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Formel-1-Zukunft: Entscheidungsprozess "funktioniert nicht"

Gerhard Berger weist darauf hin, dass der Entscheidungsprozess in der Formel 1 seit Jahren nicht funktioniert - Chase Carey will Kosten senken und Show verbessern

(Motorsport-Total.com) - Die neuen Formel-1-Chefs von Liberty Media rund um Chase Carey wollen in Zukunft für mehr Action und mehr Show sorgen. Ein wesentliches Element, um im Sport generell für einen ausgeglichenen Wettbewerb zu sorgen, sind die Kosten. Die Verteilung der Bonuszahlungen sorgt in der Formel 1 von vornherein für unterschiedliche Voraussetzungen und sorgt dafür, dass die großen Teams immer mehr Geld zur Verfügung haben, während die kleinen Rennställe am Hungertuch nagen und ums Überleben kämpfen. Unter diesen Rahmenbedingungen ist ein ausgeglichener Wettbewerb praktisch ausgeschlossen.

Gerhard Berger

Für Gerhard Berger muss beim Reglement die richtige Balance gefunden werden Zoom

Wie Liberty Media in Zukunft die Kostenstruktur anlegen will, lässt Carey offen. Das Grundproblem wurde aber erkannt. "Die Kosten sind etwas, das wir angehen müssen", betont der US-Amerikaner bei 'ServusTV'. "Was einige Teams heutzutage ausgeben, kann man kaum rechtfertigen. Es geht weniger darum, wie viel Geld man ausgibt, sondern vielmehr um die Frage, wie man es ausgibt. Für tollen Sport braucht es ein Gleichgewicht in diesem Punkt."

Ein Beispiel aus dem US-Sport ist die NFL, wo die Salary-Cap und das Draft-System theoretisch für Ausgeglichenheit sorgen und schwachen Teams helfen sollen. In der Formel 1 hat sich seit dem Motorenreglement 2014 eine extreme Zweiklassengesellschaft gebildet. Selbst ein potentes Privatteam wie Red Bull hat kaum eine Chance, wenn man nicht den richtigen Antrieb im Heck hat. In dieser Woche traf sich die FIA mit zahlreichen Automobilherstellern, um über das neue Antriebsreglement ab 2021 zu sprechen.


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Prinzipiell soll es bei der Technologie keinen Rückschritt geben, aber das Layout des Antriebs soll verändert werden. Statt dem ERS-H soll es einen Biturbo geben. "Die Technik des aktuellen Verbrennermotors beherrschen viele Firmen sehr gut", sagt DTM-Chef Gerhard Berger bei 'ServusTV'. "Wenn es aber um die gesamte Komplexität inklusive Hybridsystemen geht, dann sind weltweit nur noch wenige Unternehmen in der Lage, es wirklich auf die Spitze zu treiben."

Antriebe: Teams sind den Herstellern ausgeliefert

Und in diesem Punkt explodieren die Kosten. Mercedes hat schon früh die Weichen für das aktuelle Antriebsreglement gestellt. Renault hatte zu Beginn die Investitionen unterschätzt. Honda startete viel später mit der Entwicklung und bekommt es immer noch nicht auf die Reihe. "Wenn man als Team auf einen Antriebshersteller angewiesen ist, der nicht bereit ist, diese Investitionen zu tätigen oder die Ressourcen vielleicht gar nicht hat, dann ist man der Sache ausgeliefert", meint Berger.

Chase Carey

Chase Carey und sein Team stehen vor großen Herausforderungen Zoom

Und das führte zu der aktuellen Situation in der Formel 1, in der Mercedes dominierte und Ferrari mit der Zeit den Anschluss geschafft hat. "Wenn dadurch am Ende nur ein oder zwei Teams immer gewinnen, dann reicht dem Fan das nicht aus. Das muss verändert werden", bringt es der zehnfache Grand-Prix-Sieger auf den Punkt. Carey stimmt Berger zu: "Die Motoren sollten weniger kompliziert und lauter werden. Gleichzeitig müssen wir die Kosten im Zaum halten. Ich will, dass alle Teams ein gutes Business machen können. Das ist gut für den Sport."

"Die Diskussion wird teilweise nicht richtig geführt", meint Berger weiter. "Es geht doch gar nicht darum, die Technik zurückzuschrauben auf die alte Zeit. Man muss eine passende Balance aus den verschiedenen Segmenten finden. Es darf nicht passieren, dass es eine Motorenformel wird. Es darf auch nicht eine Aerodynamikformel werden. Es hat auch Jahre gegeben, in denen der Reifen dominierend war. Da muss man die Balance finden, sodass der Fahrer letztlich der entscheidende Faktor ist. Das wollen die Fans, die unsere Kunden sind. Wenn man das gut hinbekommt, dann läuft es."

"Ganz ehrlich: Es interessierten keinen Menschen, was 2021 ist." Gerhard Berger

Berger kennt die Formel 1 aus einer Zeit als Fahrer und als BMW-Motorsportchef extrem gut. Auch heute hält er engen Kontakt mit der Königsklasse und ist bestens vernetzt. Deswegen weiß der Österreicher auch bestens, was für ein "Haifischbecken" die Formel 1 ist und politisch gesehen jeder auf seinen eigenen Vorteil aus ist. Carey ist neu im Geschäft und hat sich mit Ross Brawn einen Kenner der Szene ins Boot geholt. Nun muss die neue Managementgruppe die Weichen für die Zukunft stellen.

"Es sind viele Punkte ganz richtig erkannt und diskutiert worden, nur eines noch nicht, das ich für entscheidend halte", weist Berger auf die Weichenstellung hin. "Die Formel 1 hat seit Jahren einen Entscheidungsprozess, der einfach nicht funktioniert. Die jetzigen Themen lagen alle schon mehrfach auf dem Tisch, aber es gab keine Einigungen. Ferrari sagt links, der andere sagt rechts. Der Prozess ist aber so gestaltet, dass sich am Ende alle einig sein müssen. Das gibt es aber im Leben gar nicht. Es braucht jemanden, der sagt, wie und in welcher Form etwas umgesetzt wird. Wir diskutieren jetzt über die Motoren, in welcher Form die 2021 sein werden. Ganz ehrlich: Es interessierten keinen Menschen, was 2021 ist. Dieser Prozess lähmt alles seit Jahren."