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  • 15.08.2015 · 08:04

  • von Matt Beer (Haymarket)

Rückblick: Martin Donnellys schwerer Unfall in Jerez 1990

Martin Donnellys schwerer Unfall in Jerez war einer der prägenden Momente der Formel-1-Saison 1990 - Der Brite blickt auf Crash, Genesung und Träume zurück

(Motorsport-Total.com) - Es war eine Szene, von der man glaubte, dass sie im Motorsport nach den 1960er-Jahren nicht mehr vorkommen würde: Ein Fahrer lag auf der Rennstrecke, nachdem er aus seinem völlig zerstörten Rennwagen geschleudert wurde. Der gelbe Overall und das Orange und Blau des Helms machten klar, dass es sich um den Lotus-Piloten Martin Donnelly handelte, der im Freitagsqualifying zum Grand Prix von Spanien 1990 in Jerez de la Frontera schwer verunglückt war und festgeschnallt an den Resten seines Sitzes auf dem Asphalt lag.

Martin Donnelly im Lotus 102 von 1990

Mit dem Lotus 102 hatte Martin Donnelly in Jerez 1990 einen fürchterlichen Unfall Zoom

Die Unterschenkel zeigten in schier unmögliche Richtungen. Pierluigi Martini parkte seinen Minardi als Schutzschild auf der Strecke, um die nachfolgenden Fahrer vor einem Bild der Verwüstung zu bewahren, von dem sie geglaubt hatten, dass sie es niemals in ihrer Karriere würden sehen müssen. Als sich der Krankenwagen einen Weg durch die Wrackteile bahnte, tat sich Chefarzt Sid Watkins schwer, das Auto zu identifizieren, welches gerade an der Leitplanke zerschellt war - ganz zu schweigen von der Person, deren Leben er nun versuchen würde zu retten.

"Ist Donnelly der neue Mansell?", hatte 'Autosport' einen Monat zuvor auf der Titelseite seines monatlich erscheinenden Magazins gefragt. Nigel Mansell stand vor dem Rücktritt (so sah es zum damaligen Zeitpunkt aus) und Johnny Herbert gehörte zu denen, deren Zeit in der Formel 1 sich ebenso dem Ende neigte wie die von Jonathan Palmer und Julian Bailey (so sah es zum damaligen Zeitpunkt aus). Martin Brundle war im Langstreckensport unterwegs, Derek Warwicks "Zeit lief ab" und Allan McNish, Mark Blundell, Eddie Irvine, Damon Hill und Andrew Gilbert-Scott waren noch in den Nachwuchsklassen unterwegs.

Formel-1-Debüt bei Arrows

Martin Donnelly in Le Castellet 1989

Donnellys Formel-1-Debüt: Grand Prix von Frankreich 1989 im Arrows A11 Zoom

Donnelly hätte beim Grand Prix von Frankreich 1989 in Le Castellet für Tyrrell fahren können, wenn ihn sein Formel-3000-Teamchef Eddie Jordan nicht bereits bei Arrows untergebracht hätte.

Es sollte ein zunächst einmaliges Gastspiel im Grand-Prix-Sport werden, nachdem sich Arrows-Stammfahrer Derek Warwick beim Kartfahren verletzt hatte. Jean Alesi - Donnellys Teamkollege im Formel-3000-Team von Eddie Jordan - war immer noch wütend, dass nicht er bei Arrows einspringen durfte, als sich für ihn die Chance bei Tyrrell auftat.

Ein Jahr später lehrte Alesi mit dem Pirelli-bereiften Tyrrell den Stars der Formel 1 das Fürchten, während Donnelly bei Lotus seinem Teamkollegen Warwick zumindest ebenbürtig war. Die beiden Briten mussten sich mit dem Lotus-Chassis herumschlagen, dass laut Donnelly "für Nakajima und Piquet konzipiert war, die eine Jockey-Figur hatten". Anstelle des Judd-V8 aus der Saison 1989 verrichtete im Heck des Lotus 102 von 1990 "der große Lamborghini-V12-Messerschmitt" seinen Dienst, wie ihn Donnelly rückblickend bezeichnet.

