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Helmut Marko exklusiv (3/3): Bottas ist in Bahrain "Mist zusammengefahren"

Im Interview erklärt Helmut Marko, warum George Russell und Sebastian Vettel kein Thema waren, als Red Bull für die F1 2021 Ersatz für Alexander Albon gesucht hat

(Motorsport-Total.com) - George Russell avancierte mit seiner siegfähigen Leistung beim Grand Prix von Sachir in Bahrain zu einer der großen Entdeckungen der Formel-1-Saison 2020. Und weil ihm Mercedes für 2021 kein Stammcockpit anbieten konnte, sondern ihn ein weiteres Jahr bei Williams parken musste, spekulierte sogar 'RTL' prominent und vielzitiert darüber, dass Red Bull ein Auge auf das 22-jährige Ausnahmetalent geworfen haben soll.

Helmut Marko

Helmut Marko ist im Motorsport der wichtigste Berater von Dietrich Mateschitz Zoom

Alles Nonsens, versichert Motorsportkonsulent Helmut Marko im letzten Teil des großen Jahresrückblick-Interviews mit 'Motorsport-Total.com' und 'Formel1.de'. Man habe nicht einmal überlegt, bei Russell anzurufen, um sich nach seiner Vertragssituation zu erkundigen: "Russell ist Mercedes-Junior. Da braucht man nicht eine falsche Etikette drüberstülpen."

Außerdem spricht der 77-jährige Österreicher über die Gerüchte, die Sebastian Vettel zwischenzeitlich mit Red Bull in Verbindung gebracht haben, den Chaos-Grand-Prix in Istanbul und den ungewöhnlichen Saisonauftakt mit zwei Rennen am Red-Bull-Ring in Spielberg.

Frage: "Herr Marko, war zu irgendeinem Zeitpunkt in diesem Jahr auch Sebastian Vettel eine realisierbare Idee?"
Helmut Marko: "Nein. Als wir uns entschieden haben, dass wir Albon ersetzen, war Vettel nicht mehr verfügbar."

Frage: "Sie sind einer von Vettels Mentoren, einer seiner Entdecker. Das Bild vom Podium in Abu Dhabi 2010 ist legendär. Sie kennen ihn gut. Glauben Sie, dass er einfach das Autofahren verlernt hat?"
Marko: "Ich glaube, es ist eine Verunsicherung, die in meinen Augen mit dem Crash in Hockenheim 2018, in Führung liegend, begonnen hat. Damals war noch Arrivabene Teamchef. Von da an ist das Verhältnis zu Ferrari immer schlechter geworden."

"Wie weit er materialmäßig benachteiligt wurde, kann ich nicht sagen. Aber er hat, das muss man sagen, viel zu viele Eigenfehler gemacht. Mit diesem Crash hat die Verunsicherung eingesetzt, und das Fahrerische war dann sehr oft nicht Vettel-Niveau."

Frage: "Trauen Sie ihm zu, dass er das wieder in den Griff bekommt und der alte Vettel wird?"
Marko: "Ich hoffe es für ihn."

Warum Russell für Red Bull nie ein Thema war

Frage: "In Bahrain hat George Russell im Mercedes eine sehr beeindruckende Leistung geboten. Hat man da nicht zumindest überlegt, mal bei ihm anzurufen, wie seine Vertragssituation ist?"
Marko: "Nein. Er hat einen Zehnjahresvertrag mit Toto Wolff. Er ist Mercedes-Junior. Wir haben gesucht nach einer Zwischenlösung für ein Jahr. Da ist Perez die wesentlich bessere Variante."


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Eine klare Absage. Dabei hatte 'RTL' am 7. Dezember berichtet, dass Marko und Teamchef Christian Horner "längst ein Auge auf den 22-jährigen Russell geworfen" haben. Zitat: "Sollte Mercedes ihn nicht ins Mutterteam holen, werden die Bullen mit Sicherheit versuchen, Russell mit schmackhaften Argumenten abzuwerben."

Der Gedanke war zum damaligen Zeitpunkt durchaus plausibel. Red Bull hätte Russell etwas anbieten können, was Mercedes ihm nicht bieten konnte: ein siegfähiges Stammcockpit nicht erst für 2022, sondern schon für 2021. "Wer weiß, ob der Brite da nicht schwach wird. Sein Williams-Vertrag sollte das kleinste Problem sein", spekulierte 'RTL'.

