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Geiz ist Geil: Wie die Formel 1 in ein PR-Debakel geschlittert ist

Kolumne der Chefredaktion: Wie sich Lewis Hamilton zur moralischen Speerspitze der Formel 1 aufschwingt & das Coronavirus einen zynischen Millionendeal zudeckt

Twitter-Screenshot Formel 1

"Press conference fun": Die Formel 1 denkt nicht dran, Melbourne abzusagen Zoom

Liebe Leser,

es ist kein Geheimnis, dass ich kein Deutscher bin, sondern ein Österreicher, der sozusagen ein deutsches Team anführt. Der Witz, dass das in der Geschichte auch schon mal kräftig schiefgegangen ist, ist ein Running Gag in unserer Redaktion.

Ein Running Gag, den jeder Österreicher kennt, ist auch, sich im Urlaubs-Smalltalk ständig erklären zu müssen: Nein, wir sind nicht die mit den Kängurus, sondern die mit "Sound of Music". Austria, nicht Australia.

Und auch sonst haben Austria und Australia gerade nicht wahnsinnig viel gemeinsam.

So viel zur Blödelei. Zeit ernst zu werden.

Am Dienstag hat unser Bundeskanzler Sebastian Kurz die österreichische Bevölkerung zwar sehr gefasst, aber doch eindringlich darum gebeten, man möge doch bitte in den nächsten Wochen seinen Lebensstil ein wenig umstellen.

Wie wir die Coronavirus-Pandemie subjektiv empfinden

Die Ausbreitung des Coronavirus zu verhindern, sei sowieso eine Illusion. Aber wenn die Gesellschaft jetzt ein paar Wochen lang ein paar Grundregeln einhält, dann lässt sich ein Kollaps des Gesundheitssystems, wie er in Norditalien bereits Realität ist, vielleicht verhindern.

Kanzler Kurz sei an dieser Stelle nur exemplarisch genannt. Viele Staaten in Europa und auf der ganzen Welt verordnen gerade ganz ähnliche Dekrete. Großveranstaltungen werden abgesagt, das öffentliche Leben auf ein Minimum reduziert. Man möchte die Gesellschaft nicht lahmlegen. Sie aber trotzdem (vor sich selbst) schützen.

Ich finde das (und das ist kein motorsportliches Thema) recht nachvollziehbar. Ich selbst bin 38. Mir wird das Coronavirus, so hat es mir unser Gesundheitsminister Rudi Anschober erklärt, nicht groß was tun. Leuten wie meiner Oma (85 Jahre alt) oder meiner Mama (ehemalige Krebspatientin) aber vielleicht schon.


Formel 1 in Melbourne: Protest am Himmel

Schwierig wird's in der öffentlichen Wahrnehmung an dem Punkt, an dem man die Menschen einerseits bittet, nicht mehr zu reisen und zu Hause zu bleiben, aber andererseits hunderttausende Menschen auf engsten Raum in den Albert Park strömen lässt (wo bereits zumindest ein Fall nachgewiesen wurde), um ein Autorennen zu schauen.

Jetzt sind Formel-1-Fahrer nicht dafür bekannt, wahnsinnig "outspoken" zu sein, wenn es um gesellschaftliche Themen abseits des Sports geht. Als vor ein paar Jahren der Arabische Frühling das Weltgeschehen bestimmte, hatte (mit Ausnahme von Mark Webber, soweit ich mich erinnere) keiner die Eier, eine politisch streitbare Meinung kundzutun.

Insofern ist es eine Wohltat, dass sich Lewis Hamilton heute bei der FIA-Pressekonferenz im Albert Park klar positioniert hat!

Die Formel 1 sei geldgierig, teilte er da mit ("Cash is King"), denn anders sei nicht zu erklären, warum die Verantwortlichen den Grand Prix von Australien nicht längst abgesagt haben. Und wenn er an Jackie Stewart vorbeigeht, werde ihm bewusst, dass die jüngeren Menschen gegenüber den älteren eine Verantwortung tragen.

Chapeau, Lewis!

"Questions from the Floor": Der beste Teil wird nicht gezeigt

Chase Carey muss beim Gedanken an den Börsenkurs der Formel-1-Aktie einen Kreislaufkollaps bekommen haben, als er Hamiltons Zitate gelesen hat.

Gesehen haben das mutige Statement ja nicht viele.

Der TV-Sender Sky überträgt die FIA-Pressekonferenzen zwar seit Jahren live. Heute ist Sky aber nach den "offiziellen" Fragen von Moderator Tom Clarkson aus der Übertragung ausgestiegen. "Temporarily unavailable" stand auf dem eingefrorenen Bildschirm, ehe irgendwelche Wiederholungen aus den 1980er-Jahren eingespielt wurden.


Fotostrecke: Coronavirus: So sieht man die Angst vor COVID-19 im F1-Paddock

Blöd nur, dass Clarkson bis dahin lieber über Lewis Hamiltons Parkbesuche und Daniel Ricciardos Heimvorteil geredet hat als über das Coronavirus. Als die Journalisten das Thema in ihren "Questions from the Floor" ansprechen durften, war das Fernsehen nicht mehr live dabei.

Nun kann das ein Zufall sein. Es sei von Anfang an geplant gewesen, die "Questions from the Floor" dieses Jahr nicht mehr live zu übertragen, hören wir. Möglich. Anscheinend hat das der Regisseur aber entweder nicht gewusst - oder er hat drauf vergessen. Anders ist die Störungseinblendung nicht zu erklären.

Wie dem auch sei: Das böse Wort "Coronavirus" meidet die offizielle Formel-1-Kommunikation wie der Teufel das Weihwasser.

