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V6-Biturbo: Markos Vorschlag kommt (fast) gut an

Abschied vom Hybrid und Wechsel zu einem V6-Biturbo als Lösung der Probleme? Christian Horner jubelt, Marco Mattiacci schweigt, Toto Wolff schüttelt den Kopf

(Motorsport-Total.com) - Die hohen Kosten für die neuen V6-Turbo-Hybridantriebe bringen die kleinen Teams an den finanziellen Abgrund. Um ein weiteren Schrumpfen des Starterfeldes zu verhindern, sind schnelle Maßnahmen gefragt. Allerdings nicht nur aus Kostengründen, sondern auch um den Sports Willen, sagen Vertreter von Ferrari und von Red Bull, deren "Power Units" in diesem Jahr im Wettbewerb gegen Mercedes deutlich unterlegen waren.

Mercedes-Motor 2014

Die neuen V6-Turbohybrid-Antriebe sind deutlich teurer als die alten V8-Sauger Zoom

Bei Ferrari wünscht man sich eine freie Entwicklung der Antriebe, möglichst schon zum kommenden Jahr. Doch dieses Vorhaben ist kaum umzusetzen, da man für solch kurzfristige Regelanpassungen ein einstimmiges Votum benötigt - und da spielt Mercedes nicht mit. Die Stuttgarter mit Antriebs-Entwicklungsstandort in Brixworth wollen den technischen Vorsprung nicht verlieren. Außerdem hat man Angst vor einem Wettrüsten samt Kostenexplosion, die wiederum den kleinen Teams Mehrausgaben bescheren würde.

Also schlägt man nun womöglich einen anderen Weg ein. Red-Bull-Berater Helmut Marko kann sich ab 2016 eine komplett veränderte Motorenformel vorstellen - ohne Hybrid, dafür mit einem zweiten Turbolader. "Wir haben eine neue Motorenformel, die alles auf den Kopf gestellt hat. Es ist eine Souveränität von Mercedes vorhanden, die die Rennen mehr oder weniger uninteressant gemacht hat. Bei normalem Verlauf sind die vorne auf und davon", stellt Marko im Gespräch mit 'Motorsport-Total.com' die Situation dar.

V6-Biturbos sind lauter, leichter, besser und billiger?

"Nicht nur, weil wir nicht mehr mithalten können, sind damit viele negative Elemente verbunden. Von den Zuschauern wurde mehrfach kritisiert, dass dieser Motor nicht mehr den richtigen Sound hat. Es wird kritisiert - was auch richtig ist -, dass es eine Ingenieurs-Formel ist", so der Österreicher. "Es heißt ab der zweiten Runde, dass du Sprit sparen musst. In einer Safety-Car-Phase muss der Fahrer ununterbrochen irgendetwas tun, um das System am Rennen zu halten. Das Gravierendste aber: die Kostenexplosion."

Toto Wolff

Will unbedingt beim aktuellen Antriebsformat in der Formel 1 bleiben: Toto Wolff Zoom

"Ich glaube, dass diese Motorentscheidung falsch war. Man wird für 2016 reagieren müssen", lautet die klare Ansage von Marko. "Es ist der Nachweis erbracht, dass die Formel 1 unglaubliche Effizienz entwickeln kann. Nur ist das Gesamtpaket zu kompliziert und zu teuer. Und das Ärgste: Es ist nicht mehr der Fahrer, der die Fahrt macht, sondern es ist eine Crew von Ingenieuren. Das will keiner, dass Ingenieure den Rennverlauf beeinflussen."

"Wir könnten den bestehenden Block nehmen und einen zweiten Turbolader daraufsetzen, dann den 'Fuel Flow Meter' entfernen. Dann wären wir bei ungefähr 800 PS. Es läge dann am Fahrer, und wir bräuchten keine acht Ingenieure, um das Auto zu starten", schildert Marko seine Idee. "Wir hätten wieder Sound, wir hätten weniger Gewicht, das Auto wäre schwieriger zu fahren. Das wäre wieder eine Challenge, die das fahrerische Talent besser in den Vordergrund rückt."

"Die Autos sind derzeit so einfach zu fahren. Man hört die Fahrer in Ruhe im Funk reden, als seien sie bei uns im Büro. Das ist der Grund, warum wir einen 16- oder 17-Jährigen ins Auto setzen. Die Anforderungen sind bei Weitem nicht mehr so, wie sie es einmal waren", sagt der österreichische Ex-Le-Mans-Sieger. "Wenn das ganze Paket nicht stimmt, also die Show und die Autos nicht spektakulär sind, dann ist es auch für die kleinen Teams schwierig, überhaupt Sponsoren zu finden."

Was würde die Abkehr vom Hybrid bedeuten?

Marko ist sich der Tatsache bewusst, dass es keine kurzfristigen Änderungen geben wird. "Das Reglement besteht erst einmal, aber für 2016 würde die Möglichkeit bestehen. Die Motorenkosten würden von jetzt 20 auf acht Millionen Euro zurückgehen", sagt er und appelliert: "Wenn Mercedes nur eine Spur vernünftig ist, dann müssen sie da mitziehen. Siege bei sinkenden Zuschauerzahlen und TV-Einschaltquoten haben nicht den Wert, den sie eigentlich haben sollten."