1990: Wechsel zum "Kollaps-Team" Lotus

Die Lotus-Piloten Derek Warwick und Martin Donnelly vor der Saison 1990

Bei Lotus fuhr Donnelly (re.) 1990 mit Derek Warwick und hatte Vertrag für 1991 Zoom

"Das Team stand damals kurz vor dem Kollaps. Es fehlte am Geld, ein neues Auto zu entwerfen", erinnert sich Donnelly, um anzufügen: "Diese Dinge wurden aber nicht nach draußen getragen. Die Fahrer wurden weiterhin bezahlt, aber ich bin mir sicher, dass die Zulieferer eine Weile in der Luft hingen." Donnelly war für die Saison 1991 bei Tyrrell, Arrows und Neueinsteiger Jordan im Gespräch, doch Lotus zog die Vertragsoption. Am Morgen des 28. September 1990, dem Freitag des Grand-Prix-Wochenendes in Jerez, wurde der Vertrag unterzeichnet.

Donnelly hat den Originalscheck über 40.000 US-Dollar bis heute aufbewahrt. Er erinnert ihn an einen Tag, der aus seinem Gedächtnis gelöscht ist. An die Woche zuvor erinnert sich der Nordire lückenhaft. Er spricht von einem Sonnenbrand, den er sich beim Kurzurlaub nach dem Rennen in Estoril zugezogen hat, von Parmaschinken, der in einem Restaurant in Jerez an der Wand hing und von einer Partie Bowling kurz vor Abreise an den Circuito de Jerez. Anschließend wird es "dunkel und leer", wie er sagt.


Martin Donnellys schwerer Unfall in Jerez 1990

Heute ist die schnelle Doppelrechts hinter den Boxen, wo die Vorderradaufhängung an Donnellys Lotus kollabierte und das Auto daraufhin mit 225 km/h frontal in die Leitplanke krachte, durch eine Schikane entschärft. "Es soll keine Kritik sein, aber das Chassis war damals in extremer Leichtbauweise gefertigt. Gewicht war damals Zeit auf der Stoppuhr. Je leichter man das Auto baute, desto schneller war es", erinnert sich Donnelly und fügt hinzu: "Beim Unfall zersplitterte das Auto wie eine Windschutzscheibe. Dass ich herausgeschleudert wurde, war unterm Strich meine Rettung."

Es war ein schreckliche Erinnerung an die Zeiten, als die Rennwagen noch keine Sicherheitsgurte hatten. In der längst vergangenen Zeit hatte man geglaubt, dass ein durch die Luft fliegender Fahrer eine größere Überlebenschance hätte als einer, der im Auto festgeschnallt ist, während dieses von der Strecke abkommt. Donnelly landete im Zuge seines Unfalls 40 Meter von der komplett verbogenen Leitplanke entfernt auf dem Asphalt - weit abseits der Motor/Getriebe-Einheit, die als einziges vage erkennbares Überbleibsel des Lotus 102 am Streckenrand lag.

Moreno musste überzeugt werden, dass Donnelly lebt

Martin Donnelly in Monza 1990

Der Lotus 102 (Foto: Monza) war in extremer Leichtbauweise gefertigt Zoom

Roberto Moreno, der zum Zeitpunkt des Unfalls Zuschauer in exakt dieser Kurve war, musste nachhaltig überzeugt werden, dass Donnelly den Unfall überlebt hatte - wenngleich mit Kopfverletzungen, einem gebrochenen Wangenknochen, einem gebrochenen Schlüsselbein, mehreren Beinbrüchen und inneren Quetschungen. Doch die auf den ersten Blick erkennbaren Verletzungen waren nur der Anfang.

"Alle Knochen werden im Laufe der Zeit von selbst verheilen, doch Sid Watkins wusste, dass mein Körper in einen Schockzustand verfallen würde", erinnert sich Donnelly und fügt an: "Am nächsten Tag kam es genauso, wie er es vorhergesagt hatte. Meine Lungen und Nieren versagten den Dienst und ich wurde in ein Koma versetzt. Ich war sieben Wochen lang an ein Beatmungsgerät angeschlossen."

"Mir wurde die letzte Ölung gegeben und ich wurde zweimal wiederbelebt, weil mein Herz zweimal aufgehört hatte zu schlagen. Als ich auf der Strecke lag, versagte meine Atmung, weil ich meine Zunge verschluckt hatte. Ich wurde also dreimal ins Leben zurückgeholt", bemerkt der inzwischen 51-jährige.

