powered by Motorsport.com
  • 23.07.2013 · 18:03

  • von Stefan Ziegler

Formel 1 in Spielberg: Die Geschichte des Österreichrings

Vom ersten Formel-1-Rennen in Zeltweg über den Strecken-Neubau in Spielberg bis hin zum letzten Grand Prix 1987: Die Geschichte des Österreichrings

(Motorsport-Total.com) - Ein schmales Asphaltband liegt zwischen den Wiesen. An manchen Stellen wird es von einer dünnen Leitplanke flankiert. Ein Farbstrich am Rand markiert das Ende der Fahrbahn. Und die umstehenden Bäume werfen ihre Schatten auf das, was einmal der Österreichring war. Jene legendäre Strecke, auf der ein Rennfahrer Mut haben musste. Weil die Geschwindigkeiten dort schlichtweg gewaltig waren.

Alan Jones gewinnt den Grand Prix von Österreich 1979

Formel 1 am alten Österreichring: Hier zu sehen ist der Sieg von Alan Jones 1979 Zoom

Doch all das war einmal, denn den Österreichring, wie er von 1969 bis 1995 bestanden hat, gibt es in dieser Form nicht mehr. An seine Stelle trat 1996 der A1-Ring, der heute unter dem Namen Red-Bull-Ring firmiert. Und genau dorthin zieht es die Formel 1 ab 2014 zurück. An diesen geschichtsträchtigen Ort, auf dem in den goldenen Jahren der Strecke bis zu 150.000 Zuschauer die Grand-Prix-Asse verfolgten.

Begonnen hat in der Steiermark alles 1958. In Zeltweg, nur wenige Kilometer von der heutigen Strecke entfernt, wurden auf einem Flugplatz-Kurs erste Rennen ausgetragen. Es dauerte nicht lange, da fuhr dort auch die Formel 1. 1963 wurde auf der als "Rumpelpiste" bezeichneten Rennbahn das erste Rennen ausgetragen, 1964 firmierte es als Österreich-Grand-Prix erstmals im WM-Kalender.

Der Österreichring wird eingeweiht

Und damit endete die Formel-1-Geschichte des 3,2 Kilometer kurzen und wenig spektakulären Flugplatz-Kurses auch schon. Eine neue Rennstrecke wurde geplant und gebaut, schließlich am 26. Juli 1969 mit einem Tourenwagen-Rennen eingeweiht. Es war die Geburtsstunde des berühmten Österreichrings, einer 5,9 Kilometer langen, ultraschnellen Bahn für Naturstrecken-Liebhaber.


Fotos: Ricciardo fährt Formel 1 in Spielberg


Das Asphaltband, das sich bei Spielberg durch die steirische Berglandschaft zog, wies wenige bis keine Schutzmaßnahmen auf, bestach aber durch eine herrlich in die österreichische Kulisse eingebettete Streckenführung. Schnelle, gefährliche Mutkurven und viele Höhenwechsel machten diesen Kurs zu einer echten Herausforderung für die Fahrer. Entsprechend rasch wuchs die Beliebtheit.

Zum ersten Formel-1-Rennen auf der neuen Strecken kamen dann auch gleich 100.000 Zuschauer. Um vor Ort live mitzuerleben, wie die Grand-Prix-Akteure mit den Gängen ihrer Getriebe jonglierten. Den ersten und den zweiten Gang brauchten die Piloten nämlich nur beim Start oder beim Losfahren in der Boxengasse. Jede andere Stelle des Österreichrings verlangte nach einem höheren Gang.

150.000 Zuschauer an der Naturstrecke

Der Rausch der Geschwindigkeit. Auf kaum einer anderen Strecke war er so präsent wie in Spielberg, wo die Piloten bei schier nicht vorhandenen Auslaufzonen oder Sturzräumen über 300 km/h erreichten und im Rennen durchschnittlich über 200 km/h erzielten. Und das war erst der Anfang, denn in der Turboära der Formel 1, als die Motoren bis zu 1.400 PS entwickelten, purzelten die Rekorde geradezu.

John Watson

Die gute alte Zeit: John Watson heizt über den altehrwürdigen Österreichring Zoom

Und nach dem Premierensieg von Ferrari-Pilot Jacky Ickx auf der neuen Strecke kamen auch immer mehr Zuschauer an den Kurs, um sich das Formel-1-Spektakel aus nächster Nähe anzusehen. Wie 1974, als ein gewisser Niki Lauda aus Österreich die Grand-Prix-Szene aufmischte und 150.000 seiner Landsleute mobilisierte. Zum Sieg reichte es aber (noch) nicht, "nur" zur Pole-Position.

