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"Matrix-Management": Liegt McLarens Fehler im System?

Zwei ehemalige McLaren-Angestellte spekulieren über die chaotischen Zustände im Team und machen die Struktur als möglichen Teil des Problems aus

(Motorsport-Total.com) - Beim McLaren-Team wirkt "Schoko-Gate" immer noch nach. Zwei Wochen nach Bekanntwerden der Affäre in der 'Daily Mail' hat das Team sportlich einen neuen Tiefpunkt erreicht, und mit der Entlassung von Rennleiter Eric Boullier auch einen organisatorischen. Beim Grand Prix von Frankreich scheiterten beide Fahrer bereits in Q1, beim Grand Prix von Österreich schied Stoffel Vandoorne erneut in Q1 aus und Fernando Alonso wurde im Qualifying 14.

Ron Dennis, Eric Boullier

Ron Dennis und Eric Boullier: Beide sind bei McLaren nur noch Geschichte Zoom

Die teaminterne Stimmung in Woking wird im 'Daily-Mail'-Artikel von einem Insider als "explosiv" beschrieben. Und auch Alexander Wurz, langjähriger McLaren-Testfahrer, sagt im 'ORF', es gehe bei seinem ehemaligen Arbeitgeber derzeit "unfreundlich und unsanft" zu, und es stecke "sehr viel Sand im Getriebe".

Wurz glaubt nicht, dass die Situation aus dem Nichts entstanden ist. Seiner Meinung nach köchelt sie schon länger: "Es ist ja bereits das zweite Mal, dass sich Mitarbeiter zusammenraufen und einen Brief an die Besitzer des Teams schreiben. Jetzt ist es mal an die Öffentlichkeit gegangen. Das ist mehr als suboptimal für ein Team."

Der heutige TV-Experte und Williams-Berater bezieht sich damit auf einen offenen Brief unzufriedener McLaren-Mitarbeiter. Und vermutlich auch auf Gerüchte, wonach sich große Teile des Personals eine Rückkehr des ehemaligen Teamchefs Martin Whitmarsh wünschen würden. Von McLaren werden derartige Berichte als unwahr abgetan.

Barnard kritisiert McLaren-Struktur

Ein weiterer ehemaliger McLaren-Mitarbeiter, der einstige Stardesigner John Barnard, glaubt, dass der Fehler im System liegt: "Sie haben dieses Matrix-Management installiert, soweit ich weiß durch Martin Whitmarsh. Das muss eingerissen werden, denn meiner Meinung nach funktioniert es nicht. Da muss man die Denkweisen ändern."

Das Schlagwort "Matrix-Management" geht laut Informationen von 'Motorsport-Total.com' zurück ins Jahr 2001, als Adrian Newey bereits bekannt gegeben hatte, McLaren in Richtung Jaguar zu verlassen. Newey war damals der Dreh- und Angelpunkt des technischen Teams in Woking - und hätte eine riesige Lücke hinterlassen.

Niki Lauda, John Barnard, Bernie Ecclestone

Designer John Barnard hat McLaren ab 1981 zum Erfolg geführt Zoom

Teamchef Ron Dennis konnte den Wechsel damals in einem langen (und medial ausgetragenen) Hin und Her verhindern, beschloss aber, seinen Rennstall fortan so zu strukturieren, dass er nicht mehr von Einzelpersonen abhängig ist. Anstatt einer klassischen Führungshierarchie mit einem Technischen Direktor wurde in jener Zeit das sogenannte "Matrix-Management" entwickelt.

Klassische Management-Strukturen sind in der Regel im Pyramidensystem aufgebaut, sprich die sehr breite unterste Ebene berichtet zum Beispiel an Abteilungsleiter, die wiederum an einen Technischen Direktor berichten, der wiederum an den Teamchef berichtet. Verlässt jedoch in einer dieser Ebenen ein leitender Angestellter das Unternehmen, ist die Kette vorübergehend stillgelegt.

Was ist ein "Matrix-Management"?

Bei einem "Matrix-Management" gibt es zwar auch hierarchische Unterschiede, doch weil die Struktur nicht streng linear aufgebaut ist, sondern in Form einer Matrix, sind die wichtigsten Aufgaben auf mehrere Schultern verteilt. Wenn ein leitender Angestellter geht, sind die Auswirkungen auf den operativen Betrieb in der Theorie weniger dramatisch.

Was im Kern funktioniert, betrachtet Barnard in der besonderen Situation, in der sich McLaren gerade befindet, als Problem. Weil es für einzelne Bereiche, die nicht funktionieren, keine klaren Verantwortlichkeiten in Form einer Person gibt, sondern sich die Verantwortlichkeiten überschneiden. Das erschwert den Prozess der Problemfindung.


Erklärt: Wie funktioniert "Matrix-Management"?

"Ich weiß nicht, wie lange es dauern wird, oder ob das Team so einen Turnaround überhaupt überleben kann", sagt Barnard. "Als wir 1980 zu McLaren kamen und Dinge ändern wollten, handelte es sich um ein relativ kleines Unternehmen. Aber mit der Anzahl an Mitarbeitern, von der wir heute sprechen, würde ich diesen Job nicht gern machen müssen. Das ist so, als müsstest du einen Öltanker umlenken."

