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Kundenautos: Ködert Ecclestone Ferrari?

Was steckt hinter der erneuten Diskussion um Kundenautos und geistiges Eigentum? Will Bernie Ecclestone damit Ferrari ein Angebot machen?

(Motorsport-Total.com) - Quasi aus dem Nichts sind am vergangenen Wochenende in Indien Gerüchte aufgekommen, wonach in Zukunft ein Richtungswechsel stattfinden könnte, um Kundenautos in der Formel 1 doch wieder zuzulassen. Laut Informationen von 'Motorsport-Total.com' steht der Punkt "geistiges Eigentum" zumindest auf der Tagesordnung für die nächste Sitzung der Formel-1-Kommission am Donnerstag in Genf.

Luca di Montezemolo, Tamara und Bernie Ecclestone

Luca di Montezemolo und Bernie Ecclestone wollen Kundenautos Zoom

Offenbar hat ein Team beantragt, im Rahmen der Kommission den Begriff Konstrukteur genau zu definieren, ebenso wie die Frage, ob eine Platzierung von Technologie und vor allem Personal bei anderen Teams gegen die IP-Regularien des Concorde-Agreements verstößt. Auslöser der Debatte ist vermutlich McLaren, denn der britische Rennstall ist technologische Partnerschaften mit Force India und Marussia-Virgin eingegangen.

Brawn sieht keine Unklarheiten

Ross Brawn findet die Diskussion allerdings überflüssig: "Es gibt eine Definition, was ein Konstrukteur ist. Wenn du in der Formel 1 bist, musst du ein Konstrukteur sein. Das steht im Concorde-Agreement", stellt der Mercedes-Teamchef klar. "Grundsätzlich ist es so, dass alles dein eigenes geistiges Eigentum sein muss, mit Ausnahme von Motor und Kraftübertragung." So beliefert ja auch Mercedes McLaren und Force India mit Motoren.

Das ist völlig legal und auch seit Jahren so üblich. Brawn stellt klar: "Die Kraftübertragung und den Motor kannst du wo einkaufen, aber alles andere muss vom Team selbst gebaut werden. Du kannst also nicht ein Flügel- oder Aufhängungsdesign an ein anderes Team verkaufen. Das ist im Concorde-Agreement ziemlich klar geregelt und die Teams halten sich daran. Aber natürlich gibt es - wie in jeder Vereinbarung - Graubereiche."

Martin Whitmarsh und Vijay Mallya

Martin Whitmarsh und Vijay Mallya sind schon seit mehreren Jahren Partner Zoom

Bei McLaren ist man jedenfalls davon überzeugt, dass die Technologiepartnerschaften nicht gegen das Concorde-Agreement verstoßen: "Als wir die Verträge gemacht haben, haben wir den Arbeitsplan und den Vertrag auch an die FIA und die FOM geschickt, und wir haben auch den anderen Teams geschrieben und ihnen erklärt, was wir vorhaben und warum es erlaubt ist. Bisher haben wir alles so gemacht, wie wir es damals dargestellt haben", unterstreicht Martin Whitmarsh.

Dass das Thema jetzt plötzlich hochgespielt wird, verwundert ihn. Andererseits kann er sich vorstellen, woher der Wind weht: "Es ist ein Wettbewerbsumfeld und Force India ist jetzt ein ziemlich konkurrenzfähiges Team. Ich schätze, das weckt die Aufmerksamkeit anderer Leute. Ich selbst habe die Sache jedenfalls nicht auf die Tagesordnung gesetzt, daher weiß ich nicht, welche Motivation dahintersteckt", sagt der McLaren-Teamchef.

Vijay Mallya kann den Wirbel hingegen nicht nachvollziehen: "Wir arbeiten seit drei Jahren mit McLaren Applied Technologies zusammen", wundert sich der Force-India-Miteigentümer gegenüber 'Autosport'. "Wenn wir gegen irgendwelche Bestimmungen des Concorde-Agreements verstoßen würden, dann hätte sich irgendjemand schon vor langer Zeit beschwert. Drei Jahre geht das schon so, aber jetzt plötzlich beschwert sich jemand."

