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  • 16.06.2022 · 22:22

  • von Kevin Hermann, Co-Autor: Roberto Chinchero

Turbotausch droht: Zehn Plätze nach hinten für Leclerc in Montreal?

Charles Leclerc wird für das Formel-1-Wochenende in Kanada voraussichtlich bereits den vierten Turbo der Saison brauchen, wofür eine Gridstrafe fällig wäre

(Motorsport-Total.com) - Nach dem Motorschaden beim vergangenen Rennen in Aserbaidschan, als Charles Leclerc in Führung liegend ausschied, droht das nächste Ungemach für den Ferrari-Piloten. Der Monegasse steht in Kanada vor einer Zehn-Plätze-Gridstrafe, da er möglicherweise bereits den vierten Turbolader der Saison einbauen muss.

Charles Leclerc

Beim Motorschaden in Baku ging Leclercs dritter Turbolader in die Brüche Zoom

Unmittelbar nach dem Rennen deutete Ferrari-Teamchef Mattia Binotto an, dass Leclerc in Kanada einen neuen Motor einsetzen wird, ohne jedoch zu klären, ob es sich dabei um die gesamte Antriebseinheit oder nur um einige neue Komponenten handelt.

"Wir müssen es analysieren und verstehen", sagte Binotto nach dem Rennen in Aserbaidschan. "Das Problem bei Charles hat mit dem Motor zu tun, was man am Rauch gut erkennen konnte. Ich glaube nicht, dass dieses Problem schon einmal in der Vergangenheit vorkam."

Zweiter Turbo von Leclerc ging in Barcelona kaputt

Einen neuen und damit dritten Verbrennungsmotor der Saison könnte sich Leclerc noch ohne Strafe leisten, jedoch ist beim Rennen in Baku auch der dritte Turbo des Monegassen in die Brüche gegangen, woraufhin sich die Frage aufdrängt, ob die Scuderia den ersten oder einen ganz neuen Turbo für Montreal einbaut.

Leclerc wurde beim fünften Rennen der Saison mit einer komplett neuen Power Unit ausgestattet, woraufinh infolge des Motorschadens in Barcelona, der ihn ebenfalls in Führung liegend das Rennen kostete, der Turbo irreparabel beschädigt wurde.

Beim langsamen Stadtkursrennen in Monaco, wo die Motorenleistung eine geringere Rolle spielt, fuhr Leclerc mit der Ferrari-Power Unit Nummer eins vom Saisonbeginn, während man für Baku neben der zweiten Power Unit aus Miami einen frischen Turbo einbaute, der jedoch nach nicht einmal einem Rennen nicht mehr einsetzbar ist.

Welche Optionen hat Ferrari in Kanada?

Für das Wochenende in Kanada gilt es somit als wahrscheinliches Szenario, dass Leclerc den vierten Turbolader der Saison einbauen muss, was ihm zu einer Startplatzstrafe von zehn Plätzen zwingen würde. Das Ferrari-Team hat sich dazu jedoch noch nicht geäußert, denn es gibt auch noch zwei weitere Möglichkeiten.

Erstens könnte Ferrari versuchen, den dritten Turbo doch noch wiederherzustellen, was jedoch aufgrund der Vorkommnisse in Baku als äußerst unwahrscheinlich gilt. Und zweitens bestünde die Möglichkeit, den Turbo vom Beginn der Saison in die dritte Power Unit, die Leclerc in Montreal nehmen wird, zu integrieren.

Eine Transplantation des ersten Turbos auf die Power Unit Nummer drei ist jedoch nicht nur eine komplexe Operation, sondern auch aus anderen Gründen nicht vorteilhaft. Dadurch wäre eine Fortsetzung der Rotation der Power Units für die Freien Trainings am Freitag nicht mehr möglich, wie es von allen Teams gehandhabt wird.

Zudem kann man die Zuverlässigkeit eines alten Turboladers hinterfragen, der neben den ersten vier Saisonrennen plus Monaco zusätzlich an allen Freitagen eingesetzt wurde und damit schon eine hohe Laufleistung aufweist. Auch kein ideales Szenario für Kanada, da auf dem Circuit Gilles-Villeneuve die Motorleistung ein wichtiger Faktor ist.

