powered by Motorsport.com
  • 23.05.2016 · 06:32

  • von Anthony Rowlinson (Haymarket)

Ron Dennis: So tickt der McLaren-Boss wirklich

Enge Beziehungen zu Piloten, ausgeprägte Erfolgsbesessenheit und Freund der ultimativen Loyalität: Ein ganz besonderes Interview mit McLaren-Boss Ron Dennis

(Motorsport-Total.com) - "Wenn Du lange genug an einem Fluss wartest, schwimmen die Leichen Deiner Feinde an Dir vorbei", heißt es in "Die Kunst des Krieges" von Sunzi. Im Alter von 68 und mit 36 Jahren Berufserfahrung als Boss von McLaren weiß Ron Dennis alles über Geduld. Aktuell wartet er mit der Überzeugung und der Perspektive eines Bosses, der schon alles gesehen hat, darauf, dass sein Team zurück in Siegesform kommt.

Ron Dennis

Viel Erfahrung gesammelt, aber noch Ziele: Ron Dennis wird am 1. Juni 69 Jahre alt Zoom

Zudem weiß Ron Dennis alles über Gegner. Schon viele haben seine Pfade in den vergangenen Jahrzehnten gekreuzt. Ein oder zwei haben dabei versucht, die Organisation zu verwunden, die er mit kämpferischem Stolz repräsentiert - er hat sie vorbeischwimmen sehen. Dieser Sinn von Langlebigkeit und Beständigkeit ist einer der überzeugendsten Aspekte von Dennis' Charakter. Er scheint McLaren so verbunden zu sein wie McLaren der Meisterschaft, die man in den vergangenen 50 Jahren mit unheimlichem Wettbewerbsgeist bestritten hat.

Sich den Grand-Prix-Sport ohne McLaren vorzustellen, ist unmöglich - so groß war der Beitrag des Teams seit dem ersten Rennen 1966 in Monaco. Durch Hunt gegen Lauda, Senna gegen Prost, Häkkinen gegen Schumacher oder Hamilton gegen Massa war McLaren in vielen der aufregendsten Momenten der Formel 1 hautnah dabei und hat die Geschichte mitgeschrieben. Und seit 1980 war Ron Dennis ebenfalls dabei, vornehmlich als Teamchef, später als Vorsitzender und Geschäftsführer.

Er ist nicht die gesamte Geschichte von McLaren, aber Dennis ist der Architekt des modernen McLaren und sticht in der wandelnden Formel-1-Entwicklung heraus. Er hat dabei geholfen, die Formel 1 von ihren lockeren Beatnik-Tagen auf das aktuelle Niveau zu heben und zu dem technischen, geldgesteuerten und weltumreisenden Megazirkus zu machen, der die Formel 1 heute ist. Dieses Interview mit 'F1 Racing' ist ein günstiger Moment für den rastlosen und ambitionierten Mann, um eine Pause zu machen und auf die Vergangenheit und die Zukunft zu blicken.

Das gigantische Wachstum von McLaren

Frage: "Wo sehen sie McLaren heute: im Rennsport und als weiteres Business?"
Ron Dennis: "Die Formel 1 war und wird auch immer eine Leidenschaft von mir sein. Egal über was ich nachdenke: Im Hintergrund meiner Gedanken lauert die Konkurrenzfähigkeit - oder im Moment die fehlende Konkurrenzfähigkeit - des Teams. Natürlich weiß ich ziemlich genau, woran das liegt. Wir sind ein datengestütztes Unternehmen und besitzen eine sehr gute und transparente Beziehung mit Honda. Wir glauben, dass wir in diesem Jahr ein außergewöhnlich gutes Auto gebaut haben, und denken, dass sich die betrieblichen Veränderungen bei Honda in einem deutlichen Fortschritt bei der Power-Unit niederschlagen werden."

"Herausforderungen gibt es aber auch dadurch, dass McLaren eine Gruppe von Unternehmen ist, die rund 3250 Mitarbeiter beschäftigt. Als ich 1980 erstmals beteiligt war, waren es gerade einmal 50 Leute. Wir müssen mit diesen Herausforderungen umgehen: nicht nur mit dem Personalstamm, sondern auch mit allen wirtschaftlichen Konsequenzen wie Umsatz, Profit, manchmal Verlust, Diversifikation der Gruppe und so weiter. Das sind alles Drücke, die man bei einer internationalen und ziemlich facettenreichen Unternehmensgruppe erwartet."

