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Kontrollierter Stallkrieg: Gelingt Mercedes die Gratwanderung?

Wo Mercedes im Stallkrieg, der schon McLaren und Red Bull überforderte, die Grenzen zieht und wie Sportchef Toto Wolff das Schlimmste verhindern will

(Motorsport-Total.com) - Es ist ein schmaler Grat, auf dem Mercedes gerade wandelt. Das weiß vor allem Lewis Hamilton. Der Stallkrieg zwischen zwei Piloten, wie er 2014 zwischen ihm und Teamkollegen Nico Rosberg tobt, kann für ein Team zur Zerreißprobe werden. Und er kann im schlimmsten Fall sogar die WM kosten. So geschehen 2007 bei McLaren, als er und Fernando Alonso einander bekriegten und Ferrari-Ass Kimi Räikkönen der lachende Dritte war.

Nico Rosberg, Lewis Hamilton

In Monaco lag bei Nico Rosberg und Lewis Hamilton sogar eine Kollision in der Luft Zoom

Und auch Red Bull musste 2010 bittere Lektionen lernen, als Sebastian Vettel und Mark Webber in Istanbul kollidierten, die Stimmung vergiftet war und man trotz des klar besten Autos am Ende nur um ein Haar den Titel holte.

Bei den Silberpfeilen erinnert die Situation allerdings eher an das McLaren-Duell zwischen Ayrton Senna und Alain Prost, denn derzeit sieht es nicht so, als würde sich ein anderes Team in den immer härter werdenden Kampf einmischen können. Dieser Ansicht ist auch Mercedes-Aufsichtsratsvorsitzender Niki Lauda. "Red Bull kann die WM abhaken", tönt er gegenüber dem Radiosender 'Ö3' in Richtung Helmut Marko. Und ergänzt: "Wir hören ja jetzt nicht auf zu gewinnen."

Verständnis für Psychospiele

Und Mercedes-Sportchef Toto Wolff weiß: "Gerade das ist der kritische Punkt." Denn dadurch verschärft sich die teaminterne Situation, wie der Österreicher gegenüber dem 'ORF' erklärt: "Die beiden wissen, sie haben ein Auto, mit dem sie Weltmeister werden können. Der einzige wirkliche Gegner - so, wie es im Moment ausschaut - ist der Teamkollege. Dadurch werden sie natürlich Rivalen. All das, was vielleicht einmal an Freundschaft da war - sofern Freundschaften unter Rennfahrern überhaupt möglich sind -, ist natürlich jetzt weg."

"Das ist ein Rivale, du musst ihn besiegen, auf der Strecke und neben der Strecke." Toto Wolff

Dadurch sei es kein Wunder, dass der Kampf - wie einst bei Senna und Prost - auch neben der Strecke weitergeht. "Im WM-Kampf versucht man jeden Trick, und am Ende ist einer der beiden vorne", weiß Lauda, der die Situation von seinem McLaren-Titelkampf gegen Alain Prost 1984 kennt, aus eigener Erfahrung.

"Das ist ein Rivale, du musst ihn besiegen, auf der Strecke und neben der Strecke", zeigt auch Wolff Verständnis. "Du musst dir die besten Rahmenbedingungen sichern. Dazu gehört natürlich, dass man sich wahrscheinlich nicht so sehr in den Armen liegt, wie das normalerweise der Fall sein kann." Oder man dem anderen nicht einmal zum Sieg gratuliert, wie dies Hamilton in Monaco getan hat.

