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Surer: "Die Formel 1 geht völlig in die falsche Richtung"

Marc Surer hadert mit den geplanten Reglementänderungen und fragt sich, warum die Autos "kastriert" werden sollen

(Motorsport-Total.com) - Frage: "Ist die Formel 1 in ihren Augen schon an einen Punkt angekommen, wo sie zu unsicher geworden ist?"
Marc Surer: "Überhaupt nicht. Die Formel 1 ist sowas von sicher, da gibt es fast überhaupt keine Steigerung mehr."

Alonso vor Schumacher

Ist die Formel 1 wirklich auf einem Weg in eine bessere Zukunft?

Frage: "Ist es dann in ihren Augen einen Fehler, die Formel 1 einzubremsen?"
Surer: "Wir haben sicherlich das Problem, dass die Kurvengeschwindigkeiten dort sind, wo wir sie zu meinen Zeiten mit den 'Schürzenautos' hatten. Wir haben die Aerodynamik, die die Autos in schnellen Kurven auf den Boden presst und sie in schnellen Kurven viel zu schnell macht, dazu verkürzt sich auch der Bremsweg. Dadurch sind sie von der Aerodynamik so abhängig, dass man wieder nicht überholen kann."#w1#

"Wir haben einen Problembereich in der Formel 1, der immer wieder auftaucht: Den Unterboden mit dem Diffusor und den dadurch entstehenden Anpressdruck. Immer wieder hat man die Hauptflügel kleiner gemacht und das ist meiner Meinung nach der größte Fehler. Man hat in diesem Jahr auf dem Heckflügel weniger Elemente erlaubt mit dem Ergebnis, dass alle auf der Geraden schneller fahren."

"Aber die Teams wollen das so, weil sie die in tausenden von Stunden Arbeit im Windkanal entwickelten Unterböden und den Diffusor nicht aufgeben wollen. Man möchte nicht, dass man das radikal wegschneidet, also sagen sie sich, 'Okay, mit einem Flügelelement weniger können wir leben, das ist dann für alle gleich und wir haben dafür unseren Diffusor, den uns niemand wegnehmen darf und der ja eigentlich die Rundenzeit bringt'."

"Man packt immer am schwachen Ende an und nicht dort, wo das Problem wirklich liegt. Der Unterboden ist in der Formel 1 das Problem, weil er in den schnellen Kurven für Abtrieb sorgt und in den langsamen Kurven haben wir Autos, die herumrutschen, weil sie mit zu wenig Flügel fahren müssen. Wir müssen genau das Gegenteil haben: Autos, die Grip aufbauen vor allem durch ihre Flügel und einen Unterboden, der praktisch nichts mehr bringt. Man muss einfach mal dort anpacken, wo es weh tut. Der Diffusor muss weg, das wissen alle."

"Man hat einfach nicht den Mut, sich einmal gegen den Willen der Teams durchzusetzen. Weniger Flügel bedeutet ja immer nur eine höhere Höchstgeschwindigkeit. Wir wollen aber mehr Flügel, denn dann gibt es auch wieder mehr Windschatten und damit auch mehr Überholmanöver. Man geht da völlig in die falsche Richtung, was die Aerodynamik angeht."

"Es ist zu sehen, dass die Höchstgeschwindigkeit so gewählt wird, dass man nicht überholt werden kann. Wenn man aber vom Unterboden keinen Anpressdruck bekommt, dann muss man die Flügel steiler stellen, damit man genügend Anpressdruck hat, sodass ein richtig schöner Windschatten entsteht. Es wäre so einfach, aber man müsste dort anpacken, wo es schmerzt. Und da jedes Team einen eigenen Windkanal hat und Millionen investiert, ist das jetzt eine heilige Kuh."

Surer will Motoren, keine Motörchen

Frage: "Ab 2006 soll es V8-Motoren mit 2,4 Liter Hubraum geben. Ist das ihrer Meinung nach der richtige Weg, um die Autos einzubremsen und um die Kosten zu senken? Finden sie Mosleys Ideen gut?"
Surer: "Wenn ich einen schwächeren Motor habe, dann muss ich mit noch weniger Flügel fahren, da ich ja Höchstgeschwindigkeit auf der Geraden haben möchte. Das heißt, die Autos werden noch schlanker, der Unterboden wird noch wichtiger. Es wird also genau in die falsche Richtung gehen."

"Mosley ist sehr intelligent und kann dadurch seine Ideen durchsetzen, doch was war das bisher? Wir haben diese blöden Rillenreifen, wir haben weniger breite Autos die aussehen wie Formel-3-Autos und jetzt kriegen wir auch noch ein kleines Motörchen rein. Was soll das denn? Die Formel 1 geht doch völlig in die falsche Richtung. Die Formel 1 muss das Größte, Schnellste und Beeindruckendste sein. Wir müssen dort ansetzen, wo das Problem liegt und das liegt in den schnellen Kurven. Wenn die Motorradfahrer auf den Geraden 20 Stundenkilometer schneller sind als Formel-1-Autos, dann kann das Problem doch nicht bei der Geschwindigkeit auf den Geraden liegen."