Frage: "Sie hätten Russell etwas anbieten können, was Mercedes ihm nicht anbieten kann, nämlich ein konkurrenzfähiges Renncockpit für 2021. Hätte man ihn nicht einfach zum Red-Bull-Junior machen können?"
Marko: "Russell ist Mercedes-Junior. Da braucht man nicht eine falsche Etikette drüberstülpen."

Frage: "Was halten Sie denn von ihm?"
Marko: "Russell ist ein intelligenter und schneller junger Mann. Sein Mercedes-Einsatz war toll. Gleichzeitig war das durch eine derartige Verunsicherung von Bottas geprägt, dass das eigentlich kein zulässiger Vergleich war. Bottas ist von der ersten Runde am Freitag an so einen Mist zusammengefahren, der weit unter seinem normalen Niveau gelegen ist."

Frage: "Kommen wir zu AlphaTauri. Ich habe rausgehört, dass Sie ein Fan von Yuki Tsunoda sind. Was trauen Sie ihm zu?"
Marko: "Tsunoda war der einzige Formel-2-Fahrer, der kontinuierlich in jedem Rennen in die Top 5 gefahren ist. Nur durch technische Defekte und ein paar Crashs hat er die Meisterschaft nicht gewonnen. Und das im Rookie-Jahr."

"Ihn zeichnet ein unglaublicher Grundspeed aus und eine sehr, sehr schnelle Auffassungsgabe und Lernphase. Wenn Sie die letzten Rennen gesehen haben, wie er sich am Beginn der Rennen zurückgehalten hat, bis alles halbwegs sortiert war, er seine Reifen geschont und dann angegriffen hat, das war eine super Mischung zwischen Aggressivität und mit dem Kopf fahren."

Kwjat: Thema Red Bull diesmal endgültig durch

Frage: "Und er hat die perfekte Rennfahrerstatur."
Marko: "Ein irrsinnig lustiger Kerl mit Charisma. Ist 1,61 Meter groß und wiegt 58 Kilo. Dass wir ihn nicht auch an einem Freitag in der Formel 1 eingesetzt haben, hängt einfach damit zusammen, dass der Umbau derartig lang gedauert hätte, dass das ein Ding der Unmöglichkeit war."

Yuki Tsunoda

Klein, aber oho: Auf Yuki Tsunoda hält Helmut Marko große Stücke Zoom

Frage: "Tsunoda ersetzt Daniil Kwjat. Der hat solide Leistungen geliefert und wirkte 2020 reifer als je zuvor. Hat nicht mehr nach Ausreden gesucht, sondern sich ganz auf sich selbst konzentriert. Trotzdem hat es nicht gereicht."
Marko: "Die letzten zwei, drei Rennen hat er teilweise mit Speed aufgezeigt. Sonst war er immer deutlich hinter Gasly. Das ist mit all der Routine und Erfahrung, die er hat, zu wenig."

Frage: "Hat er irgendeine Zukunft bei Red Bull? Zum Beispiel als Simulatorfahrer?"
Marko: "Nein. Das Thema ist für uns erledigt."

Frage: "Ich habe Daniel Ricciardo kürzlich gefragt, was er Sergio Perez in Bezug auf den Umgang mit Ihnen an Ratschlägen mitgeben kann. Und seine Antwort war, dass er früher immer die Hosen voll hatte, wenn er bei Ihnen vorsprechen musste, dass Sie aber inzwischen viel weicher geworden sind. Haben Sie selbst auch das Gefühl, dass Sie altersmilde werden?"
Marko: "Wenn Sie das so sagen wollen! Wir sind jetzt ein etabliertes Team. Da müssen wir nicht mehr mit aller Konsequenz agieren, sondern müssen auch schauen, dass das Teamklima passt."

"Ricciardo ist irgendwann mit einem Manager dahergekommen, von dem er sich dann getrennt hat, mit einem Haufen Geld, den er ihm zahlen musste. Das habe ich ihm alles vorhergesagt. Ich habe mich mehr oder weniger geweigert, mit diesem Manager zu verhandeln, sondern habe das mit Ricciardo gemacht. Dadurch gab's manchmal eine angespannte Situation. Aber generell gibt's da ein sehr gutes Verhältnis."

Was Ricciardo über den "Doktor" denkt

Bereits vor unserem Interview mit Marko haben wir Daniel Ricciardo über seinen ehemaligen Chef befragt. "Helmut ist in den letzten Jahren ein bisschen weicher geworden", sagt er. "Vielleicht lag es daran, dass ich damals noch jünger war, aber ich muss zugeben: Wenn ich ein persönliches Gespräch mit ihm hatte, hatte ich am Anfang immer ziemlich die Hosen voll! Ich habe aber das Gefühl, dass er heutzutage netter ist als damals."

