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Schießt sich Ferrari mit dem Superstar-Duo ein Eigentor?

Fernando Alonso und Kimi Räikkönen 2014 bei Ferrari - Kann das gut gehen? Wer im Fahrerlager an das neue Traumduo glaubt und wer ein Ende mit Tränen kommen sieht

(Motorsport-Total.com) - Sechs Jahre fährt Ferrari einem Fahrer-Titel hinterher, wenn man es wie erwartet auch dieses Jahr nicht schafft und gegen Sebastian Vettel und Red Bull verliert. Der Druck im Kessel ist in Maranello enorm - Teamchef Stefano Domenicali lässt kaum etwas unversucht, um endlich wieder auf die Siegerstraße zurückzukehren, auch wenn man dazu mit alten Prinzipien brechen muss.

Fernando Alonso, Kimi Räikkönen

Geht das gut? Alonso und Räikkönen gelten als Alphatiere - 2014 sind sie Teamkollegen Zoom

Und so kam es, dass Ferrari Kimi Räikkönen, den man Ende 2009 mit einem nassen Fetzen vertrieben hatte, wieder zurückholte und somit erstmals seit 1953 zwei Champions unter Vertrag nimmt. Bislang setzten die Roten meist auf die Philosophie, neben einem Topstar einen braven Punktesammler ins Rennen zu schicken und damit teamintern für klare Verhältnisse zu sorgen.

Die neue, untypische Herangehensweise birgt viel Zündstoff, zumal bekannt ist, dass sich Fernando Alonso schon mal in seinem Stolz verletzt fühlt, wenn er das Gefühl hat, dass der Teamkollege mehr Aufmerksamkeit erhält als er. Der erbitterte Stallkrieg mit Lewis Hamilton 2007 hat das aufgezeigt - seitdem musste sich der Spanier nie mehr einer derartigen Situation stellen. Möglicherweise bis 2014.

Hamilton: Ferrari-Duo 2014 stärker als Mercedes-Fahrer

Was wird also passieren - kommt es zum großen Krach und das Team muss eine Zerreißprobe überstehen oder befruchten sich die beiden Superstars und pushen Ferrari endlich zum heißersehnten WM-Triumph? Einer, der dies vielleicht am besten beurteilen kann, ist Hamilton. Er weiß, wie Alonso, der von manchen als Diva bezeichnet wird, in derartigen Situationen reagiert.

"Domenicali ist ein großartiger Kerl, und ich bin sicher, dass er die beiden sehr gut im Griff haben wird." Lewis Hamilton

"Es wird interessant sein, die Dynamik zu beobachten und zu sehen, wie das ausgeht", ist auch der Brite gespannt. "Ich werde mich zurücklehnen und zuschauen - ich will da keine Prognose abgeben." Das neue Super-Duo ringt ihm aber Respekt ab: "Das ist eine unglaublich starke Paarung. Bislang hieß es, dass Nico und ich das stärkste Duo sind, aber ich denke, dass das jetzt sie sind. Wir wollen sie aber schlagen. Das könnten wir dieses Jahr in der Konstrukteurs-WM schaffen, aber nächstes Jahr werden sie stärker sein. Kimi fährt dieses Jahr sensationell gut, damit rechne ich auch nächstes Jahr. Und Fernando fährt sensationell gut."

Doch die Strategie mit zwei Superstars kann genauso gut ins Auge gehen - so wie 2007, als McLaren vor dem Saisonfinale mit Hamilton und Alonso die WM anführte, die beiden sich dann aber neutralisierten und somit Räikkönen den Titel abstaubte. Könnte es 2014 ein Dèjá-vu geben? Hamilton glaubt nicht daran: "Kimi wird Alonso nichts schenken, da bin ich sicher. Und wir wissen, dass das für Ferrari eine unübliche Strategie ist, aber Stefano ist ein großartiger Kerl, und ich bin sicher, dass er die beiden sehr gut im Griff haben wird." Zudem kann man die Situation nicht mit 2007 vergleichen, glaubt Hamilton: "Wir sind beide älter geworden und sind jetzt viel reifer. Fernando hatte eine großartige Beziehung zu Felipe und ich gehe davon aus, dass das auch bei Kimi der Fall sein wird."

