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"Simulatorgate" um Oscar Piastri: Wer sagt die Wahrheit und wer lügt?

Hat sich Oscar Piastri im Simulator noch für seine Beförderung bei Alpine bedankt? Die "bizarre" und "ärgerliche" Geschichte wirft Rätsel auf: Wer lügt?

(Motorsport-Total.com) - Tja, wie war das nun mit Oscar Piastri? Zwar hat das Urteil des Contract Recognition Boards etwas Licht in das Dunkel der zeitlichen Abläufe gebracht und uns etwa verraten, dass der Vertrag von Piastri mit McLaren schon am 4. Juli geschlossen wurde, trotzdem erzählt jede Seite ihre eigene Geschichte rund um die Abläufe.

Oscar Piastri

Oscar Piastri ist mit dem Vorgehen von Alpine nicht einverstanden Zoom

Nachdem er seine Beförderung zum Stammfahrer bei Alpine dementiert hatte, geriet Oscar Piastri bei einigen schnell in ein schlechtes Licht. Denn statt sich über sein bevorstehendes Formel-1-Debüt zu freuen, fiel er nach Ansicht einiger Leute seinem Stammteam und Förderer in den Rücken. Mittlerweile weiß man aber, dass Alpine keinen gültigen Vertrag für 2023 besaß.

Warum Piastri den Wechsel angestrebt hat, erzählt er gegenüber 'formula1.com': "Sie haben öffentlich gesagt, dass sie mit Fernando [Alonso] zumindest noch ein oder zwei Jahre weitermachen wollen", sagt Piastri. "Das respektiere ich." Und weil Esteban Ocon einen langfristigen Vertrag mit Alpine besitzt, schien die Tür für Piastri zu zu sein.

Piastri hatte seine Hoffnungen auf ein Cockpit für 2023 bei Alpine gesetzt, doch "fehlende Klarheit", fehlendes Vertrauen" und "ein seltsames Gefühl bei den Verhandlungen" ließen ihn glauben, dass es nicht die richtige Entscheidung wäre, bei Alpine zu bleiben.

Und das sollte sich mit dem weiteren Verlauf der Saga für ihn bestätigen. Denn Piastri und sein Management hätten dem Team zweimal mitgeteilt, dass er 2023 nicht für Alpine fahren werde. Trotzdem gab der Rennstall Piastri nach dem Wechsel von Alonso zu Aston Martin als Stammfahrer für 2023 bekannt, was dieser zu seinem Ärger dementieren musste.

"Es war ziemlich ärgerlich, da die Ankündigung falsch war und mir außerdem die Möglichkeit genommen wurde, mich von allen in Enstone gebührend zu verabschieden", sagt er. "Ich war jetzt seit etwas mehr als zweieinhalb Jahren im Team, und für den Rest des Teams war es sehr erschütternd, auf diese Art und Weise zu erfahren, dass ich gehen würde."

Piastri ärgert Simulator-Vorfall

Diesbezüglich war es zuvor schon zu einer aus Sicht Piastris "bizarren" und "ärgerlichen" Situation mit Teamchef Otmar Szafnauer gekommen. Dieser hatte gemeint, dass er zu Piastri in den Simulator gekommen sei, um ihm zu seiner Beförderung zu gratulieren. Dabei habe der Australier gelächelt und sich dankbar gezeigt.

Doch das möchte der zukünftige McLaren-Pilot jetzt richtigstellen: "Dies geschah öffentlich vor einigen Mitgliedern des Teams, die von der Situation nichts wussten, und ich wollte vor ihnen keine Szene machen", erklärt er.

Unter vier Augen habe Piastri Szafnauer dann noch einmal seine Situation mitgeteilt. "Von daher war ich dann überrascht, dass sie diese Ankündigung gemacht haben", sagt er. Zumal auch McLaren das Management von Alpine über Geschäftsführer Zak Brown und Teamchef Andreas Seidl von der Situation in Kenntnis gesetzt hatte, wie Seidl verrät.