Red-Bull-Teamchef Christian Horner ist von Markos Idee begeistert. "Vielleicht müssen wir so weit gehen, dass wir uns eine komplett andere Maschine anschauen - vielleicht bleiben wir beim V6, aber bei einem vereinfachten Konzept, das uns Kosten spart. Das könnte die Entwicklung günstiger machen und somit auch den Preis für Kunden. Darüber müssen wir uns bei der nächsten Sitzung der Strategiegruppe mal ernsthaft unterhalten", sagt der Brite. "Vielleicht könnten wir ein Standard-Hybridsysteme nehmen. Wir haben eine Standard-Elektronik, warum sollen wir dann nicht auch einen Schritt weitergehen?"


Naturgemäß findet der Vorschlag zum Wechsel zu einem V6-Biturbo nicht überall jenen Anklang wie im Lager von Red Bull. "Man kann die Zeit nicht zurückdrehen. Es ist wichtig, dass wir neue Hersteller in die Formel 1 bekommen. Die neuen Regeln haben uns Honda gebracht", sagt Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff. "Es war Renault, die das aktuelle Antriebsformat gewünscht haben. Für Mercedes ist es sehr wichtig, dass wir hier relevante Technologien darstellen können. Für Red Bull mag das nicht wichtig sein, aber für Renault und uns ganz bestimmt."

"Wir sollten einen möglichen Wechsel des Antriebsformats gut überdenken, denn es sind bereits große Summen in Entwicklung und Fertigung der heutigen Antriebe investiert worden. Wir geben ein Fünftel unseres Budgets für die 'Power Units' aus. Hinzu kommt, dass wir mit der Hybridtechnik ein Statement abgeben. Diese Technologie ist relevant", springt Claire Williams ihrem Partner Mercedes zur Seite. "Jetzt plötzlich eine Kehrwende zu machen, hielte ich für falsch. Das ließe uns nicht sonderlich glaubwürdig erscheinen."

Wird Mercedes bei 2016er-Regeln einfach übergangen?

"Die heutigen Antriebe sind feinste technische Entwicklungen, wirklich faszinierend", gibt Horner zu. "Aber wenn man mal die Entwicklungskosten der Hersteller zusammennimmt, dann wurde ungefähr eine Milliarde Euro ausgegeben. Die hohen Kosten werden in Teilen leider an die Kunden weitergereicht. Wir müssen natürlich anerkennen, was dort technisch geleistet wurde, aber wir müssen nun auch schauen, wie wir es vereinfachen können."

"Die Entwicklung dieser Antriebe können sich auch die Hersteller kaum noch leisten. Vielleicht müssen wir nicht zurück zum V8-Motor, aber wir müssen es auf der aktuellen Grundlage etwas weniger kompliziert gestalten", sagt der Red-Bull-Teamchef. "Wenn die Entwicklungskosten auf dem derzeitigen Stand bleiben, dann werden wir kaum neue Hersteller begeistern können, sondern eher die aktuellen Hersteller aus dem Sport drängen. Wir müssen an die Zukunft denken."

Helmut Marko, Christian Horner

Sind Fans eines V6-Biturbos in der Formel 1: Helmut Marko und Christian Horner Zoom

"Wenn wir die Kosten nicht im Blick behalten, dann schaufeln wir der Formel 1 ein Grab. Und: Wir geben keine Milliarde Euro aus, eher ein Zehntel dessen", kontert Wolff. "Dennoch müssen wir sehr gewissenhaft darüber nachdenken, wie wir den kleinen Teams das Überleben ermöglichen können. Wenn wir das Motorenformat noch einmal ändern, dann würden die Kosten steigen - es wäre genau das Gegenteil dessen, was wir doch eigentlich wollen."

Der Mercedes-Rennleiter kann auf aktueller Grundlage entspannt in die Zukunft schauen, weil von der Konkurrenz gewünschte Regeländerungen für 2015 ohnehin am Veto aus dem Benz-Lager scheitern würden. "Es gibt klare Vorgaben von der FIA. Änderungen zum Jahr 2015 können nicht einfach so gemacht werden. Für 2016 müssten die Änderungen spätestens am 1. März verabschiedet werden", sagt Wolff. Aber er ist sich der Gefahr bewusst, dass man Mercedes womöglich bezüglich einiger Änderungen für 2016 schlichtweg überstimmen wird. "Wenn man so etwas über unseren Kopf hinweg entscheidet, dann wäre das für den Sport ein Desaster", so Wolff.

Ein solches Szenario zeichnet sich allerdings deutlich ab. Mercedes mag gewisse Zugeständnisse bezüglich der Entwicklung der Antriebe in Aussicht gestellt haben, aber dies ist der Konkurrenz nicht genug. "Wir müssen uns für 2016 ganz sicher etwas Neues anschauen, bezogen auf Antriebe und Regeln. Für 2015 haben wir einen bestehenden Status quo, den wir für 2016 aber in dieser Form nicht mehr akzeptieren werden", sagt Ferrari-Teamchef Marco Mattiacci. Der Italiener stellt klar: "2016 muss es anders laufen!"

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