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Interview: "Fisicos" zweiter Frühling

Giancarlo Fisichella unplugged und exklusiv: Über seinen zweiten Frühling bei Force India, das Fahren ohne Traktionskontrolle und den Ferrari-Traum

(Motorsport-Total.com) - "Mit 66 Jahren fängt das Leben richtig an" singt Udo Jürgens. Für Giancarlo Fisichella müsste man diesen Schlagerklassiker eigentlich umschreiben, denn das zweite Formel-1-Leben des Italieners beginnt offenbar schon mit 35 - und zwar ausgerechnet beim Hinterbänklerteam Force India, bei dem seinerzeit alles angefangen hat.

Giancarlo Fisichella

Auch wenn er nicht mehr um Siege fährt: "Fisico" hat das Lachen nicht verlernt Zoom

Denn Fisichella startete 1996 zwar auf Minardi in das Abenteuer Formel 1, aber der Durchbruch gelang ihm 1997 an der Seite von Ralf Schumacher bei Eddie Jordan - und das damalige Jordan-Team ist heute bekanntlich Force India. Der inzwischen 196-fache Grand-Prix-Teilnehmer galt früher als ewiger Underdog, als unterschätztes Talent. Als er 2005 und 2006 bei Renault endlich das Material hatte, um Weltmeister zu werden, ging er aber im Schatten von Fernando Alonso unter.#w1#

Im Force India vor den Renaults

Anno 2008 ist alles anders: Fisichella ist wieder in jener Rolle, die ihm anscheinend am besten liegt, nämlich in der des Underdogs - und er macht seine Sache ganz ausgezeichnet. Seinen hoch eingeschätzten Teamkollegen Adrian Sutil kontrolliert er nach Belieben, das Rennfahren ohne Politik macht ihm wieder Spaß und er blüht ohne Traktionskontrolle auf wie in seinen besten Zeiten. Darüber und über vieles mehr sprach er im Interview mit 'Motorsport-Total.com'.

"Wir sind sehr nahe dran, ins zweite Qualifying einzuziehen." Giancarlo Fisichella

Frage: "Giancarlo, du bist in Bahrain die elftschnellste Rennrunde gefahren, hast zwei von drei Rennen beendet und warst jeweils ganz knapp am Einzug ins zweite Qualifying dran. Sicher hast du keine Wunder erwartet, also bist du mit diesen Resultat wohl zufrieden, nicht wahr?"
Giancarlo Fisichella: "Ja. Wir haben im Winter einen großen Schritt nach vorne gemacht, vor allem mit dem neuen Aeropaket, das wir beim Testen in Barcelona eingeführt haben. Wir haben mit dem Setup gute Arbeit geleistet und das Auto ist nun ein großer Fortschritt im Vergleich zum vorjährigen Modell."

"Wir sind sehr nahe dran, ins zweite Qualifying einzuziehen, was unser Ziel ist, und ich hatte zwei großartige Rennen in Malaysia und Bahrain. Die Pace war ziemlich konkurrenzfähig. Das hat mich so früh überrascht. Wir können uns auch während der Saison enorm steigern, denn das Team arbeitet im Windkanal und die Entwicklung geht bisher gut voran."

Frage: "Deine schnellste Rennrunde in Bahrain war schneller als die der beiden Renaults. Das muss für dich eine Befriedigung sein."
Fisichella: "Ja, sicher. Es war eine großartige Pace, sehr konstant. Speziell am Ende war meine Pace besser als die der Renaults, obwohl Fernando da noch um eine Position gepusht hat. Ich denke, wir müssen recht zufrieden sein. Es fehlen noch ein paar Zehntel im Getriebebereich, bei einigen Aerodynamikteilen, aber ich glaube, dass wir während der Saison einen weiteren großen Schritt nach vorne machen können."

Schneller als Adrian Sutil

Frage: "Besonders schön muss für dich sein, dass du bisher Adrian Sutil klar im Griff hattest, der im Winter immerhin bei McLaren-Mercedes gehandelt wurde. Hängt das mit seinen derzeitigen Problemen zusammen oder beweist du einfach, dass du der schnellere Fahrer bist?"
Fisichella: "Das weiß ich nicht. Bis jetzt war ich ehrlich gesagt schneller als er, und zwar in jedem einzelnen Qualifying und auch in den Rennen. Auch beim Testen war ich schneller. Er hat mit den neuen Regeln ohne Traktionskontrolle noch ein bisschen Schwierigkeiten und er kommt mit den weichen Reifen nicht ganz zurecht. Das ist nicht einfach für ihn."

"Adrian wird in ein paar Rennen sicher besser aussehen." Giancarlo Fisichella

"Ich halte ihn aber trotzdem für einen guten Fahrer. Er pusht und er war im letzten Rennen schon näher dran. Ich denke, dass er eine bessere zweite Saisonhälfte haben wird. Adrian ist ein guter Fahrer, denn im Vorjahr ist er sehr gut gefahren. Ich sehe keinen Grund, warum er langsamer als ich sein sollte. Er wird in ein paar Rennen sicher besser aussehen."

Frage: "Du wirst vom Team sehr stark unterstützt, speziell von Vijay Mallya, der sehr stolz auf dich zu sein scheint. Fühlst du dich als Nummer eins?"
Fisichella: "Es gibt ehrlich gesagt keine Nummer eins im Team, aber ich habe im Winter sehr gut gearbeitet, habe den Ingenieuren die Richtung vorgegeben und ihnen gesagt, in welchem Bereich sie arbeiten müssen. Selbst in den vergangenen Rennen haben wir Fortschritte gemacht. Die Pace war sehr konstant. Das Team war insofern sehr glücklich über meine Leistungen, speziell Vijay. Das ist gut, denn ich brauche den Support vom Team, ich brauche eine gute Atmosphäre. Bisher ist die Atmosphäre im Team fantastisch."

