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Rio Haryanto: Der Mann, der an Pascal Wehrlein sägt

Trotz Ausfalls überrascht Rio Haryanto bei Manor immer mehr: Der Indonesier setzt überraschend Pascal Wehrlein unter Druck, doch reicht das Geld bis Saisonende?

(Motorsport-Total.com) - Eigentlich war bei Saisonstart die Rollenverteilung bei Manor klar: Pascal Wehrlein soll sich mit Mercedes-Unterstützung bei den Hinterbänklern profilieren, indem er einen Paydriver regelmäßig in Grund und Boden fährt. Rio Haryanto bringt das Geld mit und sorgt dafür, dass das Team überlebt. Doch der Indonesier spielt das Spiel nicht mit: Beim Großen Preis von Russland im Sotschi Autodrom lieferte er ein so starkes Wochenende ab, dass Wehrlein ernsthaft um die Vorherrschaft im Team kämpfen muss.

Rio Haryanto

Rio Haryanto setzt Pascal Wehrlein überraschend unter Druck Zoom

Nach den Problemen bei beiden Fahrzeugen im ersten Freien Training war Haryanto am Freitagnachmittag und Samstagvormittag schneller als sein Teamkollege. Im Qualifying fing er sich eine knappe Niederlage ein (Alle Ergebnisse aus Russland!). "Ich wurde im dritten Sektor aufgehalten", begründet der 23-Jährige. Trotz der Niederlage um 64 Tausendstelsekunden steht es im Qualifyingduell zwischen ihm und Wehrlein 2:2. Die wenigsten hätten damit gerechnet.

Sein Rennen war dann nach zwei Kurven vorbei, als er in den Unfall rund um Nico Hülkenberg verwickelt wurde. "Pech gehabt", war sein kurzes Resümee. Trotzdem hat er Eindruck hinterlassen: Statt vom hochgelobten Pascal Wehrlein vorgeführt zu werden, verfolgt er zielstrebig seine eigene Agenda. "Rio ist ein interessanter Mann und richtig schnell", befindet Manor-Rennleiter Dave Ryan. "Er lernt sehr schnell und hat einen wirklich tollen Job am Wochenende gemacht." Doch wer ist dieser Mann, der sich weigert, die Rollenverteilung so anzunehmen?

Verheißungsvoller Aufstieg und Stagnation

Der heutige Manor-Pilot wurde 1993 in eine Rennfahrerfamilie geboren, womit sein Weg vorgezeichnet war. Sein Talent zeichnete sich bereits frühzeitig ab, als er regelmäßig schneller war als seine Brüder Roy und Ryan. Sein erstes Kartrennen bestritt er bereits mit sechs Jahren, während seiner sieben Jahre im Kartsport erhielt er diverse Auszeichnungen und konnte schließlich die asiatische Kartmeisterschaft gewinnen. Durch seinen Vater war er zu diesem Zeitpunkt bereits in der Motorsportszene gut vernetzt.


Fotostrecke: GP Russland, Highlights 2016

Es folgte ein Spurt durch die Junior-Formelmeisterschaften: 2009 gewann er die asiatische Formel BMW mit elf Siegen aus 15 Rennen, schaute in der australischen Formel 3 vorbei und debütierte 2010 in der GP3, in der er gleich im vierten Rennen gewinnen konnte. Seine Karriere geriet 2011 mit der zweiten GP3-Saison ins Stocken: Er verschlechterte sich trotz zweier Siege von Gesamtrang fünf auf Platz sieben in der Meisterschaft und stieg anschließend in die GP2 auf.