Frage: "Wie sehen sie die Zukunft? Wie sind die nächsten zehn Jahre oder noch weiter geplant?"
Dennis: "Der Wachstum von McLaren Automotive verläuft planmäßig konstant. Wir werden in diesem Jahr 3.800 Autos bauen, die wir alle verkaufen werden. Unsere Käufer stehen vor einer gesunden - aber nicht zu langen - Wartezeit, und das ist, was man will. Wir möchten ein Plateau zwischen 4.500 und 5.000 Fahrzeugen pro Jahr, denn das ist für uns das Optimum, um eine gute Restspanne für unsere Kunden zu behalten."


Woking. Das Erbe von Bruce McLaren

"McLaren Automotive wird weiter reifen und sich breiter aufstellen. Wir werden mehr maßgeschneiderte Programme und vermutlich eine Art Einheitsrennserie einführen. Wir sind gut aufgestellt. Andere Bereiche der Gruppe, wie McLaren Applied Technologies, wachsen weiterhin schnell - wir sprechen dabei von rund 15 Prozent pro Jahr. In naher Zukunft streben wir mit McLaren Applied Technologies einen Umsatz von 50 Millionen Pfund an, noch größere Ambitionen sind nicht weit entfernt."

"McLaren Racing wächst ebenfalls in der Kurve eines hochmodernen Formel-1-Teams. Wenn man von der schwankenden Performance absieht, ist es in Sachen Herausforderung relativ konstant: Man möchte Grands Prix und Weltmeisterschaften gewinnen, allerdings verändern sich die Zutaten ständig, was vor allem auf Launen und Veränderungen bei den Regeln zurückzuführen ist. Die Herausforderung ist immer da, aber es ist nicht immer die gleiche."

"Zu guter Letzt hatte McLaren Marketing einen sehr guten Winter. Kürzlich konnten wir wichtige neue Langzeit-Partnerschaften mit Chandon und Richard Mille verkünden, zudem haben wir unsere langjährigen Partnerschaften mit GSK, Johnnie Walker, Santander, Hilton und JVC Kenwood erneuert. Hinzu kommt, dass wir weiterhin die Unterstützung von internationalen Unternehmen und bekannten Marken wie Mobil1, Esso, SAP, KPMG, CNN und vielen weiteren genießen."

Dennis' Formel-1-Ära: Plötzlich wird es bunter

Frage: "Wie würden sie reagieren, wenn sie als der Gründer der modernen Formel 1 bezeichnet würden? Die Formel 1 war fast 'schwarz und weiß', bevor sie um 1980 herum 'bunt' wurde. Waren sie ein Schlüsselpart in dieser Ära?"
Dennis: "Das ist eine überraschend schwierige Frage. Ich denke nicht, dass ich das beurteilen kann. Also sage ich nur eines dazu: Als ich McLaren Ende 1980 übernahm, war ich im Vergleich zu den meisten Konkurrenten ziemlich jung (32; Anm. d. Red.) und hatte eine unglaubliche Ambition und Hunger auf Erfolg. Außerdem wollte ich innovativ sein und Verbesserungen einführen, die aus einer Kombination aus gesamtheitlichem Denken und Detailversessenheit bestehen. Diesen visionären Mix habe ich seitdem versucht, zu behalten."

Ron Dennis

Gründerzeiten: Ron Dennis, Teddy Mayer und Co. mit einem Formel-1-Modell Zoom

"Wir haben den TAG-Porsche-Turbomotor eingeführt und danach einen gut getimten Wechsel zu Honda vorgenommen. Es gab unser bahnbrechendes Karbonfaser-Chassis, das von vielen brillant konkurrenzfähigen Fahrern gelenkt wurde. Und alles wurde von Philip Morris (über Marlboro; Anm. d. Red.) möglich gemacht, die sich der Herausforderung gestellt haben, unsere finanziellen Anforderungen fast gänzlich zu erfüllen."

"Zudem haben wir gemeinsame Anstrengungen unternommen, uns zu sekundärem Sponsoring hinzubewegen. Unsere zusätzlichen Sponsorenpartner haben uns die Möglichkeit verschafft, zusätzliche Einnahmen zu generieren, die wir in diverse andere Projekte wie dem Design und dem Bau des McLaren Technology Centre stecken konnten. Das MTC kostete 270 Millionen Pfund und wurde über drei Jahre vornehmlich von Überschuss finanziert."

"Die meisten in der Motorsportwelt dachten, dass wir komplett verrückt seien, aber faktisch war es eines der besten Investments, die wir je getätigt haben. Es hat uns ein Alleinstellungsmerkmal gegeben, das wir potenziellen Investoren anbieten konnten, und von diesem Vorteil zehren wir noch heute. All diese Innovationen repräsentierten einen Wandel, der interessante Ideen in die Formel 1 gebracht hat, von denen viele kopiert wurden und die heute die Norm sind."