Es bleibt abzuwarten, wie Ferrari das Motorendilemma lösen will. Dass Charles Leclerc jedoch im Laufe der Saison mit mindestens einer, wahrscheinlich aber mit mehreren Startplatzstrafen rechnen muss, gilt als sicher. Keine guten Vorzeichen für seine WM-Ambitionen.

Was ist mit dem grundsoliden F1-75 passiert?

Der F1-75 galt während der Testfahrten und den ersten Rennen der Saison als das perfekte Auto. Unter allen Streckenbedingungen schnell, für die Fahrer leicht zu handhaben und zuverlässig obendrein. Somit kamen die Probleme mehr oder weniger aus dem Nichts, wie auch Binotto denkt.


Mattia Binotto nach Ferrari-Debakel "Macht uns Sorgen"

Teamchef Mattia Binotto nach dem Doppelausfall von Ferrari in Baku ratlos.

"Ehrlich gesagt, weiß ich es nicht, woran es liegt", sagt der Ferrari-Teamchef. "Ob es die Qualität, die Zuverlässigkeit oder die generelle Abnutzung ist, weiß ich noch nicht. Aber ich denke, es besteht kein Zweifel, dass man sich Sorgen machen muss, wenn man so viele Zuverlässigkeitsprobleme hat."

"Ich weiß, dass wir in Bezug auf die Leistung und mit der Neugestaltung der gesamten Power Unit fantastische Arbeit geleistet haben. Aber das bedeutet auch, dass es insgesamt, was das Produkt angeht, noch sehr wenig Erfahrung gibt. Ich denke, dass wir in Bezug auf die Zuverlässigkeit noch Fortschritte machen müssen."

Binotto: Probleme "manchmal nicht schnell zu beheben"

Binotto deutete in Baku zudem an, dass die Zuverlässigkeitsprobleme wahrscheinlich gravierender Natur sind und nicht eben schnell nebenbei behoben werden können: "Es besorgt mich noch mehr, dass ich nicht die Antwort habe, die ich jetzt gerne hätte und nicht weiß, was das Problem war. Wir wissen nur, dass wir sehr früh in der Saison einen neuen Motor einbauen müssen."

"Manchmal sind die Probleme, die man hat, nicht so schnell zu beheben. Ich weiß also auch noch nicht, welche Strategie wir anwenden werden, also ob wir die Laufleistung verkürzen, den Motor anders fahren oder doch eine kurzfristige Lösung finden müssen. Hoffentlich werden wir in Kanada ein klareres Bild haben."

Ist Ferrari mit dem neuem Motor ein zu großes Risiko eingegangen?

Da der Ferrari-Motor in den vergangenen beiden Saisons im Vergleich zur Konkurrenz deutlich unterlegen war, besteht die Vermutung, dass man in Maranello womöglich ein größeres Risiko für den neuen Motor eingegangen ist, da bereits im März dieses Jahres die Weiterentwicklung vieler Motorenkomponenten eingefroren wurde.

Im September wird dann endgültig Schluss sein bis zum neuen technischen Reglement 2026. An der Zuverlässigkeit dürfen die Teams jedoch weiterhin arbeiten, weshalb es langfristig gesehen besser ist, aktuell lieber einen schnellen, aber unzuverlässigen Motor zu haben als andersherum.


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"Ich bin nicht überrascht, dafür aber besorgt und enttäuscht", sagt der Ferrari-Teamchef. Aber ich kann dem Team keinen Vorwurf machen, denn ich weiß, welche Anstrengungen sie unternommen hat, um die Leistungen der Vergangenheit zu verbessern und ich weiß, dass es ein langer Weg ist."

Binotto: "Wir sind noch nicht so weit"

"Zu Beginn der Saison haben wir den Ball flach gehalten und wie ich schon sagte, ist es eine Reise, auf der wir uns befinden und es gibt noch einen weiteren Schritt, der jetzt erforderlich ist. Wir werden als Mannschaft wieder zusammenhalten und hart arbeiten."

"Wir waren bisher in der Lage, einen ordentlichen Job zu machen und wir wissen, dass die Aufgabe noch nicht erledigt ist, aber wir werden es schaffen. Ich ziehe es vor, eine gute Performance zu haben und zu versuchen, die Zuverlässigkeit zu verbessern, anstatt umgekehrt", sagt Binotto.

