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Kampf ums Budgetlimit: "Arme" Teams ziehen alle Register

Wie die Budgetobergrenze zu Grabe getragen wurde, die "Reichen" sparen wollen und die "armen" Teams nun die Wettbewerbshüter in Brüssel auf den Plan rufen

(Motorsport-Total.com) - Während einer Interviewrunde in Bahrain ließ Jean Todt eine Bombe platzen: Der FIA-Boss offenbarte, dass der Plan einer Budgetobergrenze ab 2015 nur wenige Monate nach dem Beschluss gestorben ist. Als Der Franzose diese Aussage machte, war klar: Das letzte Wort ist in der Angelegenheit, die im Formel-1-Fahrerlager einem mittleren Erdbeben gleichkommt, noch lange nicht gesprochen.

Kamui Kobayashi

Werden die Kosten nicht bald gesenkt, sind Teams wie Caterham am Ende Zoom

Als Ursache für die Absage an eine Budgetobergrenze nannte Todt einen Beschluss der im Vorjahr eingeführten Strategiegruppe, in der FIA, Formula One Management (FOM) und die Teams (Red Bull, Ferrari, Mercedes, McLaren, Williams und Lotus) über je sechs Stimmen verfügen und mit einfacher Mehrheit entscheiden.

Und das, obwohl die Zeichen in Hinblick auf die Einführung einer Budgetobergrenze lange auf Grün gestanden waren: Ende Januar trafen sich Formel-1-Boss Bernie Ecclestone, FIA-Boss Jean Todt und Vertreter aller Teams in Genf. Dabei einigten sich alle auf die Einführung einer Budgetobergrenze spätestens 2015. Auch die Strategiegruppe zeigte sich einverstanden: Noch im März hieß es, dass sie an einer Umsetzung arbeite und bei der Weltratssitzung Anfang Juni eine Lösung präsentiert werde. Doch dann kam der plötzliche Umschwung.

Strategiegruppe wendet Budgetobergrenze ab

"Das ist simple Mathematik. Dann gibt es halt keine Budgetobergrenze." Jean Todt

"Die meisten Teams waren ursprünglich für eine Budgetobergrenze, aber mir ist klar geworden, dass nun alle Teams in der Strategiegruppe dagegen sind", erklärte Todt den Medienvertretern. "Wenn also der Inhaber der kommerziellen Rechte und sechs Teams dagegen sind - was zwölf von 18 bedeutet -, dann kann ich sie nicht einführen. Das ist simple Mathematik. Dann gibt es halt keine Budgetobergrenze."

Damit haben sich die Befürchtungen der Kritiker der Strategiegruppe auf traurige Art und Weise bewahrheitet: Die kleinen Teams sind in der Formel 1 nur noch Zuschauer, während sich die großen Rennställe die Welt so richten, wie sie ihnen gefällt.

Todt vs. Ecclestone: Der Formel-1-Boss sinnt auf Rache

Bernie Ecclestone, Jean Todt

Das Duell Ecclestone vs. Todt wird auf dem Rücken der Formel 1 ausgetragen Zoom

Die FIA muss dabei zusehen, wie sich die Big Player unter den Teams und Formel-1-Boss Bernie Ecclestone, die durch die Verträge über die Formel-1-Einnahmen aneinander gebunden sind, die Bälle gegenseitig zuschießen. Zudem sinnt Ecclestone nach seiner Niederlage im Kräftemessen um die Turbomotoren mit Todt auf Rache - das Aus für die Budgetobergrenze wäre eine für den Franzosen eine verlorene Schlacht. Es geht also auch um persönliche Eitelkeiten.

Dem Briten schwebt für die Zukunft eine Formel 1 mit A- und B-Teams vor, wo die kleinen Rennställe Kundenautos einsetzen. Ihnen zu viel Macht zukommen lassen, wäre daher nicht besonders zielführend. Das Ergebnis ist das noch immer nicht unterschriebene Concorde-Agreement (der Vertrag, der die Einnahmenverteilung zwischen dem Inhaber der kommerziellen Rechte, der FIA und den Teams regelt), wobei aber alle Teams über Einzelverträge verfügen - die großen Rennställe stiegen in den Verhandlungen als Sieger aus und haben so viel Macht wie noch nie.

Große Teams wollen auf Budget-Vorteil nicht verzichten

Die fünf Premium-Teams Red Bull, Ferrari, Mercedes, McLaren und Williams werden bei der Einnahmenverteilung im bis 2020 gültigen Concorde-Agreement ganz klar privilegiert behandelt, während die restlichen sechs Rennställe nehmen müssen, was übrig bleibt. Die "Auserwählten" erhalten 63 Prozent der Einnahmen und entscheiden durch ihren Sitz in der Strategiegruppe, wie sich das Gesicht der Formel 1 in der Zukunft verändern wird.