FOM und CVC bremsen weiteres FOrmel-1-Wachstum

Frage: "Würden sie sagen, dass McLaren mit seinem Weg zu sechs Fahrer- und Konstrukteurstiteln zwischen 1984 und 1991 dafür gesorgt hat, dass die Konkurrenz zulegen musste?"
Dennis: "Ich denke, dass die meisten Leute dieser Ansicht folgen würden, aber so eine Meinung kommt besser von anderen. Ich schaue lieber nach vorne, und dort wartet immer noch eine riesige Ambition für McLaren, zum zukünftigen Wachstum und zur Entwicklung der Formel 1 beizutragen, auch wenn wir derzeit durch Regeleinschränkungen ziemlich gefesselt sind. Sagen wir einfach so, dass die Strategie zur Monetarisierung von CVC und FOM für die Kreativität der Teams ziemlich hemmend ist."

"Die Strategie zur Monetarisierung von CVC und FOM ist für die Kreativität der Teams ziemlich hemmend." Ron Dennis

"Ohne Beschränkungen könnten wir die Formel 1 viel farbenfroher als aktuell machen - und letzten Endes auch erfolgreicher -, wenn es uns nur erlaubt wäre, gute Ideen einzubringen und sie auch auszuführen. Aber leider ist diese Seite bei der Führung des Sports im Moment ziemlich herausfordernd."

Frage: "Denken sie, dass sich die Formel 1 in ein Schlamassel gebracht hat oder gibt es ein paar lösbare Probleme, die von hyperaktiven Medien übertrieben werden?"
Dennis: "Zuerst einmal möchte ich klarstellen, dass die Formel 1 viel stabiler ist, als die meisten Leute annehmen. Allerdings gibt es einige Teams, die in argen Nöten stecken, und ich wäre nicht überrascht, wenn es ein oder zwei Teams nicht bis zum Ende der Saison schaffen würden. Die Manager dieser Teams kommen in eine solche Lage, weil sie mehr Geld ausgeben als sie haben."

"Es ist in jedem Business das gleiche: Wenn du mehr Geld ausgibst als du hast, dann findest du dich in schwierigen Zeiten wieder. Aber dieser Sport macht süchtig und die Leute denken immer, dass das nächste Performance-Upgrade das Auto auf wundersame Weise konkurrenzfähig machen wird - also geben sie zu viel aus. Eine der nötigen Disziplinen in der Formel 1 ist zu lernen, wie man so etwas nicht tut."

"Man muss seine Einnahmen akribisch aufteilen. Selbst eine Organisation wie unsere, die robust, liquide und gesund ist, hält Geldausgaben in gewissen Zeiten bewusst zurück, damit wir immer in der Lage sind, die Arbeit in unserem Team perfekt auszuführen. Ich glaube aber nicht, dass diese Disziplin bei allen Teams vorhanden ist. Eine Implosion fürchte ich nicht, aber unzweifelhaft sind einige Teams weniger sicher als andere. Zudem gibt es eindeutig eine gewisse Unsicherheit über den zukünftigen Besitz der Formel 1, aber das ist schon mindestens fünf Jahre oder länger der Fall und wird sich unweigerlich fortsetzen."

Lewis Hamilton, Ron Dennis

Es war einmal: Ron Dennis gilt als Ziehvater und Entdecker von Lewis Hamilton Zoom

"Ich bin optimistisch und möchte vor allem, dass auch andere optimistisch sind: Speziell die Leute, die etwas kritisieren, sollten ihre Kritik mit einer Lösung paaren - und von diesen Leuten gibt es eine Menge. In der Formel 1 gibt es viele Dinge, die von den Teams als verbesserungswürdig angesehen werden, aber eine Lösung zu finden, die jeder unterstützt, ist schwierig. Und selbst wenn sich die Teams einig sind: Wenn diese Position nicht von der FIA oder CVC unterstützt wird, dann sorgt die Führungsstruktur der Serie im Moment dafür, dass nichts passiert."

"Im Moment ist der Leistungsunterschied zwischen den besten und den schlechtesten Motoren ziemlich hoch. Das ist ein großes Gesprächsthema, und meiner Meinung nach ist der beste Weg zur Einigkeit der, die Token abzuschaffen und stattdessen die Zeitspanne für die aktuellen Motoren zu verlängern, sodass man irgendwann unweigerlich an eine Spanne von nur zwei bis drei Prozent stößt. Solange die aktuellen Motoren gültig sind, werden Teams wie wir zwar kurzfristig Probleme haben, doch die werden mit der Zeit geringer, wenn die Genialität der Ingenieure auf die Performance-Limits der Regeln stößt."

