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Willi Weber: "Michael Schumacher wollte nicht zu Ferrari

Willi Webers Erinnerungen an das Jahr 2000: Warum Michael Schumacher beinahe nie bei Ferrari gelandet wäre und wie einfach sein Managervertrag gestrickt war

(Motorsport-Total.com) - Es ist nicht immer einfach, mit den Beteiligten eines sporthistorischen Ereignisses im Nachhinein über ihre Erinnerungen daran zu sprechen. Niki Lauda zum Beispiel fiel in unserem kürzlich veröffentlichten Interview über die Saison 1975 kaum noch eine der spannenden kleinen Storys auf dem Weg zu seinem ersten Ferrari-WM-Titel ein. Ganz ähnlich erging es uns beim Termin mit Willi Weber, in Erinnerung an Michael Schumachers ersten WM-Titel auf Ferrari in der Saison 2000.

Willi Weber und Michael Schumacher

Willi Weber war bis zum Ende der "ersten Karriere" Michael Schumachers Manager Zoom

21 Jahre nach Jody Scheckter gelang es Schumacher am 8. Oktober 2000 beim Grand Prix von Japan, wieder eine Fahrer-WM für Ferrari zu gewinnen. Und der Weg dorthin war spannend: Ein fantastischer Saisonstart mit drei Siegen in den ersten drei Rennen, das Stinkefinger-Rennen mit David Coulthard in Magny-Cours, das "Zonta-Sandwich" in Spa-Francorchamps, bei dem er gegen seinen großen Rivalen Mika Häkkinen den Kürzeren zog, und das eindrucksvolle Saisonfinish mit dem Höhepunkt des Titelgewinns in Suzuka. Ein Kapitel Sportgeschichte.

Einer, der maßgeblich daran beteiligt war, ist Willi Weber. Der Geschäftsmann hatte das Glück, den jungen Schumacher zur rechten Zeit zu entdecken, managte dessen Karriere und fädelte, wie er im exklusiven Interview verrät, gemeinsam mit Niki Lauda den Wechsel zu Ferrari ein. Sowohl Weber als auch Schumacher wurden in jenen Jahren zu Multimillionären. Wir haben versucht, jene denkwürdige Phase noch einmal zu rekonstruieren und neue Facetten zu beleuchten.

Enthüllung: Schumacher wollte gar nicht zu Ferrari!

Frage: "Herr Weber, Michael wechselte 1996 von Benetton zu Ferrari. Gerhard Berger schreibt in seiner Autobiografie, dass Ferrari 1996 eigentlich mit dem Team Prost/Berger geplant hatte, und dass es Niki Lauda war, der Michael zu Ferrari holte. Wie haben Sie die Verhandlungen im Jahr 1995 aus Ihrer Sicht erlebt?"
Willi Weber: "Das stimmt so nicht - weder das eine noch das andere. Wahr ist, dass ich mich mit Niki an der Rennstrecke getroffen habe. Da sprachen wir darüber, dass wir uns entscheiden müssen, wie es nach Benetton weitergeht."

"Michael war sehr angetan von McLaren. Ich wollte unbedingt zu Ferrari." Willi Weber

"Michael war sehr angetan von McLaren. Da lag ein Angebot vor. Ich wollte unbedingt zu Ferrari und habe mit Niki darüber gesprochen. Er war damals Berater und ich habe ihn gefragt: 'Kannst du nicht was tun? Nutz doch deinen Einfluss und schlag das mal vor.' Niki hat gesagt: 'Das ist eine saubere Idee, das gefällt mir. Werde ich machen.' Das war der erste Kontakt. Der zweite Kontakt ging dann schon über Jean Todt. Das erste Treffen mit ihm fand in seiner Wohnung in Paris statt, nur zwischen ihm und mir. Michael war da nicht dabei."

Frage: "Wie schnell kam es dann zur Vertragsunterzeichnung?"
Weber: "Relativ schnell. Es gab schon ein paar Hürden, die genommen werden mussten, und ohne Montezemolos Zusage ging natürlich nichts. Die musste noch eingeholt werden. Aber grundsätzlich waren alle einverstanden."

