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Vor 20 Jahren: Red-Bull-Trick macht Damon Hill zum Champion

Heute vor 20 Jahren holte Damon Hill als bislang einziger Weltmeister-Sohn den Titel: Wie er schon damals von Adrian Neweys heutigen Red-Bull-Tricks profitierte

(Motorsport-Total.com) - Der Nimbus des Verlierers schien an Damon Hill festzukleben - so wie die Startnummer 0 1993 und 1994 auf der Nase seines Williams. Doch genau heute vor 20 Jahren wurde der Brite nach zwei bitteren Niederlagen gegen Michael Schumacher erlöst. Von der Last des großen Namens und der Angst, diesem keine große Ehre zu machen. Als er in Suzuka über die Ziellinie fuhr, krönte er sich zum bisher einzigen Weltmeistersohn, der ebenfalls einen Titel in der Formel 1 holte (Nico Rosberg könnte es ihm dieses Jahr gleichtun).

Damon Hill Damon Hill

Aufatmen bei Damon Hill: Neweys geniales Heck wurde von niemandem kopiert Zoom

Und Hill, der mit dem Motorsport viel später als die meisten Rivalen begann, weiß, wem er diesen Triumph mitzuverdanken hat: Stardesigner Adrian Newey. "Es war eine absolute Freude, dieses Auto zu fahren", schwärmt der inzwischen 56-Jährige gebenüber 'Sky Sports F1' über den FW18 aus dem Jahr 1996. "Es war unglaublich."

Der Brite, der nach Williams auch McLaren und Red Bull zur Dominanz verholfen hat, setzte schon damals auf ein Rezept, das er noch heute bei seinen Boliden anwendet: volle Konzentration auf die Aerodynamik. Und wer genau schaut, der sieht, dass der FW18 hinten bereits angestellt war - wie der aktuelle Red-Bull-Bolide.

Newey setzte schon 1996 auf Red-Bull-Setup

Damon Hill Damon Hill

Abtriebwunder: Der FW18 war wie Neweys Red-Bull-Autos hinten stark angestellt Zoom

"Wir setzten hinten auf einen hohen Bodenabstand, stellten das Auto an und verwendeten recht weiche Federn an der Hinterachse", bestätigt Newey gegenüber 'Sky Sports F1'. Der Vorteil: Über den Unterboden wird zusätzlicher Abtrieb erzeugt, den man nicht über die Flügel gewinnen muss. Das geht nicht so sehr auf Kosten des Luftwiderstands. "Ich muss heute noch lachen, wenn unsere Freunde von Mercedes meinen, dass wir deswegen langsam auf der Geraden sind", kann sich Newey einen Seitenhieb nicht verkneifen.

Den Grundstein für den Erfolg legte Williams bereis im Jahr davor: Nachdem man trotz starker Qualifyings (12 Pole-Positions in 17 Rennen) in den Rennen wegen Zuverlässigkeitsproblemen und Fahrfehler der Piloten den Kürzeren zog und Michael Schumacher den Titel überlassen musste, brachte Newey beim Portugal-Grand-Prix - also fünf Rennen vor Schluss - den FW17B.

Grundstein für Dominanz schon 1995 gelegt

Das Auto verfügte im Gegensatz zum Vorgänger über eine komplett neue Heckpartie: Neben der Hinterradaufhängung war vor allem der Einbau des Getriebes und der Diffusor richtungsweisend. Hill war beim Vergleichstest um eine halbe Sekunde schneller als mit dem alten Auto, und auch David Coulthards vier Pole-Positions bewiesen das enorme Potenzial.

"Nachdem wir die Katze aus dem Sack gelassen haben, hätte uns jeder kopieren können." Adrian Newey

"Es ist uns gelungen, das Getriebe ans Ende des Autos zu bringen", erklärt Newey. "Dadurch war der Einbau rund um den Diffusor viel besser." Das Heck konnte besser angeströmt werden, wodurch das Auto deutlich besser auf der Strecke lag. Neweys einzige Sorge: "Nachdem wir die Katze aus dem Sack gelassen haben, hätte uns jeder kopieren können."

Als die Teams vor der Saison 1996 die Hüllen fallen ließen, fiel Newey ein Stein vom Herzen. "Ich weiß nicht, ob sie es nicht entdeckt haben", wundert er sich noch heute. "Vielleicht haben sie auch ihr Design zu früh festgelegt. Es hat auf jeden Fall niemand kopiert." Der Rest des FW18 war eine aufgeräumte Variante des FW17B, der vor allem durch den nun vorgeschriebenen Kopfschutz auffiel. "Es gab nichts wirklich Revolutionäres an diesem Auto, das zum Beispiel mit der aktiven Radaufhängung beim 14B vergleichbar war", gibt Newey zu. "Wir hatten einfach ein sehr gutes Paket."

Villeneuve setzt Hill unter Druck

Als Teamkollege musste sich Hill nun gegen IndyCar-Champion und Formel-1-Debütant Jacques Villeneuve beweisen, da Schumacher nach seinem Ferrari-Wechsel keine ernsthafte Gefahr war. Während der kanadische Debütant nicht viel zu verlieren hatte, war der Druck im Hill-Lager groß. Im Fahrerlager unkte man: Wenn er es diesmal nicht schafft, dann ist der Zug für den Sohn des dreimaligen Weltmeisters Graham Hill, der 1975 bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam, endgültig abgefahren.

