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Strategiegruppe London: So werden die Formel-1-Finanzen reformiert

Weniger Geld für die Topteams, kein Williams-Bonus mehr, Liberty muss mehr ausschütten als bisher: Dieser Vorschlag soll heute in London diskutiert werden

(Motorsport-Total.com) - Die Geldrangliste 2019 ist ein Symptom für vieles, was in der Formel 1 schiefläuft. Denn Ferrari, immer noch überlegen Branchenkrösus, obwohl 2018 nur WM-Zweiter, bekommt alleine an Bonuszahlungen (114 Millionen US-Dollar) mehr als alle anderen Teams insgesamt (mit Ausnahme von Mercedes und Red Bull). Kein Wunder, dass die Schere zwischen Arm und Reich auf der Strecke immer weiter auseinandergeht.

Chase Carey

Chase Carey hofft, dass es heute in London Entscheidungen geben wird Zoom

Heute tagt in London die Strategiegruppe der Formel 1, in der Rechteinhaber Liberty Media, die FIA und die Teams je sechs Stimmen kontrollieren. Bei diesem Meeting soll im Idealfall beschlossen werden, worüber hinter den Kulissen schon seit einem Jahr verhandelt wird: eine Budgetobergrenze und eine Neustrukturierung der Einnahmenverteilung.

Die Formel-1-Chefs Chase Carey und Ross Brawn haben genug diskutiert. Insider gehen davon aus, dass sie heute konkrete Vorschläge auf den Tisch legen werden, die ab 2021 kommen. Liberty und die FIA würden diese zur Not auch ohne Zustimmung der Teams durch die Strategiegruppe prügeln können. Doch die Teams scheinen ohnehin kompromissbereit zu sein.

Ein letzter Vorstoß, vielleicht doch noch die Idee einer "Piratenserie" zu beleben, ist kürzlich bei einem mysteriösen Treffen in Gstaad gescheitert. Toto Wolff zum Beispiel sieht gerade "Schwung" im Prozess, betont, dass Mercedes an einer Budgetobergrenze "interessiert" sei ("in der richtigen Höhe") - und sagt: "Was ich derzeit höre, stimmt mich optimistisch."

Finale Budgetobergrenze soll 2023 stehen

Laut Informationen von 'Motorsport-Total.com' sollen heute folgende Vorschläge unterbreitet werden: Erstens eine Budgetobergrenze. Für 2021 ist ein erster Schritt geplant, 2023 soll die endgültige "Ausbaustufe" erreicht werden. Zuletzt wurde von einem Abschmelzmodell berichtet, das von 180 über 165 auf 135 Millionen Dollar pro Saison verlaufen könnte.

Der Schlüssel dazu, die Teams dafür zu begeistern, lag in den Ausnahmen, die Liberty in Aussicht gestellt hat. So werden zum Beispiel die Gagen der Fahrer nicht eingerechnet, was Christian Horner in der Vergangenheit kritisiert hat. Und auch die bestbezahlten Angestellten der Teams, man denke etwa an Designgenies wie Adrian Newey, fallen nicht unter die Budgetobergrenze.

2020 können die Teams noch ausgeben, was sie sollen. "Und das werden sie auch", befürchtet ein Insider, der aus diesem Grund dafür wäre, die Einführung der Budgetobergrenze auf 2020 vorzuziehen. Stattdessen ist ein Übergangsjahr geplant: Die Kontrollmechanismen sollen, quasi "zum Üben", bereits greifen. Aber Verstöße dagegen werden noch nicht geahndet.


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Zweitens: Schon mehr gespießt hat sich das Ausverhandeln der Vorschläge im Bereich Einnahmenverteilung. Ferrari, das vorweg, soll weiterhin einen auf 40 Millionen Dollar reduzierten Bonus als längstdienendes Team erhalten. Dieser liegt aktuell bei 73 Millionen pro Saison. Alle anderen Boni sollen entweder abgeschafft oder klarer strukturiert werden, damit die Kluft zwischen Arm und Reich kleiner wird.

