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"Katastrophe": Wie kam es zum Red-Bull-Debakel im Singapur-Qualfiying?

Erstmals seit fast fünf Jahren verliert Red Bull beide Autos in Q2 - Max Verstappen rätselt über die Probleme, entgeht aber zumindest einer nachträglichen Strafe

(Motorsport-Total.com) - Eine "Katastrophe" sei das Qualifying zum Großen Preis von Singapur 2023 gewesen, berichtet Max Verstappen am Samstagabend bei ServusTV. Der Weltmeister war als Elfter bereits in Q2 ausgeschieden - und das erst zum zweiten Mal in diesem Jahr nach Dschidda.

Titel-Bild zur News: Max Verstappen beim Formel-1-Rennen 2023 in Singapur

Max Verstappen schied im Singapur-Qualifying überraschend in Q2 aus Zoom

"Ich glaube, wir sind in den langsamen Kurven sowieso nicht die Besten. Aber was wir heute gemacht haben, das hatte ich selber auch nicht erwartet, dass es so schlecht wird", gesteht der Niederländer, der im dritten Training zuvor noch Vierter geworden war.

"FT3 am Morgen war besser. Wir haben gute Fortschritte gemacht, auch wenn es natürlich noch nicht da war, wo wir gerne gewesen wären. Aber es sah besser aus. Und dann haben noch einige Veränderungen vorgenommen, von denen wir dachten, dass das Set-up und das Auto sie erlauben würden", berichtet Verstappen.

Doch offenbar war genau das nicht der Fall. Die Änderungen seien "vermutlich etwas zu viel" gewesen, gesteht Verstappen bei Sky und erklärt, dass der Red Bull im Qualifying dann "unfahrbar" gewesen sei. Doch was genau waren die Probleme des Weltmeisters?

"Das erste Problem war, dass ich nicht spät und hart bremsen konnte. Dann bekam ich Bottoming und die Vorderreifen verloren Anpressdruck. Auf einem Straßenkurs ist es ganz entscheidend, Vertrauen in die Bremsen zu haben und die Kurven zu attackieren", erklärt er.

Rookie Lawson wirft Weltmeister Verstappen raus

"Das konnte ich aber nicht machen. Und davon abgesehen hatten wir auch in den langsamen Kurven schon am ganzen Wochenende Probleme. Ich hatte keine Unterstützung vom Heck und kleine Rutscher - und in meinem letzten Versuch in Kurve 3 einen großen", so Verstappen.

Letztendlich kegelte ihn ausgerechnet Rookie Liam Lawson aus dem Nachwuchsteam AlphaTauri aus Q3. Der Neuseeländer war in Q2 als Zehnter 0,007 Sekunden schneller als der Weltmeister. "Ich wusste, dass es schwierig werden würde, auf Pole zu fahren", verrät Verstappen.

"Aber das hatte ich nicht erwartet", gesteht er und betont: "Wie ich am Funk gesagt habe: Es war eine schockierende Erfahrung. In den langsamen Kurven bin ich dann konstant gerutscht und hatte keine Traktion. [Das Auto] war einfach sehr schwer fahrbar."

Er wolle "nicht zu dramatisch klingen", betont Verstappen, aber es sei "sehr, sehr lange her, dass es im Qualifying so wie heute war", erklärt er. Am meisten Sorgen macht ihm dabei, dass man die Gründe für die Schwierigkeiten in Singapur aktuell noch nicht verstanden hat.

"Ansonsten würde man diese Änderungen nicht machen, mit denen es schlimmer geworden ist. Wir verstehen das Auto an diesem Wochenende auf dieser Strecke eindeutig nicht", gesteht Verstappen. Und auch Teamchef Christian Horner wundert sich über die ungewohnten Probleme.

Waren die Reifen nicht im richtigen Fenster?

