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  • 04.10.2013 · 15:10

Krank, überfordert, verschuldet: Formel 1 wird zur Tortur

Wie die Teams unter dem neuen Kalender mit 22 Rennen leiden - Rückkehr der Testfahrten unter der Saison und der "Triple-Header" bedeuten enorme Strapazen

(Motorsport-Total.com) - Klamotten kommen aus dem Koffer und Geburtstagsglückwünsche der eigenen Kinder aus dem Skype-Chat: Es ist der Alltag stillen Arbeitsbienen der Formel 1. Hunderte Teammitglieder, die mit dem Tross der Königsklasse Jahr für Jahr durch die Welt tingeln, führen kein Jetset-Leben. Sie fliegen nicht erster Klasse, verdienen keine Millionen. Mechaniker, Hospitality-Personal und viele andere fleißige Helfer müssen die Expansion aber mittragen und 2014 an 22 Wochenende rund um die Welt schuften.

Schlafender Mechaniker

Wann ist Schluss? Mechaniker an Grenzen der Belastbarkeit - und darüber hinaus Zoom

So umfangreich war der Kalender nie zuvor, die Reisen der allesamt in Europa beheimatet Teams werden immer länger - wenn es etwa nach New Jersey, nach Mexiko-Stadt oder ins russische Sotschi geht. "Wir sehen alle, dass 22 Rennen das Limit überschreiten", schallen bei Red-Bull-Teamchef Christian Horner die Alarmglocken. "Für mich ist bei 20 Stationen die Sättigung erreicht." Die Verantwortlichen machen sich Sorgen um ihren Stab. "Es ist wichtig, auf unsere Leute Acht zu geben. Wir müssen an die Gesundheit denken", runzelt ein nachdenklicher Graham Watson die Stirn.

Caterhams Teammanager weiß, dass er Artenschutz nur soweit betreiben kann, wie es das Budget der Hinterbänkler hergibt. Bei der mentalen Tortour leidet auch der Körper. "Die Jungs neigen dazu, gegen Saisonende krank zu werden, weil das Reisen durch Zeit- und Klimazonen so strapazierend für die Physis ist", unterstreicht Beat Zehnder von Sauber. Die Kollegen von Force India haben deshalb Gegenmaßnahmen ergriffen: "Uns sind Fitness und Wohlergehen wichtig. Wir arbeiten mit Diäten und allgemein mit der Fitness. In diesem Jahr haben wir bemerkt, dass es sich auszahlt", erklärt Andy Stevenson.

Testfahrten erreichen "Grenze der Belastbarkeit"

Bei der Vijay-Mallya-Truppe sind weniger Verletzungen und krankheitsbedingte Ausfälle zu verzeichnen. Etwas Luxus und ein entspannterer Zeitplan sollen zusätzlich auf die Moral wirken: "Wir versuchen, ihren Reiseplan und ihre Hotelunterbringung bestmöglich zu gestalten, damit sie mit ihrer Arbeit zufrieden sind." Zehnder glaubt nicht, so tatsächlich für eine Verbesserung der Situation zu sorgen, wenn er mit einem Haufen Motorsport-Enthusiasten arbeitet: "Die Jungs motivieren sich alle irgendwie selbst. Da müssen wir nicht noch extra eingreifen", ist sich der Schweizer sicher.


Fotos: Großer Preis von Südkorea


Unendlich füllt es die Akkus auch nicht. Es verschafft Linderung, aber keine Heilung. Was die Arbeiterschaft der Formel 1 braucht, sind Pausen. "Wir versuchen, ein paar Jungs rein- und wieder rauszurotieren, wo es geht", meint Watson über den Caterham-Ansatz. Doch personelle Rochaden werden immer schwieriger. Schließlich sind nicht nur die Renntermine üppiger geworden, auch die Rückkehr von Testfahrten unter der Saison belastet zusätzlich. Acht zusätzliche Tage mit fahrenden Autos sind vorgesehen. Stattfinden sollen sie im Nachgang der Rennwochenenden an identischer Stelle.

"Wir arbeiten sogar mit Diäten." Andy Stevenson (Force India)

"Das treibt uns an die Grenzen der Belastbarkeit", pustet Watson durch und Stevenson rechnet mit "Strapazen, auf die wir uns nicht freuen". Obwohl Force India alternative und kostengünstigere Vorschläge unterbreitete, blieb es bei dem FIA-Plan. "Jetzt ist es an uns, zu testen oder nicht", lässt der Teammanager offen, ob seine Farben überhaupt mitziehen. Schließlich lassen sich die Umkosten nicht aus der Portokasse bezahlen: "Wir haben acht Millionen (US-Dollar, umgerechnet rund 5,8 Millionen Euro, Anm. d. Red.) berechnet." Doch so kritisch sehen die Sache längst nicht alle im Paddock.