Daniel Ricciardo, Fernando Alonso

Red Bull und Ferrari wollen über ihr Budget wieder an die Spitze kommen Zoom

Die Mitläufer-Teams, die teilweise mit enormen finanziellen Probleme kämpfen, dürfen währenddessen nur in nächster Instanz, also in der Formel-1-Kommission, mitstimmen. Daher darf es niemanden verwundern, dass die Sparpläne der FIA einmal mehr abgeschmettert wurden: Die reichen Teams, die das Sagen haben, sind bereit über Leichen zu gehen, solange sie ihren Platz an der Spitze der Formel 1 verteidigen können. Und das, was sie den kleinen Teams voraus haben, ist nun mal das Budget.

Bestes Beispiel ist Force India: Wenn es bloß um die Effizienz ginge, dann wäre die kleine Truppe aus Silverstone, die mit veralteten Einrichtungen aus der Jordan-Ära Vorlieb nehmen muss, längst Weltmeister. Mit einem Budget von rund 75 Millionen Euro pro Jahr verfügt man nur über einen Bruchteil von Red Bull (425 Millionen Euro), liegt aber bislang in der Konstruktuers-WM sogar vor dem Vorjahres-Weltmeisterteam. Aber wie lange noch? Am Ende wird sich wohl auch dieses Jahr Red Bull dank der deutlich besseren Ressourcen durchsetzen.

Warum der Rückhalt für die Budgetobergrenze schwand

Doch wie konnte es so weit kommen, dass die im Dezember 2013 und erneut im Januar 2014 verlautbarte Einigung auf eine Budgetobergrenze nun doch ausgehebelt wurde? Laut Informationen von 'Motorsport-Total.com' gaben die fünf privilegierten Teams am Melbourne-Wochenende FIA-Boss Todt bekannt, dass man die Kosten doch lieber über das Reglement als über eine fixe Deckelung reduzieren wolle. Hauptargument: Eine Budgetobergrenze sei nicht kontrollierbar.

Ferrari und Red Bull dürften zwei der Drahtzieher gewesen sein: Im Winter erkannten beide Rennställe, dass ihre neuen Boliden nur bedingt konkurrenzfähig sind. In so einer Situation könnte eine Budgetobergrenze zum Damoklesschwert werden - also sah man sich dazu veranlasst, dagegen anzukämpfen.

"Wir müssen sicherstellen, dass wir aus technischer Sicht nicht so viel ausgeben müssen, um konkurrenzfähig zu sein." Eric Boullier

Dazu kommt, dass der Rückhalt für ein Budgetlimit im Winter auch bei den anderen "Auserwählten" schwand: Bei McLaren wurde Martin Whitmarsh, der sich stets für Kostensenkungen aussprach, von Ron Dennis entmachtet. McLaren-Rennleiter Eric Boullier gab sich in Melbourne auf Anfrage von 'Motorsport-Total.com' bei der Pressekonferenz am Freitag eher kryptisch: "Wir müssen einfach einen Strich ziehen und sicherstellen, dass wir aus technischer Sicht nicht so viel ausgeben müssen, um konkurrenzfähig zu sein. Und dass wir einige Ziele haben, die vernünftig sind und die für alle passen."

Wie die Strategiegruppe die Kosten senken will

Was er damit genau meinte, wurde erst später klar: Die Strategiegruppe schlägt vor, die Kosten über technische Standard-Teile zu reduzieren - und zwar in einem Dreijahres-Programm. 2015 sollen die Heizdecken verboten werden. Dazu möchte man einheitliche Benzinzufuhr-Systeme, Bremsbelüftungen, Aufhängungsteile und Frontflügel einführen. Motoren und Getriebe sollen noch länger halten, die Sperrstunde für die Mechaniker soll verlängert werden.

Bis 1993 war die aktive Radaufhängung erlaubt, 2017 soll sie zurückkehren Zoom

2016 würde dann die nächste Stufe zünden: Dabei sollen die Front- und Heck-Crashstrukturen, die Lenkstangen und die Kraftübertragung inklusive Differenzial vereinheitlicht werden. Der letzte Schritt würde 2017 mit der Einführung 18-Zoll-Felgen und der aktiven Radaufhängung erfolgen. Diese zuletzt 1993 erlaubte Fahrhilfe soll günstiger sein als die derzeit verwendeten hochkomplexen FRIC-Systeme (Front-and-Rear-Interconnected), bei der alle vier Aufhängungen hydraulisch miteinander verbunden sind. Diesbezüglich werden die kommenden Monate interessant, denn die Strategiegruppe möchte die Vorschläge für 2015 bis 30. Juni dieses Jahres bei der Weltratssitzung einer Mehrheits-Abstimmung unterziehen.

Ob sie wirklich eine Budgetobergrenze ersetzen können, ist fraglich: Diese wäre in Höhe von 150 Millionen Pfund (umgerechnet 182 Millionen Euro) geplant gewesen, also deutlich höher als die von Ex-FIA-Boss Max Mosley angedachte Variante mit 45 Millionen Euro für das Jahr 2010. Man darf trotzdem davon ausgehen, dass die von der Strategiegruppe angedachten Maßnahmen nur ein Tropfen auf den heißen Stein sind und viel weniger Kosten einsparen.