"Es ist sehr, sehr verwirrend, so viel Pace zu verlieren. Das Auto reagiert einfach nicht auf Änderungen. Es gibt Untersteuern, Übersteuern, Bremsprobleme", grübelt Horner bei Sky und erklärt: "Es ist so, als hätten wir den Reifen nicht ins richtige Arbeitsfenster bekommen."

Wenn man auf einen Schlag so viel langsamer sei, "dann liegt das normalerweise daran, dass der Reifen fundamental nicht funktioniert", erklärt er und berichtet: "Wir haben beim Set-up verschiedene Dinge probiert, verschiedene Vorbereitungen [der Reifen], aber es passt einfach nicht."

Die Probleme beim Schalten, die Verstappen am Funk mehrfach erwähnte, waren übrigens nicht der Grund für die schwache Performance. "Etwas hat mit der Kupplung nicht gestimmt. Im Qualifying war es besser, aber dafür waren leider ein paar andere Dinge beim Set-up schlechter", so Verstappen.

Und auch Horner bestätigt: "Das Herunterschalten war für Max [im Qualifying] schon viel besser. Sie haben an der Software gearbeitet, und so scheint es viel besser zu funktionieren. In Q1 stand er nach dem ersten Run an der Spitze der Zeitenliste."


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"Und danach in Q2 setzte das Auto auf, die Fahrer waren unzufrieden, und es sind Probleme aufgetreten, die wir in der ersten Session nicht hatten. Wir waren komplett aus dem Fenster raus", schildert der Teamchef den Verlauf des Qualifyings.

"Wir müssen heute Abend eine Menge verstehen, um es noch herumzureißen. Aber es wird natürlich sehr, sehr hart, von diesen Startpositionen aus morgen nach vorne zu kommen", so Horner. Denn auch Verstappens Teamkollege Sergio Perez schied als 13. bereits in Q2 aus.

Warum Horner im Rennen noch kämpfen will, ...

Horner erklärt: "Zunächst einmal müssen wir die Enttäuschung hinter uns lassen und uns darauf konzentrieren, dass es einen Grund für alles gibt. Wir müssen verstehen, warum die Performance heute gefehlt hat. Natürlich sind wir darin limitiert, was wir für morgen machen können."

Er hoffe nun darauf, dass es vielleicht Regen oder einige Safety-Car-Phasen gebe. "Man kann nie wissen. Wir geben daher nicht auf und werden bis zum Ende kämpfen. Aber dieses Wochenende stellt uns bislang auf jeden Fall vor einige Herausforderungen", so Horner.

"Zunächst einmal müssen wir das Auto hoffentlich in ein besseres Fenster bekommen [...] Aber wir hatten bislang einen unglaublichen Lauf und eine unglaubliche Saison. Dieses Auto ist mit Abstand das beste Auto, das wir je gebaut haben", erinnert der Teamchef.

"Aus irgendeinem Grund hat es heute einfach nicht funktioniert. Wir werden versuchen, das morgen zu korrigieren", kündigt Horner an und erinnert: "Wir haben ein großartiges Team, sonst hätten wir nicht jeden Grand Prix [in diesem Jahr] gewonnen."

"Wir werden diese Probleme in den Griff bekommen, und wir werden versuchen, es schon morgen zu schaffen. Wir haben dieses Wochenende noch nicht abgeschrieben. Die Punkte werden am Ende des morgigen Abends vergeben", gibt sich der Teamchef kämpferisch.

... Verstappen aber keine Hoffnung mehr hat

Verstappen selbst dagegen hat für das Rennen keine große Hoffnung mehr. "Das kann man vergessen", antwortet er auf die Frage, ob er am Sonntag nach aufs Podium fahren könne. Denn in Dschidda, wo Verstappen im Qualifying sogar nur 15. geworden war, fuhr er im Rennen noch bis auf Rang zwei nach vorne.

So etwas werde morgen aber "ganz sicher nicht" möglich sein, stellt er klar. "Unser Auto ist beim Reifenverschleiß generell ein bisschen besser als einige Autos um uns herum. Aber ich denke nicht, dass das in Singapur eine große Rolle spielt, weil das Überholen sehr schwer ist", erklärt er.