McLaren legt großen Wert auf Korrektheit

Außerdem betont der Inder: "In jeder E-Mail, die ich mit Martin Whitmarsh wechsle, steht eine Bemerkung von ihm drin, dass alles dem Concorde-Agreement entsprechen muss. So ernst nimmt McLaren diese Angelegenheit - und wir natürlich auch. Ich mache mir daher keine Sorgen. Wir können darüber gern beim Treffen der Formel-1-Kommission diskutieren, aber soweit es mich betrifft, entsprechen wir dem Concorde-Agreement."

Die theoretisch einfachste Lösung wäre, die IP-Bestimmungen komplett freizugeben und wieder Kundenautos zuzulassen - eine Idee, mit der Bernie Ecclestone angeblich am Freitag bei einem Treffen der Teamchefs angekommen ist. Das würde einerseits Dietrich Mateschitz entgegenkommen, weil Toro Rosso dann wieder mit einem Red-Bull-Chassis aus Milton Keynes fahren könnte, andererseits aber vor allem auch Ferrari.

Aus Sicht von Ferrari-Präsident Luca di Montezemolo "wäre es besser, ein drittes Auto der etablierten Teams zu haben als eine Mannschaft, die nicht einmal GP2-Niveau hat". Der Italiener kann sich einen dritten Werks-Ferrari ebenso vorstellen wie eine Variante, wonach Kundenteams einen Ferrari kaufen und selbst einsetzen dürfen: "Wäre es nicht schön, wenn Penske oder Gansassi einen amerikanischen Fahrer in einen Ferrari setzen könnten?", meinte er im Dezember 2010.


Fotos: Großer Preis von Indien, Sonntag


Ein möglicher Grund, warum Ecclestone den Ferrari-Wunsch nach Kundenautos proaktiv unterstützt, könnte das neue Concorde-Agreement sein. Der aktuelle Grundlagenvertrag für die kommerzielle Organisation der Formel 1 läuft Ende 2012 aus und die Teams haben bereits signalisiert, dass sie sich ab 2013 nicht mehr wie bisher mit 50 Prozent der Gesamteinnahmen abspeisen lassen wollen. Die Verhandlungen gehen demnächst in die heiße Phase.

Bis 1. Januar 2012 darf Ecclestone keine Individualverhandlungen mit einzelnen Teams führen, wie er das 2005 getan hat. Damals gelang es ihm dank einer Sonderzahlung, Ferrari als erstes Team zur Unterschrift zu bewegen, wenig später folgte auch Williams. Und weil Ferrari als wichtigstes Team mit den meisten Fans gilt, war damit den Plänen zur Gründung einer Konkurrenzrennserie der Automobilhersteller jede ernsthafte Grundlage entzogen.

Will Ecclestone Ferrari ködern?

Das dritte Auto könnte ein Angebot an Ferrari sein, um die Scuderia dazu zu bewegen, das neue Concorde-Agreement relativ schmerzfrei zu unterschreiben. Ein solcher Alleingang von Ferrari wäre auch für die Einigkeit innerhalb der Teamvereinigung FOTA (die wegen der Diskussionen um das Ressourcen-Restriktions-Abkommen [RRA] ohnehin gerade eine Zerreißprobe durchmacht) ein Schlag ins Gesicht - und genau nach dem Geschmack von Ecclestone.

Ferrari macht keinen Hehl daraus, dass man Kundenautos begrüßen würde: "Es werden einige Diskussionen geführt, die sich aber nicht in erster Linie mit dem kommenden Jahr beschäftigen. Dabei geht es um die Zukunft", erklärt Teamchef Stefano Domenicali. "Unser Standpunkt zu diesem Thema hat sich nicht verändert. Wir halten es für eine Möglichkeit, um die Anzahl der Fahrzeuge in der Startaufstellung zu vergrößern."

"Andere Leute mögen anders darüber denken, doch darum geht es bei dieser Diskussion ja auch." Stefano Domenicali

"Andere Leute mögen anders darüber denken, doch darum geht es bei dieser Diskussion ja auch. Ich denke, wir sollten uns schnellstmöglich damit befassen, um alle Fakten auf den Tisch zu bringen", fordert der Italiener. "Wir müssen sicherstellen, die Situation in der zukünftigen Formel 1 zu stabilisieren. Wir beschäftigen uns derzeit deutlich intensiver mit der Zukunft, als das vielleicht noch in der Vergangenheit der Fall war."

