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Spannung oder Sicherheit? Eine Frage, die die Formel 1 spaltet

Während Niki Lauda Piloten will, die froh sind, überlebt zu haben, durstet es Aktive nach Nervenkitzel - Strecken, Regeln oder "neue DNS" schuld an Monotonie?

(Motorsport-Total.com) - Wer in den Anfangsjahren des Grand-Prix-Rennsports sein Geld hinter dem Volant verdiente, war gut beraten, seinen Nachlass zu regeln und sich nicht im Streit von seiner Ehefrau zu verabschieden. Tödliche Unfälle waren an der Tagesordnung. Ein Zustand, von dem die Formel 1 heute trotz der Tragödie um Jules Bianchi Lichtjahre entfernt ist. Über das gestiegene Maß an Sicherheit sind alle im Zirkus froh - doch Niki Lauda warnt vor den Folgen, die Piloten bangen um den Nervenkitzel.

Max Verstappen

Auf Stadtkursen crasht es sich schneller - doch macht das die Formel 1 besser? Zoom

Denn die Rennlegende aus Österreich hat beobachtet, dass sich mit dem kleineren Risiko auch die Typen gewandelt haben, die ins Cockpit steigen. "Damit haben die Fahrer nicht mehr den Biss, den wir haben mussten, selbst zu kämpfen, ganz alleine gegen die Gefahr erfolgreich zu sein", erklärt Lauda bei 'ServusTV' und vergleicht aktuelle Stars mit seiner Generation. Wir mussten uns mit dem Tod auseinandersetzen. Wir wollten das machen. Wenn ich draufgehe, habe ich halt Pech gehabt."

Es habe in früheren Jahrzehnten die Freude überwogen, ein Monster auf vier Rädern im absoluten Grenzbereich zu beherrschen, seine Leidenschaft zum Beruf zu machen und mit dem Hobby Geld zu verdienen, wovon andere nachts nicht zu träumen wagen. "Heute kann jeder mit Frau, Kind, Eltern und Hunden hierherkommen und mitfahren", bemerkt Lauda, "denn passieren kann ihm relativ wenig oder gar nichts." Damit seien die Tage der Husaren und der Draufgänger gezählt.

Die Tage der Playboys und der Zockertypen sind gezählt

Statt Playboys mit Hang zum Jetset-Leben prägen die Szene fast biedere Familienväter, statt von Geschwindigkeit besessener Zockertypen fahren in Medienarbeit geschulte Ingenieure, die strikte Diäten einhalten. Lauda sagt, alles sei "verschwommen" und bedauert das offenbar. "Die Fahrer haben jetzt Manager, sind ganz andere Typen, weniger Charaktere. Sie sind ganz normale, nette Menschen, im wahrsten Sinn des Wortes", findet der Aufsichtsratsboss des Mercedes-Teams.


Fotostrecke: Tödliche Unfälle in Formel-1-WM-Rennen

Das heißt aber nicht, dass sich die Aktiven keinen Nervenkitzel wünschen würden. Der neue Kurs in Baku, auf dem Tempo 350 km/h zwischen Betonmauer und ohne riesige Auslaufzonen möglich ist, lässt manches Herz höher schlagen. "Da hatte ich tonnenweise Adrenalin", meint Toro-Rosso-Mann Daniil Kwjat. "Ich war ständig am Limit und dachte: 'Wenn ich in dieser Kurve einen Fehler mache, werde ich dafür bestraft.' Aber ich bin in dieser Frage vielleicht etwas altmodisch."

Das gibt den wahren Kick: Tuchfühlung mit Mauern bei Tempo 350

Daniil Kwjat

Harter Hund: Daniil Kwjat hat seinen Spaß, wenn die Mauern drohen Zoom

Denn nicht jeder denkt so wie der junge Russe. Williams-Routinier Felipe Massa, der bei seinem Unfall in Ungarn vor einigen Jahren der Lebensgefahr ins Auge blickte, findet keinen Gefallen daran, dass Fahrfehler zwangsläufig mit einem Haufen Kleinholz enden. "Wir haben so hart an der Sicherheit gearbeitet, dass wir nicht alles aufgeben dürfen, nur damit es wieder mehr Risiko gibt", moniert der Brasilianer. Obwohl er sein Auto in Baku in der Mauer versenkte, teilt Red-Bull-Pilot Daniel Ricciardo die Kritik nicht und winkt lässig ab: "Der Aufprall fühlte sich gar nicht hart an."