"Wir werden uns wieder von Rennen zu Rennen konzentrieren und versuchen, unser Potenzial an den Wochenenden zu optimieren. Wir müssen sicherstellen, dass alles, was wir tun, das Produkt stärker macht, denn Zuverlässigkeit ist ein Schlüsselelement der Gesamtleistung. To finish first, first you have to finish. Und ich denke, dass wir noch nicht so weit sind."

WM-Zug für Ferrari und Leclerc abgefahren?

Durch die Zuverlässigkeitsprobleme hat Ferrari auf jeden Fall an Boden in beiden WM-Wertungen verloren. Charles Leclerc hat durch seine beiden Motorschäden in Barcelona und Baku womöglich 50 Punkte eingebüßt und auch sein Teamkollege Carlos Sainz musste den F1-75 in Aserbaidschan mit einem Hydraulikproblem bereits vorzeitig abstellen.

Nach drei Saisonrennen hatte der Monegasse noch einen Vorsprung von 46 Punkten auf seinen ärgsten WM-Rivalen Max Verstappen, jedoch hat sich das Blatt innerhalb von fünf Rennen um 180 Grad gewendet, da nun der Niederländer seinerseits mit 34 Punkten einen signifikanten Abstand zu Leclerc aufgebaut hat.

Auch in der Konstrukteurswertung hat Ferrari einen 49-Punkte-Vorsprung nach drei Rennen auf Red Bull verspielt. Die Scuderia liegt mittlerweile 80 Punkte zurück und auch der Vorteil auf das drittplatzierte Mercedes-Team beträgt nur noch 38 Punkte.


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Auf die Frage, ob man bei Ferrari besorgt ist, den Rückstand auf Red Bull und Verstappen nicht mehr aufholen zu können, sagt Binotto: "Darauf schauen wir nicht wirklich. Der Fokus liegt auf uns selbst, um das bestmögliche aus jedem Rennwochenende herauszuholen und um uns stetig zu verbessern."

"Wir wissen, dass der Weg an die Spitze noch weit ist. Ich denke, wir haben bewiesen, dass wir bei den vergangenen Veranstaltungen einige Probleme hatten. Und wir konzentrieren uns einfach darauf, uns von Rennen zu Rennen zu verbessern. Ich denke, erst am Ende der Saison können wir eine Bilanz ziehen und sehen, wo wir stehen."

Nicht nur Zuverlässigkeitsprobleme für Ferrari in Baku

In Baku waren es jedoch nicht nur Probleme an der Zuverlässigkeit, die Ferrari stoppten: "Meine große Sorge ist, dass es uns heute an allen Ecken und Kanten gefehlt hat. Wir hatten Zuverlässigkeitsprobleme, der Start von Charles war nicht perfekt, wir hatten Probleme beim Boxenstopp und wir hatten verschiedene Probleme in Monaco", analysiert Binotto.

"Ich denke also, dass es noch viel zu verbessern gibt, ohne auf die anderen zu schauen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass auch die anderen Probleme haben oder nicht immer die richtigen oder besten Entscheidungen getroffen haben, aber das ist nicht das, worum wir uns kümmern. Wir kümmern uns wirklich um uns selbst und das ist alles."

Red Bull schreibt Ferrari im WM-Kampf noch nicht ab

Bei Red Bull will man sich ob der Ferrari-Probleme noch nicht in Sicherheit wiegen: "Sie haben immer noch ein schnelles Auto, vor allem an den Samstagen", sagt Teamchef Christian Horner. "Am Sonntag war es bisher immer ziemlich ausgeglichen und in Baku war es genauso, wenn man sich die ersten Runden ansieht."

"Sie werden sicherlich ihre Probleme beheben, daran habe ich keinen Zweifel. Aber ich denke, das bedeutet unweigerlich, dass es am Ende des Jahres noch Strafen geben wird, aber natürlich ist es noch ein langer, langer Weg bis zum Ende dieser Meisterschaft. Wir haben in den letzten vier oder fünf Rennen große Schwankungen in den Punkten gesehen, und das zeigt, wie schnell sich die Dinge ändern können", erklärt Horner.

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