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Gary Anderson: Die Lehren aus Suzuka

Technikexperte Gary Anderson beschäftigt sich eingehend mit den Vorfällen in Suzuka und sucht nach Lösungsvorschlägen für die Sicherheitsdebatte

(Motorsport-Total.com) - In allen Aspekten des Lebens scheint der Mensch voranzugehen, ohne einen Blick zurück zu werfen. Doch wenn etwas schrecklich schiefgeht, dann müssen wir reflektieren und verstehen, ob man nicht hätte irgendetwas anders machen können, um die Geschehnisse zu verhindern und eine Wiederholung davon zu vermeiden. Was mit Jules Bianchi in Suzuka passiert ist, ist ein Musterbeispiel dafür, wann es Zeit ist, genau das zu tun.

Jules Bianchi

Jules Bianchi und das Regenrennen von Suzuka sorgen für intensive Diskussionen Zoom

Ja, Motorsport ist gefährlich. Risiken werden immer in einem gewissen Maß vorhanden sein. Doch es dreht sich um die Frage, wie man mit diesem Risiko umgeht. In dieser Hinsicht glaube ich, dass die FIA unter diesen schwierigen Umständen in Suzuka einen guten Job gemacht hat. Trotzdem gibt es immer Lektionen zu lernen und Dinge zu verbessern. Die FIA muss alle Geschehnisse analysieren und eine Liste mit nötigen Veränderungen erstellen - und sie dann anwenden.

Man kann natürlich argumentieren, dass man hinterher immer schlauer ist. Ich kann aber versichern, dass es kein Schnellschuss ist. Es kommt aus dem Herzen von jemandem, der mit jedem Geschädigten leidet, wenn Unfälle wie dieser passieren. Ich war da und habe den Schmerz gespürt. Das ist kein schöner Ort. Aber dieser Prozess muss wissenschaftlich angegangen werden, von daher werde ich jeden einzelnen Vorfall gesondert beleuchten.

1. Hätte das Rennen aufgrund der widrigen Verhältnisse am Sonntag bereits am Samstag ausgetragen werden sollen - oder zumindest Sonntag zu einer früheren Startzeit?
Meine Antwort darauf ist nein. Viele planen ihr Leben um einen Event wie diesen herum, und die TV-Slots sind bezogen, von daher kann man es nicht einfach nach Lust und Laune ändern. Als der Kalender für 2014 festgelegt wurde, hätte man aber eines machen sollen: das Rennen früher starten lassen!

Sepang

Dunkel ist's: Die Formel 1 scheint nichts aus Rennen wie Malaysia 2009 zu lernen Zoom

Die Gründe dafür sind einfach: Wir haben in Suzuka und Fuji schon häufiger solche Bedingungen erlebt, aber wir scheinen nie daraus zu lernen. Ein Rennen dauert maximal zwei Stunden, und wenn es aus irgendeinem Grund eine Unterbrechung geben sollte, dann ist die Maximaldauer des Events vier Stunden. In Suzuka wird es zu dieser Jahreszeit um 17:00 Uhr rum langsam dunkel. Wenn man das bedenkt, dann hätte das Rennen also spätestens 13:00 Uhr starten sollen anstatt um 15:00 Uhr.

Es ergibt überhaupt keinen Sinn auf einer Strecke zu fahren, auf der es innerhalb des Vier-Stunden-Fensters dunkel wird. In Malaysia ist es das Gleiche in Grün, wie wir mit dem verkürzten Rennen 2009 gesehen haben. Hätte das die Probleme gelöst, die eines der traurigsten Wochenenden in der Formel 1 seit dem Tod von Ayrton Senna und Roland Ratzenberg in Imola verursacht haben? Vermutlich nicht. Aber es hätte sicherlich nicht geschadet, wenn alles ein bisschen früher am Tag bei besserem Licht passiert wäre.