Schwamm drüber.

Coronavirus: Das böse Wort der Formel 1

Die Formel 1 bekleckert sich aber leider auch sonst in ihrer Krisenkommunikation nicht gerade mit Ruhm. Auf dem offiziellen Twitter-Account postete das Social-Team am Donnerstag Fotos von lachenden Fahrern und Victory-Zeichen, untermalt mit dem Text "Press conference fun".

Und Fahrer wie Esteban Ocon beteuern auf der einen Seite, volles Vertrauen in die Entscheidungsträger und den Umgang mit der Coronavirus-Pandemie zu haben. Auf der anderen Seite laufen sie dann mit Schutzmasken durch den Paddock.

Wer sich ein Ticket für Melbourne gekauft hat und darüber informieren möchte, wie er zum Rennen gehen und sich trotzdem schützen kann, der muss auf der Website des Veranstalters AGPC (Australian Grand Prix Corporation) schon ein bisschen suchen, bis er eine gut versteckte und nicht wahnsinnig umfassende Seite mit rudimentären Sicherheitshinweisen findet.

Das Schauspiel, das die Formel 1 am Donnerstag geboten hat, kann man insofern nur als moralische Bankrotterklärung bezeichnen.

Ob man den Grand Prix wirklich absagen muss oder nicht, das sei dahingestellt. Ich bin weder Politiker noch Virologe und daher sicher nicht dazu in der Lage, Entscheidungen von dieser Tragweite zu bewerten oder kommentieren.

Flammendes Plädöyer von italienischem Ex-Premier

Aber vielleicht wäre es in diesen Tagen ganz schlau, wenn die Welt ein kleines bisschen auf die hören würde, die schon mittendrin sind in der Krise, und von deren Erfahrungen man womöglich lernen könnte.

Italiens ehemaliger Regierungschef Matteo Renzi ist so jemand - und der fleht die Weltgemeinschaft gerade an, nicht die gleichen Fehler zu machen, wie sie sein Heimatland vor ein paar Wochen gemacht hat.

Vielleicht liegen die Formel-1-Verantwortlichen auch ganz richtig damit, auf die Warnungen zu pfeifen und sich mit ein paar kosmetischen Maßnahmen abzuputzen. Vielleicht werden wir in ein paar Wochen sagen, dass die Vorsichtsmaßnahmen übertrieben waren und man besser auf die wirtschaftlichen Interessen geschaut hätte.

Denn weltweit wird gerade sehr, sehr viel Geld vernichtet. Nur in der Formel 1 nicht.

Aber sich nach außen so sorglos zu präsentieren, wie das die Herren Formel-1-Chefs in Wahrheit womöglich gar nicht sind (schließlich sind das auch keine bösen Menschen!), während andere Sportarten reihenweise ihre Events absagen oder verschieben, das gibt aktuell kein besonders gutes Bild ab.

Lewis Hamilton macht sich Sorgen um Jackie Stewart, und ich mache mir Sorgen um meine Mama und meine Oma.

Sebastian Vettel hat am Donnerstag gesagt, dass man ab einem gewissen Punkt vielleicht "die Handbremse ziehen" muss.

Es ist schon erfrischend, wenn die Herren Formel-1-Stars wieder lernen, in gesellschaftlichen Fragen klare Kante zu zeigen! Vielleicht wäre es zu viel verlangt, sie dann auch gleich zu entsprechendem Handeln aufzufordern.

Eins ist klar: Wenn Lewis Hamilton, Sebastian Vettel und Co. einfach nach Hause fliegen, wird's im Albert Park keinen Massenauflauf geben. Schließlich können die Chefs der Formel 1 ihren Millionenzirkus nicht auftreten lassen, wenn sie keine Artisten mehr haben.

Praktisch: Niemand redet über Saudi Aramco!

PS: Übrigens ganz praktisch, dass gerade alles nur über das Coronavirus spricht. So stellt keiner unangenehme Fragen über den neuen Großsponsor der Formel 1, den Mineralölkonzern Saudi Aramco. Das ist nämlich weltweit das Einzelunternehmen mit dem größten CO2-Ausstoß - eine Message, die so gar nicht zum grünen Anstrich passt, den sich die Grand-Prix-Millionäre selbst verpassen. Und ich frage mich: Verschiebt man in Riad freitags dann eigentlich die öffentlichen Enthauptungen für Straftäter, wenn die Formel 1 gerade ihr Training fährt?


Wer oder was ist Saudi Aramco?

Zugegeben, das ist Polemik und Zynismus meinerseits. Aber wenn's hilft, den einen oder anderen wieder mit einer Tugend namens Moral bekannt zu machen, dann soll es so sein.

PPS: Mal ganz abgesehen vom Coronavirus-Debakel war die Donnerstags-Pressekonferenz auch sonst kein Ruhmesblatt für die Formel 1. Die Idee, das angestaubte alte Format der FIA-Talkshow zu reformieren, ist per se nicht verwerflich. Aber dass Hamilton, Vettel & Co. jetzt locker auf einer Ledercouch sitzen, macht allein noch kein großes Fernsehen.

Vielleicht hätte man bei den sündteuren Marketingstudien auch mal untersuchen können, ob es neben der Ledercouch vielleicht auch einen Versuch wert wäre, beim ersten Rennen halbwegs interessante Fragen zu stellen. Wobei es Millionen von Fans vor dem ersten Rennen der neuen Saison sicher auch elektrisierend spannend finden, wie Hamiltons Besuch im Wildpark in Sydney eigentlich war. Oder?

Ihr

Christian Nimmervoll

PS: Folgen Sie mir oder meinen Kollegen auf Twitter unter @MST_ChristianN!

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