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  • 28.11.2008 16:08

Murray: "Mehr Freiheiten für die Designer"

Der legendäre Formel-1-Konstrukteur Gordon Murray im Interview über die Regeländerungen, Sparmaßnahmen und Sicherheitsrisiken

(Motorsport-Total.com) - Gordon Murray betrachtet den aktuellen Wandel im Formel-1-Reglement entspannt und gelassen. Was für viele Fans und Fachleute als deutlichste Regeländerung der vergangenen Jahrzehnte gilt, ist für den legendären Konstrukteur nichts weiter als ein Sturm im Wasserglas. Murray, der unter anderem den Brabham BT52 von 1983 konstruierte, mit welchem Nelson Piquet dank BMW Turbopower Weltmeister wurde, gehen die Veränderungen im Reglement nicht weit genug.

Gordon Murrays Autos holten insgesamt 22 Formel-1-Siege Zoom

KERS betrachtet der Südafrikaner als motorsportliche Blendgranate, die zudem noch viele Risiken in sich trage. Das Verbot von aerodynamischen Kleinteilen, die neue Form von Flügeln und des Diffusors seien nur ein kleiner Schritt. Außerdem kritisierte Murray, der einschneidende Regeländerungen nach dem WM-Jahr 1983 selbst miterleben durfte - im exklusiven Interview mit 'Motorsport-Total.com' die vielen Vorgaben im technischen Reglement. Er forderte eindeutig mehr Freiheiten für die begnadeten Ingenieure der Formel 1.#w1#

"Heute gibt man unglaubliche Summen aus, um im Windkanal nur den Bruchteil einer Sekunde zu finden." Gordon Murray

Frage: "Gordon, glaubst du, du würdest noch immer in die moderne Formel 1 passen?"
Gordon Murray: "Wenn wir uns dabei über den Bereich Design unterhalten, dann würde ich dort wohl kaum mehr am rechten Ort sein. Ich war sehr glücklich in der Ära, wo man von einem Grand Prix zum nächsten mit einer verdammt guten Idee eine Sekunde pro Runde schneller sein konnte. Heute gibt man unglaubliche Summen aus, um im Windkanal nur den Bruchteil einer Sekunde zu finden. Ich würde mich in der Designabteilung also nicht sonderlich wohl fühlen."

"Einen strategischen Posten könnte ich mir dagegen sehr gut vorstellen. Das habe ich immer sehr gemocht. Ich würde im Prinzip gerne für ein Team arbeiten, das beispielsweise noch keinen Grand Prix gewonnen hat. Es würde mich sehr zufriedenstellen, so eine Truppe zum Erfolg zu führen. Das würde mir noch immer viel Spaß machen. Gar nicht vorstellen könnte ich mir hingegen, ein Team von 180 Designern zu leiten. Das wäre nicht mein Ding."

Frage: "Wenn also nun Force India anrufen und Interesse an deinen Diensten bekunden würde - würdest du zusagen?"
Murray: "Wenn mir ein hochrangiger strategische Posten zugänglich gemacht werden würde, dann wäre ich dabei. Bei McLaren und Brabham ging es mir nicht nur um das Design, ich war auch in die Teamleitung miteingebunden. Man musste jede Menge strategischer Entscheidungen fällen und das bereitet mir einfach große Freude. Wahrscheinlich wäre das Hauptproblem, genug Zeit für so einen Job zu finden (lacht; Anm. d. Red.)."

Regeländerungen: Lieber spät als nie

"Ich bin schon etwas frustriert, wenn ich mir das als Außenstehender ansehe." Gordon Murray

Frage: "Wie siehst du die Regeländerungen für 2009? Werden sie so greifen, wie gedacht? Wird das Überholen dadurch einfacher werden?"
Murray: "Ich bin schon etwas frustriert, wenn ich mir das als Außenstehender ansehe. Es geht mir nicht einmal so sehr um 2009, denn schon vor einigen Jahren hätte man einige sehr elementare Regeln erlassen können, die einerseits das Überholen erleichtert und andererseits besseren Rennsport geboten hätten - bei gleichzeitig reduzierten Kosten. In der Formel 1 kann man die Kosten wahrscheinlich nicht kontrollieren."

"Die Teams haben einen so großen Etat, dass sie ihr Geld immer in andere Bereiche stecken können. Dennoch ist es in der Formel 1 so einfach, die technischen Kosten zu reduzieren. Das nervt mich etwas. Die Veränderungen für das kommende Jahr werden sicherlich einen Unterschied machen, aber das ist nur ein kleiner Schritt in die richtige Richtung."