Ein Beispiel: Den sogenannten "Heritage-Bonus" von zuletzt zehn Millionen Dollar pro Jahr, den Williams eingestreift hat, soll es nach Libertys Vorschlag nicht mehr geben. Weil dieser im Grunde genommen ein Geschenk von Bernie Ecclestone an seinen alten Freund Frank Williams war. Doch solche fragwürdigen Konstellationen darf es unter Liberty nicht mehr geben.

Unverändert bleibt, dass der Sieger der Konstrukteurs-WM des Vorjahres mehr erhält als der Letzte. Aus dieser sogenannten "Column 2" bekommt Mercedes 2019 als Weltmeister 66 Millionen Dollar, Williams nur 15. Die Diskrepanz dieser Säule soll verringert werden. Der Letzte wird immer noch weniger bekommen als der Erste. Aber der Unterschied wird weniger eklatant sein.

In Kombination bedeutet das vor allem für die großen Teams, dass sie den Gürtel enger schnallen müssen. Liberty musste Ferrari, Mercedes und Co. insofern entgegenkommen, als ab 2021 insgesamt ein höherer Prozentsatz vom EBITDA (Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen) ausgeschüttet werden soll. Sonst hätten die großen Drei nicht zugestimmt.

Prozentual weniger für die Großen, mehr für die Kleinen

Das bedeutet: Liberty gibt insgesamt mehr von den Einnahmen der Formel 1 in den Topf, der unter den Teams aufgeteilt wird, und verdient selbst prozentual gesehen weniger. Die Topteams erhalten prozentual gesehen weniger aus dem Topf, die kleinen Teams mehr. Aber: "Wenn Liberty ein paar hundert Millionen mehr Einnahmen generieren kann, verdienen wir genauso viel wie früher", sagt ein Vertreter eines Topteams.

Während die großen Eckdaten also weitgehend geregelt scheinen, steckt der Teufel im Detail. Die Überprüfung der Budgetobergrenze zum Beispiel ist ein Thema, das den Verantwortlichen schon Kopfschmerzen bereitet, seit es diskutiert wird. Und da gibt es bisher auch noch keine zufriedenstellenden Antworten.

Mattia Binotto und Toto Wolff

Mattia Binotto und Toto Wolff werden am heutigen Meeting teilnehmen Zoom

Einer befürchtet: "Das Problem ist Ferrari, die ja in ihrem Konzern keine eigene Kostenstellenrechnung für das Rennteam haben. Das heißt, die haben die Möglichkeit der Verschleierung auf relativ einfacher Basis." Es gebe jetzt zwar Kontrollmechanismen. Da habe Liberty aber noch keine Details auf den Tisch gelegt.

Während sich die großen Teams inzwischen damit arrangiert zu haben scheinen, dass die finanziellen Rahmenbedingungen anders werden, ist die Freude bei den kleinen Teams groß: "So haben die smarten Jungs auch eine Chance, nicht nur die reichen. Die reichen Jungs bekommen sowieso immer die schönsten Mädels. Lasst den smarten Jungs auch mal eine Chance", grinst etwa Racing-Point-Teamchef Otmar Szafnauer.

Für Toto Wolff steht und fällt alles mit drakonischen Strafen im Falle von Verstößen gegen die Budgetobergrenze: "Es muss ein Strafenkatalog aufgestellt werden für den Fall eines absichtlichen Regelverstoßes", sagt er im Interview mit der 'Frankfurter Allgemeinen Zeitung'. "Das alles zu formulieren ist sehr komplex. Da sehen wir die größten Schwierigkeiten bei der Umsetzung."

Übrigens: Die Strategiegruppe der Formel 1, die heute in London tagt, ist für sich genommen kein beschlussfähiges Gremium der Formel 1. Aus der Strategiegruppe müssen alle Vorschläge erst noch von der Formel-1-Kommission und dem FIA-Motorsport-Weltrat abgesegnet werden. Das ist aber in der Regel reine Formsache.

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