2. Hätte das Rennen zur vorgesehenen Startzeit hinter dem Safety-Car gestartet werden sollen?
Ja, ich denke, das war richtig. Es war nicht mehr genügend Zeit übrig, um den Start zu verschieben, weil man sonst riskiert hätte, in die Dunkelheit zu geraten. Aber vielleicht wurde diese Entscheidung aus den falschen Gründen getroffen.


Fotostrecke: GP Japan, Highlights 2014

Es hat die Vier-Stunden-Uhr zum Ticken gebracht. Wenn das Wetter schlimmer geworden wäre, dann hätte man das Rennen nicht auf Montag verschieben können. Stellt euch nur mal die Konsequenzen vor, wenn am nächsten Wochenende ein Rennen in Russland stattfindet.

3. Hätte das Rennen nach zwei Runden hinter dem Safety-Car unterbrochen werden müssen?
Das denke ich nicht. Der beste Weg, um Wasser von der Strecke zu bekommen, sind Autos, die auf dieser Strecke fahren. Ja, klar gab es hier und da ein paar Pfützen, aber zwei oder drei weitere Runden hinter dem Safety-Car hätte sie verschwinden lassen.

Nico Rosberg, Lewis Hamilton

Das Safety-Car war in Suzuka zu Beginn ständiger Begleiter der Fahrer Zoom

4. Als das Rennen wieder aufgenommen wurde: Hätte das Safety-Car so lange draußenbleiben müssen?
Nein, das Safety-Car hätte bereits drei oder vier Runden früher reinkommen müssen. Lewis Hamilton, Daniel Ricciardo und Jean-Eric Vergne haben über Funk gesagt, dass die Strecke gut genug zur Freigabe sei, aber die FIA hat nicht auf sie gehört.

Diese Fahrer waren alle in unterschiedlichen Positionen - und somit Gischt-Leveln - unterwegs, hatten alle ein anderes Chassis und hatten für das Rennen unterschiedliche Ziele. Und dennoch kamen sie alle zu dem gleichen Schluss. Trotzdem mussten wir uns diese unnötigen Extrarunden hinter dem Safety-Car anschauen.

5. Und nun zum Hauptpunkt: dem schrecklichen und unnötigen Unfall von Jules Bianchi...
Ich bin schon eine ganze Weile im Motorsport beschäftigt - mein erstes Formel-1-Rennen war der Spanien-Grand-Prix 1973 im Montjuich Park. Seit damals habe ich viele Änderungen gesehen. In den 70er Jahren war es nicht unüblich, dass ein, zwei oder drei Fahrer während der Saison ihr Leben ließen. Glücklicherweise sind wir von diesen Zeiten abgekommen.

Seit 1994, als wir Ratzenberger und Senna in Imola verloren haben, wurden die Fahrzeuge so sehr verbessert, dass einige Fahrer schon denken, dass sie fast unverwundbar seien - so leid es mir tut, das zu sagen. Im gleichen Jahr - wieder in Suzuka - hatte Martin Brundle in der gleichen Kurve wie Bianchi einen Unfall bei sehr nassen Bedingungen.

Um Zentimeter schrammte er an ähnlichen Konsequenzen vorbei. Stattdessen traf er einen Streckenposten an der Seite der Strecke, der sich um einen vorherigen Unfall kümmerte. Glücklicherweise kam der Streckenposten "nur" mit einem gebrochenen Bein davon, obwohl es viel schlimmer hätte ausgehen können.

Jules Bianchi

Die Bergungsfahrzeuge stehen seit Sonntag im Zentrum der Kritik Zoom

Über die Jahre gab es enorme Verbesserungen bei den Sicherheitsbarrieren und den Auslaufzonen, doch es gibt eine Sache, die sich nicht geändert hat: Noch immer haben wir diese baggerähnlichen Fahrzeuge, die ohne einen Schutz, der ein Darunterrutschen verhindert, in der Auslaufzone rumrollen. Eine Stahlschürze, die an Ketten vom Überrollkäfig herunterhängt, sollte möglich sein. Doch da wir an vielen verschiedenen Orten mit verschiedenem Equipment fahren, könnte das logistisch schwierig sein.