Sid Watkins legte Donnellys Mutter nahe, Abschied zu nehmen

"Meine Mutter ist überzeugte Katholikin. Es gab einen Moment, da sagte Sid Watkins zu ihr: 'Wir glauben nicht, dass Martin noch viel länger unter uns sein wird. Sie sollten sich jetzt von ihm verabschieden.' Der Krankenhauspfarrer stand bereits im Zimmer. Da hatte sich Sid wohl für einmal getäuscht, oder? Schließlich bin ich immer noch da...", so Donnelly.

Zu den Verletzungen, die im Londoner Krankenhaus behandelt wurden, in das Donnelly nach einer Woche Krankenhausaufenthalt in Sevilla verlegt wurde, zählte eine geplatzte Arterie. Einen kurzen Weihnachtsaufenthalt zu Hause ausgenommen, blieb er bis zum 14. Februar 1991 in London im Krankenhaus.

Martin Donnelly 1990

Infolge der Schwere des Unfalls hatte Donnelly bereits die letzte Ölung erhalten Zoom

"Als mir dort von der BCC die Auszeichnung für den Sportler des Jahres überreicht wurde, hatte ich extra mein Zimmer aufgeräumt und sagte mit heißerer Stimme, dass ich im kommenden Jahr wieder Rennen fahren würde. Es war wohl das Morphium, das da aus mir gesprochen hat - gutes Zeug", grinst Donnelly und bekennt: "Ich war mit Medikamenten vollgepumpt und realisierte gar nicht, wie schlecht es um mich stand. Über Weihnachten durfte ich für drei Tage nach Hause und da wurde mir plötzlich klar, wie sehr ich auf andere Menschen angewiesen war."

"Ich verließ das Krankenhaus am Valentinstag 1991", erinnert sich der Brite weiter. "Anschließend war ich 13 Wochen lang in der Klinik von Willi Dungl in Österreich, um Physiotherapie und Hydrotherapie zu machen. Als ich dort ankam, brachte ich 53 Kilogramm auf die Waage. Ich konnte nicht laufen. Ich konnte überhaupt nichts tun."

"Dungl war damals der Guru schlechthin. Er hatte Niki Lauda zurück ins Cockpit gebracht (nach dem Feuerunfall auf dem Nürburgring 1976) und er hatte Gerhard Berger zurück ins Cockpit gebracht (nach dem Feuerunfall in Imola 1989; Anm. d. Red.). Also dachte ich, ich gehe dorthin, Willy schwingt seinen Zauberstab und ich sitze in drei oder vier Monaten wieder im Formel-1-Auto", blickt Donnelly zurück und merkt an: "Ich gab meiner Verlobten das Versprechen, dass ich zu Dungl gehe und dann an ihrer Seite vor den Traualtar treten würde. Das habe ich geschafft. Anschließend ging ich wieder zu Dungl in die Klinik."

"Der einzige Moment, in dem ich in Tränen ausbrach"

1991: Martin Donnelly und Mika Häkkinen

1991: Donnelly im Gespräch mit Lotus-Neuzugang Mika Häkkinen Zoom

Doch was immer Dungl auch probierte. Es scheiterte an einem Oberschenkelmuskel, der mit dem Knochen zusammengewachsen war, was die Beweglichkeit von Donnellys linkem Knie einschränkte. Daraufhin verständigte der Patient seinen Landsmann Andy Williams, der sich hauptsächlich mit Verletzungen von Fußballspielern beschäftigte.

Doch auch Williams' Bemühungen konnten nur eine 90-Grad-Beugung des Knies bewirken. Gleichzeitig brachen bereits verheilte Knochenbrüche erneut auf. So gab der Arzt Donnelly zu verstehen, dass die Formel-1-Karriere beendet war.

"Das war der einzige Moment, in dem ich in Tränen ausbrach. Das war der Tiefpunkt, als mir Andy Williams sagte, dass ich nie wieder professionell Rennen fahren könnte", erinnert sich Donnelly. Ungeachtet dessen versuchte es der Brite mit einem Comeback. "Plötzlich war ich motiviert, es Andy Williams zu zeigen und ihm zu sagen: 'Du lagst falsch. Du verstehst vielleicht dein Fachgebiet als Arzt, aber du bist noch keinem Kerl begegnet, der Martin Donnelly heißt und der dich vom Gegenteil überzeugen wird.'"

1993: Formel-1-Testrunden im Jordan

Und tatsächlich: Vor Beginn der Formel-1-Saison 1993 fuhr Donnelly in Silverstone einen Jordan-Hart. Zwar handelte sich dabei vielmehr um die Einlösung eines Versprechens, das Eddie Jordan während Donnellys Genesungsphase gegeben hatte, als dass es ein ernsthafter Test gewesen wäre.