Frage: "Wenn Sie sagen, dass McLaren ein Thema war: Wegen Mercedes?"
Weber: "Der Einfluss war natürlich stark auf Michael. Er wollte unbedingt zu McLaren, weil es ein Siegerauto war. Wer wollte da nicht hin?"

Entscheidendes Gespräch auf dem Comer See

Frage: "Wie haben Sie es geschafft, ihn von Ferrari zu überzeugen?"
Weber: "Wir haben ein Boot gemietet und sind auf den Comer See rausgefahren. Da habe ich ihm die Vor- und Nachteile erklärt: 'Wenn du mit McLaren gewinnst, hast du einen Sieg eingefahren. Wenn du den Titel holst, wirst du gefeiert, aber in einem Jahr ist alles vergessen. Wenn du aber das Gleiche mit Ferrari schaffst, kannst du nach dem ersten Titel deinen Pass wegschmeißen (weil du sofort einen italienischen haben kannst; Erg. d. Red.).'"

"Michael war ein junger Mann, der kannte die Historie von Ferrari gar nicht." Willi Weber

"Michael war ein junger Mann, der kannte die Historie von Ferrari gar nicht. Für ihn war es damals das am leichtesten zu überholende Auto auf der Rennstrecke. Er hat gesagt: 'Willi, was willst du von mir? Die sind so langsam, das kann nicht wahr sein.' Aber ich konnte ihn davon überzeugen, dass seine Aufgabe nicht die ist, in ein fertiges Rennauto zu steigen, das ihm jeden Sieg ermöglicht, sondern dass er mit einem Team ein Auto aufbaut und mit diesem Team dann Siege und den Titel einfährt."

"Dann haben wir unterschrieben. Man hätte es sich auch einfacher machen können. Das war in einer Zeit, als Niki Lauda groß getönt hat, dass man auch einen Affen ins beste Auto setzen könnte. Da habe ich Michael gefragt, ob er mit einem Affen verglichen werden will, der Siege einfährt. Letztendlich konnte ich ihn davon überzeugen, was Ferrari ist und wie wichtig es ist, in diesem Team zu fahren und erfolgreich zu sein. Das hat dann auch funktioniert."

"Was nicht funktioniert hat, waren die ersten Rennen. Da ist in der Startaufstellung schon die Hinterachse rausgefallen, und so weiter - man kennt die Geschichten. Michael hat mich immer angeguckt: 'Ich wusste es doch!' Ich habe geantwortet: 'Jetzt warte doch, nimm dir Zeit.' Damals sind noch viele Dinge falsch gelaufen im Team, aber die hat er alle mit Jean Todt hingekriegt. Das Endergebnis kennen wir."

Keine Diskussionen nach Jerez 1997

Frage: "Michael gewann 1996 drei Rennen, mehr konnte man nicht erwarten. 1997 fuhr er schon um den WM-Titel, bis zum legendären Finale in Jerez. Gab es danach mal einen Moment, in dem sich Michael Ihnen offenbart hat?"
Weber: "Dafür war er viel zu cool. Unsere Beziehung war so eng, wir waren so stark miteinander verbunden - da gab's nicht viele Worte. Oft gab es ein Kopfnicken oder ein Augenzwinkern, mehr als Worte. Wir haben uns so gut verstanden, dass wir beide in die gleiche Richtung gedacht haben. Ich wusste, was er wollte, und er wusste, was ich wollte. Da gab's keine große Diskussion. Wir wollten einfach den Erfolg - und den haben wir später auch gekriegt."


Michael Schumacher bei Beckmann (2012)

Frage: "1997 planmäßig gescheitert, denn im zweiten Jahr des Dreijahresvertrags hätte man ohnehin noch nicht mit dem WM-Titel gerechnet. 1998 der dritte Versuch, gescheitert mit Reifenschaden in Suzuka - und da war zum ersten Mal eine Erwartungshaltung da und die Enttäuschung dementsprechend riesengroß, nicht wahr?"
Weber: "Ja. Das war fürchterlich. Wir hatten nach dem Rennen noch ein kurzes Erdbeben, das hat sein Übriges dazu getan. Ich hatte heimlich Mützen gemacht, die er entdeckt hat. Da war er ein bisschen sauer: 'Das sollst du doch nicht!' Michael war da ziemlich abergläubisch."