Erste Geige: Honda bietet die Chance für Titelgewinne

Frage: "Die vergangene Saison war für euch schwierig. Wie fühlt sich so ein schlechtes Jahr angesichts der vorherigen Erfolge an?"
Dennis: "Der Schmerz bei unserer Partnerschaft mit Honda war auf beiden Seiten vorhanden. Er musste nicht künstlich aufgebauscht werden, und wir mussten ihn nicht aus strategischen Gründen anheizen. Er war immer da. Wir wollten sicherstellen, dass es keine Gespräche mit Entschuldigungen gab oder dass sich ein Unternehmen demütig gezeigt hat - aus dem einzigen Grund, dass so ein Dialog komplett verschwendete Energie gewesen wäre."

"Der einzige Ansatz, der dich aus einem technischen Problem führt, ist komplette Transparenz, totaler Fokus und harte Arbeit - und das sind die grundlegenden Philosophien, die die Arbeit zwischen McLaren und Honda derzeit charakterisieren. Allerdings benötigen neue Leute Zeit, sich an diese wichtigen Philosophien zu gewöhnen. Gleichzeitig schauen und schreiben die Medien ständig, und die Ergebnisse davon zehren an der Energie. Es ist ablenkend, aber unvermeidbar: Das ist die Natur dieses Biests."


Fotostrecke: Die McLaren-Masterminds

"Wir sind zu 100 Prozent sicher, dass unsere Partnerschaft der richtige Weg nach vorne ist. Honda ist ein großartiges Unternehmen und man wird niemals konstant Weltmeisterschaften gewinnen, wenn man nur auf dem zweiten oder dritten Rang bei der Motorenlieferung steht. Wenn man Weltmeisterschaften gewinnen will, Plural, und das wollen wir absolut, dann muss man auf einen Hersteller setzen und dabei vollkommen priorisiert werden."

Nachwuchsprogramm als Hilfe für die Formel 1?

"Und wenn man angefangen hat, die Vorteile der Eins-zu-eins-Zusammenarbeit zu aktivieren, und der Erfolg auf der Strecke langsam kommt, dann kann man darüber nachdenken, andere Teams auszurüsten - aber nicht vorher! Ja, wir bei McLaren wollen gute und brave Formel-1-Bürger sein, aber man muss selbstloses Verhalten vor den Hintergrund einer fairen, pragmatischen und vernünftigen Geschäftstätigkeit stellen."

"Wenn man es unverblümt hören will, dann müssen wir an den Punkt unserer ersten Weltmeisterschaft gehen, und dann können wir darüber nachdenken. Honda und uns ist vollkommen bewusst, dass wir die Formel-1-Gemeinschaft unterstützen müssen, aber wenn man auf McLaren schaut, dann kann man nicht sagen, dass wir das nicht getan hätten."

Stoffel Vandoorne, Ron Dennis

Das neue Megatalent im McLaren-Stall: Bekommt Stoffel Vandoorne einen Platz? Zoom

"Schaut euch beispielsweise mal an, wie viele junge Piloten wir in die Formel 1 gebracht haben. Die Pyramide im McLaren-Young-Driver-Programm für Nachwuchspiloten besteht aus vielen Talenten an der Basis und zwei Fahrern an der Spitze, denn in unserem Formel-1-Team mit zwei Fahrzeugen gibt es eben nur zwei Cockpits. Um den Fahrern unten zu unterstützen, hilft man ihnen, man trainiert sie, man bildet sie aus. Das klappt nicht bei allen. Das ist logisch und einfach statistisch naheliegend."

"Im Idealfall schafft es einer dieser Nachwuchsfahrer bis an die Spitze, dann siegt er mit unserem Team, bleibt bei uns und geht bei uns in Rente. Manchmal schafft es wirklich jemand bis ins Renncockpit, dann gewinnt er bei uns, aber wechselt dann zu einem anderen Team. Andere starten gut bei uns, schaffen es aber nicht - aus welchen Gründen auch immer - mit uns zu gewinnen."

"Es ist unabdingbar, dass ein solcher Weg auf drei Arten verlaufen kann, aber ich will es mal glasklar darstellen: In der Geschichte von McLaren hat es noch nie einen Fall gegeben, wo wir unfreundlich oder mit bösen Hintergedanken mit Fahrern umgegangen sind. Da werden nun einige sagen: 'Oh, da war doch die Geschichte mit Kevin Magnussen an dessen Geburtstag. Das war übel'. Wenn man sich den Brief, den ich ihm geschrieben habe, mal anschaut, dann wird man sehen, dass er freundlich und nett war."