1984 war es dann allerdings soweit: Lauda hatte seinen Helm schon an den Nagel gehängt, war aber wieder in die Formel 1 zurückgekehrt. Um im Jahr seines dritten Titelgewinns zum ersten und einzigen Mal am Österreichring zu triumphieren. Damals drehte Nelson Piquet im Brabham-BMW BT53 zudem eine echte Rekordrunde: Im Qualifying war er im Schnitt mit 248,236 km/h unterwegs. Sensationell!

Piquet mit Rekordrunde am Österreichring

Drei Jahre später verbesserte er seinen eigenen Bestwert noch einmal und heizte mit durchschnittlich 256,622 km/h über den Österreichring. Nur die berühmte Qualifikationsrunde von Keke Rosberg in Silverstone 1985 war zu diesem Zeitpunkt noch schneller gewesen. Nachlegen konnte Piquet auf der Naturstrecke in Österreich aber nicht mehr: 1987 markierte vorerst das Ende der Formel-1-Gastspiele.

Seine Markenzeichen, die hohen Geschwindigkeiten und die vielen Mutkurven, waren dem alten Österreichring zum Verhängnis geworden. Vor allem in der früheren Bosch-Kurve hatten sich über die Jahre zahlreiche Unfälle ereignet, manche davon mit Todesfolge. Die immer schneller werdenden Autos und eine Häufung von Zwischenfällen ließen Zweifel aufkommen, ob der Kurs noch zeitgemäß war.

Auch die Formel 1 hatte in ihren 18 Jahren auf der berühmten Rennstrecke etliche Tragödien erlebt. Wie 1975, als Mark Donahue nach einem Reifenschaden im Bereich der ersten Kurve verunfallte und wenige Tage später an den Unfallfolgen verstarb. Auch ein Streckenposten ließ bei diesem Crash sein Leben. Oder 1987, als Stefan Johansson bei der Anfahrt zur Jochen-Rindt-Kurve mit einem Reh kollidierte.

Die Sicherheitsbedenken werden zu groß

Ebenfalls 1987 wurde beim Grand-Prix-Start deutlich, dass die Zielgerade des Österreichrings nicht auf dem Standard anderer Rennstrecken war. Bei nur etwa neun Metern Breite ließ sie nicht viel Raum für Manöver - und prompt gab es, wie schon 1985, heftige Startkollisionen. Dabei hatte man den Österreichring aus Sicherheitsgründen (und nach dem Donahue-Unfall) bereits modifiziert.

Red-Bull-Ring in Spielberg

Aus der Hubschrauber-Perspektive: Der Red-Bull-Ring in seiner heutigen Form Zoom

Die schnelle erste Kurve wurde 1976 schon verändert, zum Grand Prix 1977 dann mit der Hella-Light-Schikane wesentlich entschärft. Die hohen Geschwindigkeiten aber blieben. Und als praktischen Nebeneffekt hatten die Formel-1-Piloten vor der Schikane nun eine neue Überholmöglichkeit erhalten. 1987 war trotzdem Schluss. Und aufgrund der Sicherheitsbedenken wurden neue Pläne geschmiedet.

Diese mündeten 1996 in der Einweihung des damaligen A1-Rings, dessen Kursverlauf zum Teil auf der alten Streckenführung des Österreichrings basiert. Ohne die Mutkurven von einst. Also jene Stellen, die den Österreichring einst zu einer Legende gemacht hatten. Im neuen, auf nun 4,3 Kilometer verkürzten Streckenplan von Architekt Hermann Tilke fanden diese keine Berücksichtigung mehr.

Auf Spurensuche: Der alte Österreichring

Doch es gibt ihn noch, den alten Österreichring. Wer zum Beispiel in der heutigen Castrol-Kurve, der ersten Ecke des Red-Bull-Rings, einfach geradeaus geht, der trifft auf ein Tor, das auf den alten Kurs führt. Zur Hella-Light-Schikane, über den früheren Flatschach-Linksknick, hin zur Dr.-Tiroch-Kurve und der höchsten Stelle des Österreichrings, der sich ab der heutigen Remus-Kurve wieder mit dem aktuellen Kurs deckt.

Fast zumindest. Denn die ehemalige Bosch-Kurve wurde bei der neuen Strecke nach vorn verlegt, um Platz für Sturzräume zu schaffen. Die Herausforderung von damals, die Mutkurve, sie sind weg. Die Kurven im Infield sind noch da, aber "gestaucht" und enger. Auch die Jochen-Rindt-Zielkurve wurde verändert: Sie heißt zwar noch nach dem posthumen Weltmeister von 1970, es sind aber nun zwei Rechtskurven.

Was bleibt, ist der Charme eines altehrwürdigen Rennplatzes mit großer Geschichte. Wie am Fuße der Nürburg, wo sich die berühmte Nordschleife durch die Eifel-Hügel schlängelt. Oder wie im königlichen Park von Monza, wo die alten Steilkurven in der Sommersonne noch immer einen langen Schatten werfen. So auch am Österreichring. Einer echten Naturstrecke für echte Rennfahrer.