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  • 12.04.2015 · 15:25

  • von Dieter Rencken & Dominik Sharaf

Mercedes' Strategie-Dilemma: Perfektion lackmeiert Rosberg

In Befürchtung eines Ferrari-Wunders und wegen der Unsicherheit bezüglich der Reifen manövrierte Mercedes den Deutschen in die Falle - Notlösung scheiterte

(Motorsport-Total.com) - Mitleid mit einem Weltmeister-Team, das seit mehr als 16 Monaten die Szenerie in der Formel 1 dominiert, könnte kaum deplatzierter sein. Dennoch hatten die Verantwortlichen am Mercedes-Kommandostand beim China-Grand-Prix am Sonntag alles andere als einen einfachen Job. Dass ihre beiden Piloten Lewis Hamilton und Nico Rosberg anschließend vor den Augen der Weltpresse aufeinander losgingen, war nur der Tatsache geschuldet, dass die Silberpfeile das Beste für alle herausholen wollten.

Ob das alle verinnerlicht haben, steht auf einem anderen Blatt. Dennoch glaubt Toto Wolff, dass die Wogen zwischen dem Weltmeister und seinem Herausforderer aus dem eigenen Stall nach einem klärenden Gespräch geglättet wären: "Es war ein gutes Debriefing", meint der Mercedes-Sportchef einige Stunden nach dem Fallen der Zielflagge in Schanghai. "Es war ein positives Treffen ohne jede Animosität. Es gab heute viel mehr Positives, denn wir haben im Rennen überhaupt keinen Fehler gemacht."

Exakt das war jedoch das Problem. Rückblende: In einem einstündigen Strategiemeeting am Vormittag (das ist ungewöhnlich lang) hatte sich eine klare Marschrichtung herauskristallisiert. Im Vordergrund sollte bei beiden Piloten der schonende Umgang mit den Reifen stehen. Denn die Silberpfeile tappten bezüglich der Laufleistung des weichen Pneus im Dunkeln. Infolge der Erfahrungen in Malaysia waren am W06 zudem Änderungen vorgenommen worden, was zusätzlich für Unsicherheit sorgte.

Mercedes getrieben von der Angst vor Ferrari

Mit Ferrari von Beginn an auf den Fersen sei man bei seiner Truppe gewarnt gewesen, unterstreicht Wolff: "In Malaysia hätten wir ihr Tempo so nicht erwartet", erinnert er sich an das böse Erwachen von Sepang. Noch am Vormittag konnte sich der Österreicher ein Déjà-vu vorstellen: "Am Freitag waren ihre Longruns beeindruckend. Sind wir bezüglich unserer Leistungsfähigkeit nicht immer skeptisch und erwarten nicht stets das Schlimmste von unseren Gegnern, kann sich Malaysia sofort wiederholen."


Fotos: Mercedes, Großer Preis von China


Also fuhr Hamilton nach gelungenem Start in den ersten zwei Stints ein Tempo, das wenig Risiko versprach. Nur auf die Reifen achtend, nicht auf den Rückspiegel schauend, nicht auf Rosberg schielend - meint Wolff, der sah, wie der Deutsche aufschloss und hörte, wie er im Funk über die Schikane klagte: "Er hat das nicht absichtlich gemacht. Wir haben das geklärt. Es ging ihm zu 100 Prozent nicht darum, Nico so langsam zu machen, dass er Dritter wird." Näher heranzufahren, hätte Rosbergs Reifen ruiniert.

Das Problem: Dadurch schloss Sebastian Vettel im Ferrari immer mehr auf. Rosberg konnte also nicht langsamer, schneller aber auch nicht. Von Überholen war nie die Rede. Auch Wolff schmeckte es nicht, wie sich die Situation durch Hamiltons Porzellantaktik entwickelte: "Wenn er ausfällt, verlieren wir als Mercedes-Team das Rennen", sagt der Österreicher mit Blick auf ein mögliches Vettel-Manöver gegen Rosberg.

Rosbergs früher Boxenstopp: Kein Ausweg aus dem Dilemma

Mercedes hatte ursprünglich geplant, Hamilton auf der härteren Mischung in den zweiten Stint zu schicken. Es wurde jedoch umdisponiert, weil der weiche Reifen sich als haltbarer erwies als vor dem Rennen angenommen - allen voran im Vergleich zu Ferrari, denn die Roten gingen erstaunlich früh an die Box. "Und sie wollten wir bei der Strategie mit den schnelleren Pneus unbedingt kopieren", sagt Wolff. "Lewis hat dann vorne das Tempo wieder kontrolliert, was aus seiner Sicht völlig verständlich ist."

Lewis Hamilton, Nico Rosberg

Lewis Hamilton und Nico Rosberg: So viel Respektabstand herrschte nicht immer Zoom

Allerdings löste sich die Rosberg-Problematik nicht, obwohl Mercedes gegensteuerte und von geltenden Vereinbarungen im Teamduell abwich: "Wir haben Nico ein wenig bevorzugt, weil wir ihn zuerst an die Box geholt haben", meint Wolff. "Normalerweise kommt erst der Führende. Nur hat Lewis sein Tempo so gemanagt, um Reserven zu haben, dass Nico in einer unvorteilhaften Position war, aus der er nicht mehr reagieren konnte. Wir wollten ihn mit dem Ruf an die Box herausholen."

Im Idealfall wäre Rosberg dann einige Runden auf frischen Pneus frei gefahren und hätte Hamilton so nach dessen Boxenstopp kampflos kassiert. Das ging nicht auf, weil sich der Brite als neuer Reifenflüsterer entpuppte und zum richtigen Zeitpunkt alles aus den Gummis herausquetschte. Ohne eine Stallregie blieb Mercedes keine andere Wahl, als sich die Sache bis zum Rennende anzusehen - obwohl die Truppe aus teamtaktischen Überlegungen heraus zu jedem Zeitpunkt die richtige Entscheidung getroffen hatte, gab es anschließend dicke Luft.