Marko über Mercedes-Motor: "Schaut nicht mehr gut aus für die WM"

Warum Red-Bull-Sportchef Helmut Marko die WM-Chancen von Max Verstappen jetzt pessimistisch sieht und wie er das Formel-1-Rennen in Brasilien bewertet

(Motorsport-Total.com) - "Max hat alles gegeben", sagt Red-Bull-Sportchef Helmut Marko. Doch sein Fahrer belegte nach 71 Runden im Grand Prix von Sao Paulo in Brasilien nur den zweiten Platz hinter Lewis Hamilton. Und das macht Marko im Gespräch mit dem 'ORF' vor allem an einem Punkt fest: der Motorleistung des Mercedes W12 von Hamilton. Denn damit sei der britische Rennfahrer "überlegen" gewesen.

Titel-Bild zur News: Lewis Hamilton im Mercedes W12 und Max Verstappen im Red Bull RB16B im Formel-1-Rennen 2021 in Brasilien

Lewis Hamilton im Mercedes W12 und Max Verstappen im Red Bull RB16B in Brasilien Zoom

Marko spricht bei 'Sky' von einer "unglaublichen Power", die der Mercedes-Antrieb bei Hamilton an diesem Wochenende entfaltet habe. Bereits im Sprintrennen habe man beobachten können, wie deutlich der Topspeed-Vorteil gewesen sei. "Da war mir klar: Da muss alles zusammenpassen, wenn wir im Rennen eine Chance haben wollen", sagt Marko.

Und zunächst passte für Red Bull auch alles zusammen: Verstappen gewann den Start gegen Hamilton-Teamkollege Valtteri Bottas, führte das Rennen an. Dann aber setzte ihn Hamilton von hinten kommend zunehmend unter Druck und ging schließlich vorbei, fuhr anschließend ungefährdet zum Sieg.

Wie Hamilton das Rennen gewonnen hat

"Hamilton", meint Marko, "hat es auf den Geraden gewonnen. Max ist im Mittelsektor im Schnitt zwei bis drei Zehntel schneller gefahren, hat alles riskiert, musste am Limit fahren. Das ist natürlich auch auf die Reifen gegangen. Es war aber die einzige Möglichkeit, um nicht auf der Geraden aufgeschnupft zu werden."

Gereicht hat der Vorteil im zweiten Abschnitt von Sao Paulo aber nicht. "Was wir befürchtet hatten, ist eingetreten", erklärt Marko im 'ORF'-Gespräch. Und er kommt noch einmal auf Hamiltons Mercedes-Motor zu sprechen, der erst in Brasilien neu eingebaut worden war.

Marko: "Es ist offensichtlich, dass gerade ein Motor derartig Speedentwicklungen hat. Vielleicht haben sie den allerbesten. Und natürlich ist der Motor frisch. Das weiß man auch. Also diese Kombination war für uns einfach nicht zu schaffen. Beim Topspeed auf den Geraden hat Hamilton jedes Mal derart viel aufgeholt."

Horner: "Überholwunder" Mercedes

Red-Bull-Teamchef Christian Horner ergänzt bei 'Sky': "Jeder andere Fahrer hätte bis auf 0,4 Sekunden dran sein müssen für einen Überholversuch. Mercedes lag 0,9 oder 1,0 Sekunden zurück, aber war in der Bremszone am Ende der Geraden dran."


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Und Marko wird noch deutlicher: "Also so einen Motor haben wir in den letzten Jahren nicht gesehen von Mercedes, soweit ich mich erinnern kann. Unglaublich! Und es ist nur der Motor von Hamilton. Alle anderen bewegen sich im normalen Bereich. Mercedes ist da ein Meisterwerk gelungen, so eine Rakete noch in dieser entscheidenden Phase herbeizuzaubern."

Er könne sich diesen Leistungszugewinn nicht erklären, sagt Marko weiter. "Da sitzen wir momentan und rätseln. Wir haben auch schon die Honda-Ingenieure zu uns berufen. Wie es geht, das würden wir gerne wissen. Wir können es nicht über den Honda-Motor ausgleichen."

Red Bull: Motorenvorteil überdurchschnittlich groß

Wenn sein Team einen neuen Verbrennungsmotor ins Auto einbaue, dann käme ein Gewinn von "drei bis fünf Kilowatt" heraus, oder umgerechnet rund vier bis sieben PS. Im Fall Hamilton/Mercedes aber "reden wir von ganz anderen Zahlen", meint Marko. "Ich schätze, gute 15 kW. So, wie der vorbeifliegt." Das entspräche etwa einem Plus von 20 PS.

Frappierend ist laut Marko auch der Vergleich zu Bottas und dessen Antriebsleistung: "Wir haben ja mit Bottas gekämpft. Und [dessen Motorleistung] ist im normalen Rahmen, würde ich sagen."

Allerdings liegt der letzte Motorwechsel von Bottas schon zwei Rennwochenenden zurück: Der Hamilton-Teamkollege hatte in Monza, in Sotschi und dann in Austin jeweils einen neuen Verbrennungsmotor erhalten. (Hier die aktuelle Motorenübersicht abrufen!)

Marko sieht schwarz für "WM-Endspiel" 2021

Hamiltons Motor in Brasilien war frisch. Und das bereitet Red-Bull-Sportchef Marko große Sorgen: "Wenn das so weitergeht, schaut es für die WM nicht mehr gut aus. Ich fürchte: Jetzt muss man schon hoffen, dass es bis ins letzte Rennen geht."

Lewis Hamilton im Mercedes W12 vor Max Verstappen im Red Bull RB16B im Formel-1-Rennen 2021 in Brasilien

Einmal vorbei, setzte sich Lewis Hamilton sofort von Max Verstappen ab Zoom

Denn Red Bull gerate bei den restlichen Saisonrennen im Formel-1-Kalender in die Defensive, vermutet Marko. "Schauen wir mal, wie es in Doha ausschaut. Ganz arge Bedenken haben wir mit Dschidda mit der langen Geraden, Abu Dhabi ist wieder neutral."

"Wenn [aber Mercedes] an dieser Motorleistung bis zum letzten Rennen festhalten kann, dann schaut es nicht gut aus. Mercedes sagt ja immer, dass sie einen wahnsinnig große [Verschleiß] im Motor haben, nach zwei bis drei Rennen. Aber das hilft uns nichts mehr. Da ist die WM schon vorbei."

Teamchef Horner denkt ähnlich pessimistisch: "[Dieser Motor] ist eine sehr kraftvolle Waffe in den letzten drei Rennen, denn es kommen einige schnelle Strecken." Vor allem der Topspeed sei "beeindruckend", sagt er. "Und sie hatten hier einen Monaco-Heckflügel im Einsatz! Dagegen kann sich Max fahrerisch nicht wehren."

Genau das sei die Situation im Brasilien-Rennen gewesen, betont Marko. "Max hatte ein fehlerfreies Rennen [und hat sich] heroisch verteidigt. Aber: Mehr war nicht drin."