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Sieg weggeschmissen: Hamilton hatte es "ein wenig zu eilig"

Mercedes-Pilot Lewis Hamilton schildert, wie es zu seinem Fehler beim Überrunden in Kurve 7 kommen konnte und wie er danach dennoch auf das Imola-Podium fuhr

(Motorsport-Total.com) - In Runde 31 des Grand Prix der Emilia-Romagna schien das Rennen für Lewis Hamilton schon beendet zu sein. Der Mercedes-Pilot verschätzte sich in der Überrundungsphase auf teilweise noch nasser Strecke und rutschte in der Tosa-Kurve über das Kiesbett ins Abseits. Erst nach einer gefühlten Ewigkeit konnte er den angeschlagenen W12 zurück an die Box bringen - am Ende wird er dennoch Zweiter.

Lewis Hamilton

Lewis Hamilton verarbeitete in der Unterbrechung seinen Fehler Zoom

"Das war nicht der großartigste Tag von meiner Seite", muss Hamilton nach dem Rennen zugeben. "Zum ersten Mal seit langer Zeit habe ich einen Fehler gemacht", nimmt er den Ausrutscher auf seine Kappe. "Aber ich bin froh, dass ich das Auto noch ins Ziel gebracht habe."

Was war passiert? Nach einer nassen Anfangsphase des Rennens, in der Hamilton die Führung gleich in der Tamburello-Variante mit einem harten Manöver an Red-Bull-Konkurrenten Max Verstappen verloren hatte, wechselten die Piloten aufgrund der auftrocknenden Bedingungen ab Runde 27 auf Slicks.

Wolff: "... dann war der Sieg weg"

Der Brite holte sich in Runde 29 frische Medium-Reifen ab, allerdings spülte ihn der verkorkste Boxenstopp mit vier Sekunden Standzeit (Rad rechts vorne klemmte) mit 2,5 Sekunden Rückstand hinter Verstappen auf die Strecke zurück. Just in jener Phase des Rennens standen für die Spitze auch die ersten Überrundungen an.

Zwischen dem in Führung liegenden Red Bull und dem Mercedes lagen mit Kimi Räikkönen (Alfa Romeo), George Russell (Williams), Mick Schumacher (Haas), Lance Stroll (Aston Martin) und Valtteri Bottas (Mercedes) gleich fünf Nachzügler. Der Brite wollte so schnell wie möglich an allen vorbei, um den Anschluss nicht zu verlieren.

"Es gab nur eine trockene Linie, und ich denke, ich hatte es einfach ein wenig zu eilig, an allen vorbeizugehen." In Kurve 7 angekommen, war Hamilton bereits am Alfa Romeo und Haas vorbeigegangen. Als nächstes stand sein Mercedes-Kollege Russell im Williams zur Überrundung an.

Hamilton setzte auf der Innenseite der Linkskurve an, kam dabei von der trockenen Ideallinie auf den noch nassen Asphalt. Dadurch rutschte er von der Piste hinein ins Kiesbett. "Ich konnte sehen, dass es nass war und habe noch versucht, das Auto abzufangen, aber das ging nicht."

Die Slick-Reifen fanden keinen Grip, weshalb er durchs Kiesbett bis an die Bande ratterte. "Natürlich war es heute knifflig, mit dem Medium zu überholen. Dann ist er - wieder mit dem George leider, aber da kann er nichts dafür - auf die nasse Linie geraten und dann war der Sieg weg", analysiert Toto Wolff im 'ORF'.

Der Österreicher gesteht, dass er im Moment des Geschehens "nicht so erfreut" über die Aktion von Hamilton war. "Das war ein Fahrfehler von Lewis, nämlich mit rutschenden Vorderreifen aufs Trockene hinrutschen. Da muss man aufpassen und wieder auflenken", erklärt ORF-Experte Alexander Wurz.

"Oh Gott, jetzt habe ich Scheiße gebaut"

Nachsatz: "Wir haben einen mehrfachen Champion gesehen, der auch Nerven zeigt und Fehler macht." Ralf Schumacher stimmt seinem Kollegen in dieser Einschätzung am 'Sky'-Mikrofon nicht hundertprozentig zu: "Das war kein Fehler. Er war ein bisschen übereifrig, aber es hätte auch gutgehen können."

Der Deutsche ist davon überzeugt, dass ein Fahrer vom Format eines siebenfachen Weltmeisters im ersten Moment bereits wusste, was ihm blühen würde. "In dem Moment, wo er da rüberfährt und das Nasse erwischt, da wusste er schon: 'Oh Gott, jetzt habe ich Scheiße gebaut'. Das passiert."

Auch einem der dominantesten Piloten der vergangenen Jahre könne so ein Schnitzer eben einmal unterlaufen. So sieht das auch der Brite selbst: "Wir sind alle nur Menschen. Von diesem Fehler kann ich lernen. Ich war einfach froh, dass ich weiterfahren und das Rennen wieder aufnehmen konnte."


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Denn: "Ich dachte definitiv nicht, dass ich heute noch hier [in der Pressekonferenz] sitzen würde, als ich in die Bande gekracht bin", schmunzelt er und erklärt, warum er eine gefühlte Ewigkeit im Kiesbett von Kurve 7 im Stillstand verharrte: "Der Rückwärtsgang ging einfach nicht rein."

"Ich habe den Knopf gedrückt, aber es hat ewig gedauert. Ich dachte schon gar nicht mehr, dass es noch klappen würde." Zunächst fuhr er kurz rückwärts, um mit einem kleinen kontrollierten Dreher auf die Seitenstraße zu kommen, das ging jedoch schief.

