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  • 22.08.2014 · 00:16

  • von Dieter Rencken, Mario Fritzsche & Dominik Sharaf

Phänomen Max Verstappen: Viel Lob vom neuen Chef

Toro-Rosso-Teamchef Franz Tost lobt seinen Neuzugang Max Verstappen, der spätestens ab Austin im Freitagstraining fahren soll, schon jetzt über den grünen Klee

(Motorsport-Total.com) - Am 12. August wurde Max Verstappen als Mitglied des Red-Bull-Nachwuchsprogramms vorgestellt. Nicht einmal eine Woche später, am 18. August, wurde er für die Saison 2015 als Formel-1-Pilot bei Toro Rosso vorgestellt. Der extrem knappe Abstand zwischen Aufnahme ins Red-Bull-Juniorteam und Unterzeichnung des ersten Vertrags als Stammfahrer in der Königsklasse kam für viele überraschend.

Max Verstappen, Franz Tost

Toro-Rosso-Teamchef Franz Tost und sein neues Juwel Max Verstappen Zoom

Fahrermanager Didier Coton gesteht offen, dass er mit der Verstappen-Verpflichtung nicht gerechnet hatte. "Für mich war die Bekanntgabe eine Überraschung. Ich hatte mit anderen Namen wie zum Beispiel Carlos Sainz jun. gerechnet", gesteht der Manager, zu dessen Kunden unter anderem Williams-Pilot Valtteri Bottas zählt.

Mit Blick auf Verstappens Alter, das beim Formel-1-Debüt im März 2015 gerade einmal 17 Jahre sein wird, hält Coton fest: "Das ist extrem jung, aber es ist natürlich eine Riesenchance für Max. Was er bisher in den Nachwuchsklassen gezeigt hat, war wirklich sehr stark. Warten wir einfach das kommende Jahr ab. Ich wünsche ihm viel Glück."

Verstappen wusste früher bescheid

Max Verstappen

Verstappen: Aufnahme ins Red-Bull-Juniorteam = Toro-Rosso-Vertrag Zoom

Doch war im Hause Red Bull in Wirklichkeit alles von langer Hand geplant? "Es ist ja nicht so, dass Red Bull oder Doktor Marko erst im Juni oder Juli auf ihn zugekommen wären. Wir haben uns schon deutlich im Voraus über das Thema unterhalten", offenbart Toro-Rosso-Teamchef Franz Tost, der den nächstjährigen Teamkollegen seines diesjährigen Überraschungsmanns Daniil Kwjat eigener Aussage zufolge schon "seit einigen Jahren" beobachtet.

So sieht Tost in der Verpflichtung des Sohnes von Ex-Formel-1-Pilot Jos Verstappen "kein Risiko, nicht mit diesem Fahrer", denn: "Er hat im Kart alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt. Erst die Europameisterschaft und dann im vergangenen Jahr spielerisch die Weltmeisterschaft. Er stieg in die Formel 3 ein und fuhr vom ersten Moment an ganz vorne mit. Von 27 Rennen hat er insgesamt 17 in den Top 5 beendet, acht davon gewonnen. Die übrigen Rennen konnte er aufgrund von technischen Defekten nicht zu Ende fahren."

Wie Max Verstappen nun offenbart, stand in dem Moment, als er ins Red-Bull-Nachwuchsprogramm aufgenommen wurde, bereits fest, dass er 2015 für Toro Rosso fahren würde. "Das war ein und derselbe Moment. Ich wusste es ein bisschen früher als alle anderen", grinst der 16-jährige Niederländer und geht dank Simulatorarbeit und regelmäßigem Kontakt zum Team davon aus, sich "sehr schnell" auf den Formel-1-Boliden einzuschießen.

Vertragsunterzeichnung mit 16 Jahren?

Den Ausschlag für die Verpflichtung gaben laut Tost weniger die Husarenritte wie sie Verstappen auf dem Norisring zeigte ("bei Rundenzeiten von 50 Sekunden war er konstant 1,5 Sekunden schneller als alle anderen"), sondern vielmehr die Fahrzeugbeherrschung. So beobachtete der Österreicher, wie Verstappen auf dem Nürnberger Stadtkurs "die Dutzendteich-Kehre anbremste, ohne dass sich das Auto dabei irgendwie bewegt hätte. In den Beschleunigungsphasen war es genauso. Er hat einen sehr weichen Fahrstil. Sein Gefühl für das Griplevel ist in meinen Augen wirklich herausragend", zieht der Toro-Rosso-Teamchef schon jetzt den Hut vor seinem nächstjährigen Stammfahrer.