Front gegen Strategiegruppe macht Druck

Darauf deutet auch die Reaktion der Mittelfeld-Teams hin: Force-India-Boss Vijay Mallya konnte seinen Ärger nicht verbergen und trommelte nach der öffentlichen Beerdigung der Budgetobergrenze in Bahrain mit Sauber, Marussia und Caterham drei Leidensgenossen zusammen, um einen gemeinsamen Brief an FIA-Boss Todt zu verfassen.

Vijay Mallya

Vijay Mallya hat genug: Der Inder macht gegen die "Reichen" mobil Zoom

Darin sollen die Vertreter laut Informationen von 'Motorsport-Total.com' angeblich die Entscheidungsstruktur in der Formel 1 kritisieren und auf die Kriterien des Internationalen Olympischen Komitees hinweisen, die einen fairen Wettbewerb verlangen - in Anbetracht der Tatsache, dass die FIA erst kürzlich vom IOC anerkannt wurde, kein unerheblicher Punkt. Auch die Konkurrenz-, Monopol- und Kartell-Richtlinien der EU sollen darin Thema sein.

Der Brief wurde laut Insidern von Mallya bei der FIA-Weltratssitzung im Zuge des WTCC-Auftakts in Marrakesch am vergangenen Wochenende vorgelegt. Es scheint, dass der Inder den Inhaber der kommerziellen Rechte CVC Capital Partners auf die umstrittene Entscheidungsstruktur rund um die Strategiegruppe aufmerksam machen will. Sollten diskriminierende Entscheidungen gegen einige Teams getroffen werden, könnte dies CVC in Turbulenzen bringen. Theoretisch könnte man den Fall sogar an die Wettbewerbshüter in Brüssel übergeben - Ausgang ungewiss.

Force India, Sauber, Marussia & Caterham: Wenig zu verlieren

Der Brief könnte auch einen letzten Hilfeschrei der vier Teams darstellen: Mallyas Partner Subrata Roy sitzt in einem indischen Gefängnis, also muss der Geschäftsmann seinen Rennstall derzeit selbst stemmen. Sauber kratzte im Vorjahr mit Hilfe russischer Gelder zwar die Kurve, doch die EU-Sanktionen gegen das Land wegen der Krim-Krise könnten dafür sorgen, dass Konten eingefroren werden und der Geldhahn damit zugedreht wird.

Pastor Maldonado, Paul di Resta

Trotz Horrorsaison cashte Williams 2013 deutlich mehr ab als die Unterprivilegierten Zoom

Caterham-Boss Tony Fernandes scheint selbst die Lust an der Formel 1 zu verlieren, da er eigentlich mit einer Budgetobergrenze gerechnet hatte, als er mit seinem Rennstall 2010 in die Königsklasse einstieg. Seitdem hängt man am Ende des Feldes fest - Anfang des Jahres drohte er bereits, Ende 2014 den Stecker zu ziehen, sollte nun nicht endlich der Durchbruch gelingen. Und bei Marussia änderte sich kürzlich die Eigentümerstruktur, was Frage über die Zukunft des Hinterbänkler-Rennstalls aufwirft.

Doch nicht nur das: Es geht für die vier Rennställe auch darum, einen Überlebenskampf zu rechtfertigen, denn unter aktuellen Gesichtspunkten würden sie selbst bei starken sportlichen Leistungen gegenüber den privilegierten Teams klar den Kürzeren ziehen. Ein Beispiel: Sauber holte 2013 57 WM-Punkte, Williams nur fünf - dennoch erhalten die Schweizer einen um zehn Prozent kleineren Anteil der Formel-1-Einnahmen.

Beweist Todt endlich Stärke?

Alleine diese Tatsache sollte den Inhaber der kommerziellen Rechte in Hinblick auf die EU-Kartellrichtlinien bedenklich stimmen - die vom IOC eingeforderte materielle Ausgeglichenheit ist in der Formel 1 definitiv nicht gegeben. Doch wie reagiert FIA-Boss Todt nun auf die schwarzen Gewitterwolken am Horizont? Er will die Angelegenheit am 1. Mai mit dem Inhaber der kommerziellen Rechte und Vertretern aller Teams besprechen.

"Ich habe Angst, dass wir Teams verlieren." Jean Todt

"Ich habe Angst, dass wir Teams verlieren", meinte Todt gegenüber der 'Welt am Sonntag'. "Viele schreien um Hilfe. Unser Job ist es, diese Hilfeschreie zu hören. Die Formel 1 liegt auf der Intensivstation. Bis Ende Juni muss eine Lösung für dieses Problem her. Die Zeit drängt."

Nach wie vor bekennt sich Todt aber nicht eindeutig dazu, für eine Budgetobergrenze zu kämpfen: Er spricht immer nur von einer "Reduktion" der Kosten, nicht von einer "Deckelung". Und gibt damit seinen größten Kritikern weitere Nahrung, die dem einst so erfolgreichen Ferrari-Teamchef Führungsschwäche vorwerfen. Dabei müsst Todt gerade jetzt beweisen, dass er ein starker FIA-Boss ist.