Brief an Kevin Magnussen: Bekannte Tatsachen formalisiert

"Wenn man alle Informationen über die Gespräche hätte, die ich nicht nur mit Kevin, sondern auch mit dessen Mentor Anders (Holch Povlsen, dänischer Modemagnat; Anm. d. Red.) geführt habe, dann würde man anerkennen, dass ich jederzeit offen und ehrlich war. Der Brief enthielt letztlich nur das, was sie ohnehin schon lange wussten. Wir mussten handeln, weil wir unbedingt Fernando Alonso haben wollten. Das war für Kevin und Anders keine Neuigkeit."

"Der Hintergrund des Briefs lag in der Beziehung zwischen Fahrer und Team, die von vertraglichen Bestimmungen geprägt ist. Verträge erfordern formale Handlungen. Der Inhalt des Schriftstückes war keineswegs nach dem Motto 'Wir feuern dich', sondern es beinhaltete: 'Wir tun alles, um dich in deiner Karriere zu unterstützen, wir werden immer hinter dir stehen und wir werden Empfehlungen - in Worten und in Form von Daten - an alle Grand-Prix-Teams schreiben, die Interesse an dir haben könnten'. Das stand so in dem Brief."

"Ohne böse Absicht hat Kevin dieser Brief an seinem Geburtstag erreicht." Ron Dennis

"Die Situation war eigentlich ganz simpel. Unabhängig von unserer Meinung über Kevin, den wir als talentierten und starken Fahrer kannten, hatten wir uns bereits entschieden, dass wir mit Fernando und Jenson arbeiten werden. Und drei Piloten in zwei Cockpits, das geht eben nicht. Der Brief hat diese Situation in formaler Form dargebracht, hat sich bezogen auf die relevante Klausel im Vertrag. Ohne böse Absicht hat Kevin dieser Brief an seinem Geburtstag erreicht."

"Dieses kleine Detail hat aber dafür gesorgt, dass McLaren und ich persönlich als kalt, rücksichtslos und gefühllos dargestellt wurden. Das stimmt überhaupt nicht, wir sind weit davon entfernt. Ihr könnt den Brief gern lesen. Ich hätte kein Problem damit, denn es ist nichts Geheimes darin. Tatsache ist, dass es ein freundlicher Brief ist. Es ist wirklich unglücklich, dass Kevin ihn an seinem Geburtstag bekommen hat, aber es stand wirklich nichts darin, was er nicht vorher schon wusste."

Aufstieg soll ohne Abstürze gelingen

Frage: "Wenn man dann in den Medien fertig gemacht wird, die Situation insgesamt ohnehin unschön ist: Was machen sie, wenn sie dann nach Hause kommen? Setzen sie sich hin und denken darüber nach? Reflektiert man sein Handeln und seine Art der Unternehmensführung?"
Dennis: "Natürlich, ganz klar! Ich denke, die meisten Menschen im Unternehmen kennen meine Werte und Prinzipien. Ich habe oft genug gezeigt, was unsere Firma alles für die Angestellten tut. Wirklich: Intern läuft es anders, als es von außen oftmals dargestellt wird."

Frage: "Was denken sie, warum dies so ist?"
Dennis: "Wir als Team betreiben einen erbitterten Wettbewerb. Wir wollen bei allem, was wir tun, immer die Besten sein. Um nach oben zu kommen, muss man klettern - und zwar möglichst schnell klettern. Wenn ich dieses Streben mal weiter bildlich darstellen darf: Ich bin immer vorsichtig, dass wir beim Aufstieg nicht auf die Hände derjenigen trampeln, die unter uns noch beim Klettern sind."

"Ich bin immer auf meiner eigenen Leiter geklettert. Manchmal rutscht man ein oder zwei Stufen ab, wenn man schnell klettern möchte, aber ich habe immer darauf aufgepasst, dass mein Abrutschen als Konsequenz niemanden unter mir von der Leiter stößt - und schon gar nicht jemanden, mit dem ich im Rahmen des Aufstiegs direkt verbunden bin."

"Trotzdem rutschen unterhalb manchmal Leute ab. So etwas bekommt man teilweise gar nicht mit. Dann ist es zu spät, um noch etwas zu tun. Wenn so etwas passiert und dieses dann falsch verstanden oder falsch dargestellt wird, dann kränkt mich das. Alle Führungspersönlichkeiten tragen Narben von Kämpfen davon - das akzeptiere ich. Man muss manchmal die Kugeln abfangen, die auf die Mitarbeiter zufliegen. Das ist niemals ganz schmerzfrei."

"Wenn ich ehrlich bin, dann würde ich mir wünschen, dass die Welt manchmal ein klein wenig toleranter wäre, wenn man sich dorthin stellt und die Kanonenkugeln für Dinge abbekommt, auf die man gar keinen direkten Einfluss hat. Aber letztlich ist es halt so, dass man als Führungspersönlichkeit die Verantwortung übernehmen muss. Das kann manchmal wirklich sehr schmerzhaft sein."

