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Technikchef Allison: So anders arbeitet das Mercedes-Team

Neo-Mercedes-Technikchef James Allison offenbart das silberne Erfolgsgeheimnis: Warum er nach Ferrari einen Kulturschock erlitt und wie das Erfolgsteam funktioniert

(Motorsport-Total.com) - Mercedes-Technikchef James Allison feierte bereits mit Renault, Lotus und Ferrari Formel-1-Triumphe, bevor er dieses Jahr als Ersatz für Paddy Lowe zu den Silberpfeilen kam. Doch dort traute der erfahrene Ingenieur seinen Augen nicht. "Die Kultur und der Arbeitsethos sind in diesem Unternehmen auf ungewöhnliche Art und Weise anders", offenbart der Brite im Interview mit 'Motorsport.com'.

Lewis Hamilton, James Allison, Andrew Shovlin

James Allison lernte bei Mercedes eine völlig neue Arbeitsweise kennen Zoom

Doch was macht das von Toto Wolff geleitete Weltmeisterteam der vergangenen drei Jahre anders als andere Rennställe? "Wenn man hereinkommt, fällt einem eines ganz deutlich auf", holt Allison aus. "Wie jedes Team ist auch dieses in verschiedene Ebenen gegliedert, die im Grunde pyramidenförmig angeordnet sind. Aber: Das Team vertraut jeder Ebene in sehr großem Ausmaß. Daher sind Leute in relativ niedrigen Ebenen befugt, Entscheidungen zu treffen."

Während andere Teams also eine sehr hierarchische Struktur pflegen, arbeitet Mercedes anders. "Der Technikchef ist hier viel weniger der Dreh- und Angelpunkt, der eine Entscheidung nach der anderen trifft", erklärt Allison. "In anderen Teams fühlt sich das ein bisschen wie eine Art Maschinengewehr an. Und das hat mir nicht gefallen."

Warum viele Köche in Brackley nicht den Brei verderben

In Brackley ist die Last auf Allisons Schultern hingegen laut eigenen Angaben geringer. "Es gibt hier sehr kompetente Leute, die Entscheidungen treffen, die normalerweise in den Bereich des Technikchefs fallen", gibt der Brite interessante Einblicke in die Arbeitsweise von Mercedes. "Das funktioniert wirklich unglaublich gut."

Lewis Hamilton

Die Erfolge der vergangenen Jahre geben Mercedes recht Zoom

Dabei wurde Mercedes anfangs dafür kritisiert, von anderen Rennställen einen Technikchef nach dem anderen zu kaufen. "Zu viele Köche verderben den Brei", hieß es im Fahrerlager. Über die Jahre hatte man die ehemaligen Technikchefs von Red Bull (Goeff Willis), Renault (Bob Bell), Ferrari (Aldo Costa) und Brawn (Ross Brawn) an Bord. Dass diese Mischung harmonieren könnte, hielten nicht viele für möglich.

Doch die Probleme zu Saisonbeginn dienen Allison als Beweis, dass die Mannschaft äußerst effektiv arbeitet und trotz der großen Namen an einem Strang zieht. "Ich hoffe, dass ich auch Hilfe leisten konnte, aber all das wurde von innerhalb des Unternehmens untersucht, verstanden und korrigiert anstatt von oben nach unten", gibt der Technikchef zu. "Und deswegen ist es wirklich interessant, dort zu arbeiten, und Einfluss auf eine Firma zu haben, in der es so viele fähige Leute gibt, wohin man auch schaut."

Allison: Monaco-Krise zeigte größte Stärke des Teams

"Wäre ich in den vergangenen Monaten im Bett geblieben, dann hätten sie es trotzdem geschafft." James Allison

Nach dem Grand Prix von Monaco, bei dem es kein Mercedes-Pilot auf das Podest schaffte, herrschte bei Mercedes Alarmzustand. Daraufhin gingen zehn Tage lang in Brackley nie die Lichter aus, ehe man eine Lösung für das ständige Schwanken der Reifentemperatur gefunden hatte.

"Es waren große Gruppen von Menschen, die es innerhalb der technischen Abteilungen mit dieser Herausforderung aufgenommen hatten", blickt Allison zurück. "Ich war nur ein winziger Teil davon. Ganz ehrlich: Wäre ich in den vergangenen Monaten im Bett geblieben, dann wäre diese Gruppe trotzdem unglaublich gut mit diesem speziellen Problem umgegangen."

Von "warmherzigem" Hamilton positiv überrascht

Ein Problem, das vor allem dem dreimaligen Weltmeister Lewis Hamilton zu schaffen machte. Der Brite hat den Ruf, zwar enormes Talent zu haben, aber nicht immer einfach im Umgang zu sein. Ein Bild, das Allison aber nicht bestätigen kann. Die Zusammenarbeit mit Hamilton sei bislang "eine angenehme Überraschung gewesen. Überraschung deswegen, weil sehr schnelle Fahrer normalerweise komplexe Persönlichkeiten sind."


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Der Mercedes-Technikchef weiß, wovon er spricht, schließlich hat er in der Vergangenheit bereits mit Topstars wie Fernando Alonso, Michael Schumacher, Sebastian Vettel oder Kimi Räikkönen gearbeitet. "Ich will nicht sagen, dass Lewis in jeder Hinsicht unkomplex wäre", erklärt Allison, der Hamilton als fordernden Piloten sieht. "Aber er ist eine zutiefst menschliche Persönlichkeit, dessen Warmherzigkeit sich in allen Bereichen der Zusammenarbeit mit ihm zeigt."

Gegensätzliche Kommunikationsweise bei Bottas und Hamilton

Lewis Hamilton, Valtteri Bottas

Ähnliches Problem, völlig unterschiedliche Beschreibung: Bottas und Hamilton Zoom

Dass Hamilton ein emotionaler Typ ist, zeige sich auch ganz deutlich im Vergleich mit dessen Teamkollegen Valtteri Bottas. "Ihr technisches Vokabular ist sehr unterschiedlich", fällt Allison auf. "Valtteri ist - wie man es erwarte würde - sehr prägnant und minimalistisch bei seinen sehr genauen Beschreibungen des Autos. Lewis ist emotionaler. Er hat einen emotionalen Charakter, und er beschreibt das Auto auch mit diesen emotionalen Begriffen. Wenn man aber den beiden zuhört und versucht, sie zu verstehen, dann ist die Botschaft zwar die gleiche, aber sie unterscheiden sich grundlegend bei der Übermittlung."

Beide würden sehr gutes Feedback geben, aber "einen Fahrer zu haben, der das Verhalten des Autos so emotional, aber auch wortgewandt beschreibt, das ist für mich interessant und neu. Und zwar so, dass wir trotzdem wissen, was wir mit dem Auto machen müssen." Doch wird all das reichen, um Allison zu seinem ersten WM-Titel seit dem Triumph mit Alonso im Jahr 2006 bei Renault zu führen?

"Ich hoffe, dass keine Seite Fehler macht und der Kampf bis spät in der Saison tobt", wünscht sich der Brite ein spannendes Duell gegen sein Ex-Team Ferrari. "Wenn wir es schaffen, dann wird es toll sein zurückblicken. Und wenn es nicht für uns läuft, dann wird es niederschmetternd." Vor allem würde es ihn allerdings freuen, wenn er zur Weiterentwicklung von Mercedes beitragen kann. "Man will auf Kosten der anderen gedeihen", sagt Allison. "Darum geht es schließlich bei einem Formel-1-Team."

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