Max Verstappen, Jos Verstappen

Vater Jos Verstappen steht Max seit früher Kindheit an mit Rat und Tat zur Seite Zoom

Tosts Landsmann Gerhard Berger, der in seiner Funktion als Vorsitzender der Formelsportkommission der FIA die Formel-3-EM ganz genau im Auge hat, empfahl Verstappen ebenfalls. "Er war bei vielen Rennen vor Ort und berichtete stets, dass Max Verstappen ein ganz besonderes Kaliber sei", erinnert sich der Toro-Rosso-Teamchef und stellt klar, dass Verstappen aufgrund seines Alters von 16 Jahren den Vertrag "nur mit Zeugen" unterschreiben durfte.

"Mein Vater hat mir viel geholfen", bestätigt Max Verstappen und bezieht sich dabei nicht nur auf die Vertragsunterzeichnung bei Toro Rosso, sondern auch auf das von Jos Verstappen initiierte, frühe Heranführen an den Kartsport. Ab diesem Moment an ging alles ganz schnell und so soll es auch weitergehen. "Ich habe mich immer schnell auf die jeweils neue Klasse eingestellt. Ich erwarte auch beim Umstieg von der Formel 3 in die Formel 1 keine großen Probleme", strotzt der 16-jährige Sohn von Jos Verstappen vor Selbstbewusstsein.

Warum Mercedes als Option wegfiel

"Glücklicherweise hat Red Bull wieder einmal das Rennen gemacht." Toro-Rosso-Teamchef Franz Tost

"Es waren ja auch andere Teams interessiert", verweist Tost auf Gespräche, die der junge Niederländer unter anderem mit den Verantwortlichen des Mercedes-Teams führte. "Glücklicherweise hat Red Bull wieder einmal das Rennen gemacht", sagt der Toro-Rosso-Teamchef, will sich aber kein Urteil darüber erlauben, was letztendlich den Ausschlag für die Zusage von Verstappens Seite gegeben hat: "Dazu müsste man ihn und sein Management fragen."

Was also ließ die Verstappens für die Red-Bull-Familie entscheiden? "Unterm Strich ist es das Gefühl, was den Ausschlag gibt", sagt Max und präzisiert: "Man muss natürlich den Leuten vertrauen. Bei Red Bull hatte ich von Beginn an das richtige Gefühl." Doch das familiäre Umfeld war nicht der einzige Grund, wie der 16-Jährige ganz offen gesteht: "Hinzu kam, dass man mir bei Red Bull die Garantie gab, im nächsten Jahr Rennen zu fahren." Genau diese Garantie konnte Mercedes eben nicht geben.

"Mich persönlich interessiert der Grund gar nicht", legt Franz Tost nach. "Ich bin einfach nur froh, dass er bei Toro Rosso unter Vertrag steht. Hoffentlich können wir ihm ein gutes, zuverlässiges Auto an die Hand geben. Wenn uns das gelingt, dann bin ich in überzeugt, dass er sehr gut aussehen wird."

Tost: Verstappen kein zweiter Kwjat

"Natürlich gibt es während eines Rennens Situationen, in denen Erfahrung weiterhilft", meint Tost in Anspielung auf die Bedenken, wonach Verstappen zu jung für die Formel 1 sein könnte, versucht diesen Bedenken aber sofort Wind aus den Segeln zu nehmen, indem er anfügt: "Man darf nicht vergessen, dass sowohl Daniil Kwjat als auch Max Verstappen schon zehn, zwölf Jahre Rennerfahrung haben. Sie fangen ja nicht bei Null an. Man sieht es bei Kwjat. Seine technischen Aussagen sind sehr gut. Man spürt gar nicht, dass er ein Newcomer ist."