Barnard kam 1980 zu McLaren, als das Team auf Platz neun der Konstrukteurs-WM lag. Sein revolutionäres Kohlefaser-Monocoque (MP4/1) führte McLaren nach vier sieglosen Jahren bereits 1981 zurück auf die Siegerstraße. Von 1984 bis 1986 gewannen Barnards Designs fünf von sechs möglichen WM-Titeln.

Sportwagen-Business: Fokus verloren?

Ein weiteres Problem ortet er bei der Diversifikation, die McLaren unter Dennis' Regie eingeleitet hat. Konkret meint er damit zum Beispiel die Gründung von McLaren Automotive, einer Schwesternfirma des Rennteams, die sich auf den Bau von Straßensportwagen spezialisiert hat. "Diversifikation", sagt Barnard heute, "hat mir immer schon Kopfzerbrechen bereitet."

"Ich denke, dass es anders gelaufen wäre, wenn Ron sich selbst darum gekümmert hätte." John Barnard

"Rons Idee war schon immer diese große Firmengruppe, eine Mega-Operation, der er vorsitzt. Und das hat er auch erreicht. Aber ich glaube, dieses Ziel hat er auf Kosten des Formel-1-Teams realisiert", findet der 72-Jährige. "Ich habe zu Ron schon immer gesagt: 'Wer kümmert sich um die Formel 1? Du musst das selbst machen, denn das kann sonst keiner. Nur du.'"

Worauf Dennis nach Barnards Erzählungen geantwortet haben soll: "Ich habe diese und jene Leute, und die machen dies und jenes für mich." Barnard ist heute noch davon überzeugt, dass Dennis mit seinem operativen Abschied als Teamchef den Anfang vom Ende eingeleitet hat: "Wenn ich mir McLaren heute anschaue, denke ich mir, dass es anders gelaufen wäre, wenn er sich selbst darum gekümmert hätte."


Fotostrecke: Geschasste Formel-1-Teamchefs

Inzwischen hat Dennis einen Machtkampf um die Kontrolle der McLaren-Gruppe verloren und besitzt keine Anteile mehr. Sein Nachfolger als Teamchef, Martin Whitmarsh, ist längst Geschichte. Geführt wurde das McLaren-Team bis heute von einem Triumvirat: Zak Brown kümmert sich um das Marketing, Jonathan Neale ist Geschäftsführer, Eric Boullier als Rennleiter für das Sportliche verantwortlich.

Boullier-Entlassung kommt nicht überraschend

Zak Brown sagte schon in Le Castellet: "Ganz eindeutig müssen wir feststellen, warum wir dieses Jahr die Aerodynamik und die Entwicklung des Autos nicht zufriedenstellend hinbekommen haben." Nicht einmal zwei Wochen später ist Boullier Geschichte, und McLaren implementiert eine neue Führungsstruktur.

Denn von der Mär, dass McLaren das beste Chassis habe, aber vom Honda-Motor blockiert werde, hat sich das Team verabschiedet. Der große Rückstand auf Red Bull (mit denselben Renault-Motoren) nimmt McLaren jeden Spielraum weg, sich auf den Motor auszureden.


Fotostrecke: Weiß, Orange, Chrom: McLaren F1-Designs

Und so musste auch Boullier, noch vor seinem Abschied, eingestehen: "Unser Paket war vergangenes Jahr wahrscheinlich besser als es jetzt ist, was das Chassis betrifft. Wir haben ein Problem mit der Aerodynamik und wir haben ein Problem mit der Plattform und mit dem Fahrverhalten. Das ist so. Wir haben es verstanden. Jetzt müssen wir es korrigieren."

Teil des Problems scheint ein Korrelationsproblem zwischen Windkanal und Rennstrecke zu sein, wie Brown erst kürzlich angedeutet hat. McLaren verwendet nicht mehr den hauseigenen Windkanal in Woking, sondern jenen von Toyota in Köln.

Problem mit dem Windkanal

"Wir sehen im Windkanal und auf der Rennstrecke nicht die gleichen Daten", erklärt Boullier. "Ich kann da aber nicht in Details gehen. Es ist eine Charakteristik dieses Autos, und es hängt mit dem Reglement zusammen." Genauer erklären, woher die Probleme kommen, möchte McLaren nicht.

"Es dauert oft mehrere Jahre, bis es sich wieder normalisiert und abkühlt." Alexander Wurz

Im ganzen Chaos, das momentan bei McLaren herrscht, vermutet Alexander Wurz, dass auch die Gerüchte um einen möglichen Wechsel von Daniel Ricciardo "absichtlich gestreut" sein könnten, "um einmal abzulenken von diesem Tohuwabohu". Denn dem Red-Bull-Piloten liegt, soweit ist das bekannt, ein Angebot des McLaren-Teams vor.

Wurz würde Ricciardo aber nicht raten, dieses anzunehmen: "Jetzt zu McLaren zu wechseln, mit dem ganzen Tohuwabohu in der Führungsetage ... So etwas zieht immer einen Rattenschwanz nach sich. Und es dauert oft mehrere Jahre, bis es sich wieder normalisiert und abkühlt."

Spannend wird in Bezug auf das McLaren-Thema der Freitag in Silverstone. Denn Zak Brown ist zur offiziellen Pressekonferenz der FIA geladen. Und dort werden ihm mit Sicherheit die nächsten kritischen Fragen zu den Vorgängen im Team und zu Boulliers Entlassung gestellt ...

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