Hier schien lange Zeit seine Endstation erreicht zu sein: Erst im vierten Jahr - also streng genommen viel zu spät - gelangen ihm die ersten Siege. Nachdem er drei Jahre lang jenseits der Top 10 gelandet war, schien der Zug schon abgefahren. Doch 2015 wirkte der Wechsel zu Campos Wunder: Haryanto wurde zum regelmäßigen Spitzenfahrer und konnte dreimal gewinnen. Die Meisterschaft schloss er als Vierter ab. Nichtsdestotrotz war dies lediglich guter Durchschnitt, weshalb keine Großtaten erwartet wurden, als er 2016 ins Formel-1-Team von Manor berufen wurde. (Alles zu Rio Haryanto)

Die Überraschung bei Manor

Doch nach vier Rennen steht Rio Haryanto als moralischer Gewinner da: Obwohl Letzter der WM-Wertung, hat er sich nicht teamintern unterbuttern lassen und bringt Pascal Wehrlein ins Schwitzen. Nicht ganz uneigennützig lobt er den Deutschen: "Er ist ein sehr guter Fahrer, deshalb haben sie ihn auch genommen. Es ist gut, einen Teamkollegen wie ihn zu haben. Das hilft mir auch, ein besserer Fahrer zu werden." An das kompetitive Klima in der Formel 1 hat er sich schnell gewohnt und den Schlüssel bereits gefunden: "Das fahrerische Niveau ist enorm. Letztlich kommt es also auf die Zusammenarbeit mit dem Team an. Man kann hier so viel am Auto ändern..."

Rio Haryanto

In Russland kam Haryanto nur in den Trainingssitzungen zum Fahren Zoom

Er selbst wähnt sich dabei in zweierlei Hinsicht im Glück. "Ich habe großes Glück, mit erfahrenen Leuten zusammenzuarbeiten, die schon viele Jahre in der Formel 1 sind. Das hilft mir als Fahrer sehr, so schnell Fortschritte zu machen", so der 23-Jährige. Die Zusammenarbeit wird noch intensiver werden, wenn er für die Europa-Saison nach Spanien umsiedeln wird. Zweiter Glücksfall: Er ist genau zum richtigen Zeitpunkt ins Team gekommen: "Letztes Jahr hatten sie große Probleme, dieses Jahr können sie mit anderen Teams kämpfen."

Ob er seine starke Saison bis zum Ende wird durchziehen können, ist aber noch nicht klar. 15 Millionen Euro benötigt er, um die Saison zu finanzieren. Ursprünglich sollten diese vom Staat gestemmt werden, doch komplett geflossen ist die Summe noch nicht.

Nationalprojekt Rio Haryanto

Aus diesem Grunde hat der Sportminister das Formel-1-Engagement Haryantos zum Nationalprojekt ausgerufen. Die viertgrößte Bevölkerung der Welt (fast 250 Millionen Menschen) kann mittels SMS spenden. Pro Mitteilung fließen 32 Cent. Indonesiens Minister für Kommunikation Rudiantara (der keinen zweiten Namen hat) ruft seine Bevölkerung bei 'CNN Indonesia' dazu auf, das Senden von SMS-Nachrichten "wie das Einnehmen von Medizin" zu behandeln: Dreimal täglich bitte.

Erschwert wird die Tatsache jedoch dadurch, dass der vierrädrige Motorsport in Indonesien - einem Land, in dem aufgrund der Bevölkerungsdichte die Fortbewegung überwiegend auf zwei Rädern erfolgt - bislang eher unterrepräsentiert war. Die bisherigen Platzierungen lassen sich schwer verkaufen, wie Rio Haryanto erläutert: "Die Menschen haben gesehen, wie ich in den Juniorkategorien Podiumsplätze und Siege geholt habe und erwarten jetzt dasselbe in der Formel 1." Es sei schwer, ihnen zu erklären, dass man in der Formel 1 nur mit einem entsprechenden Auto erfolgreich sein kann.

Allerdings gilt das nicht für alle Menschen. "Manche Leute erwarten viel von mir, andere sagen, 'Okay, er ist noch ein Rookie und braucht Zeit, um sich zu entwickeln.' Es ist also ein Mix", so Haryanto, der die Hoffnung eines ganzen Landes verkörpert. Wie weit ihn die Reise führen kann, wird sowohl von seinen tatsächlichen Leistungen (die schwachen GP2-Jahre sind nicht vergessen) als auch vom Geldbeutel abhängen.

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