Zu den Andersdenkenden gehört mit Mercedes-Teamchef Brawn ein langjähriger Kollege Domenicalis: "Wenn das beste Team sein Auto an ein paar kleine Teams verkauft, dann wäre das sehr schädlich für die übrigen Teams. Ich finde daher, dass wir mit solchen Ansätzen sehr vorsichtig umgehen sollten", sagt der Brite. Denn gegen noch mehr Ferraris, Red Bulls und McLarens hätten es kleine Teams natürlich noch schwerer.

"Ich halte es für vernünftig, Lösungen für die Zukunft zu erforschen", räumt Brawn ein, aber: "Ich persönlich bin nicht davon überzeugt, dass das die richtige Lösung ist, denn damit gehen viele andere Faktoren einher. Es klingt einfach, ein drittes Auto an ein anderes Team zu verkaufen, mit dem man dann für viel weniger Geld lernen kann. Aber du wirst dann über kurz oder lang die Konstrukteure verlieren, weil es für die Teams keinen Sinn mehr macht, ihr eigenes Auto zu bauen."

Formel 1 darf kein Einheitsbrei werden

"Ich finde, es ist für die Formel 1 sehr wichtig, Konstrukteure zu haben, unterschiedliche Hersteller. Gerade das hebt die Formel 1 ja seit vielen Jahren von anderen Rennserien ab", warnt er vor der Gefahr, dass die Königsklasse des Motorsports zu einer Einheitsserie wie die GP2 verkommen könnte. McLaren teilt diese Ansicht: "Wir finden nicht, dass Kundenautos der richtige Weg sind", gibt Whitmarsh zu Protokoll.

"Wenn man Kundenautos erlaubt, dann würde es einen Kunden-Red-Bull geben, einen Kunden-McLaren, einen Kunden-Ferrari und vielleicht einen Kunden-Mercedes. Für einige der kleinen Teams wäre das hart", argumentiert der McLaren-Teamchef. "Wir sollten uns lieber darauf konzentrieren, ein Geschäftsmodell zu entwerfen, das für alle zwölf Teams leistbar ist. Das ist der gesündere und bessere Weg, aber das ist nur meine Meinung. Ich akzeptiere es, wenn jemand anders denkt."

"Es wäre nur richtig, den Entwicklungen in dieser Saison entsprechend Rechnung zu tragen." Stefano Domenicali

Relativ konkret wird übrigens auch darüber nachgedacht, die Beschränkung der Rennteams auf 47 Mitarbeiter vor Ort zu lockern. "Damit hätten wir kein Problem", sagt Domenicali und nimmt Bezug auf die doch etwas entspannte Wirtschaftslage in der Formel 1: "Es wäre nur richtig, den Entwicklungen in dieser Saison entsprechend Rechnung zu tragen. Ich bin da ganz entspannt, dass wir in dieser Hinsicht eine Lösung finden werden."

In diesem Zusammenhang interessant: McLarens Technologiepartnerschaften mit Force India und Marussia-Virgin sehen auch vor, dass McLaren-Personal für die beiden Kunden arbeitet. Die McLaren-Ingenieure tragen natürlich Force-India- beziehungsweise Marussia-Virgin-Teamkleidung und arbeiten auch exklusiv für diese Teams, aber wer sagt, dass sie ihre Erfahrungen nicht nach Woking durchgeben?

Ähnliche Bedenken melden manche Insider bei Windkanal-Kooperationen wie jenen zwischen Mercedes und HRT an. Denn während Mercedes die laut RRA erlaubte Windkanal-Zeit maximal ausschöpft, ist dies bei HRT nicht der Fall. Da kommt die Paranoia der Konkurrenz ins Spiel, denn theoretisch könnte ein Windkanal-Kunde ja gebeten werden, gegen einen kleinen Rabatt auch mal einen Flügel des Kooperationspartners zu testen...

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