Ron Dennis: Ehrgeiz als Antrieb bis ins Grab

Frage: "Sie sind seit vielen Jahren in leitender Position, aber in die Formel 1 gekommen sind sie 1966 als jugendlicher Techniker im Cooper-Team. Denken sie, dass es nach solch langer Zeit immer noch weiter nach oben geht? Klettern sie immer noch?"
Dennis: "Ich habe immer gesagt, dass mein Grabstein einmal folgende Inschrift tragen sollte: 'Hier liegt ein erfolgreicher Unternehmer'. Das hat sich in den vergangenen Jahren geändert. Jetzt soll dort stehen: 'Hier liegt ein ehrgeiziger, erfolgreicher Unternehmer'. Ich werde sterben mit Ambitionen in mir."

Mika Häkkinen, Ron Dennis

Eine ganz besondere Beziehung: Ron Dennis und Mika Häkkinen Zoom

"Es gibt noch so vieles, was ich machen möchte. Immer mal wieder habe ich den Fehler gemacht, mir im privaten Bereich mal Abwechslung zu suchen. Einfach nur, um es mal zu erleben, weil ich fast nie die Möglichkeit hatte, dem ausreichend Aufmerksamkeit zu schenken. Es hat aber nicht so gut funktioniert wie ich es mir erhofft hatte. Das ist ein Ergebnis meines unendlichen Ehrgeizes."

"Ich will mich aber nicht beklagen. Mein Leben ist fantastisch. Das Problem ist, dass es eben manchmal auch fantastisch schwierig und schmerzhaft ist, manchmal ist es fantastisch erfolgreich und befriedigend. Was auch immer die Gefühlslage ist, das Wort 'fantastisch' steht immer voran. Es gibt nichts, was bei mir in kleiner Dosierung ankommt. Wenn mit etwas wehtut, dann sind es akute Schmerzen. Wenn es mir gut geht, dann habe ich herzerfrischende Freude."

In der Freizeit: Soziale Medien als Spaßbremsen

Frage: "Sie haben über Freude und Schmerz, über Erfolg und Schwierigkeiten gesprochen. Gibt es Momente, in denen sie einfach mal ganz normal Spaß haben?"
Dennis: "Doch, doch. Leider muss man sich aber im Zeitalter der Sozialen Medien zusammenreißen. Bei meinem letzten Urlaub zusammen mit Freunden gab es einen Moment, wo ich einfach mal spontanen Spaß gemacht habe."

"Was das für ein Scherz war, spielt jetzt keine Rolle. Aber das Problem ist: Jeder zückt das Handy und macht Fotos. Plötzlich wird einem klar, dass dieser Moment der Verrücktheit in Millisekunden um die Welt gehen kann. Es ist leider so, dass Dinge, die privater Spaß sein sollen, ganz schnell gegen deinen Willen in der Öffentlichkeit die Runde machen können. Die Angst davor sorgt dafür, dass man sich lieber zusammenreißt."

"Es gibt an Ron Dennis eine Seite, die einfach für unbeschwerten Spaß steht." Ron Dennis

"In gewissem Maße schränken die Sozialen Medien die Persönlichkeit ein, wenn man in der Öffentlichkeit steht. In der Vergangenheit war es egal, wenn man mal einen verrückten Moment hatte, denn niemand hat es gefilmt und dann im Netz geteilt. Jetzt ist das aber die Regel. Und das ist schade, denn es gibt an Ron Dennis eine Seite, die einfach für unbeschwerten Spaß steht."

"Wer mich kennt, der weiß das. So ernsthaft und fokussiert ich im Business bin, so sehr bin ich das Gegenteil, wenn ich mal frei mache. Ich mache immer Urlaub fern ab von Europa, an Orten, an denen man sich gegenseitig die Privatsphäre lässt. Dort kann man entspannen und Spaß haben. So etwas ging früher auch im Formel-1-Zirkus. Aber das geht leider heutzutage nicht mehr."

Frage: "Werden sie irgendwann mal Twitter verwenden?"
Dennis: "Ich denke, es gibt nicht die geringste Chance, dass das irgendwann mal passieren wird. Ehrlich: Wenn ich mit der Familie esse oder mit Freunden im Restaurant bin, und es kommt nur jemand annähernd auf die Idee, sein Handy aus der Tasche zu holen, dann ist die Hölle los. Das mag ich überhaupt nicht."