Frage: "Bei den jüngsten Testfahrten hat man die neuen Aerodynamikteile schon gesehen - und die sahen doch sehr gewöhnungsbedürftig aus..."
Murray: "Meiner Meinung nach ist es schon einmal eine gute Sache, all die kleinen Flügelchen zu verbieten. Ein weitaus größerer Eingriff wäre es noch, Aufhängungsteile aus Karbonfaser zu verbieten, denn diese aerodynamisch geformten Elemente kosten ein Vermögen - und gerade diese Teile gehen bei einem Unfall doch als erstes kaputt. Die Aufhängung bricht dann auseinander und verteilt sich auf der gesamten Rennstrecke. Das ist dann ein Sicherheitsrisiko."

"Es gibt wirklich viele Dinge, die man machen könnte. Daher stimmt es mich schon traurig, wenn ich über diese Regeländerungen lese, denn eigentlich könnte man doch viel größere Schritte machen. Diese könnten dann auch der ursprünglichen Formel-1-Linie treu bleiben. Man muss dabei sehr aufpassen, denn wenn wir die Kosten nicht unter Kontrolle bringen, dann werden die Leute die Formel 1 immer mehr hinterfragen."

Mehr Freiheiten für die Formel-1-Designer

"Ich befürworte also alles, was den Designern mehr Freiheiten verschafft." Gordon Murray

Frage: "Welche Regeln aus der Vergangenheit würdest du gerne wieder in der Formel 1 wissen? Gibt es etwas, von dem du gerne ein Comeback erleben würdest?"
Murray: "Ich würde alles begrüßen, was die Freiheiten des Designers beim Layout des Wagens vergrößert. Die aktuellen Formel-1-Autos sehen sich doch ziemlich ähnlich, weil die Regeln glasklar vorgeben, wie die Hauptelemente anzuordnen sind. Die Regeln geben vor, wo das Bodywork beginnt und wo es aufhört."

"Würde man alle heutigen Formel-1-Rennwagen weiß anstreichen, in einer Linie aufstellen und einer x-beliebigen Person 30 Sekunden lang Zeit geben, den Wagen ihre Namen zuzuordnen - das wäre wohl keine einfache Aufgabe! Ich befürworte also alles, was den Designern mehr Freiheiten verschafft. Vielleicht ist es ein erster Schritt, die kleinen aerodynamischen Zusatzteilchen zu verbannen, denn so muss sich die Grundform des Wagens etwas ändern. Wir werden sehen..."

Frage: "Bist du nicht traurig darüber, nicht bei all den Innovationen um KERS dabei sein zu können?"
Murray: "Nein, denn das halte ich größtenteils für Unsinn. Das geht ungefähr in die Richtung, was ich von Hybrid-Straßenwagen denke. Aus Marketing-Sicht ist das natürlich fantastisch. Wenn man sich aber den kompletten Lebenszyklus eines Hybrid-Straßenwagens ansieht, dann muss man erkennen, dass er nicht 'grüner' ist als Benziner oder Diesel-Autos. Das ist ein Fakt."

Deutliche Kritik an KERS

Frühere Brabham-Truppe: Gordon Murray, Bernie Ecclestone, Herbie Blash Zoom

"Eigentlich sind Hybridwagen sogar übler. In der Formel 1 ist das mit KERS nichts anderes. Es ist ein Statement für die Welt: 'Schaut her, wir beschäftigen uns mit künftigen, umweltfreundlichen Technologien.' Es ist aber nur eine weitere Verkomplizierung und obendrein noch dazu ein Sicherheitsrisiko - das die Formel 1 meiner Meinung nach nicht braucht."

Frage: "...worauf eine Menge Geld verwendet wird..."
Murray: "Genau so ist es. Ich würde mich daher genau auf das Gegenteil konzentrieren. Ich würde einfach versuchen, die Kosten von Design, Entwicklung und Technik herunterzuschrauben. Die Formel 1 sollte in diesem Punkt eher auf Effizienz statt Marketing setzen."

Frage: "Welches Auto hältst du gegenwärtig für das innovativste? Hast du da einen persönlichen Favoriten?"
Murray: "Wenn man sich die Rennwagen ansieht, dann kann man das auf Basis nur einer einzigen Saison wohl kaum einschätzen. Da müssen wir schon einen Zeitraum von einigen Jahren als Grundlage nehmen. Ziehen wir die vergangenen vier Saisons in Betracht, dann muss man einfach Ferrari nennen. Sie haben in meinen Augen am meisten geleistet. Aber das kann man nur schwer einschätzen. Alle geben ihr Bestes, der Aufwand eines jeden Rennstalls ist ja gigantisch. Wenn ich aber ein Team nennen sollte, das konstant eine technische Vorreiterrolle innehatte, dann würde ich Ferrari sagen."

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