Gut durchdachtes Reifenreglement ein Ansatzpunkt

Frage: "Die Reifen haben den größten Einfluss auf die Rundenzeiten. Eine zusätzliche Rille oder nur zwei Reifensätze pro Rennwochenende? Sind das ihrer Meinung nach die richtigen Ideen?"
Surer: "Die Reifen bieten zu viel Haftung. Dadurch werden die Bremswege sehr kurz. Man kann heute mit 100 Kilogramm auf die Bremsen hauen, ohne dass die Reifen blockieren, weil die Reifen so weich sind. Durch die Reifen brechen jetzt auch Aufhängungen, weil man zu viel Haftung überträgt und die Aufhängungen es einfach nicht aushalten."

"Man muss ein neues Reifenreglement gut durchdenken. Ein Reifensatz für das Rennen wäre eine Möglichkeit. Es ist wichtig, dass die Teams im Training Sätze zum Verbraten haben. Wenn man im Rennen mit nur einem Reifensatz fahren darf und gebrauchte Reifensätze als Sicherheit zur Reserve hat, dann kann man sicher sein, dass sie mit harten Reifen fahren, da sie diese auch in der Qualifikation verwenden müssen. Dadurch würde man schon einmal viel Speed rausnehmen."

"Aber man darf die Reifen nicht für das ganze Wochenende wie bei der Motorenregel limitieren, sodass dann keiner mehr fährt. Zudem muss man sicher stellen, dass die Reifenwahl an diesem Wochenende getroffen wird und nicht schon bei Testfahrten, bei denen die Reifentests unglaublich viel Geld verschlingen. Dadurch würde auch mehr gefahren werden. Man muss die Teams zwingen, die Reifentests am Wochenende zu fahren."

Ist die Ein-Motoren-Regel fair oder unfair?

Frage: "Die Kosten sind ebenfalls ein großes Thema in der Formel 1. In Hockenheim startete Jenson Button vom 13. Platz, weil bei ihm der Motor gewechselt werden musste, im Rennen wurde er Zweiter. BAR-Honda ist fest überzeugt, dass man das Rennen hätte gewinnen können, wenn Button von Platz zwei losgefahren wäre. Ist eine solche Kostenersparnis mit solchen Bestrafungen mit dem Geist der Formel 1 zu vereinbaren?"
Surer: "Gut, wenn man ein Reglement macht, dann muss man auch konsequent sein, wenn sich einer nicht daran hält. Das Reglement besagt nun einmal, dass man mit einem Motor ein ganzes Rennwochenende lang durchfahren muss. Da es ja die meisten schaffen, es aber außer Ferrari ganz offensichtlich jeden einmal trifft, dass man den Motor wechseln muss, das Reglement in ist Ordnung. Jeder hat es geschafft, zuverlässige Motoren auf die Beine zu stellen, selbst Hersteller, von denen man das nicht für möglich gehalten hätte."

"Es muss auch eine Strafe geben, wenn der Motor gewechselt werden muss. Man kann sich natürlich fragen, warum der Fahrer bestraft wird. Jetzt, wo die Markenwertung immer wichtiger wird, könnte man sagen, dass derjenige, bei dem der Motor gewechselt werden muss, keine Punkte für die Teamwertung mehr bekommt. Man sollte nicht unbedingt die Fahrer sondern die Teams bestrafen. Oder man führt eine gesonderte Motorenwertung ein, sodass der Hersteller bestraft wird. Es stört im Moment ein wenig die Tatsache, dass der Fahrer bestraft wird. Aber auf der anderen Seite braucht man eine Strafe, sonst würde ja jeder den Motor wechseln."

"Was man auch machen könnte: Man könnte einen Motorwechsel im Jahr freigeben, ohne dass man eine Strafe bekommt. Diese Möglichkeit empfinde ich als absolut legitim, dass man sagt, gut, einmal im Jahr kann das passieren. Wenn das beispielsweise Michael Schumacher ausgerechnet bei seinem Heimrennen in Hockenheim passiert wäre, hätte man sagen können, gut, ein Mal kann man auf die Zurückversetzung um die zehn Plätze nach hinten verzichten. Das wäre sicherlich eine Lösung, mit der jeder leben könnte. Aber Strafe muss sein, es ist nur die Frage, ob es den Fahrer treffen sollte. Es darf jedoch nicht soweit kommen, dass man aus strategischen Gründen den Motor wechselt. Denn dann kommt man wieder sehr schnell zu den Qualifikationsmotoren."