Loyalität als Schüssel zur erfolgreichen Zusammenarbeit

Frage: "Sie haben in ihrer Karriere einige der größten Formel-1-Piloten aller Zeiten unter Vertrag genommen: Niki Lauda, Ayrton Senna, Alain Prost, Mika Häkkinen, Kimi Räikkönen, Juan Pablo Montoya, Fernando Alonso und viele weitere. Was bedeuten ihnen diese Fahrer?"
Dennis: "Alle Menschen haben eine eigene Persönlichkeit, Rennfahrer sind da kein bisschen anders. Jeder einzelne von denen war anders - und nicht nur anders in der Persönlichkeit. Sie waren auch im Sinne der Arbeitsmoral, der Loyalität und im Umgang mit Erfolgen und Niederlagen komplett verschieden."

"Man bewertet Menschen oft anhand der Reaktion auf verschiedene Erfahrungen, die man im Leben macht. So kann ich mit ganz unterschiedlichen Emotionen auf all jene Personen zurückblicken, die mit gerade in den Kopf kommen. Auf meiner Checkliste steht allerdings die Loyalität ganz oben. Das gilt nicht nur für Fahrer, sondern auch für die Menschen in der Firma generell."

Fernando Alonso, Ron Dennis

Fernando Alonso und Ron Dennis: Ist es wirklich Liebe auf den zweiten Blick? Zoom

"Die Loyalität ist etwas, das den Menschen wirklich auf den Prüfstand stellt. Wenn man ein Unternehmen durch Untiefen manövrieren muss, dann ist man auf die Loyalität von allen angewiesen. Das ist aber keineswegs eine Einbahnstraße: Ich halte ebenso fest zu allen Mitarbeitern in der Firma wie sie auch zu mir halten sollten. Sollte der Firma mal wirklich etwas ganz Schlimmes passieren, dann wäre in meinem Kopf sofort eine imaginäre Liste, eine Art Index der Loyalität."

"Im Gegensatz dazu ist es natürlich so, dass die Fahrer egoistisch denken müssen. In ihnen muss die Überzeugung stecken, dass sie die Besten sind. Wie könnte man Formel-1-Fahrer sein, wenn man nicht der Meinung wäre, dass man das Zeug zum Champion hat? Wie könnte man Formel-1-Pilot sein, wenn man nicht immer den eigenen Erfolg vor jenen des Teamkollegen stellt? Wie soll man Formel-1-Fahrer sein, wenn man nicht unglücklich ist, wenn man mal nicht Erster ist?"

"Die besten Formel-1-Piloten schaffen es abseits ihrer persönlich Ambitionen, eine tiefe Loyalität mit den Ingenieuren und allen anderen im Team zu erzeugen. Diese Leute sind aber rar gesät. Fernando war diesbezüglich im vergangenen Jahr sehr bemerkenswert. Er hat sich enorm gewandelt - und zwar zum Besseren. Ich habe neulich einen Artikel gelesen, in dem ein Ex-Formel-1-Fahrer (Johnny Herbert; Anm. d. Red) seinen Rücktritt gefordert hat."

"Schaut euch doch mal Fernando an. Nach meiner Meinung - und ich bin wohl recht qualifiziert diese zu bilden - ist er immer noch der schnellste Fahrer in der Formel 1. So einfach ist das. Außerdem ist er unglaublich fit. Seine Verletzung in Melbourne war nicht mehr als eine angeknackste Rippe. Immer, wenn er tief eingeatmet hat, tat es ihm ein wenig weh. Das war eine Frage von ein paar Tagen, nicht mehr."

Wenn der Teamchef zur Vaterfigur wird

Frage: "Sie haben schon oft darüber gesprochen, wie nahe ihnen Mika Häkkinen stand. Was war so besonders an dieser Beziehung?"
Dennis: "Mikas Loyalität war überragend. Ich kannte so etwas schon vorher von Alain Prost und Niki Lauda, aber niemals in dem Ausmaß wie bei Mika. Zu Beginn des Jahres 2001 hatten Mika und ich ein paar Gespräche über seine Zukunft. Ich erinnere mich, dass er damals ein paar Tage vor dem Grand Prix von Monaco zu mir kam und sagte, dass er sich für seinen Rücktritt zum Saisonende entschieden hatte."

"Ich habe noch nie einen Fahrer kennengelernt, der mir zu einem solch frühen Zeitpunkt offenbarte, dass er zurücktreten werde. Ich habe ihn nach den Gründen gefragt, er erklärte es mir. Ich habe seine Argumente gehört und akzeptiert, fand es aber eigentlich zu früh für einen Rücktritt. Er war immerhin erst 32 Jahre alt und ein solch toller Fahrer - und es war erst Mai..."


Fotos: McLaren, Großer Preis von Spanien


"Wenn ich heutzutage mit Fernando oder Jenson zusammensitze, dann wird mir der große Altersunterschied immer bewusst. Aus diesem Grund kann ich den beiden nur väterliche Ratschläge geben. Als ich damals Ende der 1980er-Jahre meine Karriere bei McLaren startete war ich erst 32 - also ungefähr im gleichen Alter wie die Piloten. Da war eine solche Beziehung nicht möglich. Unser ältester Fahrer war damals John Watson. Er war sogar älter als ich."