"An den Unfall konnte ich mich ja nicht erinnern. Also gab es auch nichts, wovor ich hätte Angst haben müssen." Martin Donnelly über sein Comeback im Formel-1-Cockpit

Zudem war die Fahrt nach zwei Runden aufgrund eines Öllecks schon wieder zu Ende. Doch das spielte keine Rolle. "Die Fahrt war kurz aber gut und sie erfüllte ihren Zweck. Ich weiß noch, wie ich damals den Journalisten sagte, dass es sich wie eine Pause von zweieinhalb Wochen anfühlte, nicht zweieinhalb Jahren. An den Unfall konnte ich mich ja nicht erinnern. Also gab es auch nichts, wovor ich hätte Angst haben müssen", so der Brite.

Genau genommen saß Donnelly schon vor dem kurzen Jordan-Test wieder im Cockpit. Dabei handelte sich um einen Boliden aus der Britischen Formel Vauxhall-Lotus. Weil in diesem Auto aber "kein Adrenalinschub aufkam und mein Herz nicht durch den Brustkorb ging", wie Donnelly beschreibt, nahm er sich den Rat von Renningenieur Paul Jackson zu Herzen, ein leistungsstärkeres Auto zu testen. Dabei handelte sich um einen Formel-3000-Boliden von Madgwick Motorsports.

25 Jahre nach dem Unfall: Donnelly fährt BTCC

"Dieses Auto hatte vernünftige Bremsen, ordentlich Leistung - alles, was man braucht. Ich fuhr während einer Mittagspause in Snetterton zehn Runden und war weniger als eine Sekunde langsamer als der Rundenrekord", berichtet Donnelly stolz. Später versuchte sich der Brite mehrmals am Steuer eines Sportwagens von Lotus, gab ein kurzes Gastspiel in der Formula Classic und trat im laufenden Jahr 2015 überraschend für Infiniti in der Britischen Tourenwagen-Meisterschaft (BTCC) an.

2015: Martin Donnelly gibt ein Gastspiel in der BTCC

2015: In Thruxton gibt Donnelly ein einmaliges Gastspiel in der BTCC Zoom

Donnelly gesteht, dass ein vorheriges Angebot, in die BTCC einzusteigen, seine beste Chance auf ein Comeback als Profi-Rennfahrer gewesen wäre. Er war drauf und dran, einen Sponsor (Talking Pages) von einer Zusammenarbeit mit dem Renault-Werksteam zu überzeugen. Dann aber übernahm das Formel-1-Team Williams die BTCC-Einsätze von Renault ab der Saison 1995. "Martin Donnelly und Talking Pages waren nicht auf dem Radar von Frank Williams. Man entschied sich anders und damit war die Sache erledigt", bemerkt Donnelly.

Dank sporadischer Einsätze im Langstreckensport und dank seiner Auftritte als einer der Rennkommissare bei Formel-1-Rennen ist Donnelly dem Motorsport eng verbunden geblieben. Die Bezeichnung "der neue Mansell" muss wohl anderen gelten, aber damit hat der 51-Jährige Nordire kein Problem. "Wenn man sich hinsetzt und darüber nachdenkt, was möglich gewesen wäre, dann macht man sich nur verrückt. Man kann nicht ständig in Tränen ausbrechen. Ein paar Millionen mehr auf dem Konto wären zwar nicht schlecht, aber ich bin gesund und bin im Sport, den ich so liebe, immer noch stark eingebunden", sagt er.

"Erst, wenn man den Formel-1-Paddock verlässt, stellt man fest, dass das Leben noch mehr zu bieten hat als ein Formel-1-Auto zu fahren. Man könnte diese Jungs nach dem Preis einer Briefmarke oder einem Laib Brot oder einem Pint Milch fragen. Sie könnten es dir nicht sagen, denn sie leben nicht in der realen Welt", hegt Donnelly keinen Groll, dass es mit einem Comeback als Formel-1-Pilot nicht geklappt hat und hält abschließend fest: "Der Tod von Ayrton Senna war für mich die endgültige Warnung, aufzuwachen. Das war für mich das Zeichen, dass der Herrgott sagte: 'Martin, was willst du mehr? Du hast ein gutes Leben, du hast eine großartige Familie. Vergiss es doch einfach, dass du die nicht mehr professionell Formel 1 fahren kannst.'"