Aber es sind nicht nur die Bagger, die ein potenzielles Problem erschaffen. Man muss nur auf den Deutschland-Grand-Prix schauen, als sich Adrian Sutil ausgangs der letzten Kurve drehte. Einige Streckenposten waren auf der Strecke und haben versucht, das Auto zu bewegen. Man sollte sich einmal vorstellen, was passiert wäre, wenn sich noch ein anderer Fahrer gedreht hätte. Wie viele Streckenposten wären wohl potenziell getroffen worden?

Rennen könnten ohne die Hingabe der freiwilligen Streckenposten nicht durchgeführt werden, also müssen sie geschützt werden - manchmal auch vor sich selbst, denn man wird sehr leicht übereifrig, wenn vor einem ein Zwischenfall passiert. Wenn die gelbe Flagge geschwenkt wird, dann vertrauen wir darauf, dass die Fahrer vom Gas geben. Wenn doppelt Gelb geschwenkt wird, dann sollten sie noch langsamer werden. Doch was für den einen Fahrer vom Gas gehen bedeutet, muss es für den anderen nicht zwangsläufig.


Fotostrecke: Das Wochenende des Jules Bianchi

Ich stimme zu, dass es sehr schwierig ist, ein verunfalltes Auto von der Strecke zu bekommen, ohne einen Bagger zu benutzen oder Streckenposten zu haben, die es wegschaffen. Einen Kran an jeder Kurve aufzustellen, wäre schwierig, aber ich glaube, dass es eine viel einfachere Antwort gibt: Die Autos haben einen elektronischen Geschwindigkeitsbegrenzer. Sie sind sehr effektiv und werden für die Geschwindigkeit in der Boxengasse verwendet. Wir haben Rennen mit 60 oder mehr Boxenstopps gesehen, ohne dass jemand zu schnell gefahren ist. Es ist mit Sicherheit möglich, das System für die Nutzung auf der Strecke anzupassen...

Eine gelbe Flagge bedeutet Verlangsamen. Wenn ein Fahrer die Gelbzone erreicht, drückt er den Geschwindigkeitsknopf am Lenkrad, der die Höchstgeschwindigkeit - die am Anfang vermutlich bei 100 km/h liegen wird - mittels Elektronik kontrolliert. Wenn er die grüne Flagge sieht, dann kann er ihn ausschalten und wieder zum Rennspeed übergehen. Auf diese Weise drosseln alle die Geschwindigkeit auf das gleiche Niveau, und so bekommt niemand einen Vorteil, wenn er ein klein wenig schneller fährt.

Gelbe Flagge

Werden die Regeln für das Einhalten der Flaggen in Zukunft verschärft? Zoom

Es wäre zudem augenblicklich und könnte für Gelbsektoren, wo der Unfall passiert ist, oder auch - wenn nötig - für die komplette Strecke genutzt werden. Das würde dem Safety-Car-Fahrer die Möglichkeit geben, am Ende der Boxengasse zu warten und sofort den Führenden abzugreifen, womit man in letzter Zeit immer ein wenig Probleme zu haben schien. In Suzuka setzte man sich vor Jenson Button und ließ ihn nach einer halben Runde ziehen, damit er mit hoher Geschwindigkeit ans Ende des Zuges aufschließen kann.

Das von mir beschriebene System existiert bereits, darum könnte man es sofort einsetzen. Bitte, wir haben 2014 - nutzt die Technologie, die uns bereits zur Verfügung steht. Reagiert auf die Geschehnisse vor uns und reduziert das Risiko für Fahrer und Streckenposten auf der Stelle. Meine Gedanken und die Gedanken von vielen Millionen Formel-1-Enthusiasten sind bei dir, Jules.

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