"Im Jahr 2001 war die Altersdifferenz zwischen mir und den Fahrern in einen 'väterlichen Bereich' gekommen. Ich war zu Beginn der damaligen Saison 53 Jahre alt, Mika war 32. Ich hatte das Gefühl, ich könnte ihm so eine Art elterlichen Leitfaden bieten. Wir haben damals darüber gesprochen, ob er ein Jahr Auszeit nehmen möchte. Vielleicht hätte das funktioniert. Nachdem er seine Entscheidung getroffen hatte, fuhr er besser als jemals zuvor."

Ziele: Haus entwerfen, Buch schreiben und Titel holen

Frage: "Gibt es noch etwas, das sie unbedingt erreichen möchten?"
Dennis: "Ich erreiche manchmal Dinge, von denen nur wenige Menschen etwas mitbekommen. Das gibt mir viel Befriedigung. Oft fragen mich Leute, ob ich nicht ein Buch schreiben möchte. Sollte ich wirklich mal die Zeit finden, etwas zu Papier zu bringen, dann wäre meine einzige Motivation, dass meine Kinder und Enkel dadurch meine Version der Geschichte erfahren könnten. Ich mag das Wort 'Autobiografie' nicht, aber ich hätte nichts dagegen, meine Geschichte mal darzulegen."

Ron Dennis

Kurios auf diesem Bild: Fahrer John Watson ist älter als Teamchef Ron Dennis Zoom

"Es gibt noch etwas, für das ich bisher keine Zeit hatte. Ich würde gern ein neues Haus konstruieren und designen. Nur, weil ich ein paar tolle Ideen habe. Ich würde es nicht bauen wollen, um anschließend darin zu leben. Ich würde es einfach nur bauen wollen. Ich habe das Glück, ein schönes Zuhause zu haben. Es gibt mir Geborgenheit, ist mein Zufluchtsort. Dort fällt all der Stress von mir ab. Ansonsten habe ich keine Dinge mehr auf dem Zettel, die ich beweisen oder schaffen möchte. Ich möchte integraler Bestandteil von McLaren sein, wenn wir wieder zu Siegern werden - und das wird passieren."

Frage: "Also geht es jetzt nicht von Golfclub zu Golfclub?"
Dennis: "Nein. Ich mag Sporttauchen, ich mag Schießen und ich habe Spaß am Skifahren. Aber diese Dinge müssen in mein Businessleben passen, wo ich rund um die Uhr eingespannt bin. So etwas wie eine Rente gibt es für mich nicht. Solch ein Begriff existiert in meinem Vokabular gar nicht. So bin ich halt nicht gestrickt."

"Es fühlt sich nicht nach Arbeit an. Warum sollte ich also damit aufhören?" Ron Dennis

Frage: "Sie werden also niemals zurücktreten?"
Dennis: "Ich höre niemals auf. Wobei der Begriff 'Aufhören' von Mensch zu Mensch eine unterschiedliche Bedeutung hat. Manchmal ertappe ich mich dabei, zu sagen: 'Ich hatte nie in meinem Leben einen ganz normalen Job'. Das ist tatsächlich eine zutreffende Aussage. Das liegt daran, dass ich das, was ich mache, einfach nur liebe. Es fühlt sich nicht nach Arbeit an. Warum sollte ich also damit aufhören?"

"Ich habe das große Glück, dass ich die Möglichkeit habe, meinen Ambitionen nachzugehen. Ich denke, es gibt nur sehr, sehr wenige Leute - in Wahrheit fällt mir gar keiner ein -, die finanziell gelitten haben, wenn sie mich oder die Firmen, für die ich tätig bin, unterstützt haben. Allerdings kann man als Unternehmer auch nicht immer nur gewinnen. Man erreicht nicht immer all das, was man gern erreichen möchte."

"Abseits davon bin ich sehr stolz auf die schulischen und beruflichen Erfolge meiner drei Kinder. Ich bin stolz auf meine großartige Partnerin (Carol Weatherhall; Anm. d. Red.). Wir alle brauchen Hilfe und Unterstützung. Sie ist eine schlaue Lady, deren Support einfach erstklassig ist. Wenn ich die negativen Dinge in meinem Leben betrachte, so werte ich diese als ganz normale Stolpersteine auf dem Weg. Je mehr man in Führungsposition ist, desto mehr Schrammen holt man sich. Das ist unvermeidlich. 'Wer nicht wagt, der nicht gewinnt' - so sagt es Sunzi."