Frage: "Der Unfall in Silverstone 1999 war ein einschneidendes Erlebnis auf dem Weg zum ersten WM-Titel auf Ferrari. Michael hat den Unfall in einem TV-Interview mal als Nahtoderfahrung beschrieben. Wir haben Sie diesen Unfall erlebt?"
Weber: "Ich bin in der Box gestanden. Der Aufschlag war schon heftig, da macht man sich Gedanken. Als ich aber gesehen habe, dass er den Kopf und die Arme bewegt, war ich erleichtert. Der Beinbruch wurde ja erst viel später festgestellt, in der Klinik. Leider durfte nur Jean Todt hin, weil sie nur eine Person zugelassen haben. Wir standen aber in Funkverbindung, sodass ich wusste, was wirklich los war. Und ich war trotz Beinbruch natürlich erleichtert."

Schlüsselerlebnis: Tolles Comeback in Malaysia

Frage: "Dann gab es dieses Comeback in Malaysia, wo Michael alle anderen in Grund und Boden gefahren ist. War das der Schlüsselmoment, wo Sie wussten, das wird 2000 endlich klappen?"
Weber: "Ja. Wir waren technisch so weit. Michael war immer der Erste an der Strecke und der Letzte, der ging. Er hatte eine Art, alle um sich herum dermaßen zu motivieren, dass es gar kein anderes Thema mehr gab."

Michael Schumacher

In Malaysia 1999 deklassierte Michael Schumacher die Konkurrenz Zoom

"Wir holen den Titel! Das war im Kopf festgeschrieben, das war ein Muss - vom kleinsten Reifenmann bis hin zum höchsten Ingenieur hat jeder um seine Aufgabenstellung gewusst. Und die wurde letztendlich auch erfüllt. Es war eine Sensation, wie dieses Team mitgearbeitet hat und wie die dabei waren, mit welchem Siegeswillen sie an die Saison 2000 gegangen sind."

Frage: "Ferrari wechselte vor der Saison 1999 zu Bridgestone. Ferrari/Bridgestone wurde zu einer großen Erfolgsgeschichte - auch, weil Michael so viel getestet hat wie kein anderer. War das ein Schlüsselfaktor auf dem Weg zum WM-Titel?"
Weber: "Der Erfolg ist eine Kugel - und die muss rund sein. Man kann nicht sagen, es war dies oder jenes, sondern alles hat dazu beigetragen. Alles war wichtig, alles war entscheidend, um das wahr zu machen. So einfach ist es nicht, einen Titel zu holen, sondern dafür müssen alle Parameter stimmen. Die haben gestimmt. Der Kampfgeist, der Wille, der Ehrgeiz war bei jedem einzelnen zu spüren. Das hilft natürlich."

Frage: "Stimmt es, dass Michael am Freitag in Monaco nach Fiorano zurückgeflogen ist, um das Auto zu testen?"
Weber: "Das war einmal so, das stimmt. Es gab ein neues Teil für das Auto. Das hat man gemacht. Er wäre auch noch weiter geflogen. Wenn du siehst, das Ding bringt etwas - und daran haben alle geglaubt -, dann wäre er auch nach Mexiko geflogen."

Erinnerungen 15 Jahre später nur noch vage

Frage: "Mika Häkkinen stand bei den ersten drei Rennen auf Pole, Michael konnte aber alle gewinnen. Nach drei Rennen war Teamkollege Rubens Barrichello mit 30:9 Punkten sein erster Verfolger. Alles nach Plan zu Beginn der Saison 2000."
Weber: "Offen gestanden erinnere ich mich daran spontan nicht genau. Es ist 15 Jahre her, es sind so viele Dinge passiert. Und bevor ich etwas Falsches sage im Nachhinein, sage ich lieber nichts."

Michael Schumacher und David Coulthard

Michael Schumacher und David Coulthard waren sich im Jahr 2000 nicht immer grün Zoom

Frage: "Ich versuch's trotzdem mit der einen oder anderen Situation. Magny-Cours zum Beispiel. David Coulthard zeigte Michael dort den Stinkefinger, zwei Jahre nach deren Kollision in Spa-Francorchamps. War Coulthard ein rotes Tuch für Michael?"
Weber: "Nein. Das gab's nicht. Wenn Michael etwas zu sagen hat, dann tut er es, und wenn es ausgesprochen ist, ist das Thema für ihn erledigt."