Mit Kwjats starken Leistungen in diesem Jahr habe die Verpflichtung Verstappens aber nichts zu tun, wie der Toro-Rosso-Teamchef zu verstehen gibt: "Man kann es nicht so einfach übertragen, dass man sagt, mit dem Fahrer hat es geklappt, also klappt es auch mit dem anderen Fahrer. Die Gesamtsituation muss stimmen und die stimmt bei Max Verstappen. Man schaue sich nur seine fantastischen Rennen in der Formel 3 an. Dort fahren andere hochtalentierte Fahrer wie Ocon, Fuoco oder Lucas Auer. Hinzu kommt seine außerordentliche Fahrzeugbeherrschung und nicht zuletzt die Tatsache, dass Toro Rosso ein Team für junge Fahrer ist."


Fotostrecke: Red-Bull-Junioren in der Formel 1

"Wenn man mit einem Max Verstappen spricht, hat man nicht den Eindruck, dass man einen 16-Jährigen vor sich hat", bescheinigt Tost seinen nächstjährigen Schützling eine für dessen Alter überdurchschnittliche Reife. Dass der junge Niederländer den klassischen Aufstiegsweg in die Formel 1 nicht geht, sei kein Nachteil: "GP3 braucht er nicht fahren, wenn er in der Formel-3-Europameisterschaft, die wesentlich stärker besetzt ist, Rennen gewinnt. Wenn er GP2 fahren würde, würde auch dort gewinnen. Jetzt in die Formel 1 einzusteigen, bedeutet für ihn einfach, früher die Chance zu bekommen, in der höchsten Klasse zu fahren, noch mehr zu lernen und früher mit der Materie konfrontiert zu werden. Bei einem Max Verstappen sehe ich da kein Risiko."

"Die Formel-3-Europameisterschaft ist in diesem Jahr so stark besetzt wie keine andere Nachwuchsserie, weder die GP3 noch die GP2. Wenn er da reinkommt und gewinnt, dann mache ich mir keine Sorgen, ihn zu verheizen. Sorgen würde ich mir machen, wenn er gezwungen wird, Formel 1 zu fahren ohne die Resultate zu haben. Das gibt es ja auch, dass ein Sponsor sagt 'Der muss jetzt Formel 1 fahren'. So einer wird verheizt, aber einer mit dem Können von Max Verstappen wird nicht verheizt. Er wird einfach aufgebaut. Es liegt in den Händen von Toro Rosso, ihn so vorzubereiten, dass er nicht verheizt wird. Wenn er verheizt wird, dann habe ich Schuld", übernimmt Tost die Verantwortung.

Erste Freitagseinsätze gegen Ende der Saison

So rechnet der Toro-Rosso-Teamchef bei Verstappens ersten Formel-1-Auftritten durchaus mit dem einen oder anderen Ausrutscher. "Das ist die sogenannte 'Crash Period', die jeder Fahrer durchmachen muss. Wer nicht crasht, der ist nicht am Limit. Das ist ganz normal und das gehört zum Lernprozess dazu", erklärt der 58-jährige Österreicher.

Daniil Kwjat

In Austin gab auch schon Daniil Kwjat sein Freitagsdebüt für Toro Rosso Zoom

Kommende Woche wird bei Toro Rosso in Faenza ein Sitz für Verstappen gegossen. Am darauffolgenden Wochenende fährt er einen Formel-1-Showrun in Rotterdam. "In ein paar Wochen wollen wir ihn dann in einem drei Jahre alten Auto zum ersten Mal testen lassen. Ende des Jahres wollen wir ihn dann an Grand-Prix-Freitagen ins Auto setzen, denn wir wollen ihm so viele Kilometer wie möglich in einem Formel-1-Auto geben. Ich gehe davon aus, dass wir ihn spätestens ab Austin im ersten Freien Training am Freitag fahren lassen. Nach Austin, Sao Paulo und Abu Dhabi wird er noch einen weiteren Testtag einlegen", gibt Tost Auskunft über die Planung im Zusammenhang mit dem Neuzugang im Team.

Schon jetzt hofft der Toro-Rosso-Teamchef, seine beiden Juwelen Kwjat und Verstappen mehrere Jahre im Team halten zu können: "Solange die Fahrerpaarung bei Red Bull intakt bleibt, werden wir wohl unsere Fahrer behalten. Ich hoffe, dass wir sie zwei oder drei Jahre halten können. Die Entscheidung liegt aber nicht bei mir, sondern bei Red Bull." Dort stehen derzeit Sebastian Vettel und Daniel Ricciardo unter Vertrag, die beide vor dem Einstieg in die Mannschaft von Christian Horner im Team von Franz Tost fuhren.