Damon Hill Damon Hill, Jacques Villeneuve

Damon Hill musste sich 1996 gegen Rookie Jacques Villeneuve durchsetzen Zoom

Und schon beim Saisonauftakt in Melbourne bekam der Brite den heißen Atem des rebellischen Neuankömmling zu spüren: Villeneuve besiegte Hill im Qualifying und stellte seinen Williams auf die Pole. Auch im Rennen dominierte er sensationell die Anfangsphase, ehe er wegen einer defekten Ölwanne den Teamkollegen ziehen lassen musste und Zweiter wurde.

"Er hat sein Auto vielleicht bei seinem Abflug beschädigt", erinnert sich Hill. "Das Rennen entwickelte sich also zu meinen Gunsten, und ich habe die ersten drei oder vier Rennen gewonnen. Es war ein enges Rennen zwischen uns beiden, aber Michael Schumachers Ferrari war nicht so konkurrenzfähig, also war der Druck nicht so groß."

Rebell Villeneuve: Cockpit "ein heilloses Durcheinander"

In der Anfangsphase profitierte der Brite außerdem von der Unerfahrenheit von Villeneuve, der für seine abenteuerlichen Abstimmungen bekannt war. Wie in den Indy-Ovalen setzte er teilweise auf ein asymetrisches Setup. "Außerdem bevorzugte er diese absurd steifen Stabis an der Hinterachse", erinnert sich Newey. "Nach und nach kam er dann davon los. Er hatte aber einen anderen Fahrstil als Damon und David."

"Jacques hat das Cockpit immer ordentlich zugerichtet - da und dort fehlte der Schaumstoff." Adrian Newey

Zudem fiel der Sohn des legendären Draufgängers und Ferrari-Piloten Gilles Villeneuve mit seinem unangepassten Look und seinen gefärbten Haaren im Fahrerlager auf. "Er hat den Grunge in die Formel 1 gebracht", outet sich Newey als Musikkenner und verweist auf den von Kurt Kobain und Nirvana geprägten Sound. Der Grunge-Look schlug sich sogar im Cockpit nieder, verrät Newey, und verzieht das Gesicht: "Jacques hat das Cockpit immer ordentlich zugerichtet - alles war ein heilloses Durcheinander. Da und dort fehlte der Schaumstoff."

Keine Vertragsverlängerung: Hill zeigt Nerven

Adrian Newey, Michael Schumacher, Mika Häkkinen

Moment des Erfolgs: Hill und Newey feiern den Titel und ihren Williams-Abschied Zoom

Obwohl Hill lange wie der wahrscheinliche Weltmeister aussah, zeigte er im Saisonendspurt Nerven. Kein Wunder, denn dem Briten wurde von Williams mitgeteilt, dass seine Dienste 1997 nicht mehr benötigt werden. Ein heftiger Dämpfer für den Familienvater, der auch mit McLaren zu keiner Einigung kam und schließlich beim Hinterbänklerteam Arrows unterschrieb.

Beim Saisonfinale in Japan benötigte Villeneuve unbedingt einen Sieg, während der WM-Leader keine Punkte machen durfte. Obwohl Hill durch die souveräne Pole-Position seines Herausforderers unter Druck stand, durfte er nach dem Start durchatmen, als Villeneuve mehrere Plätze verlor. Die 36. Runde brachte dann die Entscheidung: Der Kanadier verlor ein Rad, Hill fuhr zum Sieg und zum Titel.

Das Weltmeister-Geheimnis: Perfekte Sitzposition im FW18

Und zwar durchaus komfortabel, wie er heute offenbart. "Der FW18 war das erste Auto, das ich gefahren bin, in dem ich mich so richtig wohlfühlte", erzählt der 1,82 Meter große Ex-Rennfahrer. Newey ist dafür bekannt, nicht nur beim Einbau ans Limit zu gehen, sondern auch die Cockpits besonders schmal anzulegen, "aber in diesem Fall hatte ich viel Platz", sagt Hill. "Deswegen konnte ich das Auto ganz anders fahren und das Beste herausholen."

"Ich habe selten eine Saison so sehr wie diese genossen." Adrian Newey

Darauf hatte Newey vor der Saison ausnahmsweise Rücksicht genommen. Entgegen der typischen Sitzposition zu dieser Zeit mit nach hinten gezogenen Schultern habe man laut Newey gemeinsam mit Hill "eine Sitzposition entwickelt, in der die Lendenwirbelsäule sehr gerade ist, aber die Schultern gekrümmt sind. Die Schultern sind also immer noch aufrecht, was auch für den Nacken gilt." Außerdem habe man die Vorderradaufhängung "nach hinten verschoben, um alles rund um Schienbein und Zehen gut anzuordnen".

Nicht nur für den Weltmeister, sondern auch für Stardesigner war es ein besonderes Jahr. "Ich habe selten eine Saison so sehr wie diese genossen", gibt er Preis. "Und zwar, weil ich in diesem Jahr im Grunde ein Renningenieur war. Das hatte ich das bis dahin das letzte Mal zu IndyCar-Zeiten erlebt." Zudem gab es durch den Wechsel Schumachers zu Ferrari keinen wahren Gegner. "Rund um Montreal war bereits klar, dass einer unserer Fahrer es schaffen würde", sagt Newey. "Es handelte sich um eine der Saisons, in der der sich der Druck in Grenzen hielt."

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