Lauda: Ferrari profitiert von Entscheidung schon in Singapur

Hamiltons Boss Niki Lauda - Aufsichtsratsvorsitzender bei Mercedes - glaubt ebenfalls, dass die Entscheidung, Räikkönen zu holen, für Ferrari positive Auswirkungen haben wird. "Ich hätte die Entscheidung ebenso getroffen", stellt er gegenüber der 'APA' klar. Und er weiß, wovon er spricht, schließlich war er einst bei McLaren ebenfalls in einen Stallkrieg mit seinem Teamkollegen Alain Prost verwickelt.

"Es bringt in dem Moment etwas, wenn sich Alonso ärgert." Niki Lauda

Er glaubt, dass Alonso einen "Antreiber" wie Räikkönen benötigt, um ständig Topleistungen zu bringen: "Man reißt den einen Fahrer und das gesamte Team mit einem positiven Konkurrenzkampf mit. Dass Ferrari seit Jahren stagniert, ist bekannt. Es wird Ferrari einen richten Schub bringen, es in dieser Situation mit einem Fahrerwechsel zu probieren und einer Ausnahmeerscheinung wie Räikkönen."


Fotostrecke: Kimi Räikkönen in Rot (2007 - 2009)

Der Wiener rechnet sogar damit, dass sich die Entscheidung bereits diese Saison positiv auswirken könnte. "Es bringt in dem Moment etwas, wenn sich Alonso ärgert, dass Räikkönen kommt. Alonso wird in Singapur schon schneller fahren - obwohl Kimi noch woanders ist."

Alesi: Räikkönen-Deal aus Angst, Alonso zu verlieren?

Auch wenn Alonso nach außen Vorfreude auf die Zeit mit Räikkönen demonstriert, bedeutet der Schachzug des Teams eine klare Schwächung seiner Stellung bei Ferrari - dort galt der 32-Jährige kürzlich noch als heimlicher Boss. Diese Schwächung hat er sich laut dem ehemaligen Ferrari-Piloten Jean Alesi aber selbst zuzuschreiben.

"Fernando hat einen großen Fehler begangen, als er sich mit Ferrari anlegte." Jean Alesi

"Fernando hat einen großen Fehler begangen, als er sich mit Ferrari anlegte", übt der Franzose gegenüber 'Autosport' Kritik am zweifachen Weltmeister. Er versteht die Verpflichtung des Finnen als Vorsichtsmaßnahme, sollte Alonso, der eine Zeitlang öffentlich gegen Ferrari Position ergriff, überraschenderweise das Team verlassen.

"Ich weiß, dass die Bekanntgabe nach Monza stattfand, aber ich bin sicher, dass bereits etwas unterschrieben war, als Fernando beleidigt und Kimi verfügbar war", vermutet Alesi. "Zu einem gewissen Zeitpunkt sah es so aus, als würde er ein Jahr Auszeit nehmen." Der einfache Grand-Prix-Sieger ortet bei Alonso einen gravierenden taktischen Fehler: "Man darf ein Team wie Ferrari nicht kritisieren - das weiß ich aus meiner Zeit, als Prost rausgeworfen wurde."

Räikkönen: Unpolitisch, aber eigen

Er wagt keine Prophezeiung, ob es im Superstar-Team Ende 2014 Tränen der Freude oder des Frusts geben wird: "Es ist wie zu Beginn einer Ehe - nach der Hochzeit werden wir sehen, was passiert. Manchmal hält es nicht lange." Alles hängt laut Alesi von Alonso ab: "Für Domenicali wird der Umgang mit Kimi einfach sein, aber Fernando muss verstehen, dass der Kuchen nun in zwei Stücke geteilt wird."

"Kimi ist sehr geradlinig, mit ihm gibt es keine Schwierigkeiten, keine Politik." Sebastian Vettel

Auch Sebastian Vettel sieht seinen Freund Räikkönen ganz klar als den unkomplizierteren Piloten im nächstjährigen Ferrari-Team: "Ich kenne Kimi wahrscheinlich besser als Fernando - er ist sehr geradlinig, mit ihm gibt es keine Schwierigkeiten, keine Politik."

