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  • 30.09.2021 · 09:29

  • von Stefan Ehlen, Co-Autor: Adam Cooper

Formel-1-Teamchef: Norris hätte bestraft werden müssen!

Weshalb Alfa-Romeo-Teamchef Frederic Vasseur eine Strafe für McLaren-Fahrer Lando Norris einfordert und was er den Formel-1-Sportkommissaren vorwirft

(Motorsport-Total.com) - Runde 51 im Russland-Grand-Prix 2021 in Sotschi: Lando Norris bewegt seinen McLaren MCL35M auf Slicks zurück in die Boxengasse, weil Intermediates jetzt die bessere Wahl sind. Doch bei der Einfahrt rutscht Norris auf nasser Fahrbahn über die weiße Linie hinaus und kreuzt sie ein zweites Mal, um zurück in die Boxengasse zu gelangen. Darauf steht eine Strafe. Eigentlich. Doch Norris wird nur verwarnt.

Lando Norris im McLaren MCL35M in Sotschi nach dem Überfahren der Linie an der Boxeneinfahrt, was zu einer Verwarnung führte

Lando Norris nach dem Überfahren der Linie an der Boxeneinfahrt im Rennen Zoom

Alfa-Romeo-Teamchef Frederic Vasseur ist damit nicht einverstanden. Er pocht auf das aktuelle Formel-1-Reglement und meint: "Jeder hält Lando für einen netten Kerl, niemand im Fahrerlager sagt etwas Schlechtes über ihn. Aber wir können nicht einfach die Regeln ändern, nur weil er ein netter Bursche ist und den Sieg verdient gehabt hätte."

Und im Fall des Überfahrens der weißen Linie am Boxeneingang seien die Regeln "glasklar" formuliert, meint Vasseur. "Wenn du über die Linie fährst, musst du eine Strafe kriegen. So war es in x Fällen, bei Tsunoda in Spielberg oder bei Räikkönen vergangenes Jahr in Mugello."

Tsunoda war in Spielberg sogar gleich zweimal für das Überfahren der weißen Linie belangt worden, "obwohl da kein Sicherheitsproblem damit verbunden war und er auch keine Zeit gewonnen hatte", sagt Vasseur. "Bestraft wurde er trotzdem. Darüber hat sich niemand beschwert, weil die Regeln klar sind."

Was Vasseur den Sportkommissaren vorwirft

Sein Vorwurf an die Sportkommissare lautet daher, die Situation um Norris in Sotschi falsch eingeschätzt zu haben, wenn man die genannten Präzedenzfälle bedenkt.


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"Lando", so meint Vasseur, "hat einen immensen Vorteil erhalten. Denn in dieser Situation nimmst du entweder fünf Sekunden [Strafe] in Kauf oder du fährst eine weitere Runde auf Slicks und verlierst damit vielleicht 25 Sekunden. Wahrscheinlich also wären fünf Sekunden nicht mal ausreichend als Strafe."

Wie die Sportkommissare den Zwischenfall erklären

Doch statt Norris für einen klaren Regelverstoß zu belangen, versuche die Formel 1 jetzt, "Erklärungen für den Zwischenfall zu finden", sagt Vasseur.

Eben diese Erklärungen sahen in der offiziellen Urteilsbegründung der Sportkommissare so aus: "Wir glauben, das Überfahren der bemalten Fläche war in Anbetracht der Umstände weder absichtlich noch vorhersehbar."

Vasseur sieht das anders und meint: Eine solche Einschätzung lasse die Formel 1 "dumm aussehen". Weiter sagt er: "Bei dieser Regel ging es nie darum, wie groß der Vorteil ist oder wie die Umstände aussehen. Eine Regel, ist eine Regel. Selbst Lando sagte nach dem Rennen, er gehe von einer Strafe aus."

"Ich frage mich da: Wollen wir wirklich jedes Mal, wenn jemand über die Linie fährt, eine solche Diskussion anstoßen? Denn wir werden gute Gründe [für den Regelverstoß] finden. Das führt dann zu einer endlosen Diskussion."

Fragwürdige Entscheidungen der Sportkomissare

Vor allem aber, so erklärt der Formel-1-Teamchef weiter, müssten sich die Sportkommissare den Vorwurf gefallen lassen, nicht konstant zu sein bei ihren Entscheidungen. Dass Masepin in Monza für das Aufhalten von Giovinazzi im Qualifying nicht belangt worden sei, weil Haas seinen Fahrer nicht informiert hatte, sei zum Beispiel "ein Witz", sagt Vasseur.


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"Da entsteht eine ganz neue Diskussion. Dabei sollten wir uns einfach an die Regeln halten, fertig. Denn wir können es uns nicht leisten, durch solche Entscheidungen am Montag nach dem Rennen dumm auszusehen."

Und die Formel 1 habe in den zurückliegenden "fünf, sechs Veranstaltungen" genug solcher Kontroversen geliefert, meint Vasseur. Explizit spricht er das Rennen in Spa an, von dem er noch immer nicht wisse, ob es überhaupt begonnen habe. "Es gab keine grünen Flaggen, keinen Startablauf, aber Punkte."

Sein Fazit: "Irgendwann wird es halt viel. Das ist nicht gut für den Sport, vor allem aber stehen wir blöd da. Denn solange es eine Regel gibt, sollten wir uns an diese Regel halten. Sonst bist du verloren."

Warum Vasseur keinen Protest einlegt

Er wolle den Fall aber nicht noch weiter auf die Spitze treiben und offiziell Einspruch gegen das Norris-Urteil einlegen, auch wenn Alfa Romeo im Fall einer nachträglichen Zeitstrafe profitieren würde. Vasseur: "Ich bin kein Fan von einer Berufung, sondern ein Verfechter davon, dass das Klassement am Sonntag feststehen sollte. Das wäre besser für alle."

Seinen Ärger wolle er andererseits aber auch nicht einfach schlucken, auch wenn er sich durch seine Kritik an den Sportkommissaren womöglich eine Strafe oder gar eine Rennsperre einfange. "Dann kann ich wenigstens zuhause sein bei meiner Familie", meint Vasseur und lacht. Ernsthaft fügt er hinzu: "Ich muss einfach reagieren."

Tatsächlich gibt es einen Präzedenzfall für das Überfahren der weißen Linie bei der Boxeneinfahrt mit einer anschließenden Verwarnung: Lewis Hamilton bog 2018 in Hockenheim zunächst normal ab, überfuhr dann aber die Linie und kehrte auf die Rennstrecke zurück.

Die Sportkommissare begründeten ihre sanfte Entscheidung damals mit: "Der Fahrer und das Team haben den Fehler frei heraus zugegeben." Es habe "Verwirrung" geherrscht im Team, ob Hamilton in die Box abbiegen oder weiterfahren solle, so heißt es. "Das hat zum Regelverstoß geführt" - und zum milden Urteil der Sportkommissare, noch dazu, weil sich der Vorfall während einer Safety-Car-Phase ereignet hatte.

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