Gratulation verwehrt: Hamilton für Lauda zu weit gegangen

Lewis Hamilton, Nico Rosberg

Sportlich fair: Rosberg gratuliert Hamilton, wie hier in Bahrain Zoom

"Das finde ich nicht in Ordnung", übt Lauda Kritik an Hamilton, der ein Naheverhältnis zum Österreicher pflegt. "Nico hat ihm immer gratuliert, ihn sogar umarmt." Ex-Formel-1-Pilot und Le-Mans-Ass Alex Wurz, der bei Williams als Fahrercoach fungierte, sieht dies etwas anders. Dass Hamilton Rosberg nicht gratuliert hat, sei nachvollziehbar und "eine Sprachregelung, die zwischen Sportlern herrscht. Das ist Kommunikation auf höchstem Niveau unter ganz ehrgeizigen Typen. Die sprechen halt nicht miteinander, sondern ihre Sprachregelung ist auf der Strecke, verbal in den Medien, vielleicht auch in den Meetings."

Würden sich Rosberg und Hamilton nach wie vor freundschaftlich behandeln, "dann würde den Piloten der Ehrgeiz fehlen", sagt er gegenüber dem 'ORF'. "Es schaukelt sich hoch, und dann ist die Schwierigkeit, das unter Kontrolle zu bringen. Aber das müssen Toto und Niki und alle anderen gemeinsam schaffen."

Wolff genervt von aufreibendem Stallkrieg

Nico Rosberg, Thomas Weber, Dieter Zetsche

Erfolgszwang: Rosberg mit den Daimler-Machern Thomas Weber und Dieter Zetsche Zoom

Während Lauda meint, dass dies "gar kein Problem" sei und es sich um "ganz normale Alphatier-Diskussionen", handle, gibt Wolff zu, dass die Angelegenheit auch für ihn eine Belastung darstellt. "Ich hatte nach dem Qualifying die Rolle des bösen Buben", gibt Wolff Einblicke. "Ich habe ihnen gesagt, dass es für mich absolut inakzeptabel ist, dass ich an einem Nachmittag 45 Minuten damit verplempern muss, den Medien zu erklären, ob der eine geschummelt hat oder nicht. Ich habe andere Dinge zu tun, nämlich dieses Team zu führen. Ich will mir das einfach nicht antun."

Gerade in Monaco wäre eine Stallkollision und ein möglicher Doppelausfall besonders ungünstig gewesen, sagt Wolff: "Wir haben die Vorstände, unsere Partner hier. In Monaco kommt Gott und die Welt, da will ich mich und das Team nicht zum Narren machen. Das wurde glaube ich so verstanden und ist auch so angekommen."

Wie Wolff das Schlimmste verhindern will

Dabei ist dem Wiener egal, wenn sich Hamilton und Rosberg - wie beim Abendessen auf Gerhard Bergers Jacht - immer wieder kleine Giftpfeile zuschießen. Wichtig sei, dass beiden bewusst ist, dass sie nach wie vor Angestellte des Teams sind, ihre Grenzen einhalten und den Erfolg nicht durch persönliche Eitelkeiten in Gefahr bringen.

"Es geht darum, immer wieder zu wiederholen, dass es um das Team geht." Toto Wolff

"Es geht darum, immer wieder zu wiederholen, dass es um das Team geht", erklärt Wolff seine Strategie, wie er die beiden Rivalen unter Kontrolle halten und sicherstellen will, dass die Situation nicht entgleitet. "Hier geht's um eine der größten Marken der Welt, um Mercedes, und um viele Mitarbeiter, die hinter dem Erfolg dieses Teams stehen. Man kann dann sein eigenes Ego und seine eigenen Interessen nicht vor die Interessen des Teams stellen."

Auch wenn das Stallduell derzeit für alle eine Nervenprobe darstellt, sieht er dieses in einem größeren Rahmen. Freilich wäre es einfacher für das Team, wenn die Rollenverteilung klar wäre, "aber ich bin überzeugt, dass ein Teil des Erfolgs dieses Teams ist, dass wir zwei Fahrer haben, die sich gegenseitig pushen, auf immer wieder neue Levels, die sich in den Setups unterstützen - im Sinne, dass sie dem jeweils anderen Ideen geben, was man vielleicht besser machen kann. Ich denke, das Team wäre nicht so weit, wenn wir nur einen guten Fahrer hätten."