Gemacht wird, was die Großen sagen

Formel-1-Paddock

Formel-1-Paddock: Hier wird beinahe rund um die Uhr geschuftet Zoom

Zum Beispiel Mercedes. Ron Meadows meint: "Es wird kein Problem werden. Wir hatten auch schon vorher acht Filmtage, was für 100 Kilometer verdammt viel war", so der Teammanager, der kurze respektive keine Wege schätzt: "Jetzt sind wir genau den Standorten, an denen wir auch Rennen fahren. Wir lassen nur eine Crew dort und rotieren, das sollte nicht so schlimm sein." Allerdings sind die Silberpfeile personell ganz anders aufgestellt als kleinere Mannschaften. Mannschaften wie Sauber. "Uns bereitet das Personal die meisten Kopfschmerzen, weil wir ein kleines Team sind", widerspricht Zehnder.

Rennen, Testfahrten, Showevents - die Anforderungen werden immer gewaltiger und bei den "Kleinen" der Szene lassen sich nicht mehrere Crews bilden, um die Arbeit zu teilen. Zu knapp bemessen sind die personellen Ressourcen. Zehnder fragt sich, wieso es überhaupt noch so oft auf die Strecke gehen muss: "Wir haben einen 1:1-Windkanal, der ein fantastischer Ersatz ist für jeden Geradeaus-Test." Er lässt seine Schützlinge auch im eigenen Bett schlafen. Dickie Stanford von Williams setzt den Rotstift an: "Wir werden Rennequipment benutzen und so wenig wie möglich für Tests verwenden, um die Kosten niedrig zu halten."


Doch warum viermal je zwei Tage testen gehen, wenn es keiner will? Weil es eben doch jemand will. Und zwar die Großen der Szene. "Ferrari war eines der Teams, das sich am stärksten dafür eingesetzt hat", bestätigt Massimo Rivola. Der Teammanager macht sieht sogar eine Erleichterung, zumindest für die Roten. Sie waren jahrelang die Truppe mit dem größten Kader. "Es wird nicht so viel teuerer sein als in der Vergangenheit, dafür aber alles besser organisiert. Für uns wird der Job einfacher." Und auch nicht so viel teuerer, wie sich Rivola ausrechnet. Kursierende Gerüchte verweist er ins Reich der Fabeln.

Zusammenpacken, ehe das Rennen startet

Caterham-Mechaniker

Arbeitsbienen wie dieser Caterham-Mechaniker müssen auch bei Tests ackern Zoom

"Jemand, der erzählt, ein paar Tests würden zehn Millionen (US-Dollar, umgerechnet 7,3 Millionen Euro) kosten, würde ich nicht einstellen. Es wird nicht so viel sein und allgemein effizienter", so der Italiener. "Die Mehrkosten liegen in der Fracht für Übersee. Logistisch wird es eine größere Herausforderung, die kniffligste sind aber die drei aufeinanderfolgenden Rennen." Gemeint sind die Termine in Monaco, New Jersey und Montreal, die an Wochenenden "back-to-back" und damit binnen 17 Tagen stattfinden. Die Formel-1-Welt redet von einem so genannten "Triple-Header", wie es ihn zuvor noch nicht gab.

Während Rivola dringenden Gesprächsbedarf mit der FIA sieht, malt sich Zehnder das Szenario schon mal aus. "Wir müssen am Samstag in Monaco anfangen, zusammenzupacken, um rechtzeitig in New Jersey zu sein", schnauft der Sauber-Verantwortliche und skizziert einen utopischen Zeitplan. "Wenn die Fracht Europa erst am Montag oder Dienstag verlässt, staucht das unser Wochenende zusammen." Ein Schelm, der bei dieser Konstruktion böse denkt. Denn fiele der zweite US-Grand-Prix ins Wasser, wäre die Lage viel entspannter. In der Tat scheint der Traum von der New Yorker Skyline längst nicht in trocknen Tüchern.

Wo ein Wille ist...

Beat Zehnder

Die Teammanager der Formel 1 werden das Schiff schaukeln - mal wieder Zoom

Während Horner fest mit einer Austragung rechnet, ist sein McLaren-Amtskollege Martin Whitmarsh äußerst skeptisch: "Wir ich vernehme, geht da nicht mehr viel", sagt der Brite. Plötzlich sind sich Kleine und Große einig. "Schon für ein Topteam ist es fast unmöglich", schüttelt Rivola wegen des Dreierpacks den Kopf und bezeichnet die Gestaltung des Kalenders beginnend mit dem Saisonauftakt in Australien als aus logistischer Sicht "nicht optimal". Uneinig sind sich die Teammanager wieder, wenn es um die Kosten der Expansion und eine Kompensation durch zusätzliche Einnahmen geht.

Caterhams Watson blickt voraus: "Es wird uns nicht umbringen, aber es wird sehr viel teuerer." Bei Ferrari sieht man Reisen an neue Flecken Erde rosiger: "Finanziell ist es ein Geben und Nehmen. Es öffnet Türen für Sponsoren, Fahrer und Teammitglieder." Und am Ende ist allen Beteiligten klar, dass doch wieder überall und immer sämtliche Motoren aufheulen - weil die Formel 1 ein Wunderwerk ist, wenn es darum geht, Dinge möglich zu machen, die unmöglich sind. Watson kennt seine Pappenheimer: "So ist es immer. Wir denken: 'Wie sollen wir das bloß schaffen?' Am Ende des Jahres blicken wir zurück und sagen: 'Okay, was ist nächste Saison?'"