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  • 11.04.2002 · 20:36

Kai Ebel im Interview

RTL-Formel-1-Frontmann Kai Ebel spricht über schwierige wie schöne Momente und Pannen bei seiner Arbeit als Formel-1-Moderator

(Motorsport-Total.com) - Wenn Ralf Schumacher mit aufgebocktem Wagen auf der Strecke stehen bleibt oder "Quick Nick" im Kiesbett landet, braust jedes Mal ein kleiner Wirbelsturm durch die Boxengasse. Kai Ebel rauscht an. Gefolgt von seinem TV-Team, schlängelt er sich zielstrebig und wieselflink durch den Pulk der Wichtigen und vorbei an den Kontrolleuren. Es muss schon mit dem Teufel zugehen, wenn der RTL-Boxenreporter nicht in der kürzesten nur denkbaren Zeit den Fahrer, Teamchef oder Chefmechaniker live vor dem Mikrofon hat, der die Situation einem Millionenpublikum erklärt. Kai Ebel, Diplom-Sportlehrer und zweifacher Vater, ist als rasender Reporter längst ein Markenzeichen der Formel 1 - seit genau zehn Jahren gehört er dazu wie das Donnern der Motoren.

Michael Schumacher und Kai Ebel

Lösten in Deutschland einen Formel-1-Boom aus: Schumacher und RTL

Frage: "10 Jahre Formel 1 - wird da der Job zur Routine?"
Kai Ebel: "Ja, aber im positiven Sinne. Natürlich kenne ich mich mittlerweile aus im Geschäft. Andererseits erstarrt die Formel 1 zu keiner Sekunde in Routine, weil man sich immer wieder auf neue Situationen einstellen muss."

Frage: "Wie genau bereiten Sie sich auf die Rennen vor?"
Ebel: "Eine gewisse Basis muss ich mir regelmäßig erarbeiten. Gerade in der Formel 1, in der es täglich neue Entwicklungen gibt, muss du immer am Ball bleiben. Die Hauptquelle ist natürlich die Fachlektüre. Mindestens genau so wichtig sind aber auch die Telefonate mit den Pressesprechern der einzelnen Teams und der Fahrer, die Gespräche mit den Piloten selbst, mit Ingenieuren oder Mechanikern. Alle Details hole ich mir dann vor Ort bei den einzelnen Rennen."

Frage: "Was macht Kai Ebel, wenn die Ampeln auf Grün springen?"
Ebel: "Dann drücke ich die Daumen, dass alles gut geht. Und dass es keinen Unfall gibt.
Während des Rennens bin ich irgendwo im Fahrerlager und versuche, möglichst viel vom Rennen auf dem Monitor irgendwo bei den Teams, meistens bei Mercedes oder BMW, mitzukriegen."

Frage: "Und wenn etwas passiert?"
Ebel: Dann schicke ich mich sozusagen selber los. Wenn jemand ausfällt oder es einen Crash gibt, gehe ich dorthin, wo ich meine, dass ich hin müsste. Wenn ich etwas nicht gesehen habe, bekomme ich auch die Information von den Kollegen aus Köln, mit denen ich durch einen Knopf im Ohr immer verbunden bin."

Frage: "Lässt der schnelllebige Formel-1-Zirkus auch Freundschaften zu?"
Ebel: "Natürlicherweise ist der Draht zu den deutschen Teams enger als der zu den anderen. Wenn man die gleiche Sprache spricht, dann entwickeln sich auch teilweise Freundschaften.
Zu den deutschen Fahrern habe ich eigentlich durch die Bank ein gutes Verhältnis. Sehr gut verstehe ich mich aber auch mit David Coulthard."

Frage: "Ist der Typ des rasenden Boxenreporter Ihre Erfindung?"
Ebel: "Ich glaube, ich habe im Laufe der Jahre etwas geschaffen, was es in Deutschland vorher nicht gab. Einen personifizierten Harry Hirsch. Ganz anders als der Typ Fußball-Reporter, der auf dem Rasen steht, Interviews macht, ohne sich auch nur ein einziges Mal zu bewegen. Ich habe irgendwann angefangen, eine Mischform aus teilweisem reportieren, moderieren, und interviewen zu machen, verbunden mit Bewegung und viel Action. Und daraus ist dieser Harry Hirsch geworden."

Frage: "In der Harald-Schmidt-Show hat man Ihnen mit der Figur des Kai Edel bereits ein satirisches Denkmal gesetzt. Ärgert Sie das?"
Ebel: "Überhaupt nicht. Wenn der Harald Schmidt einen verarscht, ist das doch ein Adelsschlag. Dann muss man schon was darstellen, sonst würde der das nicht machen. An die Kleinen geht er ja nicht dran."

Frage: "Ihr schlimmster Einsatz?"
Ebel: "Das war in Imola, 1994, als Ayrton Senna gestorben ist. Mein erster Live-Einsatz. Zunächst einmal war ich geschockt. Aber ich habe irgendwie auch funktioniert und weitergemacht, weil ich ja die Pflicht hatte, live zu berichten. Und ich glaube, dass ich dann mit der nötigen Zurückhaltung und sehr journalistisch aufgetreten bin. Hinterher habe ich nur noch geheult - einen Tag vorher hatte ich Senna noch interviewt."

Frage: "Haben Sie einmal so richtig gefloppt?"
Ebel: "Ja, in Imola stand ich einmal am falschen Ende der Boxengasse. Ich habe gesagt, hinter mir sei die Ausfahrt der Boxengasse, dabei war es die Einfahrt. Es hat aber keiner gemerkt."

Frage: "Der Grand-Prix-Zirkus ist rastlos wie eine Karawane. Gibt es eine favorisierte Oase?"
Ebel: "Mein Lieblings-Grand-Prix ist der in Melbourne. Hier ist die Mischung perfekt. Eine tolle Stadt, bestes Wetter, superfreundliche Menschen und überhaupt der ersehnte Auftakt nach einer langen Pause. Alles passt wunderbar zusammen."

Frage: "Thema Boxenluder..."
Ebel: "Ach, diese Frage stellt sich eigentlich gar nicht mehr. Diese so genannten Boxenluder, das sind fast immer Promotiongirls oder Hostessen, die im Auftrag irgendwelcher Teams in der Boxengasse arbeiten. Die richtig wilden Zeiten waren die 70er Jahre - das ist lange vorbei. Wer heute in die Boxengasse will, braucht seine Akkreditierung. Und die werden nicht verschenkt."

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