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Wer letzte Nacht am schlechtesten geschlafen hat

Chefredakteur Christian Nimmervoll provoziert nach dem Grand Prix der USA und lässt Lewis Hamilton in unserer Montags-Kolumne am schlechtesten schlafen

Lewis Hamilton

Lewis Hamilton nach dem Gewinn des WM-Titels 2015 in Austin, Texas Zoom

Liebe Leser,

zugegeben, heute will ich ein bisschen provozieren. Denn der offensichtliche Kandidat für eine "unruhige Nacht" (die Symbolik dieser Kolumne muss ich bei der 35. Ausgabe hoffentlich nicht mehr erklären) liegt auf der Hand. Nico Rosberg. Sein Nervenkostüm, das konnte man bei der Siegerehrung in Austin sehen, ist dieser Tage ziemlich dünn. Ich kann's ihm nicht verdenken. Zweimal hatte er schon die Chance, Weltmeister zu werden, zweimal hat's nicht geklappt. Und solche Chancen kommen nicht oft in einem Rennfahrer-Leben. Dass ihm dann auch noch Lewis Hamilton fast nach Belieben auf der Nase herumtanzt (und er ihn tanzen lässt), tut das Übrige.

Auch die Herren bei Red Bull kämen bei näherer Betrachtung in Frage. Kann kein besonders schönes Gefühl sein, zuerst (vermeintlich) um den Sieg zu kämpfen, am Ende aber nur gegen "Local Boy" Alexander Rossi im Manor um den elften Platz zu fahren. Und, nebenbei bemerkt, noch immer keinen Motor für 2016 zu haben. In meiner eigenen Haut möchte ich eigentlich auch nicht stecken, denn nach der (bisher) 19-stündigen Weltmeister-Schicht habe ich noch immer kein Auge zugetan. Aber das ist ein anderes Thema.

Wie gesagt, ich möchte provozieren. Wer meiner Meinung nach letzte Nacht am schlechtesten geschlafen hat? Lewis Hamilton.

Lewis ist ein verdienter Weltmeister 2015, darüber gibt es gar keine Diskussion. Er hat alle Möglichkeiten des besten Autos im Feld nahezu perfekt ausgeschöpft und seinen einzigen echten Gegner, Nico Rosberg, über weite Strecken alt aussehen lassen. Weil er der bessere Rennfahrer ist.

Aber kennen Sie das Gefühl, wenn Sie sich eigentlich unermesslich über etwas ganz Tolles freuen sollten, wenn Ihnen ganz genau bewusst ist, dass Ihnen etwas Schönes widerfahren ist, die Freudentränen aber trotzdem nicht so richtig kullern wollen? Weil Sie vielleicht ein paar Wochen, bevor Ihre aufrichtig geliebte Frau endlich schwanger geworden ist, in einem Moment der Schwäche eine andere geküsst haben, völlig bedeutungslos, nach ein paar Gläsern Wein? Ich stelle die gewagte These auf und behaupte: So muss es Lewis gestern Abend ergangen sein.


Fotostrecke: GP USA, Highlights 2015

Sein flüchtiger Fremdgeh-Kuss war beim Grand Prix der USA die erste Kurve. Lewis hat sich gegenüber Nico unfair verhalten. Punkt. "Er weiß das", sagt sogar Mercedes-Sportchef Toto Wolff, und spricht davon, dass Nico der "moralisch richtige" Sieger des Rennens in Austin gewesen wäre. Es ist so eine Sache mit den perfekten Siegen. Sie gelingen nicht oft. Und wenn wir mal ganz ehrlich sind: Wenn man (verdientermaßen) schon so viel gewonnen hat wie Lewis, dann schmecken nur noch perfekte Siege wirklich gut.

Dass er so oder so Weltmeister geworden wäre, spielt dabei keine Rolle. Über dem gestrigen Triumph in Austin hängt zumindest ein kleiner Schatten. Das Gewinnen ist viel schöner, wenn sich alle uneingeschränkt mit einem freuen. Wenn man nicht nur sportlich gewonnen hat, weil man der härtere Racer ist, sondern auch moralisch, als der faire Sportsmann. Wenn man auf allen Ebenen triumphiert. Und nicht, wenn man Kappen ins Gesicht geschmissen bekommt und ein paar Tage später zum Rapport beim Chef antreten muss.

Das Bizarre ist: Lewis hätte das Rennen in Austin, so vermute ich, so oder so gewonnen. Egal wie die erste Kurve ausgegangen wäre. Nico hat ihm den Sieg mit dem völlig überflüssigen Fahrfehler im Finish (im Übrigen ein Symbol für die gesamte Saison 2015) auf dem Silbertablett serviert. Nur: Hätte Lewis in der ersten Kurve nicht unfair gespielt, würden tags darauf nicht irgendwelche bedeutungslosen Kolumnisten ein Haar in der Suppe suchen.

Was wir so schreiben, ist Lewis wahrscheinlich völlig egal. Aber dass seine Freude über den dritten Titel, der ihn auf eine Ebene mit seinem Kindheitsidol Ayrton Senna stellt, der ihn an Grand-Prix-Siegen größer macht als "Nemesis" Sebastian Vettel, so emotional berührend war, wie er es gestern nach außen dargestellt hat, das nehme ich ihm nicht ab. Ich glaube: Ein WM-Triumph erst in einer Woche in Mexiko, dann ohne jedwede Schattenseiten, wäre ihm lieber gewesen. Und selbst ich hätte kein Haar mehr in der Suppe gefunden.

Die historische Leistung, als zehnter Fahrer der Formel-1-Geschichte einen dritten WM-Titel zu gewinnen, kann Lewis niemand mehr wegnehmen. Die Freude darüber auch nicht. Aber sie ist womöglich ein bisschen getrübt, wird sich vielleicht erst nach Saisonende so richtig einstellen - mit allem Fug und Recht. Beim Gefühlsausbruch gestern in Austin war womöglich ein bisschen Schauspielerei dabei. Oder, lassen Sie es mich positiver ausdrücken: Das Wollen, sich unermesslich freuen zu können.

Lewis sagt immer, dass er eines Tages ein guter Schauspieler werden möchte. Ich finde: Manchmal ist er das heute schon.

Vor seiner Leistung als Rennfahrer verneige ich mich. Uneingeschränkt.

Christian Nimmervoll

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