Frage: "In den vergangenen Jahren bist du bei den Medien oft schlecht ausgestiegen, vor allem bei Renault, aber jetzt erntest du viel Lob. Von außen sieht es so aus, als würde das Verbot der Traktionskontrolle deinem Fahrstil entgegenkommen. Bereust du es manchmal, dass du jetzt nicht mehr in einem schnelleren Auto sitzt?"
Fisichella: "Sicher ist der Abstand zwischen dem besten und dem letzten Team im Vergleich zum Vorjahr enger geworden. Die neuen Regeln ohne Traktionskontrolle und all das elektronische Zeug erfordern einen anderen Fahrstil. In meinem Fall ist das gut. Ich genieße es wirklich, ohne Traktionskontrolle zu fahren, fühle mich so wohler, auch wenn es schwieriger ist. Aber für mich ist es besser, denn ich kann das Auto wieder spüren. Einige andere Fahrer kommen damit weniger gut zurecht."

Neue Teile für die Europasaison

Frage: "Die Europasaison steht vor der Tür, die Pause zwischen dem vorigen und dem nächsten Rennen beträgt drei Wochen. Weißt du, welche neuen Teile ihr für Barcelona bekommt?"
Fisichella: "Wir werden in Barcelona einige neue Flügel im Heckbereich haben, einige neue Aerodynamikteile. Und ich rechne mit der neuen Vorderradaufhängung. Das ist gut, denn im Moment leiden wir in den langsamen Kurven ein bisschen zu sehr an Untersteuern in der Kurvenmitte. Mit der neuen Vorderradaufhängung sollte die Front besser werden, denn das Untersteuern ist im Moment ein bisschen zu viel."

Giancarlo Fisichella vor Lewis Hamilton

Giancarlo Fisichella vor Lewis Hamilton: Wer hätte das vor Saisonbeginn gedacht? Zoom

Frage: "Ich gehe davon aus, dass ihr diese Teile schon beim Testen haben werdet, richtig?"
Fisichella: "Ja."

Frage: "Wenn man realistisch ist, muss man wohl sagen, dass du mit Force India nicht Weltmeister werden kannst. Was ist also das Ziel für den Rest deiner Karriere und hast du den WM-Titel geistig schon abgeschrieben? Wie gehst du mit dieser Situation um?"
Fisichella: "Der Traum bleibt immer der Traum. Es ist weiter mein Traum, Weltmeister zu werden, aber realistisch gesehen weiß ich, dass es in den nächsten paar Jahren unmöglich sein wird."

"Ich habe hier einen Zweijahresvertrag. Für mich ist das Ziel, mit dem Team zu wachsen, das Team in eine bessere Situation zu bringen und in einigen Rennen Punkte zu holen. Es wäre nett, ein- oder zweimal auf das Podium zu fahren. Ich weiß, dass das sehr schwierig, ja fast unmöglich ist, aber ich werde mein Bestes geben. Man weiß nie."

Frage: "Machst du dir schon Gedanken über die Zeit nach Force India? Wirst du zurücktreten und dich um deine Familie kümmern oder willst du noch ein paar Jahre in der Formel 1 anhängen?"
Fisichella: "Im Moment bin ich 35. Ich genieße noch, was ich tue, und ich liebe diesen Sport. Im Moment denke ich nicht an Rücktritt, sondern ich freue mich darauf, noch ein paar Jahre Formel 1 zu fahren. Wir werden sehen."

Der Traum vom Ferrari-Vertrag

Frage: "Als wir uns vor ein paar Jahren beim Sauber-Launch in Salzburg getroffen haben, hast du mir erzählt, dass es dein Traum wäre, eines Tages für Ferrari zu fahren. Warst du in all den Jahren je knapp davor, für Ferrari zu fahren?"
Fisichella: "Es hat zwar nie Verhandlungen gegeben, aber manchmal sehr enge Kontakte. Leider ist daraus nichts geworden. Ich glaube, das wird wohl eher nicht mehr klappen, aber man weiß nie. Im Moment fahre ich den Ferrari-Motor - es wäre nett, auch das Auto dazu zu haben! Aber das ist wohl nur ein Traum..."

"Es ist ein Skandal, den Präsidenten bei so einem - wie soll ich sagen - Sport zu sehen..." Giancarlo Fisichella

Frage: "Noch ein Wort zur Max-Mosley-Affäre. Ich weiß, dass du mir dazu nichts sagen wirst, aber warum sagt kein Fahrer etwas zu dieser Geschichte? Habt ihr einen Maulkorb umgehängt bekommen?"
Fisichella: "Es ist natürlich ein großer Skandal, den Verbandspräsidenten bei so einem - wie soll ich sagen - Sport zu sehen (grinst; Anm. d. Red.)."

Frage: "Angeblich waren es fünf Stunden. Das ist ja ziemlich beeindruckend..."
Fisichella: "Jeder hat das Recht auf ein Privatleben, aber das ist ein großer Skandal, der nicht gut für die Formel 1 ist. Wir werden sehen, was nun in den nächsten Monaten passiert, aber es ist schwierig, sich dazu zu äußern, da hast du Recht."

Frage: "Ist es nicht irgendwo bedauerlich, dass jetzt niemand mehr darüber spricht, was er alles für die Sicherheit des Motorsports erreicht hat?"
Fisichella: "Ja, das stimmt. Über die GPDA haben wir Fahrer gemeinsam mit Max Mosley viel erreicht, was die Sicherheit angeht, und das ist natürlich ihm zu verdanken. Aber im Moment ist es eben ein sehr großer Skandal. Was er in der Vergangenheit alles gemacht hat, rückt da in den Hintergrund."

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