Der Australier hat sein schelmisches Grinsen im Gesicht, wenn er über den "Doktor", wie Marko auch vom Autor dieser Zeilen respektvoll genannt wird (er ist gelernter Jurist), spricht. Und wenn er Sergio Perez im Umgang mit Marko rät: "Gib ihm manchmal einen festen Drücker und schau, wie er darauf reagiert!"

Daniel Ricciardo, Helmut Marko

Sind immer noch befreundet: Daniel Ricciardo und Helmut Marko Zoom

Frage: "Wir kommen langsam zum Ende. Was liegt Ihnen noch auf dem Herzen zu sagen?"
Marko: "Es ist ganz toll, was die Formel 1 in diesem Jahr geschafft hat. 17 Rennen in wie vielen Monaten?"

Frage: "Ich sage immer: Ein Jahr Arbeit komprimiert in ein halbes Jahr ..."
Marko: "Mit unglaublicher Disziplin und Organisation diese Meisterschaft über die Runden zu bringen, war nicht einfach und wurde von vielen angezweifelt."

"Außerdem möchte ich sagen: Den Menschen, die in Istanbul asphaltiert haben, sollte man einen Orden verleihen! Ich verstehe nicht, wie der beste Fahrer der Welt sagen kann, das war unfahrbar. Das waren Bilder, die waren sensationell. Und es war für alle gleich. Auf dem rutschigen Asphalt rutscht halt ein Williams nicht um so viel mehr als ein Mercedes, weil die Haftung einfach nicht da ist. Für mich war das ein super Spannungsmoment."

"Oder Strecken wie Mugello oder Portimao. Das war mehr dem Rennsport entsprechend, wie es der Fan oder auch ich als adäquat empfinden."

Wie Red Bull das Rennen in Istanbul verloren hat

Frage: "Gut, Istanbul war sensationell unterhaltsam. Andererseits ist es auch nicht so richtig Formel 1, wenn die besten Fahrer der Welt mit gefühlt 30 km/h durch die letzte Kurve schleichen ..."
Marko: "Erstens bekommen die Fahrer genug bezahlt, dass sie das aushalten müssen, und zweitens war's für alle gleich."

"Die großen Verlierer in Istanbul waren wir. Wir haben jede Session dominiert, Q1, Q2. Und dann kommt ein Team, das den Luftdruck optimiert hat, und bang fahren die auf Pole-Position. Für Verstappen war es das einzige Rennen in diesem Jahr, in dem er ungeduldig wurde."


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"Dazu kommt, dass wir normalerweise die Weltmeister der Boxenstopps sind. Aber bei dem entscheidenden Boxenstopp hat's nicht funktioniert, weil drei Mechaniker coronabedingt nicht da waren, und ein Ersatzmann hat in einer Millisekunde nicht das Richtige gemacht. Anstatt 1,8 hat der Boxenstopp dann 3,7 Sekunden gedauert, soweit ich mich erinnere. Dadurch kam er hinter Perez raus."

"Aber das hatte nichts mit der Strecke und dem Grip zu tun, sondern mit Fehlern auf unserer Seite und von Verstappen. Der Fehler, der dann bei der Justierung des Frontflügels passiert ist, war meiner Meinung nach nicht ausschlaggebend. Wenn Max vor Perez rausgekommen wäre, hätte er das Rennen auch mit einem halben Frontflügel gewonnen."

Frage: "Auch wir als Medienunternehmen sind Red Bull zu Dank verpflichtet, dass die Saison am Red-Bull-Ring beginnen konnte. Das war der erste Dominostein, der die Saison in Gang gesetzt hat. Wie wichtig war der Saisonauftakt für das Formel-1-Jahr 2020?"
Marko: "Ich glaube, wir waren die Blaupause für alles, was danach gekommen ist. Wir haben Liberty ein Paket angeboten, das mit hoher Wahrscheinlichkeit coronatechnisch funktioniert."

"Das Projekt Spielberg hat das organisiert, aber es sind auch die Erfahrungen von Red Bull Leipzig eingeflossen. Es war ein Zusammenspiel der Veranstaltungspotenz und des Erfahrungsschatzes von Red Bull und einer tollen Rennstrecke, die durch die Gegebenheiten sehr leicht und übersichtlich abzuriegeln war."

Zum Thema:
Teil 1: Red-Bull-Motor, Volkswagen, Albon
Teil 2: Warum Perez und nicht Hülkenberg
Teil 3: Vettel, Russell und der Red-Bull-Ring

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