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  • 03.03.2003 · 11:39

Michelin will neue Regeln zum Vorteil nutzen

Michelin glaubt durch die Regeländerungen in Australien entscheidend Boden auf Bridgestone gutmachen zu können

(Motorsport-Total.com) - Der Saisonauftakt als Gleichung mit vielen Unbekannten: Die einschneidenden Regeländerungen, die der Automobil-Weltverband FIA teils erst wenige Wochen vor Saisonbeginn verkündete, sorgen vor dem sehnlichst erwarteten Start in die Formel 1-Saison 2003 für zusätzliche Spannung. Ein völlig neuer Qualifying-Modus, der umgekrempelte Zeitplan, die eingeschränkte Arbeitszeit an den Autos und die (noch ausgesetzten) Restriktionen der Elektronik stellen die Rennställe vor zahlreiche offene Fragen. Dass in Down Under alles drunter und drüber geht, ist angesichts der extremen Professionalität der Teams in der Königsklasse dabei zwar nicht zu erwarten ? die eine oder andere Überraschung dagegen schon. Für Michelin ? Reifenpartner der Werksteams BMW WilliamsF1, McLaren-Mercedes, Renault F1, Jaguar Racing und Toyota ? ergeben sich durch die neuen Regeln viele positive Ansätze. So treten die Michelin-Teams erstmals bei einem Grand Prix mit den für sie maßgeschneiderten Reifen an, die bei den Wintertests zum Teil herausragende Zeiten ermöglichten.

Michelin-Reifen © Michelin
Michelin fühlt sich für den ersten Grand Prix der Saison gut gerüstet

Ein Australier gab das Motto vor, das am kommenden Wochenende in Melbourne zählt: "When the flag drops, the bullshit stopps" brachte es der dreifache Weltmeister Sir Jack Brabham auf den Punkt. Auch wenn Grand Prix-Rennen heute nicht mehr mit dem Schwenken der Landesfahne gestartet werden, behält der als Konstrukteur und Pilot zu WM-Ehren gekommene "Aussie" ansonsten recht. Sobald der Grand Prix von Australien endlich läuft, stehen nicht mehr die Diskussionen über Umfang, Zeitpunkt, Sinn und Unsinn der neuen Regeln im Mittelpunkt, sondern realer Motorsport ? dargeboten von den besten Teams und Fahrern der Welt.

Auch für Michelin schlägt dann die Stunde der Wahrheit. Obwohl die Wintertest-Zeiten erfahrungsgemäß mit sehr viel Vorsicht zu genießen sind, zeichnete sich ein Trend ganz klar ab: Durch die Liberalisierung des Reifenreglements gewinnen die Michelin-Teams möglicherweise entscheidend an Boden. Der französische Reifenhersteller darf nun jedes Team mit zwei individuell angepassten Reifentypen pro Grand Prix ausstatten. Damit entfällt ein Vorsprung des Wettbewerbers, der diesen Vorteil durch die Konzentration auf die Scuderia Ferrari de facto bereits im Vorjahr besaß. Die ermutigenden Zeiten, die unter anderem McLaren-Mercedes und Toyota bei den Vorsaisontests erzielten, sprechen für einen markanten Fortschritt der Michelin-Pneus.

Dennoch misst Michelin-Motorsportdirektor Pierre Dupasquier der "Winter-Weltmeisterschaft" nicht allzu viel Bedeutung bei: "Einige Teams haben positiv überrascht. Was das heißt, wissen wir allerdings erst in Melbourne. Zumindest in Bezug auf den neuen Qualifying-Modus bin ich aber sehr zuversichtlich. Unsere Reifen zeichnen sich dadurch aus, dass sie auf Anhieb schnell sind ? sie sind sofort 'da', wie die Ingenieure sagen." Zudem befinden sich im Michelin-Kader zahlreiche Piloten, die diesen Vorteil umzusetzen verstehen. Allen voran der Vorjahreszweite Juan Pablo Montoya, der seine Qualifying-Stärke 2002 mit sieben Pole Positions bewies und klar sagt: "Mir gefällt die Idee des Einzelzeitfahrens."

Die Entscheidung über den Reifentyp, den die Teams in Qualifying und Rennen verwenden, müssen sie übrigens erst vor dem zweiten Einzelzeitfahren treffen. Besonders viele Daten für diese essenzielle Wahl können die so genannten "Heathrow-Teams" sammeln ? also jene Rennställe, die sich dafür entschieden haben, zwei Teststunden auf der jeweiligen Grand Prix-Strecke am Freitag vor dem Rennen zu nutzen und dafür in der restlichen Saison nur 20 Autotage zu testen. Nach derzeitigem Stand gehören mit Renault F1 und Jaguar Racing auch zwei Michelin-Partner zu diesem Kreis.

Möglicherweise werden die Piloten dieser Teams auf dem Albert Park Circuit die Rolle der Straßenfeger spielen, denn der nicht permanente Kurs durch den Stadtpark von Australiens Sporthauptstadt zeigt sich am Beginn des Rennwochenendes extrem staubig und rutschig. Sollten die Piloten das niedrige Grip-Niveau durch ihre Fahrzeugabstimmung nicht wettmachen, könnten sie ihre Reifen mit rutschenden Autos überfordern. Etwas weniger knifflig wird die Set-up-Aufgabe durch den hohen aerodynamischen Abtrieb: "In Melbourne ist maximaler Downforce gefragt und ein Set-up, das gute Traktion sichert", bestätigt BMW WilliamsF1-Chefingenieur Sam Michael. "Weil wir nun im Rennen die gleiche Abstimmung fahren müssen wie im Qualifying, stehen uns schwierige Entscheidungen bevor."

"Was das Set-up des Autos angeht, so benötigen wir vor allem in den langsamen Kurven wie Jones, Clark, Ascari und Prost viel mechanischen Grip und Traktion", erklärt Lokalheld und Jaguar-Michelin-Pilot Mark Webber. "Einige Abschnitte der Strecke sind ziemlich uneben, daher sind auch gute Dämpfer- und Aufhängungseinstellungen gefragt. Als einzige gute Stelle zum Überholen bietet sich das Ende der Start- und Zielgeraden an."

Der gewundene Stadtkurs zeichnet sich durch viele langsame und mittelschnelle Kurven aus, besitzt aber auch zwei Hochgeschwindigkeits-Abschnitte. Das häufige heftige Herunterbremsen beansprucht die Bremsen der Boliden extrem. Umgekehrt ist beim Beschleunigen hohe Motorleistung gefragt ? auch, um mit möglichst steilen Flügeln fahren zu können. Ein zusätzliches Problem besteht in den meist hohen Temperaturen im australischen Spätsommer ? Bedingungen, die die Teams bei den Testfahrten selbst in Südspanien nicht simulieren konnten. Da die Ausfallquote im Albert Park dadurch oft recht hoch liegt, kommt der Zuverlässigkeit beim Saisonauftakt ebenso große Bedeutung zu wie schnellen Rundenzeiten.