Frage: "Wir gehen weiter. Startkollision in Hockenheim, Häkkinen gewann in Ungarn, und dann Spa-Francorchamps. Dieses legendäre Manöver mit Ricardo Zonta in der Mitte. Hat Michael dieses Manöver wehgetan?"
Weber: "Wie man's nimmt. Michael hat nie lange gegrübelt. Er verlässt die Rennstrecke und lässt alle Themen dort. Sonst wäre er ja gar nicht mehr zum realen Leben gekommen. Das konnte er gut, alle Probleme hinter sich zu lassen."

Frage: "Nach Spa-Francorchamps gewann Michael dann alle Rennen. Lag vor der Entscheidung in Suzuka schon das Gefühl in der Luft, hier kann jetzt Geschichte geschrieben werden?"
Weber: "Selbstverständlich. Das war schon zwei oder drei Rennen vorher so. Ich war mir sowieso sicher, dass das klappt. Sonst hätte ich die Mützen nicht produzieren lassen."

Geheim produziert: WM-Kappen für 2000

Frage: "Das haben sie nach 1998 wieder gemacht?"
Weber: "Ja. Da musste ich ein oder zwei Rennen vorher drangehen."

Frage: "Mit Michaels Wissen?"
Weber: "Nein, um Gottes willen! Das hätte er mir nie erlaubt. Er war wie gesagt sehr abergläubisch."


Fotostrecke: 2000: "Schumis" erster Ferrari-Titel

Frage: "Und dann die Erleichterung, es ist vollbracht, im fünften Anlauf - die vorläufige Vollendung der Karriere. Wie war die Party?"
Weber: "Man könnte es als Vollendung bezeichnen, ja. Die Party war die Hölle. Es wurde richtig gefeiert und getrunken, bis 5:00 Uhr morgens. Am nächsten Tag waren alle etwas angeschlagen. Wir sollten alle gleich zurück, aber der Rückflug hat sich ein bisschen verzögert. Aber es war wunderschön, alle waren rundum begeistert und zufrieden."

Frage: "Wurde in der berühmten Log-Cabin-Bar in Suzuka gefeiert?"
Weber: "Genau, direkt an der Rennstrecke, wo die vielen kleinen Häuschen waren. Wir haben dann auch außen alles in Beschlag genommen. Es war wirklich nur das Team dabei. Ich erinnere mich, dass Ralf später auch dazukam."

Schumacher und Weber wurden zu Multimillionären

Frage: "2001 wurde Michaels Vertrag verlängert. Ich nehme an, dass dann als Ferrari-Weltmeister auch finanziell eine neue Ebene aufgetan wurde."
Weber: "Da kann ich nicht widersprechen. Wir haben natürlich ein bisschen verhandelt, denn die Lebenserhaltungskosten sind auch höher geworden. Da wollten wir uns anpassen."

Frage: "Sie wurden in jenen Jahren zu einem reichen Mann."
Weber: "Auch da kann ich nicht widersprechen."

"20 Prozent von allem, was reinkommt, ging an mich. Eine ganz einfache Rechnung." Willi Weber

Frage: "In den Medien wurden Sie immer als 'Mister 20 Prozent' bezeichnet. War der Deal zwischen Michael und Ihnen wirklich so einfach, 20 Prozent von allem?"
Weber: "Eigentlich schon. 20 Prozent von allem, was reinkommt, ging an mich. Eine ganz einfache Rechnung. Ich habe damals das Merchandising neu erfunden. Ich habe das finanziert und gemacht, das war viel Arbeit."

"Ich war der Meinung, dass das wichtig ist für unsere riesige Fangemeinde, den Menschen etwas zurückzugeben, einen Teil von Michael kaufen zu können. Deswegen habe ich mich da rangemacht. Das war ein Nebenprodukt, das ich in der Hand hatte, das ihm auch viel Geld gebracht hat."

Frage: "Dazu fällt mir noch eine Frage ein: Was ist eigentlich mit den WM-Kappen von 1998 passiert?"
Weber: "Die haben wir eingestampft."

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