"Ich habe versucht, umzudrehen, und dann einen Burnout-Dreher zu machen. Doch da steckte ich gleich wieder in der Bande." Der Mercedes dreht sich nicht wie von Hamilton intendiert nach links, sondern fuhr geradeaus in die Begrenzung, wodurch sein Frontflügel endgültig demoliert wurde.

"Würde wohl immer noch dort stehen, wenn ..."

"Dann hat es wieder lange gedauert, bis ich im Rückwärtsgang war. Daher bin ich einfach rückwärts rausgefahren. Hätte ich das nicht gemacht, würde ich jetzt wohl immer noch dort stehen." Er rollte behutsam über das gesamte Kiesbett rückwärts zurück auf die Strecke und fuhr im Schongang an die Box.

Die Stoppuhr zeigt: Insgesamt hat Hamilton durch die Aktion eine ganze Minute verloren. Er lag dadurch eine Runde hinter dem restlichen Feld. "Als ich wieder weiterfahren konnte, habe ich sehr viel Erleichterung gespürt. Aber natürlich wusste ich, dass ich minutenlang im Kies festgesteckt bin."

Der 36-Jährige gibt zu, keine Ahnung gehabt zu haben, wie weit er zurücklag. "Als ich herausgefunden hatte, dass ich wirklich eine Runde hinten liege, wusste ich nicht, was ich tun würde." In jenem Moment war ihm nur klar, dass er so leichtfertig nicht aufgeben werde.

Lewis Hamilton

Am Ende feiert Hamilton Platz zwei - Schadensbegrenzung geglückt Zoom

"Als ich im Auto da saß in der Bande steckend, habe mich einfach dagegen verwehrt, zu denken, dass das Rennen jetzt vorbei ist. Ich wollte es nicht glauben, dass es das schon gewesen ist. Ich hätte das Auto auch einfach abstellen und aussteigen können, aber ich bin dankbar dafür, dass ich es nicht gemacht habe."

Denn just in jenem Moment, als Hamilton mit seinem angeschlagenen Mercedes an die Box zurückrollte, kollidierten Teamkollege Bottas und Russell nach Start-Ziel. Die Folge: Safety-Car und wenig später Rennabbruch. Das spielte dem Briten in die Karten.

An der Box holte er sich frischen Medium-Pneus und einen neuen Frontflügel ab, auf dem neunten Rang reihte er sich wieder ein. Während der Rotphase wenig später hatte er dann genügend Zeit, den Zwischenfall zu verarbeiten.

"Ärger in positive Energie umgewandelt"

"Ich habe versucht, diesen Ärger in positive Energie umzuleiten, damit ich wieder einsteigen und das Rennen wieder aufnehmen konnte. Das ist eine tolle Lektion, die mir geschenkt wurde." Hamilton war sichtlich verärgert und mitgenommen, er hockte sich nieder und reflektierte seine Performance.

"Ich habe versucht, dieses Gefühl zu überwinden, das man hat, wenn einem ein Fehler passiert ist. Ich wollte nach vorne schauen und schnell daraus lernen. Ich hatte aber nicht wirklich viel Zeit, um viel darüber nachzudenken. Ich musste zurück in diesen Renn-Spirit."

Genau das schaffte Hamilton wie kaum ein anderer Pilot. Er konnte von Platz neun aus Position um Position gutmachen. 20 Runden brauchte er schließlich um aufs Podium zu kommen. Er überholte Stroll, Daniel Ricciardo (McLaren), die beiden Ferrari-Piloten und schließlich auch noch Lando Norris (McLaren).

Mit seiner Aufholjagd habe Hamilton wieder einmal bewiesen, welch "überdimensional" guter Rennfahrer er sei, betont Wolff. Selbst der Mercedes-Teamchef schien im Laufe des Rennens nicht mehr an ein Podium zu glauben. "Ich dachte schon, das Rennen sei gelaufen. Aber Lewis ist wieder einmal unglaublich gefahren."

Mit seiner rasanten Jagd im letzten Stint habe er Mercedes am Sonntag "gerettet". Der WM-Führende selbst fühlte sich am Restart an seine Kindheit zurückerinnert: "So hat meine Karriere begonnen. Als Kind hatte ich ein schäbiges, altes Kart. Ich bin immer von ganz hinten gestartet, das hat mich heute an meine Wurzeln erinnert."

Und wie schon damals überflügelte er auch am Sonntag wieder fast die gesamte Konkurrenz. "Ich habe es geliebt", grinst er. "Wenn man im Leben mit einer Art von Widrigkeit konfrontiert wird [...], welch Hürde auch immer, dann ist es immer sehr viel befriedigender, wenn man die überwindet."

"Es sind nicht die Fehler, die einen definieren. Sondern wie man wieder aufsteht, wenn man hingefallen ist. Diese Dinge passieren aus einem bestimmten Grund", fügt Hamilton an. Es sei "unausweichlich" gewesen, dass im Rennen bei den Mischbedingungen etwas passieren würde, fügt er an.

Aber: "Man könnte sagen, dass wir da wirklich Glück hatten, das uns erlaubt hat, wieder ins Rennen und in dieselbe Runde zu kommen. Ich bin wirklich dankbar dafür." Am Ende holte er sich außerdem noch die schnellste Rennrunde ab, wodurch er die Führung in der Fahrer-WM um einen Punkt verteidigen konnte.

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