Szafnauer: "Habe dich nie angelogen"

Von unserem Chefredakteur Christian Nimmervoll auf die Aussagen Piastris zu der Szene im Simulator angesprochen, hat Teamchef Szafnauer eine andere Ansicht: "Ich habe dich noch nie angelogen und werde es auch nie tun", betont er und bleibt bei seinen Aussagen.

"Oscar saß im Simulator. Als er seine Simulator-Sitzung beendet hatte, ging ich zu ihm und erzählte ihm von der Verkündung und gratulierte ihm. Und er lächelte und sagte danke", so Szafnauer. Eine Gruppe von Leuten habe er dabei nicht gesehen: Nur er, Piastri und ein Simulatortechniker seien im Raum gewesen.


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"Aber wenn du jemals einen Simulator gesehen hast, dann ist das ein ziemlich großer Raum", sagt der Teamchef. "Und wir sind zu dritt in diesem Raum. Es war also keine Gruppe von Leuten. Es war nicht bizarr, und er lächelte und bedankte sich."

Laut ihm sei eine Vertragsunterschrift bei McLaren zu der Zeit auch nur "Mutmaßung" gewesen. "Wir wussten genau, was Oscar bei uns unterschrieben hatte, und das wollten wir weiter verfolgen", sagt er. Daher habe man auch die Ankündigung vollzogen, bis seitens Piastri das schriftliche Dementi folgte. "Und dann haben wir angefangen, über das CRB zu ermitteln."

Wer ist verantwortlich?

Die Frage ist aber noch immer, wer im Management von Alpine die entscheidenden Fehler begangen hat, die dazu geführt haben, dass das Team für 2023 nun ohne Alonso und Piastri dasteht. Fakt ist, dass Alpine lediglich einen "Termsheet" mit Piastri vereinbart hatte, der zwar eine verbindliche Grundlage für einen späteren Vertrag bildet, aber eben kein Vertrag ist. Das wurde Alpine zum Verhängnis.

Das Papier wurde noch im November 2021 ausgehandelt - also bevor Szafnauer von Aston Martin zu Alpine gewechselt war. "Es ist leicht, Menschen zu beschuldigen, die nicht mehr hier sind. Aber das ist nicht mein Stil", will er nicht mit dem Finger auf andere zeigen. "Das Richtige ist, sich anzusehen, was passiert ist, zu verstehen, wo die Mängel lagen, und sie für die Zukunft zu beheben."

Otmar Szafnauer

Otmar Szafnauer ist bei Alpine für die Fahrerverträge verantwortlich Zoom

Doch wer trägt dann die Verantwortung? Renault-Geschäftsführer Luca de Meo? "Luca kümmert sich nicht um die alltäglichen Dinge im Team. Nicht einmal annähernd", betont Szafnauer. "Er legt die großen Ziele fest und stellt uns die Ressourcen zur Verfügung, die wir brauchen, um diese Ziele zu erreichen. Und das ist seine Aufgabe."

Okay, also dann vielleicht Alpine-CEO Laurent Rossi? "Laurent kümmert sich hauptsächlich um die Marke Alpine, die wir aufbauen und mit der wir gute Arbeit leisten", winkt Szafnauer ab.

Nicht der erste Vertragsstreit von Szafnauer-Team

Dann scheint also doch Szafnauer die Verantwortung zu tragen: "Ich kümmere mich um das Team, um das Tagesgeschäft, einschließlich der Vertragsverhandlungen mit den Fahrern", sagt er. "Das werde ich auch in Zukunft nach bestem Wissen und Gewissen tun. Und ich kann versichern, dass diese Dinge, sobald wir rückblickend darauf schauen, behoben sein werden."


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Interessant dabei: Es ist nicht das erste Mal, dass Szafnauer in einen solchen Fall verstrickt wird. Denn auch als sich 2005 zwei Teams um Jenson Button stritten, war Szafnauer dabei. Szafnauer war damals in der Geschäftsführung des Honda-Teams, von dem Button zu Williams wechseln wollte. Damals entschied das CRB für Honda.

"Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass das passiert? Es kann nur passieren, wenn man 25 Jahre lang in der Formel 1 ist", sagt Szafnauer und betont, dass das "zwei völlig unterschiedliche Situationen" seien. "Und im Fall Honda war ich auf der Gewinnerseite."