch ein Auge zudrücken können. Aber doppelt? Entspricht das wirklich einer sauberen Interpretation von "signifikant Geschwindigkeit reduzieren" und "zum Anhalten bereit" sein? Da kann man wohl auch anderer Meinung sein.


Fotostrecke: Unfall von Jules Bianchi

Das Problem der FIA-Rennkommissare: Erstens hätte Doppel-Gelb nicht mehr geschwenkt werden sollen, weil die Gefahrensituation schon bereinigt war, als Rosberg dort vorbeikam. Aber bis nach einem solchen Zwischenfall die Streckenposten informiert sind, vergehen eben ein paar Sekunden. Zweitens hatte man Nico Hülkenberg erst vor drei Wochen in Österreich in einer ähnlichen Situation auch ungeschoren davonkommen lassen.

Bedingungen erschwerten die Bewertung

Erschwert wurde die Aufgabe der vier Herren in der Rennleitung zudem durch die Tatsache, dass die Strecke nach einem Regenschauer immer schneller wurde. In seiner schnellen Runde vor der umstrittenen Situation benötigte Rosberg für den zweiten Sektor 28,971 Sekunden, mit Vollgas; sieben Minuten später nur noch 28,759, trotz Lupfen. Auf trockener Strecke, wenn die Zeiten auf stabilem Niveau bleiben, ist es leichter, zu entscheiden, ob jemand ausreichend vom Gas gegangen ist oder nicht.

Aber das ändert nichts daran, dass der Freispruch für Rosberg am späten Samstagabend eine Fehlentscheidung war. Einerseits nervöse Einschätzungen zu treffen wie die Safety-Car-Starts in Monte Carlo und Silverstone, dann aber bei einer (vor allem für die Streckenposten) lebenswichtigen Regel wie Doppel-Gelb Kompromisse einzugehen, das darf man kritisch hinterfragen. Und genau das soll Zweck dieser Kolumne sein.

Übrigens: Ursprünglich hatten Ennser, Herczeg, Jones und Lekhal den Rosberg-Zwischenfall noch nicht einmal untersucht! Das passierte erst um 19:16 Uhr. 'Motorsport-Total.com' weiß: Hamilton rief FIA-Rennleiter Charlie Whiting nach dem Qualifying ein paar Mal an, bis er endlich durchkam - und forderte dann, verwundert über das ausbleibende Handeln der FIA, eine Regel-Klarstellung. Dieses Gefährden der Pole-Position des eigenen Teamkollegen soll bei Mercedes ganz und gar nicht gut angekommen sein. Aber das ist eine andere Geschichte...

Wer sonst noch schlecht geschlafen hat:

"Ich war viele Jahre bei Red Bull. Schätze, da habe ich die Sprache angenommen." Sebastian Vettel

Sebastian Vettel: Wörter wie "fuck", "shit" oder einfach ein extrem genervter Ton sind Standard bei Sebastian Vettels Funksprüchen 2016. Das war früher anders. Ein Indiz für das, was Christian Horner sagt, nämlich dass ihm die Entwicklung des Ferrari-Teams nicht schnell genug geht, er genervt ist und am liebsten in einem Mercedes sitzen würde? Platz vier in Ungarn war zumindest ein Silberstreif am Horizont. Und seine Funk-Flüche nimmt Vettel gelassen: "Wird ja sowieso überpiepst", grinst er und schiebt die Schuld auf andere: "Ich war viele Jahre bei Red Bull. Schätze, da habe ich die Sprache angenommen."

Daniil Kwjat: Seit er in Sotschi das Opfer von Vettels bisher drastischstem Funk-Wutausbruch wurde, geht es mit seiner Karriere bergab. Der junge Russe ist zwar für Journalisten dankbarer geworden, weil er auf Political Correctness pfeift und in jeder Medienrunde Spannendes von sich gibt. Aber rein sportlich gesehen läuft ihm Carlos Sainz den Rang ab. Nach Sotschi schien es noch ausgeschlossen, dass ihm Red-Bull-Junior Pierre Gasly (spätestens) 2017 das Formel-1-Cockpit wegnehmen könnte. Jetzt nicht mehr.

Ihr

Christian Nimmervoll

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