Dem Australier schmeckt es sogar, dass sein Patzer im Freien Training gravierende Konsequenzen hatte. Die als "Parkplätze" verspotteten neuen Formel-1-Strecken mit gigantischen, asphaltieren Auslaufzonen nerven ihn, weshalb er von Stadtkursen schwärmt: "Sie verschaffen den größten Kick. Jetzt gibt es eine gute Balance: Man läuft Gefahr, einen Unfall zu bauen, aber dabei ist die Sicherheit nicht gefährdet", so Ricciardo. Die Rechnung hat auf den zweiten Blick einen Haken.

Einige meinen: Sicherheit muss oberste Priorität haben

Gibt es wieder mehr Unfälle, bei denen Boliden beschädigt werden, wird es zwangsläufig eines Tages zu einer Verkettung unglücklicher Umstände kommen, bei denen ein Leben gefährdet wird. Zu unvorhersehbar sind Szenarien wie das des Bianchis-Crashs mit einem Wagen, der unter ein Bergungsfahrzeug rauscht. Oder das des Massa-Unfalls mit einer Sprungfeder, die zum Geschoss wird. Außerdem ist die Frage nach der Sicherheit auch eine, die mit Philosophie zu tun hat.


Fotostrecke: Horrorcrash in Melbourne: Alonso & Gutierrez

"Wenn man etwas für die Sicherheit tun kann, dann muss man es. Man kann es nicht sein lassen, damit etwas spannender wird", schüttelt Kevin Magnussen den Kopf, um gleich darauf eher Herz als Verstand zu Wort kommen zu lassen. "Es gibt keinen Grund zu leugnen, dass Bahnen mit mehr Risiko die sind, die mehr Spaß machen. Das werden die meisten Fahrer genau so bestätigen." Selbst dem überzeugten Nervenkitzel-Junkie Kwjat gehen radikale Maßnahmen aber zu weit: "Man kann nicht überall eine Mauer aufbauen, um für Spannung zu sorgen. Es geht um Kompromisse."

Andere sagen: Nervenkitzel und Risiko machen mehr Spaß

Robert Kubica

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Kiesbetten könnten so ein Mittelweg sein. "Damit wieder die Fahrer belohnt werden, die weniger Fehler machen", unterstreicht Massa. Sicherheit und Spannung müssten sich gegenseitig aber nicht ausschließen, ergänzt Ricciardo. "Austin ist dafür ein tolles Beispiel", fällt ihm ein. Denn in Texas erlauben viele Kurven verschiedene Techniken, ohne dabei Zeit zu verlieren. "Ich sehe mir viel Motocross an. Dort gibt es ganz unterschiedliche Linienwahl und in der Formel 1 gibt es auch die Möglichkeit, damit zu spielen", erklärt der Red-Bull-Pilot, "und trotzdem bliebe alles sicher."

Doch sind die Strecken das einzige Problem der modernen Königsklasse? Kimi Räikkönen ist nicht dieser Meinung und glaubt, dass es keine Millioninvestitionen in neue Anlagen mehr gäbe, wenn Mauern am Fahrbahnrand die Voraussetzungen wären. "Logisch, man will mehr Überholmanöver sehen, aber es gibt viele Regeln und diesen ganzen Kram", bläst der Finne die Backen auf, wenn er an den umklappbaren Heckflügel namens DRS sowie diverse Novellen der Reifenbestimmungen denkt. Räikkönen fragt sich: "Hat sich damit wirklich etwas verändert? Ich glaube nicht."


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Niki Lauda plädiert dafür, das Fahren von Formel-1-Autos wieder zur physischen Herausforderung zu machen. "Die Fahrer müssen auf dem Podium verschwitzt sein und sich überlegen, dass sie gerade den Grand Prix gewonnen und überlebt haben, mit einer riesigen Emotion", wünscht sich die Rennlegende aus Wien, die einen Feuerunfall 1976 auf dem Nürburgring nur knapp überlebte. Er setzt auf die Aerodynamik-Regeln für die Saison 2017. "Wenn das nächstes Jahr der Fall ist, dann wird es besser." Aber wohl nicht gefährlicher. Womit einige liebäugeln, was aber keiner will.

Red-Bull-Motorsportberater Helmut Marko, der 1972 bei einem Unfall ein Auge und seine Karriere verlor, unterstreicht: "Die Formel 1 hat immer davon gelebt, dass ein Risiko da ist. Gott sei Dank ist dieses Risiko heute minimal. Ein Skifahrer lebt wesentlich gefährlicher als ein Autorennfahrer." Auch Lauda selbst scheint froh, dass die Tage, an denen aus Ehefrauen Witwen wurden, gezählt sind: "Damit müssen die Zuschauer zurechtkommen", meint er und kennt die Kehrseite der Medaille: "Wenn die DNS vor lauter Sicherheitsdenken komplett verloren geht, wird das Zuschauerinteresse weniger."

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