• 04.09.2007 12:13

  • von Inga Stracke

Inga in Monza: Pizza und Boliden im königlichen Park

In ihrer Kolumne schreibt Inga Stracke über die Magie von Monza und unvergessene Rennen der vergangenen Jahrzehnte

(Motorsport-Total.com) - Hallo liebe Formel-1-Fans!

Titel-Bild zur News: Ferrari-Flagge

Die Tifosi lieben die Rennstrecke von Monza und Ferrari

Monza - kleiner Ort, Tifosi pur. Dennoch fahren wir ja eigentlich aus einem ganz anderen Grund dorthin! Nein, nicht, weil es in Saronno, knappe 15 Minuten von Monza entfernt, den herrlichen Amaretto gibt. Nein, auch nicht, weil in den kleinen Bars spitzenmäßiger Aperol-Sauer offeriert wird und ebenfalls nicht, weil unser Hotelrestaurant inzwischen nicht mehr Waschpulver statt Salz auf die Spaghetti streut.

Auch nicht, weil es im nahen Como wunderschön ist und man im Einkaufszentrum Bennett an der Autobahn hervorragend Schuhe kaufen kann. Nein! Alles das ist es nicht. Sondern: Weil der Dom von Mailand definitiv einen Besuch wert ist! Bisher habe ich es leider nicht geschafft, diesmal habe ich es mir fest vorgenommen.#w1#

In diesem Dom ist die eiserne Krone der Langobarden aufbewahrt, die nach dem Sieg Karls des Großen 773/774 den deutschen Königen gehörte! Und was, bitte schön, will ich denn auch an der lauten Rennstrecke? Der Park ist doch so viel schöner, wenn es ruhig ist! Na, mal schauen, wer sich nach diesem Wochenende die eiserne Krone von Monza aufsetzen kann?!

Im vergangenen Jahr haben wir hier alle DER Entscheidung entgegen gefiebert. Auch wenn eigentlich fast klar war, dass Michael Schumacher aufhören würde, irgendwie konnte ich es bis zur Verkündung noch immer nicht richtig glauben!Und jetzt scheint dieser Tag so lange zurück zu liegen.

Und irgendwie scheint "Schumi" niemandem richtig zu fehlen. Sorry Michael, aber ich glaube das ist auch so für dich ganz okay, oder? Selbst die Boulevardpresse hat in "Playboy" Lewis Hamilton und dem "Krieg der Sterne" schnell Schlagzeilenersatz gefunden. Und die Rennsaison ist mit den teaminternen Duellen und einer Meisterschaft, in der die Top 4 noch Titelchancen haben, richtig spannend.

Doch kommen wir wieder zum Autodromo - abseits des Domes und seiner Eisenkrone...

Das Autodromo de Monza wurde 1922 im königlichen Park in Monza gebaut und ursprünglich als Teststrecke konzipiert. Es lagen drei Lokalitäten zur Auswahl vor. Dort, wo heute der Flughafen Malpensa ist, im Cagnola Distrikt - damals noch außerhalb des eigentlichen Mailands, und der königliche Park, der seinerzeit dem italienischen Veteransi Institut gehörte.

Schon damals setzte man auf Innovationen und baute ein zweifaches Streckenlayout - einen normalen Kurs und ein Oval mit Steilkurven, das so ausgelegt war, dass man beide Strecken als Kombination zugleich benutzen konnte. Noch heute kann man Teile des legendären Ovals bestaunen, doch sie sind leider zum Teil bereits zugewachsen und vergessen.

Der Große Preis von Italien 1955 wurde auf beiden Kursen gefahren, so dass die Autos zweimal pro Runde Start-Ziel passierten. Einmal, nachdem sie eine Runde auf dem Oval gefahren waren und das zweite Mal nach einer Runde auf dem Straßenkurs. Insgesamt ergab dies eine Streckenlänge von fast zehn Kilometern. Zum letzten Mal wurden die Steilkurven 1961 genutzt, ein Jahr nachdem Phil Hill auf Ferrari den letzten Sieg eines frontgetriebenen Grand-Prix-Wagens errang.

Ich habe es mir nicht nehmen lassen und bin vor Jahren mal zu den noch vorhandenen Teilen des alten Ovals gepilgert. Ganz schön beeindruckend! Ich musste mehr oder weniger auf Händen und Füßen hinaufkrabbeln, so steil ist die Kurve!

Ein weiteres erwähnenswertes Rennen der Geschichte Monzas ist der Grand Prix 1971. Noch bevor das verstärkte Sicherheitsbewusstsein einsetzte, bestand Monza aus fünf Kurven, die durch schnelle Geraden miteinander verbunden waren. Windschattenfahren war an der Tagesordnung und dem Führenden war es schier unmöglich, den dahinter lauernden Verfolgern zu entkommen.