Dennoch ist umstritten, ob sich der Finne mit dem Wechsel zu Ferrari einen Gefallen getan hat, denn bei Lotus wusste man mit den Launen und Eigenheiten Räikkönens umzugehen - bei Ferrari scheiterte man bereits 2009, als man ihm soziale Schwächen vorwarf. Zudem haftet ihm der Ruf an, ab und an einen über den Durst zu trinken, was auch bei Ferrari zu Spannungen führte.

Warum Räikkönen von Lotus wegging

"Wenn er trinkt, dann ist er schneller als andere, die nicht trinken", scherzt Vettels Ex-Teamchef Franz Tost vom Toro-Rosso-Rennstall. "Aber Spaß beiseite: Ich will damit nur sagen, dass er abgesehen von seinen freien Tagen jeden Tag trainiert und in perfekter physischer Verfassung ist. Man muss sich nur seinen Nacken anschauen - er sieht aus wie der eines Stieres. Das bekommt man nicht vom Trinken."

"Seit Kimi bei Lotus ist, ist er konstanter." Rene Arnoux

Auch der ehemalige Ferrari-Pilot Rene Arnoux meint gegenüber der 'Gazzetta dello Sport', dass man Räikkönen oft unrecht tut, wenn man ihm mangelende Professionalität vorwirft: "Er scheint dieser Tage viel reifer zu sein. Klar - sein Charakter ist immer noch der gleiche, aber seit er bei Lotus ist, ist er konstanter." Räikkönen betonte auch selbst mehrmals, dass er sich beim Team aus Enstone wohlfühlt - warum tut er sich also selbst den Wechsel an?

"Der Grund, warum ich das Team verlassen habe, ist einzig auf der Seite des Geldes angesiedelt", redet der "Iceman" nicht lange um den heißen Brei herum. "Sie können mein Gehalt nicht aufbringen. Es ist eine unglückliche Situation." Vettel ist aber davon überzeugt, dass der Wechsel seines Freundes zu Ferrari "eine gute Entscheidung für ihn" war - "ein Schritt nach vorne".

Ferrari oder Red Bull - wer setzt auf die richtige Strategie?

Der Mann aus Espoo war lange bei Vettels Red-Bull-Team im Gespräch - dort zieht man es aber nach den jahrelang anhaltenden Spannungen zwischen dem dreifachen Weltmeister und seinem Teamkollegen Mark Webber vor, mit Daniel Ricciardo einem unerfahrenen Mann aus dem eigenen Kader die Chance zu geben - die Fronten dürften also zunächst geklärt sein.

"Wichtiger als Erfahrung wird es 2014 sein, wie sehr man sich aufopfert." Sebastian Vettel

Ein Vorteil für Red Bull? Vettel hält die Debatte für überbewertet: "Wenn Daniel Weltmeister wird, dann sehe ich ziemlich dumm aus, aber gleichzeitig verdient er es dann auch. Dann würde ich im Jahr darauf mit einem Weltmeister im Team fahren. Es wird immer Theorien geben, wer besser ist, weil er sich gegen diesen oder jenen Piloten durchgesetzt hat - ganz egal, wer mit einem im Team ist."

Bei Ferrari argumentierte man die Fahrer-Entscheidung auch damit, dass kommende Saison ein neues Reglement gilt, wo zwei erfahrene Weltklasse-Fahrer das Team mehr pushen können als wenn die gesamte Last auf den Schultern eines Fahrers liegt. Vettel sieht Red Bull diesbezüglich aber nicht im Hintertreffen: "Wenn nächstes Jahr das neue Reglement kommt, dann spielt es wahrscheinlich nicht so eine große Rolle, ob man in den vergangenen Jahren schon dabei war. Wichtiger wird es da sein, wie sehr man sich aufopfert, wie groß der Wille ist zu arbeiten, zu entwickeln, das Team zu pushen und die Arbeit am Auto voranzutreiben." Und Ricciardo gilt wie Vettel als strebsamer Pilot, der das Fahrerlager oft zu später Stunde verlässt.

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