"Man muss anderthalb, zwei oder drei Sekunden schneller sein [als das Auto vor einem] - was wir eindeutig nicht sind. Ganz besonders mit der Performance und Balance des Autos, die wir jetzt haben. Es wird ein sehr harter und langer Nachmittag", befürchtet Verstappen.

"In Spa kann man wahrscheinlich als Letzter starten und das Rennen gewinnen. Hier aber nicht", stellt er klar und erklärt, dass Singapur "ein bisschen wie Monaco" sei. "Man setzt alles auf das Qualifying. Selbst wenn [man ein schlechtes Rennauto hat], spielt es keine Rolle", so Verstappen.


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"Ich denke, dass der Reifenverschleiß nicht so hoch ist", erklärt er. Daher werde man kaum überholen können. Auf die Frage, was dann für den Sonntag ein realistisches Ziel sei, antwortet er: "Ich weiß es nicht. Ich weiß nicht einmal, wo ich starten werde."

Keine nachträgliche Strafe für Verstappen

Denn für ihn hätte es sogar noch schlimmer kommen können: Nach dem Qualifying wurden gleich drei Untersuchungen gegen den Weltmeister eingeleitet. Zunächst soll er in Q1 andere Autos am Boxenausgang aufgehalten haben, kurz danach Logan Sargeant auch auf der Strecke.

Später in Q2 folgte dann noch eine weitere mögliche Behinderung von Yuki Tsunoda. "An diesem Punkt ist es ehrlich gesagt egal, ob wir von P11, 15 oder als Letzter starten", zuckt Verstappen die Schultern und erklärt: "Für uns ist es wichtig, zu verstehen, warum es so schlecht war."

"Das ist für mich viel wichtiger, als an diesem Wochenende ein paar Punkte zu holen", so Verstappen, der letztendlich aber sowieso für keine der drei Aktionen bestraft wurde. Beim Sargeant-Zwischenfall wurde er komplett freigesprochen, für die anderen beiden Situationen bekam er jeweils eine Verwarnung.

Das Ende der historischen Siegesserie?

Trotzdem sieht es danach aus, dass die Siegesserie von Verstappen am Sonntag reißen wird. Der Niederländer steht aktuell bei zehn Triumphen in Serie, zuletzt in Monza stellte er einen neuen Rekord auf. "Ich wusste, dass der Tag kommen würde, an dem man nicht mehr gewinnt", erklärt er recht entspannt.

"Natürlich will ich gewinnen. Aber wenn es nicht möglich ist, dann muss man das akzeptieren", betont der Weltmeister und erklärt: "Das gehört dazu. Wir haben viele super Wochenenden gehabt und jetzt ein schlechtes." Wichtig sei es, "dass wir einfach verstehen, was wir an diesem Wochenende falsch gemacht haben."

"Denn ich bin mir sicher, dass wir nächste Woche nach Suzuka kommen und das Auto wieder schnell ist. Schon im Simulator hatte es sich so angefühlt, dass es [in Singapur] ein schwieriges Set-upfenster für das Auto sein würde. Für Suzuka fühlte es sich dagegen wieder großartig an, so wie bei den meisten Rennen", berichtet er.

Für Red Bull war es übrigens das erste Mal seit fast genau fünf Jahren, dass man keines der beiden Autos in Q3 brachte. Zuletzt war das den Bullen Ende September 2018 beim Großen Preis von Russland passiert. Damals schieden Verstappen und Daniel Ricciardo ebenfalls in Q2 aus.


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Der Unterschied: Weil die beiden Red-Bull-Piloten damals bereits Gridstrafen kassiert hatten und damit sowieso von hinten starten mussten, setzten sie in Q2 ganz bewusst keine Zeit mehr. Dieses Mal in Singapur war das Aus dagegen alles andere als freiwillig.