Chris Amon (Matra) hatte die Pole, doch Clay Regazzoni (Ferrari) ging aus der vierten Reihe (!) schon in der ersten Kurve in Führung. Immer wieder wechselte die Führung, bis 18 Runden vor Schluss Pole-Mann Amon an der Spitze lag und seinem ersten Sieg entgegenzufahren schien.

Sieben Runden vor Schluss wollte der Pechvogel eine der dünnen Plastikfolien von seinem Visier abreißen, doch das gesamte Visier riss ab, der Fahrtwind schlug ihm in die Augen und er fiel zurück. In der letzten Runde standen alle auf den Tribünen - für Italiener waren sie alle ungewöhnlich still.

Ronnie Peterson (March) führte vor Francois Cevert (Tyrrell), Mike Hailwood (Surtees) und Peter Gethin (BRM), der als Elfter gestartet war. Cevert führte in der Lesmo, doch eingangs der Parabolica nahm Gethin all seinen Mut zusammen, überholte Peterson auf dem Gras in einer großen Rauchwolke durch blockierende Bremsen.

Wie im Schockzustand machten Cevert und Peterson Platz und Gethin gewann seinen ersten und einzigen Grand Prix. Es war die knappste Zieldurchfahrt der Geschichte! Die ersten fünf lagen alle innerhalb von 0,61 Sekunden, Gethin siegte mit einer Hundertstelsekunde Vorsprung. Mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 242.615 km/h ist dies noch immer das schnellste Rennen der Grand-Prix-Geschichte.

Nur in England haben bislang mehr Grands Prix stattgefunden als in Italien - jedes Jahr einer. Damit ist dies der 58. ItalienGrand-Prix. 56 davon wurden in Monza gefahren und einer in Imola (1980).
Der erste zur Formel-1-Weltmeisterschaft zählende italienische Große Preis fand 1950 statt. Auf dem Podium standen nicht weniger als vier Italiener: Giuseppe Farina gewann das Rennen, den zweitplatzierten Ferrari hatten sich Dorino Serafini und Alberto Ascari geteilt, Dritter wurde Luigi Fagioli.

Das 1961er Rennen führte die höchste Starterzahl (32) und damit auch die größte Anzahl von Ausfällen (20). 1987 fand in Monza der kürzeste Grand Prix statt, mit 1:14:47,707 Stunden statt.Zwölfmal wurde in Monza die WM entschieden, häufiger als auf jeder anderen Strecke, zum letzten Mal 1979, als Jody Scheckter mit Ferrari Weltmeister wurde.
Formel 1 wird in Italien groß geschrieben.

Es gab bislang drei italienische Weltmeister und 78 Grand-Prix-Piloten, die insgesamt 39 Siege einfuhren. Weitere 15 schafften es nie, sich für einen Grand Prix zu qualifizieren. Dazu gehört auch eine der drei weiblichen Piloten aus Italien - die anderen beiden waren die einzigen Frauen, die je an einem Grand Prix teilgenommen haben. Lella Lombardi war die einzige Frau, die je Punkte holte, die letzte aktive Pilotin war Giovanna Amati, die 1992 für Brabham fuhr.

Für die Teams ist Monza in punkto Abstimmung eine Herausforderung. Nach dem Umbau von Hockenheim ist es der schnellste Kurs im Formel-1-Kalender und die einzige verbliebene High-Speed-Strecke. Für das Hochgeschwindigkeitsrennen müssen die Autos so wenig Abtrieb wie möglich produzieren, ohne aber beim Bremsen die Stabilität zu verlieren.

Es wird also viel an den Flügeln ausprobiert, um den besten Kompromiss zwischen dem Speed auf der Geraden und den langsamen Kurven zu finden. Die Teams konzentrieren sich darauf, eine gute aerodynamische Balance zu finden, die vor allem für die weiten schnellen Kurven wichtig ist.

In Monza dreht sich alles um Power und gute Bremsen. Die Curva Parabolica ist vielleicht die wichtigste Kurve, eine gute Anzeige dafür, wie gut das Setup gelungen ist. Man bremst sie sehr hart an, eingangs schaltet man runter in den dritten Gang (ca. 170 km/h). Dann wird gleich wieder hoch geschaltet, ausgangs der Kurve in den vierten, fünften und sechsten Gang (280 km/h) anfangs der Start-Ziel-Geraden.

Die ganze Rundenzeit kann davon abhängen, wie man in die Parabolica hinein fährt und welchen Speed man mit heraus nimmt. Stark gefordert sind auch die Bremsen, denn die Autos müssen von Geschwindigkeiten von über 300 Stundenkilometern vor den Schikanen herunter gebremst werden. Die Bremstemperatur wird dabei sehr hoch.

Auf ein spannendes Wochenende,

Inga Stracke